EXKURS I
Nabokovs Eichhörnchen
Von Andreas Steffens

Zu den Folgen ihrer Zivilisierung durch den Menschen gehört, daß die Welt den Tieren immer weniger bietet, dessen sie als Natur für ihr Dasein in ihr benötigen. Das zwingt den Menschen dazu, ihnen zu geben, was sie in seiner Welt nicht mehr umstandslos auf die ihnen angestammte Weise finden.

Unvermutet – denn menschliche Verzweiflung mündet selten in große Wahrheiten – schien er im Begriff, eine höchst einfache Erklärung des Weltalls zu finden, als er von einer dringenden Bitte unterbrochen wurde. Ein Eichhörnchen unter einem Baum hatte ihn kommen sehen. Mit einem einzigen geschmeidigen Satz erklomm das kluge Tierchen den Rand des Trinkbrunnens und streckte dem näherkommenden Pnin sein ovales Köpfchen mit geblähten Backen und einem reichlich derben Rachengeräusch entgegen. Pnin begriff und nach einigem Fummeln fand er einen Knopf, auf den man drücken mußte. Ihn verächtlich beäugend, begann das durstige Nagetier den kurzen, schäumenden Wasserstrahl zu kosten und labte sich ausgiebig. „Vielleicht hat es Fieber“, dachte Pnin und weinte still und ausgiebig, während er die Verrichtung betätigte und den unfreundlich musternden Blick zu meiden suchte. Nachdem sein Durst gelöscht war, machte sich das Eichhörnchen ohne die geringste Dankesbezeugung davon. Der Wasservater setzte seinen Weg fort, bis der Pfad zu Ende war, und bog in eine Seitenstraße ein, wo er eine kleine Bar im Blockhausstil mit granatroten Fensterscheiben betrat
Vladimir Nabakov, Pnin, S. 63

Die grandios beiläufige Szene markiert den Wendepunkt der Kulturgeschichte, an dem die zivilisatorische Selbst- und Weltverfehlung des Menschlichen in ihre anthropogene Ausgangslage zurückschlägt.
Der Mensch verringert die Natürlichkeit des Tieres, indem er seine eigene hemmungslos auslebt. Nun muß er dem Tier mit den Mitteln seiner Zivilisation verschaffen, was die von ihr zerstörte Natur ihm nicht mehr gewährleistet. Wenn es eine Pflicht zur Rettung der Welt als Natur gibt, dann ist sie darin begründet. Indem der Mensch lebt, bedroht und vernichtet er mit dem anderen Leben, das er vertreibt, was sein eigenes trägt.
Im Zuge dieser Reduktion der Natur auf die menschlichen Bedürfnisse nimmt das Tier menschliche Züge an: Verachtung, Bosheit, Herrschsucht. Die eigene Entnatürlichung des Menschen im Prozeß der Zivilisation zwingt das Tier zur Menschwerdung. Nachdem der Mensch sich damit abgefunden hat, auch nur ein anderes Tier zu sein, beginnt das inmitten seiner künstlichen Weltordnung lebende Tier, zu einem anderen Menschen zu werden. Das Wuchern der Städte zu Megalopolen zwingt es, aus seinen verschwindenden Lebensräumen in die Zentren des Menschenlebens einzuwandern, und seine Nahrung als Abfall seiner Lebensführung zu suchen: Füchse streifen durch die Grünzonen der Siedlungen, Bären schauen über durchwühlte Mülltonnen in Küchenfenster.

Kafka hat diese Tendenz in seiner doppelten Umkehrung der Evolutionsbewegung um ein Jahrhundert vorausbezeichnet. Wenn es eine Menschwerdung des Tieres gab – Rotpeter im »Bericht an eine Akademie« – dann muß es auch eine Tierwerdung des Menschen geben – Gregor Samsa in der »Verwandlung« –, und umgekehrt. Das menschlich gewordene Tier zwingt das Tier gebliebene Tier, sich menschlich zu verhalten: als Herr seiner Bedürfnisse. Die Evolution kehrt in der Phase der selbstgesteuerten zivilisatorischen Fortentwicklung ihres Produktes ›Mensch‹ durch Umkehrung ihrer Bewegung an ihren Anfang zurück. Indem er sich alles auf Erden untertan macht, macht der Mensch sich überflüssig, indem er sich beeilt, den durch die Folgen seiner Weltveränderungen entgleisenden Weltprozeß auf den Nullpunkt vor seinem Erscheinen in ihm zurückzusetzen.

In seinen Tier-Novellen hat Kafka beide Bewegungen jeweils auf der Hälfte ihres Umschlags beschrieben: ein Tier, das menschlich wird, und doch Tier bleibt; ein Mensch, der tierisch wird, und doch Mensch bleibt. In seinem großen Kommentar zur »Verwandlung« stellt Vladimir Nabokov die Verkehrung des Animalischen ins Menschliche als das eigentliche Geschehen heraus, das Gregor Samsa als Verwandlung ins Tier erlebt. Kafkas Kunst besteht darin, auf der einen Seite in Gregors Äußerem als Insekt alle traurigen Details seiner Gestalt zusammenzutragen und zugleich auf der anderen Seite Gregors fürsorgliche, einfühlsame Menschennatur dem Leser klar und lebhaft vor Augen treten zu lassen.
Wesentlich an jedem Ereignis ist nicht, was sich in ihm zuträgt, sondern wie es erfahren wird. Fühllosigkeit kann eine Katastrophe zur Beiläufigkeit herabsetzen, Überempfindlichkeit eine Kleinigkeit zur Katastrophe steigern. Weshalb kollektive Erinnerungen desselben nie dieselben sind. Die Pointe des Fabelhaften der kafkaschen Imagination besteht in ihrem nüchternen Realismus, die Verwandlung eines Zustandes zu beschreiben, der alles ändert, und den Veränderten doch läßt, was und wie er ist, während diejenigen, deren Veränderung ihn seiner Wandlung unterwarf, tatsächlich zu anderen wurden. Die animalische Selbstwahrnehmung des Verwandelten verweist auf die Verwandlung seiner unmittelbaren menschlichen Umgebung, die sie ihm als einem, der darin seinen Platz nicht mehr hat, aufzwang.

Am folgenden Morgen entdeckt die Bedienerin Gregors ausgetrocknete Leiche, woraufhin in der Insektenwelt seiner abscheulichen Familie behagliche Erleichterung eintritt. Hier ist ein aufmerksam und gründlich zu überdenkender Punkt: Gregor wird als Mensch in Insektengestalt gezeigt, und seine Angehörigen sind Insekten in Menschengestalt. Sein Tod weckt in ihren Insektenseelen plötzlich das Bewußtsein, daß sie sich nunmehr ungehindert freuen dürfen.
Nabokov, »Kommentar«, in: Franz Kafka, Die Verwandlung, Frankfurt/M 1986, 88; 103

Wie ganz anders die emotionale Reaktion der Nabokovschen Romanfigur auf die Bedürftigkeit des Eichhörnchens, das ihn voller Verachtung souverän zur Hilfsleistung zwingt. Pnins Tränenfluß ist als Regung kreatürlicher Empathie von zivilisatorischer Sentimentalität für das verhätschelte Haustier so weit entfernt wie die Tierliebe des Unmenschen, der seinesgleichen in Vernichtungslagern behandelt, als wären sie Ungeziefer, vom evolutionären Restbestand eines Verwandtschaftsempfindens zwischen Lebewesen.
Das Tier, das er mißachtet, zeigt dem Menschen, was er nicht ist, indem er im Übermaß ist, was er ist, und nur sein läßt, was ihm entspricht.

Steffens, Januar 2020
Wuppertal

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