“Maria, veni, stella maris!”: zum Finale der Béarts: Als Arbeits-, nebenbei auch wieder Coronajournal des Sonntags, den 7. Juni 2020, sowie als Krebstagebuch am 39. Tag/Chemo II Tag 6. Die Brüste der Béart, 50.

 

[Arbeitswohnung, 9.03 Uhr
73,3 kg | Ruhepuls 47]
[John Corigliano, → The Ghosts of Versailles (1992)
Radiomitschnitt der UA aus der MET]

Dazu, zu dieser von mir fast vergessenen, nun durch Zufall → wiederentdeckten Aufnahme, kam ich zurück, als ich nun auch ein Gerät neu installiert hatte, mit dem ich noch zu Frankfurtmainer Zeiten auf VHS-, also Videocassetten aus dem damals noch funktionierenden Satellitenradio Übertragungen deshalb in besserer als CD-Qualität aufnehmen konnte, weil ich die Musik über sämtliche Spuren aufnehmen ließ, über die solch eine Videocassette verfügt, also auch auf den Spuren für die Bilder. Dadurch erreicht sich eine sowohl extrem hohe dynamische Auflösung als auch ein riesiger Frequenzgang, was alles selbstverständlich nur dann wahrnehmbar ist, wenn nicht nur das Abspielgerät selbst, sondern auch das dahintergeschaltete Equipment es darstellen kann. Dann allerdings, liebste Freundin, fliegen Ihnen schon mal die Ohren weg oder Ihnen wird vor erschüttertem Staunen schwach in den Knien, doch feuerig im Herzen und frei, so frei im Geist!

Außerordentlich lange geschlafen heute; die Zeit wird mir nachher fehlen. Dennoch muß und will ich mich heute um anderes als um Liligeia kommen, die mich fast ausschließlich in Anspruch nimmt, zu ausschließlich, weil ich mit den anderen Arbeiten nicht vorankomme. Und auch, wenn ich weiß, wie sehr Sie darauf brennen, von Herbsts Erlebnissen im Wadi der Verstrickungen (وادي التشابك) zu hören, das er → gestern wirklich erreicht und von dem er eine fotografische Aufnahme aus wohl keinem anderen Grund als dem innerlich gefühlten Beweisenmüssens angefertigt hat, daß einem wirklich ganz schummerig wird (ja, Geliebte, scrollen sie bis 18.21 hinunter) und aber auch die Krebsin selbst zu reagieren sich, so spüre ich, genötigt sah — und in welch anderem Ton plötzlich! — , auch wenn ich das sehr genau weiß, sogar für nachfragende Leserinnen → Lis Handschrift zu übersetzen versucht habe und rasend gerne nun weitererzählen würde, muß ich jetzt einfach an die zweidrei CDs, die hier schon lange zur Rezension liegen, und mich vor allem um die → Béart XXXIII kümmern, für das ich nun endlich den Ansatz fand oder gefunden zu haben doch glaube, um nämlich des Gedichtzyklus’ Finale wirklich als einen Hymnos gestalten zu können, der zugleich tief in der Geschichte ruht. “Hymnos” war tatsächlich der Schlüssel. Daß mir dann Veni, Creartor, Spritus einfiel, hängt wahrscheinlich erstens mit dem soeben vergangenen Pdfingstfest zusammen als sicher auch damit, daß ich in den vergangenen Wochen wieder so viel Mahler hörte, dank auch meiner Leserinnen und Leser, der → Hrabanus Maurus’ Dichtung bekanntlich für den ersten Satz seiner VIII auskomponiert hat. Da der Text allerdings ausgesprochen patriarchal ist, monotheistisch halt, war mir andererseits sofort klar, daß ich ihn verändern würde, nämlich nur seinen Rhythmus verwenden, auf den ich völlig andere Wörter schreiben würde, solche, die sich auf das Ave Maris stella beziehen sollen, um der innere Verbundenhei der vor allem südlichen Maria mit uralten Demeter-, aber auch nahit-Figuren poetisch zu folgen.
Der ersten Ansatzentwurf sieht nun so aus, wobei zwischen die “klassischen” Venicreatorverse freie “moderne” (freirythmische) Strophen geschaltet werden sollen:

ANH:
Scheine, Schöpf’rin, hernieder und
– | – | – | – x
ziehe es, des Sternmeers Licht,
– | – | – | – x
aus den Erdsekreten aufseh’nd
– | – | – | – x
über mich als Wasserhaut und
– | – | – | – x
Veni, creator spiritus
– | – | – | – x
mentes tuorum visita:
– | – | – | – x
imple superna gratia,
– | – | – | – x
quae tu creasti pectora.
– | – | – | – x

immer noch weiter, hoch an den Mund
und bis ich ertrinke, höher noch, drüber,
wie ich, Béart, Dich lebenslang trank,
bis Du mich aufsteigend einsinken läßt
unaufersteh’nd in die Erde zurück,
und ich zerfalle in was Du mir warst,
der ich gehöre, noch, ein letzter,
bevor uns die Welt zu gut, noch zu zeugen,
gemacht haben wird, und zu empfangen:

Goethe:
Du heissest Tröster, Paraklet,
Des höchsten Gottes Hoch-Geschenk,
Lebend’ger Quell und Liebes-Gluth
Und Salbung heiliger Geistes-Kraft.
Qui diceris Paraclitus,
– | – | – | – | x
donum Dei altissimi,
– | – | – | – x
fons vivus, ignis, caritas
– | – | – | – x
et spiritalis unctio.
– | – | – | – x

Und wieder ein Freirhythmer, wobei ich mich für die Übersetzung des lateinischen Hymnus an die weniger bekannte von Goethe anlehnen will, die im Versmaß, soweit es über die  Vierfüßigkeit hinausgeht, auf eine für ihn ziemlich typische Weise unphilologisch-locker gebaut ist, virtuos und elegant, zugleich aber – und genau das nimmt mich ein  – etwas dabei unternimmt, das → in Mathias Mayers vorzüglichem, für die NZZ geschriebenen Artikel

ISLAMISIERTES CHRISTENTUM, POETISIERTE RELIGION

genannt wird, ein Impuls, den ich von ihm, Goethe, sozusagen u nbewußt geerbt habe, denn mir den Islam, bzw. von ihm anzueignen (es zu “internalisieren”), was mir gefiel und was sich poetisch als für meine Ästhetik wunderbar geschmeidig erwies, ist etwas, mit dem ich ohne einen Fremdbezug begann, der mir jedenfalls klar gewesen wäre. Ist auch nicht wichtig. Doch “poetisierte Religion” trifft ziemlich genau eine meiner Intentionen oder doch deren Umkehrung, die diese meine Innenbewegung wahrscheinlich schon früh bewirkt hat.

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>>>> Béart 51
Béart 49 <<<<

Genau deshalb muß ich grad wieder dran denken, daß ich → die PRÄGUNGEN-Reihe fortsetzen will, ein Gedanke, vielleicht sogar eine künstlerische, als quasi Nachlaß, Notwendigkeit, die mir neulich neu bewußt wurde, als ich mir vergegenwärtigte, welche Musiken mich vor allem geprägt haben – früh geprägt haben, meint das. Etwa trägt die älteste Schallplatte, die ich habe, bzw. an die ich mich als an die älteste erinner, die durchlaufende von mir selbst (damals noch als Alexander Michael v. Ribbentrop, der ANH war da noch fern) vergebene Nummer 5: Es ist Tschaikowskis Fünfte Sinfonie in einer Billigpressung der Gloria, damals, ich erinnere mich, für 5 DM zu bekommen, als es “normale” Schallplatten noch nicht unter 25 DM gab. Wobei die Nummer, also die 5, nicht der Realität entsprechen dürfte, weil nämlich die Nres 1 – 4 für die vorherigen Sinfonien Tschaikowskis von mir vergeben wurden, ich also sehr wahrscheinlich eine Chronologik am Archiv haben wollte. Doch genau diese fünfte Sinfonie, New Philharmonic Orchestra unter Artur Rodzinski, ist mit Gewißheit die zweite Musik, die mich zutiefst geprägt hat; die erste hörte ich vielleicht zwei Jahre vorher, mit elf oder zwölf, als ich den Plattenschrank meiner Großeltern durchstöberte (da liebte ich, wie sie, Hermann-Löns-Lieder und Karel Gott, is’ scho’ an bisserl peinlich; später kam noch Daliah Lavi dazu) und auf → Kienzles Evangelimann stieß, nämlich auf “Selig sind, die Verfolgung leiden” – was, zumindest in der Schule, meinem eigenen Grundgefühl entsprach und eben ein “Gefühl” viel weniger als die tägliche Erfahrung von etwas war, für das es den Begriff Mobbing damals noch nicht gab. – Diese Platte aber, es muß eine Single gewesen sein, die ich heute gar nicht mehr abspielen könnte (mein Linn ist Purist; nichts geht als, allerdings perfekt, 33 1/3 Umdrehungen pro Minute), habe ich nicht. Die dritte allerdings, die mich dann lebenslang prägt, trägt die Nummer 22: Mahlers Erste Sinfonie unter Bruno Walter mit dem  Columbia Symphony Orchestra vom Januar und Februar 1961 aus Hollyood. Auch hier habe ich noch nicht als ANH archiviert; ich habe die Platte während meiner letzten beiden Braunschweiger Jahre auf dem Grabbeltisch gekauft, wohl ebenfalls für fünf Euro, bevor ich mich zwischen einem Erziehungsheim und → meinem Vater entscheiden mußte, den ich seit meinem vierten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte. Was dann auch reichlich schief geht. Doch dort, in dem haushalb zerfallenen, doch hälftig mit seinen eigenen, in dieser Hinsicht begnadeten Händen wieder aufgebauten reetgedeckten Gesindehaus des Fleckens Bramstedt, – dort erreichte mich als Geschenksendung gleich der nächste Mahler-Archetypos, nämlich seine zweiter Sinfonie, auf die ich dann sogar eine Erzählung schrieb, die hier immer noch herumliegt und von der ich versucht bin, sie in eine neue Fassung zu bringen, die Gültigkeit bewahrt. An dem alten Text ist nämlich etwas, spüre ich dran; es war wahrscheinlich genau dies, was damals den alten → Manfred Hausmann bewog, mich → zu sich einzuladen und in seinem weißen Haus an der Unterweser ein Gespräch mit mir zu führen, das mir einen Weg wies, der sich erst nach Jahrzehnten vor mir zeigte und den ich dann, nach Jahrzehnten, tatsächlich ging. Jedenfalls setzte ich immer wieder den Fuß, um ihn zu prüfen, darauf. Und stehe nun fast am Ende dieses Weges mit Hausmanns mich seit damals, als ich noch achtzehn, begleitenden Versen, von denen Sie, Geliebte, mir nachsehen möchten, wie oft ich sie schon zitiert habe:

Laß uns, wie gut es auch, wie schlimm es um uns stehe,
laß uns barmherzig zueinander sein.

In dieses Barmherzigzueinander hat sich vieles bewegt, das ich seit den Bamberger Elegien geschrieben, und hier werden auch die Béartgedichte enden, fast, in einer Anrufung der Schöpferkraft, aber eben nicht einer vorgestellt männlichen, sondern eben weiblichen — für genau die ich so darauf beharre, daß es Geschlechter jenseits der sozialen Konstruktionen gibt und eben derenthalben, und nicht aus lächerlichem Machismo, ich solch ein Gegner  der sogenannten Gendercorrectness bin, bleibe und bleiben auch muß, hinter der ich etwas ganz anderes wirken spüre, als sie selbst überhaupt will oder zu wollen meint. In einem ganz anderen Gedicht habe ich es schon einmal ausgedrückt:
DER ÜBERMENSCH GEHT
Der da kommt
kennt nicht den Rauch und die Mandel
weiß von den Pforten Andromedas nicht
hört nicht an Zweigen die Toten
nicht Neros Räusche, als er Prometheus dankte fürs Feuer
und kaute mit an der Leber

hat clean auf der Klinke die Hand unverdammt liegen
und drückt sie
zur Zukunft hinunter

Hell ist sein Aug
Hell ist sein Haut
Hell ist sein leerer Gedanke

So tritt er ein
analphabet von den Alephs entbunden
Dazu paßt nun wahrlich mein Krebs, all dieses zusammenzuführen. Wobei mich die Chemo ja doch ziemlich in Ruhe läßt, von den Bekifftheitszsutänden abgesehen, die ich → nicht erfunden habe, sondern seit der Phase II extrem erlebe; sie geben meiner Durchquerung der Nefud eine fiebernde Realität, unter der sich alles andere wegbeugt, seien es die bisweiligen, doch eh gut aushaltbaren Tumorschmerzen in der Brust, sei es die dämliche, weil lästige Obstipationsneigung, sei es das neuerdings immer wieder mal auftretende, leichte Nasenbluten; auch hier Schädigung der Schleimhäute durch die Zytostatica, und seien es selbst die Kribbeleien in Fingerspitzen und zuweilen Zehen oder auch das allein nach Art einer “physokosmischen” Hintergrundstrahlung spürbare, gleichsam subkutane Übelsein, das man mit Haltung einfach so vergißt, Medikamente sind ganz unnötig. Ligeia zieht mich auf einen Erkenntnispunkt, vielleicht mehrere solche Punkte zusammen; Sie können, Freundin, sagen, daß sie mich konzentriert. Und seltsam dabei, wie in den Hintergrund Corona gerückt ist, obwohl ich mir eine solche Infektion nun wirklich nicht einfangen sollte. Mit meiner Diagnose bin ich vorderste Risikogruppe und habe dennoch nicht die Spur von Furcht. Was ich im Blick habe, ist meine Arbeit, weil sie sein wird, was zurückbleibt und es auch bleiben soll, und um die ich nun eine Formklammer leben möchte, eine Lebensformklammer, so, wie im – kurz vor Porto Empedocle – Flecken Caos, es hat mich immer beeindruckt, Pirandello unter der unterdessen sehr hohen, immer wieder vom Scirocco gefledderten Pinie hinter seinem Geburtshaus beerdigt ist, die so direkt am mare africanus zu diesem Anlaß erst gepflanzt wurde und heute noch immer da steht, doch bereits fünfzehn Jahre älter jetzt, als der geworden war, dessen posthumer Beschirmung sie dient. Wer “dient” der meinen? Meine Pinien sind die Bücher. Und ich nur kann mich um sie kümmern, fast nur ich. Sollte – nein, ich fürchte es nicht – bei der OP dann doch etwas schiefgehen, muß vorbereitet sein, was noch herauskommen soll. Es ist dies der reine Pragmatismus, nichts anderes, doch, stimmt nicht … – ist künstlerische Verantwortung noch. Und da nun stehen an erster letzter Stelle die Béarts. Die müssen, vor der OP, lektoratsfertig sein. Und erst danach, wenn ich sie überstanden haben werde, mit oder gegen Ligeia, werde ich auf Nächstes blicken können, die Triestbriefe, den Melusine-Walser-Roman, die alte Erzählung DAS HAUS auf der Grundlage der zweiten Mahler-Sinfonie. Sich zurück in die Vergangenheit biegen, doch festen Stands im Heute: auch dies ist ein Pfeil- und Bogenbild, Robin Hood, dessen Erzählungen dennoch die Zukunft anvisieren, oder gerade deshalb.
Und Alban ben Nemsi? Er wird zur Zeit im Rausch sein. Ich habe keine Ahnung, noch keine, durch was er gerade treibt, getrieben wird, was ihn voranschlägt Hieb um Hieb (und Kuß wahrscheinlich auch um Küsse), doch werd ich es erfahren, sowie ich mich wieder anders ausrichte, als es jetzt vonnöten. Wahrscheinlich gegen Abend. Dann werde ich es ihn | für Sie niederschreiben lassen.
Ihr ANH

 

 

 

[20.45 Uhr
Peter Maxwell Davies, Second Fantasia for Orchestra (1964)]


Sashimi der Verstrickungen

“Ich spüre Dich”: Liligeia an ANH, fünftes Billet, diesmal am frühen Abend des 6. Junis 2020.

Auf dem Säulendach der Weisheit: aus der Nefud, Phase II (4 – Tag 5). Sonnabend, den 6. Juni 2020.

 

[Seven Pillars (سبع ركائز),  Paß,
6.12 Uhr | 71.6 kg]

 

Here WIsdom built HEr house, here SHe struck
seven pillars of contemplation from the desert
ground up to the firmament of the world’s sea.
Now see your own face through the fall of the
geysers.

Ungefähr auf Deutsch: “Hier baute die Weisheit ihr Haus, hier schlug sie sieben Säulen des Besinnens vom wüsten Grund zum Firmament des Weltenmeers hinauf. Nun sehet Euer Selbstgesicht durchs Stürzen der Geysire.” — Weder war aber zu erkennen, woher nun ausgerechnet hier → Geysire und dann auch noch fallen! – oder gar stürzen? wohl so?? (ein fast spontane Vision war das schon, daß sie nach Dalí aussieht, ein bißchen, na nu jà … bin halt bekifft nicht sehr geübt):

— sollten und ja überhaupt könnten, noch ließ sich selbstverständlich ein (oder das) “Weltenmeer” sehen, das aber wohl eine arabische, bloß etwas ungeschickt ins Englische gebrachte poetische Mataphorisierung des Himmels sein dürfte. Nur daß Faisal die beiden Sätze eben nicht, quasi , editierend, auf Arabisch vor sich hinsprach, sowie wir aufs Dach der Weisheit klommen, sondern tatsächlich in der Sprache des britische Kolonialismus: Faisals, ich schreibe einmal, Mandala war nicht introvertiert gemeint, sondern direkt auf  mich gemünzt, wozu schon die unversteckt jüdisch-christliche Herkunft des Motives selbst diente, nur daß ich immer noch nicht ganz wieder bei mir war, weiterhin “wie” bekifft war … es wurde sogar derart, nun  jà, schlimm, daß ich ich überhaupt nicht mehr weiß, wie wir die monumentale Felsformation hinaufsteigen konnten, nicht nur wir paar Expeditionskumpane, nein, auch die Kamele voll der Lasten. Ich habe an diesen Aufstieg tatsächlich keine Erinnerung mehr, nahezu keine. Doch es muß heiß gewesen sein, ich entsinne mich zweidreier schwerer Schwächeanfälle, die mich die Augen schließen und wirklich hinwegschlafen ließen; da ward der Rücken Röhrerichs zum Bettchen eines Säuglings, das mich in Ruhe wippte. O Dromerih, oh Krippedar … wohin falle ich zurück?
“Doch”, erzählte Faisal, nachdem Lars und er mich aus dem Sattel losgemacht hatten, während die Helfer zwei Teppichlagen übereinander ausbreiteten, auf das mich der Arzt und sein, weiß ich unterdessen, Schüler nicht “Diener”!) dann herunterhoben und legten, “doch”, erzählte er, “die Geysire kann jeder sehen, aber hindurchzusehen vermögen nur die auf der Schwelle. Denn sie alleine dringen zu ihren Verstrickungen durch. Wir, die wir sie begleiten, müssen deshalb acht auf sie haben — damit sie wieder zurückkommen.” Er lächelte. “Damit Sie wieder zurückkommen. Dafür müssen wir das Wadi bis morgen abend völlig durchquert haben und es wieder verlassen.”
Obwohl ich von all dem kein Achtel verstand, allenfalls acht Neuntel, war ich viel zu hinweggetreten, um Fragen stellen zu können. Immer noch tanzten die Strahlungen der Nefud Wiener Walzer in Tetrahydrocannabinol und wirbelten mich, auch wenn ich schon lag, an meinen Händen wild herum; also Fahrrad sollte ich jetzt wirklich nicht fahren, und als ich später zu PENNY ging, merkte ich, daß selbst meine Füße die Spur nicht hielten … dafür allerdings keinerlei Schmerzen, wenn auch allerdings das Gefühl baldiger Luftnot (es blieb ein Gefühl, meiner Muse sei Dank) und eine gewisse Scheu vor dem Abendspaziergang, der allerdings im zweiten Höllenkreis der Nefud eh nicht sehr geraten war, jedenfalls nicht heute. Wie Sie lesen, Geliebte, gehört es offenbar zur zweiten Phase meiner Chemo, daß ich die Welten nicht mehr klar trennen kann, sozusagen ergießt sich aus der Nefud einiger Sand auf die Stargarder Straße. Er ist in Höhe Schönhauser Allee bereits zu einer solchen Düne aufgeweht, daß von der Gethsemanekirche aus die elegante, in Moosgrün hochgeführte Eisenbrücke der UBahn fast nicht mehr zu sehen ist. Auch das hat Dalí schnell in mich eingezeichnet – zu schnell allerdings, um auch das hier wiedergeben zu können. So überlaß ich’s Ihrer Fantasy, wirklich Phantasie ist da gar nicht nötig, nicht mal Fantasie. Wobei das wirklich Schwierige, so Faisal auf den Weisheitsfelsen weiter, nicht hindurchzusehen, nicht einmal hindurchzuschreiten, sondern eben zurückzuschreiten sein. Es hätte mich, wäre ich wenige psychedelisiert gewesen, sicherlich stutzig gemacht, daß er obendrein von einem <i>Vorspiel im Venusberg</i> sprach, ja einer ersten “Exerzitie der Hedonie”, zu der sich die Verstrickungen dort komprimierten, die all unser libibdinöses Leben bestimmt; ich selbst, jetzt, mit Abstand und am Berliner Schreibtisch, spräche wohl eher von “Mustern”; aber ich liege ja auf den Teppichen unter dem Weltenmeer und schaue nach Geysiren. Die wir aber erst gegen Abend sehen werden, wenn wir sie sehen werden. Noch ist alles nur Rede. Doch Faisal sagt, er spüre es: “Es wartet das Wadi auf Sie.”

Deshalb, während ich, von den Freunden bewacht, die Wüstensiesta halte, wonach wir dann weiterreiten werden, nur noch eine Bemerkung zur Nacht: Zur Nacht kamen leichte Brustschmerzen zurück, die sich als eine Art Luftenge äußern und die ich mit Pantopranzol schnell in den Griff bekam, das die Magensäure hemmt. Es sind spannende Zusammenhänge. Dazu dann wegen der Schleimhäute 1 Dexamethason, und auch das gelieferte Gurgelwasser wirkt bestens. So daß mich diesmal die drei Tropfen THC-Öls völlig erstaunlich durchschlafen ließen, sechseinhalb Stunden mit nur einer Unterbrechung um Viertel vor zwei. Und gänzlich ohne Beschwerden wachte ich an diesem fünften Tag der zweiten Chemo in Berlin, in der Nefud indes des zweiten Höllenkreises auf; sowohl hier wie dort war nur die Verdauung dann doch noch einmal mit etwas, sagen wir, Nachdruck, zu regeln, wenn auch, in der Wüste, ohne Viper heute, eine solche wiederum auf dem kleinen Dunckerörtchen weder angemessenen Unterschlupf fände noch vor allem Mäuse, Ratten, kleine Vögel und Echsen und wovon sich diese Giftschlangen sonst noch ernähren. Ich selbst wär ja zu groß, um von dem Tier verschlungen werden zu können, und dort schon gar:

Oh — …

… — träumt mir? Bereits wieder aufsitzen? Vielleicht, sollten wir über dem Wadi die Stürzenden Geysire heute noch zu sehen bekommen,

vielleicht daß ich dann versuchen werde, hier drunter auch davon ein Bild, nun also keines “von Dalí”, sondern ein “richtiges” einzustellen, ein realistisch komplett wahres — ansonsten indes, liebste Freundin, hol ich es morgen nach.

Ihr

 

 

[1o.30 Uhr
Scharfes heißes Winden,
drei in der Ferne treibende Sandhosen]

*******

[18.21 Uhr: Wadi
der Verstrickungen]

Unfaßbar! Es stimmt, es stimmt!

وادي التشابك

(Tatsächlich, stürzende Geysire … und kann es sein, daß selbst Lis Augen ..? Ich werde träumen, fruchtfleischsüß und bitter.)

Schwimmen in Luft durch die Wüste: Aus der Nefud, Phase II (3). Krebstag 37: Zum Wadi der Verstrickungen. Am Freitag, den 5. Juni 2020.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
7.35 Uhr | 72,9 kg]

 

 

Wir durchreiten die Region der Nefud, von der gesagt wird, ihre starke Strahlung bewirke den Ausfall jeglichen Körperhaars, also auch was bei mir sehr, wenn möglicherweise auch als einziges auffallen würde, der Augenbrauen; ansonsten sind wir draußen ja meistens noch bedeckt, in der Wüste eh, um sich nicht noch einer anderen Gefährdung als derjenigen auszusetzen, derethalben dieser, nun  jà, “Marsch” auf Aqaba eigentlich stattfindet.

(Ein Kommentatorbei Facebook schrieb in einer persönlichen Nachricht
übrigens von → Heldenreise, woran insofern etwas ist, als ich, wenn wir
angekommen sein werden, Liligeia werde ganz allein gegenübertreten
müssen; die Gefährten sind eben das, aber nur das: mit auf selber Fahrt
(daher nämlich kommt Gefährte),  nicht hingegen in selber Gefahr.
Der Kommentator also → schrieb folgendes:

Egal! Mich bewegt Ihr Kampfeswille, die literarische Wucht, mit der Sie der Krankheit begegnen und auch die Metaphorik, die Ihren Weg nachgerade zu einer Heldenreise im besten Sinne machen.

Ich zitiere es hier nicht, weil ich mich für einen Held halte (ich bin alles
andere als das), sondern weil es Dr. Faisals, seines Dieners Lars ibn Gamaels
und meine Reise einem Genre zuschlägt, an das ich selbst überhaupt
nicht gedacht habe, das aber völlig auf der Hand, und flachst auf
seiner Fläche, liegt. Damit reiht sich die Erzählung in einer
Traditionslinie ein, die ich, als ich dieses Projekt begann, eben-
falls nicht im Blick hatte.
ES
| reiht sich ein.)

Noch habe ich aber keinen Haarausfall festgestellt, obwohl ich morgens jetzt immer genau gucke. Noch sind die Brauen wölfisch wie je. Doch irgendwann, fiel mit heute früh ein, werde ich mich rasieren nicht mehr “müssen”. Allerdings war ich da noch immer bekifft. Denn das ist momentan die spürbarste Nebenwirkung dieses neuen, meines zweiten Nefud-Höllenkreises: Ich reite, gehe, schwanke wie unter einer milden, doch dauernd wirkenden Droge. Das hiesige Klima tut freilich einiges hinzu. Losgehn damit tat’s aber bereits vorgestern, fast unmittelbar nach den Infusionen, daß ich das Gefühl bekam, nicht Luft mehr zu atmen, sondern warmes, angenehmes Wasser – durch mir gewachsene Kiemen, die den Sauerstoff herausfiltern, und zwar in einer Reinheit, die unsre Atemluft nicht kennt. Wenn Röhrerich dann, maßvoll vor sich hintrottend, über die Dünen schwankt, war und ist es noch, als säße ich umschlossen in einem Wasserballon und würde mit zeitlich je leichter Versetzung in seinen Binnensögen und -strömen her- und hingespült. Das ist wie eine unentwegte Liebkosung, ich nahm gestern mittag sogar noch zwei THC-Tropfen drauf, weil ich das Gefühl hatte, der cannabiole Wirkstoff (den ich mein Lebtag doch nie spürte) sei eine Liaison mit den Zytostatica eingegangen. Immer wieder schienen sich die neuen Partner zu küssen, ja voneinander zu lecken. So erlebe ich jetzt diese zweite Phase meiner Reise als eine hoch erotische Ausfahrt ins gar nicht mehr Unvertraute und doch exotisch Fremde. Deshalb stimmt das Wort von der Arabeske beinah genauso wie die Heldenfahrt. Ein Tumor als erotische Arabeske; es braucht nicht viel Fantasie, um die bildlichen Kalligraphien der arabischen Schriften sich zu einer klimtschen Muse verdichten zu sehen. Bereits jetzt, um 9.30 Uhr morgens, haben wir knapp dreiunddreißig Grad Celsius; auf weit über vierzig wird’s heute noch hinaufgehn. Und Faisal, der meinen Zustand deutlich im Blick hat, band mich heute auf Röhrerich sogar fest – also an dem für Kamelritte Ungeübte klug ausgetüftelten Gestänge des Dromedarsattels; ich kann nun zwar mitschwanken, was sich eh nicht vermeiden ließe, aber bin nicht in der Gefahr herunterzurutschen. “Konzentrieren Sie sich”, riet Faisal, ” auf das, was Sie wahrnehmen. Sie sind jetzt in einem außergewöhnlichen Zustand höchster Sensibilität und genau deshalb nicht … ich sage es mal so: fahrtüchtig. Wer sich allein auf sich gestellt durch Raum und Zeit bewegt, darf nicht alles wahrnehmen, was auf ihn einwirkt, sondern muß filtern. Da aber wir Sie jetzt führen, können Sie sich davon lösen. Sie müssen nur Vertrauen haben. – Sonstige Nebenwirkungen?”
Nun jà, schon. Am blödesten (das wirklich treffende Wort), daß es mit der, so Josting auf einem Rezept, “chemobedingten Obstipation” wieder losging, heute früh gleich, doch zu ahnen bereits gestern, als ich mich um 22.30 Uhr in mein Zelt zwischen die Teppiche legte. Also sofort nach dem Kaffee gegengesteuert, den unser Kaffeekoch erst aufwallen ließ, ihn wieder herunterklopfte und ein Geflecht aus Palmfasern vorbereitete, um ihn vor dem Einschenken zu filtrieren. Kaffeesatz in der Tasse gilt hierzusands als schlechte Sitte. Gut, also kaum hatte ich genippt, mußte ich auch schon los, um  gegenzusteuern …  – nicht ganz lange, in einer aber doch etwas längeren Sitzung über dem in die leeseitige Düne gegrabenen Sandloch, worin ich, was endlich herauskam, schließlich verscharrte. Bekifft, wohlgemerkt, immer noch und weiterhin bekifft, weshalb es mich in keiner Weise störte, ja sogar amüsierte, daß mir eine mit schätzungsweise einem dreiviertelmeter Länge recht mächtige, doch wohl noch nicht völlig erwärmte Sandrasselotter (tatsächlich gehört die Art zu den Vipern) bei meinen Bemühungen ausgesprochen stoisch zusah; ich meinerseits hatte sie erst ausmachen können, als ich das dörre Buschwerk begutachtete, bevor ich mich davor hinhockte, um es als Sichtschutz zu nutzen. Was ich dann doch besser unterließ. Man k***t doch besser mit der Schlange Aug in Aug. Und da hockte ich nun also drückend, pressend, ächzend und auch ein wenig fluchend, und die Viper sah nur zu, wie ich immerhin noch nichts herausziehen mußte; dennoch, im Lager wieder zurück, ließ ich mir von Faisal gleich ein Mittelchen geben, dessen Wirkung wir vor unserm Aufbruch besser noch abwarteten, um später nicht in Verlegenheiten zu geraten. So umständlich dies nun auch klingen mag, tatsächlich ist momentan nichts geeignet, mich auch nur entfernt zu verstören; ich, weiterhin, schwimme in der Wüstenluft. Und bin bereits versucht, dieses Gefühl einer totalen Osmose mit Welt abermals vermittels zweier oder dreier Tröpfchen zu verstärken… nein, zu → firmen. Denn tatsächlich ist mein Impuls wenn nicht religiös, so doch in hohem Grad spirituell. Er werde mir, kündigte Faisal mir obendrein an, nachdem sein Gamael und er mich am Sattel festgebunden hatten, unbedingt von den Derwischen erzählen müssen, auf die wir spätestens im dritten Höllenkreis treffen würden. “Wirbel”, sagte er, “Lebenswirbel des Glaubens. Und auch Sie sind jetzt einer, der auf der Türschwelle steht.”
Einer, der auf der Türschwelle steht: Der Satz geht mir so wenig nun mehr aus dem Kopf, daß ich darauf fast fiebere, Faisal möge mir sein Rätsel lösen. Nur hatte ich es, da waren wir schon auf der Strecke, momentlang erneut mit dem lästigen Fingerkribbeln zu tun, eine Docetaxel-Folge, die über Nacht zu einer Art leichter Stumpfheit der ganzen rechten Hand geführt hat und auf jeden Fall ebenso beobachtet werden sollte wie seit gestern abend und noch heute früh eine gewisse Steifigkeit im Nacken — alles nicht wirklich schlimm, aber bißchen lästig.
So schwanke ich im Wortsinn durch die Wüste, lasse mich schwanken, nehme nur wahr, als wären nicht nur meine Körpergrenzen Übergänge, die an wehende, dennoch sehr schwere, sich an ihren Säumen weitläufig zerfransende Stores aus opaken Nesseln erinnern, sondern auch die Konturen der Dünen sind nur ungefähre, ebenso wie sogar die von Zeit zu Zeit aufragendenden windbizarren Felsgebilde, durch deren Schluchten wir zu reiten scheinen — sie wirken wie Höhen aus Treibsand, vor dem wir uns in dieser Phase ohnedies sehr vorsehen müssen. Allzu schmerzhaft erinnere mich daran, wie sich damals mein junger Diener Daud nur ein paar wenige Schritte auf diese Düne vorgewagt hatte und der allzuweiche weiße Sand sich auftat, um ihn für immer, sich einrieselnd, hinabzuziehen. Von Anfang an war der Junge nicht zu retten. Es ging mir entsetzlich ans Herz. Und zwar hat man mir später meine Erzählung nicht geglaubt, ja sie für Unfug erklärt, so etwas wie diesen Treibsand gebe es nicht — lange, sehr lange indes nach meinem Motorradunfall und indem ich mich an geeigneten Orten mal hier, mal dort reinkarnierte, kam es zu einer Versuchsreihe, die mich fast vollständig rehabilierte. (Ich weiß genau, wie gerne man mich als Großmaul diffamieren wollte – was zuzeiten leider auch gelang.)  Wie auch immer, in der Trockenheit der Nefud können Sandwehen sich wie Wasser verhalten. Besonders luftig rutscht das Sandgranulat durchs ständig neu Aufgewirbeltwerden ständig ineinander, vierzig Prozent des Volumens ist reine Luft. Deshalb, so → bestätigte mir 2004 endlich DIE ZEIT (achtundsiebzig Jahre, nachdem → mein Buch erschien!),

könnten solche Sandbetten durchaus eine Bedrohung für Menschen darstellen, (…) und Berichte, nach denen Reisende und ganze Fahrzeuge plötzlich darin verschwunden sind, erscheinen im Licht unserer Experimente glaubwürdig.

***

 

Es geht auf den Mittag zu, ich brauche, denk ich, eine Rast. Die weise Wüste weist den Ort: das Wadi der Verstrickungen, das wir bis übermorgen abend durchzogen haben müssen, liegt dahinter. Es ist von Gespinsten aus Legenden gesäumt, die von Ferne den Eindruck eines Waldes aus Geysiren, heißt es, vermitteln. Aber selbst Faisal war noch nie in der Nähe, hat von dem Tal nur immer, besonders in der Kindheit, gehört. So sind wir alle mehr als gespannt — und ich, nun jà, immer und immer noch bekifft. Und spüre solch eine Weichheit plötzlich, eine sich senkende Woge aus Kreislauf, ach eine solche Müdigkeit —

Ihr ANH

Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

Liligeia an ANH, zweiter Brief. Aus der Nacht des 21. auf den 22. Mai 2020.

 

… besser, nein! ich schreibe das nicht mehr mit der Hand, sondern so, daß Sie es auch lesen können — was ich, daß Sie es können, nach Ihren letzten >>>> provokant kurzen Antworten doch sehr bezweifeln muß. Also wie können Sie es wagen, wie überhaupt auf den Gedanken verfallen und ihm dann auch noch nachgeben, eine … mir fehlen, Sie Widerling, die Worte! fehlt der Begriff ..! ist es denn einer? “Chemo”, ich bitte Sie! Ja, Sie sollen kotzen, bis das das Blut kommt! Sie ahnen nicht, was ich Ihnen alles an den Hals wünsche! Sie, ausgerechnet Sie, der seinen Körper derart geliebt hat, daß sich schon von einem Kult sprechen ließe, jawohl, einem Selbstkult! Sie, Sie schädigen ihn nun aus eigenem Willen, anstatt ihm dankbar für seine fast lebenslang gesunde Gegenwart zu sein? Welch eine Versündigung! Und warum., warum das? Nur, um mich — mich! — loszuwerden? Waren es nicht Sie, der beteuert – ja, gleich ganz zu Anfang, >>>> dort – … beteuert hat, eine “Chemo” komme nicht in Frage??! Wobei eines sicher ist … “sicher” … Ihre Formulierung! Wer bitte soll Ihnen noch vertrauen?

Sie haben mich sprachlos vor Wut gemacht, fast sprachlos, nachdem ich von gestern gelesen habe, noch bevor ich, was geschehen, am eignen Leibe spürte. Oh, ich spüre es! Aber Sie, Sie spüren es auch, und ich werde Ihnen sagen, wie: Es wird – und soll! und soll! – zuerst Ihre Mannbarkeit schädigen. Noch einmal ein Kind zeugen? Vergessen Sie’s, selbst wenn Sie noch zu Reichtum kommen sollten! Und ich werde Ihnen jeden Muskel aus dem Leib ziehen lassen, bis Sie dürr sind wie ein Reis. Glauben Sie nicht, daß Sie dann die OP noch überleben! Der Schnitt wird nicht nur mich dann, nein, Sie auch mit aus dem Körper schneiden. Und ich, vorher, ich werde zusehen, bevor Ihre Chemo mich schwächt, so viele Kopien meiner selbst durch Ihren Leib zu streuen, wie zuvor ein Arzt sie niemals sah… eine Schwemme, Herr Herbst, von Metastasen werde ich aus mir herausschütten… was sag ich, “Schwemme” … “Schwämme”, vollgesogen mit ihrerseits Metastasen. Bis Sie keine Luft mehr bekommen. Essen können Sie ja sowieso schon nicht mehr. Sie mehr als mich soll sie quälen, diese Chemo … viel, viel mehr als mich! Dafür werde ich sorgen! Und schlafen sollen Sie erst recht nie wieder können! Elend will ich Sie, zerfallend will ich Sie: zerfallend fallen sehen. Und vergessen, völlig, dann.

Und dann, dann lassen Sie noch zu, daß → man mich vergleicht??? Und tun nichts dagegen, als mau und halbgar zu versichern, “noch darauf eingehen” zu wollen — aber nichts geschieht? Das ist wohl das beleidigendste, ließen Sie den Kommentar da einfach stehen und stehen … Legten nicht auch Sie wert auf meine Einzigartigkeit? Wo ist denn nun Ihre Sirenenverehrung, wo die Dankbarkeit gegenüber der Sídhe, der Sie nicht nur Ihr Talent, sondern auch die Kraft verdanken, all die Jahrzehnte standgehalten zu haben? Meinen Sie nicht, dem sei etwas zu entgelten? Warn es denn nicht Sie, von Ko-Existenz zu sprechen, einer Lösung, die uns beide leben ließe? Wie habe ich die Falschheit, Hohlheit dieser Worte vorhergeahnt, wie sie gespürt, Ihre Tücke! Es geht und ging Ihnen nur und immer nur um sich selbst, nicht um die Gegenwart des Anderen, der Andern, wie Sie schrieben … Ihre Gegner haben schon ganz recht, hatten recht schon immer, Ihnen nie zu glauben. Wie konnte ich je auf den Gedanken verfallen, mich ausgerechnet Ihnen zuzuneigen, ausgerechnet Sie Einsicht nehmen in Geschehen und Dinge zu lassen, und in Zusammenhänge, die Ihrer Art verschlossen bleiben sollten … abgesehen von den Dichtern natürlich und den Musikern, einigen, nicht allen, bewahre! Und wollen jetzt den Preis nicht bezahlen …

Ich verachte Sie.

Λ.

Total bekifft nach Aqaba: Der Chemo erster, nämlich der Hinausritt. Das Krebstagebuch des einundzwanzigsten Tages, das am zwanzigsten begann. Mittwoch, der 20. Mai 2020.

[Arbeitswohnung, 6.55 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 15 es-moll, op.144]
Mit seinem letzten Streichquartett die Reise zum Haus der Versöhnung zu beginnen, ist angemessen, das anders als Lawrences in meinem Aqaba steht und eher ein Haus der Wiederumarmung ist, da sich’s von Verschwesterung nun am allerwenigsten sprechen ließe. Wenn stimmt, → was Frau von Steglitz wähnte, wahrscheinlich weiterwähnt und worauf ich auf jeden Fall noch gesondert eingehen muß, dann haben wir es, Freundin – ich, Freundin, habe es dann – mit einem viel umfassenderen Zusammenhang aus Ursachen und Wirkungen zu tun, als wir bislang meinten. Es wäre dann nicht nur meine Lan-an-Sídhe, die ihr Recht hier fordert, sondern es läge noch eine andere Bürde in ihrem Sirenengesang, die für seine Süße mitsorgt. Ich werde sie’s erst fragen könnne, wenn sie in meinen Armen liegt, bzw. ich in ihren Armen liege und wir dann beide nicht wissen, ob wir gemeinesam versinken oder aufsteigen werden — das eine konkret, das andre metaphorisch.
Doch bis dahin ist es noch ein weiter, weiter Weg. Durch die Nefud, da der Seeweg verschlossen, muß ich also hindurch, wobei “verschlossen” wohl auch bedeutet (wenn auch niemand drüber spricht, es abergläubisch nicht mal jemand auch nur erwähnt; es ist, als wären die Münder meiner Beduinenfreunde in Sirenenbelangen vernäht – was bei Männer der Wüste aber nicht verwundert) … — also, was wohl auch bedeutet, daß sich all die Freundinnen → Lis, ein wahrer Liligeiatrupp, drin versammelt haben könnte zum Unheil eines jeden, ja einer jeden, die und der es wagte …. Doch, wie erzählt, es wird nicht drüber gesprochen, die Nefud ist ausgemacht.

Sie ist, wir leben im Nachzeitalter der Star-Wars-Serie, für ihre hoch radioaktiven Strahlungen bekannt, die mit der Hitze tags und nachts der scharfen Kälte eng verbunden, aber mehr als sie – oder überhaupt nur – im Körper schwere Wucherungen auslösen kann. Um es handlich zu sagen, ist die Nefud ein in Sand zerfallenes Tschernobyl von ungeheurem und ungeheuer blendendem Ausmaß. Gegen Hitze und Kälte läßt sich’s, ich schreibe einmal, “kleidungstechnisch” angehn, gegen Strahlung aber nicht. So müssen wir, die es wagen, chemisch abgehärtet werden, was teils direkt vor den Reitetappen geschieht (ihrer vierer werden es sein, je von zwei Wochen Dauer), teils sogar noch während, jedenfalls je anfangs einen ganzen Tag lang. Dazu wird in den implantierten Bioport ein dünner Schlauch eingeführt, der aus einer mit einer 5-Fluorouracil-gefüllten Pumpe herauskommt und den Körper des Ritters auf diese Weise mit dem Mittel in Dosen von 10ml pro Stunde versorgt. Nach dieser Zeit wird die Pumpe entfernt und bis zum ersten Tag des folgenden Zyklus beiseitegelegt, der Bioport verschlossen. Da ist man dann aber schon auf der Strecke und hat sich ans Schwanken des Dromedars hoffentlich gewöhnt. Denn es keinem einem von alledem gehörig schlecht werden – wogegen man ebenfalls ein Mittel bei sich führt, das Ondansetron heißt, aber, obwohl danach das Wort “Bluefish” folgt, nicht, aber auch gar nichts mit Douglas Adams’ Bubblefish zu tun hat. Ich kann zu diesem Fischerl noch nichts sagen; eins zu schlucken war bislang nicht nötig.

Selbstverständlich bekamen wir, die wir auf unseren vor Ungeduld bereits nervös hin- und hertrippelnden, statt, wie ihren Schwielensohlen eigentlich eigen, breit trampelnden Reittieren saßen, noch weitere innere Stärkung – deren inhärentes Problem darin liegt, das wir nicht vorhersagen können, in welcher Weise sie uns auch schädigen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist dafür aber hoch. Nehmen wir etwa → Oxaliplatin, das Medikament Nr. 1, das maligne Wucherungen abtöten, zumindest behindern soll. Schauen Sie sich, liebste Freundin, die Nebenwirkungen an, deren einige sofort einleuchten, wenn wir uns klarmachen, daß die Substanz auf alle ungewöhnlich schnell wachsende Zellen schießt, weil es nicht intelligent genug ist, zwischen gesundem und boshaftem Schnellwuchs zu unterscheiden. Daran ist besonders böse, daß spontan die Finger- und Fußnägel ausfallen können, und zwar schon während der ersten Applikation. Deshalb liegt man an der Relaisstation erst einmal in einer Art Liegesessel und bekommt immerhin schicke (‘chic’e) weiße Handschuhe übergezogen, die dann mitsamt den Handschuhn in tief vereiste Puschen gesteckt werden müssen, um die Durchblutung zu stören; ebenso die Füße, die aber in ihren Socken bleiben.
Ungefähr nach einer halben Stunde tut es ziemlich weh und darf dann für zehn Minuten unterbrochen werden, bevor die Eispuschen wieder drüber müssen. Also da man man durch. Und es geht auch, zumal meine Nägel nachher alle noch waren, wo sie sollten.

[Vagn Holmboe, Streichquartett Nr. 20 op.160 “Notturno”]

Der zweite Infusionsgang (wir liegen immer noch in dem Leder und hören unterdessen auch hier Schostakovitsch, allerdings – nun geht’s ja “am Stück” – sämtliche seiner Präludien und Fugen in der Interpretation von Keith Jarrett) führt uns, eine weitere Stunde lang, → Calciumfolinat zu, das ist Folinatsäure, die sich in Kombination mit 5-FU, also dem Zeug aus der Pumpe, an das Enzym Thymidilat-Synthase bindet und dadurch zur Erniedrigung der intrazellulären Thymidilat-Konzentration führt, wodurch die zytostatische Wirkung von  verstärkt wird. Auch hier aber sind die Nebenwirkungen nicht ohne, deren häufigste die für Chemos bekannte Übelkeit ist, gegen die ich aber die blauen Fische in einer der prallen Satteltaschen habe. Und die letzte Stunde der inneren Wappnung wird auf dem Leser mit → Docetaxel verbracht, das sich tabil an den Mikrotubuli-Apparat bindet, an sozusagen das Exoskelett der wuchernden Zelle. Dadurch verliert ihr Spindelapparat der Zelle seine Funktion und es kommt zu einer völligen Blockade der Mitose sowie schließlich zur Apoptose. Oder soll kommen, nun jà. Zumal hier genauso: Wo Rettung, wächst auch Gefahr, was sie in den Metamorphosen der hier gleichfalls Nebenwirkungen tut.

Das ist alles sehr heftig, keine Frage. Dennoch gingen die vier Injektionsstunden recht angenehm vorbei, vor allem wegen des nahezu ungestörten Musikhörens, das schon deshalb nötig war, weil in der Praxis irgendein Radio FFH dauerquasselte mit “den besten Hits aller Zeiten”, deren jeder von so unsäglicher Banalität, daß es nicht nur eine akustische Umweltverschmutzung genannt werden muß, sondern es wäre ernstlich zu erwägen, um Schmerzensgeld einzukommen. Die psychischen Schäden, die man allein an zerstörter Sensibilität davonträgt, gar nicht erst in den Blick genommen, kann unterm Einfluß solcher “Musik” schon gar niemand heilen, im Gegenteil, die Symptome noch werden verstärkt und die Ursachen der Krankheit ein- für allemal affirmiert. Also schon aus Selbstschutz: Kopfhörer in die Ohren, selbst wenn es “nur” um Ruhe geht. Und von der hörbaren Dummheit der Moderatorinnen und Moderatoren will ich erst recht nichts schreiben, ich müßte, so sehr ich auch recht habe, Straf- und Beleidigungsanzeigen gewärtigen, da der feixende GuteLaune-Korruptionsungeist justiziabel eben nicht ist, der seine Hörerinnen und Hörern an den Marionettenfäden der industriellen Konsuminteressen in die schließlich Apathie führt.

Durch meinen Onkovergil hingegen schien es einfach durchzugehen, vom linken Innenohr zu rechten, dort wieder hinaus, ohne irgendwo anzudocken. Manche Menschen haben diese Fähigkeit. Mir geht sie leider ab, kann nicht “auf Durchzug” stellen, sondern alles bekomme ich intensiv immer mit. Auch diesen giftigen Müll. Jeder Einkauf im Warenhaus ist ein akustisches Spießrutenlauf.
Auf der Straße ist es übrigens anders, komplett anders. Da mag ich den Unterhaltungsschritt sogar, was aber damit zusammenhängt, daß er dort mit sämtlichen Weltgeräuschen amalgamiert und deshalb eine ganz eigene Musik ergibt, der es fehlen würde – als Klangfarbe fehlen –, wenn er fehlte. Eine immer wieder interessante Beobachtung besonders in der Dritten Welt, die ja nun vollgeplärrt von Schnulzen wird, die aus schiebbaren Lautsprecherkarren tölen. Das ist in der Tat ganz wunderbar, wenn da dann noch die Autogeräusche und die jubelnden Stimmchen von Kindern und Papageien und die Schimpfrufe von Frauen hineinshalln, die auf Balkonen gegen Bretterblenden treten. Und so weiter. — “Was hörn Sie denn da?”
Wie, was? – Oh, der Arzt.
Ich zog einen der beiden InEarPhones heraus.
“Alles in Ordnung?”
“Ja, bestens. Besser sogar als vorhin. Als ich herkam, hatte ich ziemliche Brustschmerzen so einmal quer über die Brust.”
“Das ist der Tumor. Bitte nehmen Sie die Schmerzmittel.”
“Zur Nacht.”
“Nein, auch sonst. Sie tun sich keinen Gefallen, wenn Sie sich dauernd beherrschen und dadurch zermürbt werden. Sie müssen auch keine Angst haben, abhängig zu werden. Sehen Sie, selbst bei Patienten, die so gequält werden, daß sie Morphiumspritzen bekommen, tritt keine Abhängigkeit ein, sondern das Morphium setzen sie später leicht wieder ab. Süchtig macht es nur, wenn Sie’s auf Spaß nehmen. – Aber was hören Sie da?”
“Schostakovitsch Präludien und Fugen …”
Da hellte der Mann geradezu auf. “Schostkovitsch! Wie großartig! Ich habe gerade eine Biografie über ihn gelesen, von einem englischen Autor … warten Sie… Und kennen Sie die Streichquartette?”
Es war nicht zu fassen.
So sprachen wir und sprachen. Über Musik. Über Literatur. Er, mein Arzt, sei ein großer Leser, aber leider… von mir … Doch habe er sich, nachdem er eine Anmeldung in seiner Praxis gesehen, etwas kundig über mich im Netz gemacht. — Gar keine Frage, wir haben eine Basis, und ich bin nun ziemlich froh, ihn während unsres Zugs durch die Nefud mit an meiner Seite zu haben. (Aber er gab mir auch für die Augen-OP Grünes Licht: Der nachlasernde Augenarzt solle von der Chemo aber wissen. “Sie können auch gleich nebenan zu Dr. Torun gehen, ich kann ihn nur empfehlen.” – Woraufhin ich spätnachmittags gleich eine Mail dahin schrieb.)

***

Ricarda Junge, die enge Autorenfreundin, holte mich ab. Alleine hätte ich die Praxis nicht verlassen dürfen, weil zu Anfang der “Sitzung”, also Liegung ein schweres Antihistaminicum injeziert wurde, das “endlos müde” mache — bei mir allerdings den gegenteiligen Effekt gehabt zu haben schien. “Meine Güte”, reif Ricarda an, als ich neben ihr im Auto saß, “du siehst total bekifft aus! – Aber erzähl …” Und als sie mich dann in der Dunckerstraße hinausließ, zwar gerne noch auf einen Espresso mit hochgekommen wäre, aber sie drängte bereits der nächste Termin, da …. also ich stieg aus, beugte mich nochmal für die Kußhand runter … sagte sie: “Und du bist total bekifft!”
Mit lautem Lachen fuhr sie davon, und ich stieg, nachdem durch Vorhaus und ersten Hinterhof gehüpft, die Stufen zu mir hoch.
Es war am Bekifftsein was dran.
Und ich hatte Hunger. Einen Riesenappetit. Nur daß ich immer schon im Nu satt bin und also ständig abnehme. Deshalb hatten mich eine Mitarbeiterin der onkologischen Praxis mit von ihr so genannter hochkalorischer Astronautennahrung eingedeckt. Die probierte ich nun aus und bereitete mir auch noch einen Cocktail aus konzentriertem Mandelmuß und Mandelmilch mit einem Löffel Hanfmehl eingerührt — alles von – wem sonst? – लक्ष्मी besorgt. Daraufhin wurde ich derart müde, daß ich erst einmal eine Stunde lang schlief. Wobei man sich an diese am Leib getragene Pumpe schon etwas gewöhnen muß. Ich bin ganz froh, sie nachher wieder loszuwerden: Um 11.30 Uhr erstmal noch ein Termin mit meiner Hausärztin, dann mit dem Rad in die Ontologie, um die Pumpe vor 13 Uhr, wenn dort geschlossen werden wird, wieder abgegeben zu haben.

Ach ja, als ich heimkam, war das in den USA bestellte Melatonin angekommen, das ich in dieser Dosierung in Deutschland irgendeines um das Hormon geführten Rechtsstreits wegen nicht mehr bekam. So hatte ich nachts etwas zum Ausprobieren.
“Funktionierte” nicht, “brachte”, um es lax zu sagen, “nix”. Um 2.30 dann doch noch mal eine Zolpidem geschluckt, mit 20 Tropfen Novaminsulfon kombiniert. Davon schlief ich dann endlich, und zwar sehr gut bis halb sieben durch. Und da Sie nun darauf brennen, sich das mit der Pumpe anzuschauen … — voilà!:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihr ANH

[15 Uhr
Schnittke, Zweites Streichquartett (Leonardo-Quartett)]
Bin komplett auf den Streichquartett-Trip gegangen (auf dem ich vor Jahren schon mal fast ausschließlich war). Nach den Schostakovitschs und parallel zu den Holmboes erst einmal Brittens wundervolle drei (plus dem einen ohne Nummer, noch in Studienzeiten in D-Dur entworfenen, das er sehr viel später revidierte), dazu zwei von Schubert und nun auch Schnittke wieder.
Von der Chemo erste Übelkeit: So sehr schwankt mein Dromedar. Eben eine Tablette genommen, fast wie als Kind auf Reisen. Und leider, leider erst dann Bruno Lampes hinreißenden → Kommentar von Ibn Hamdis gelesen.
Ich will gleich unbedingt an die Béarts, endlich wieder!

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