Ivan Limbakh, St. Petersburg: So mutig, mein russischer Verlag!

[Aus dem Russischen ins Deutsche per → deepl übersetzt.]

Bei Facebook:

limbakh_publishers
Liebe Freunde, wir haben Felix Svetovs Experience of Biography und Zoya Svetovas Innocent in Druck gegeben.

Felix Swetow (1927-2002), Schriftsteller und Dissident, findet in seinem Roman, der in der Sowjetunion verboten war und erst in Paris veröffentlicht wurde, als sein Autor bereits wegen “antisowjetischer Agitation” im Gefängnis saß, einen neuen Weg, über sein Land, die 1920er und 1970er Jahre zu erzählen. Über die Hinrichtung seines Vaters, über seine Kindheit als Sohn eines “Volksfeindes”, über seine Jugend in der Evakuierung, über seine Jugend im “Tauwetter”, über Gottessuche, Dissidenz und Liebe. Vierzig Jahre später schuf seine Tochter, die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Zoya Svetova, ihren eigenen Dokumentarfilm – die Geschichte von unschuldig verurteilten Menschen und ihren Richtern, eine erschreckend anschauliche Darstellung der Gesellschaft und des Justizsystems in Russland.
Diese Werke sind nicht nur durch den Nachnamen, die Verwandtschaft der Autoren, miteinander verbunden. Durch die Darstellung privater Schicksale vor dem Hintergrund einer größeren Geschichte tragen “Die Erfahrung der Biografie” und “Die Unschuldigen” dazu bei, dass wir besser verstehen, wie das Russland der letzten hundert Jahre organisiert ist. Es ist eine faszinierende Lektüre, die von den Abenteuern freier Menschen in einem unfreien Land berichtet und eine Gelegenheit zum Trost bietet. Es ist, als ob die Autoren, Vater und Tochter, sich gegenseitig widerspiegeln und ergänzen, indem sie eine gemeinsame Geschichte erzählen: von der Fähigkeit, sich unter unmenschlichen Regimen zu bewahren und in dunklen Zeiten die Hoffnung nicht zu verlieren.

Vorwort von Philip Dziadko. Cover von Daria Yarzambek.

“Die Zeit verändert Bücher. Die Menschen lesen sie aus ihren Erfahrungen heraus neu. Im Schwarzen Jahr 2022 lesen sich beide Bücher wie heute geschrieben. Und als ein gemeinsames Buch.” Philipp Dziadko

Im Bild: Felix Svetov, Zoya Svetova, Philip Dziadko. Das Feriendorf Otdykh, 1983. Foto aus dem Familienarchiv.

Ich bin stolz darauf, daß Baskakovas Übersetzung bei Limbakh erschien,
auch wenn ich das Buch in meinen Händen nicht halten kann:

 

 

 

 

Хербст Альбан Николай
Корабль-греза

Роман
Пер. с нем., коммент., послесловие Т. А. Баскаковой
ISBN 978-5-89059-473-0
Издательство Ивана Лимбаха, 2022

АНХ «Корабль-грёза» / ANH “Traumschiff”, Ivan Limbakh Sankt Petersburg. Die Entstehung des Umschlags. Videoinstallation von Ник Теплов / Nick Teplov.

 

Альбана Николая Хербста / Корабль-грёза
[Alban Nikolai Herbst / Traumschiff]
Russisch von Tatiana Baskakova
Ivan Limbakh Verlag, Sankt Petersburg 2022

Videoinstallation: → Nick Teplov

Aus dem Tagebuch eines russischen Offiziers: Gedanken über Krieg, Hitlerismus und Putins Tod. Von Roman Petrenko (Ukrayinska Pravda).

 

 

[Verlinkt von  Tatiana Baskakova. Deutsche Fassung
von ANH nach der Interlinearübersetzung von  deepl.]

(Interessant daran, und erschreckend, wie sich im Lauf des Tagebuchs die Einschätzung dieses völkerrechtswidrigen Angriffskrieges verän-dert, als machte es, daß die russische Armee quasi steckengeblieben ist und später sogar abziehen mußte, seelisch geradezu nötig, sich jetzt mit dem zu identifizieren, was man zu Anfang ausgesprochen bezweifelt, ja als “Nazi”-Handlung selbst gespürt hatte.)[1]Etwas Ähnliches ist bei der Zustimmung der russischen Bevölkerung zu diesem Krieg zu merken. Waren es vor der Invasion noch 60 %, die sie befürworteten, so seien unterdessen, ist zu lesen, 90 % … Continue reading
ANH

Nach der Befreiung von Katjuschanka wurde in einer Schule das Tagebuch eines Soldaten, wahrscheinlich im Rang eines Offiziers, gefunden, in dem er darüber nachdenkt, woher die [russische] Armee und warum in die Ukraine kam, und in dem er die russische Militärstrategie analysiert und sich [schließlich doch] mit den Verhören von Ukrainern brüsteten. Auf dem Schulgelände eingegraben, hatten die Militärs nicht nur Zeit, den Alltag, die Sitten und Gebräuche der russischen Armee zu beschreiben. Sondern auch zu schildern, was sie im Gottesdienst gemacht haben. – Der Militär beginnt mit seinen Überlegungen am 13. März, als die russische Armee das Dorf bereits besetzt und sich seit fast zwei Wochen in der Schule verschanzt hat.

Wir gingen zum Studieren und landeten im Krieg… oder im Krieg…” Dies die Überschrift des Tagebuchs:

“Wenn man in Katjuschanka sitzt, ist es wie ein Dorf. Ich studiere die Schulakten, habe mich immer noch nicht damit abgefunden, dass ich in einem fremden Land bin, ich glaube immer noch nicht an den Krieg. Ich weiß immer noch nicht, ob es das Richtige ist, ihn zu führen.” Gleichzeitig kritisiert er das Verhalten des Kommandos: “Es ist ärgerlich, dass niemand die Wahrheit über die Verluste und die Realität der Kämpfe sagt, alles, was ich höre, ist ‘Unsere Sache ist richtig, der Sieg wird unser sein!’ Aber ist es das Richtige, das zu tun? In ein fremdes Land einmarschieren und dessen Städte bombardieren?
(…)
Wir wollten einen Blitzkrieg, aber am Ende haben wir uns auf den Fersen festgesessen[2]deepl übersetzt: “daß wir uns auf die Fersen gesetzt haben” – offenbar ein russisches Idiom für “festsitzen”.. Es besteht das Gefühl, dass die Geschichte unser Handeln als zweiten Hitlerismus bezeichnen und ein weiteres ‘Nürnberg’ veranstalten wird, ich werde nicht wackeln, es ist meine Schuld[3]wahrscheinlich: Pflicht, ich war, ich habe gekämpft, es tut mir leid!”


“Die Artillerie ‘verschmiert’, die UAVs sind dumm… Die Truppen sind nicht kohärent, dreihundert und zweihundert sind knapp, und die Kommandeure sprechen in ihren Berichten nur von imaginären Erfolgen… Putin wird bald 70 Jahre alt, wenn er stirbt und den Krieg beginnt, wird es etwas geben!
Es kursieren Gerüchte über eine Gegenoffensive der Ukraine. Angeblich helfen die Länder mit Arbeitskräften und Ausrüstung. Aber das sind nur Gerüchte”, fährt der Offizier fort, und dieses Mal prahlt er damit, dass “die Aufgaben perfekt ausgeführt wurden”, die Armee habe ein “Lager mit Ausrüstung” entdeckt.

Zwei Tage später berichtet der Soldat, wie er das Verhör durchgeführt hat:
“Durch die gemeinsamen Bemühungen von mir und einem Mitarbeiter konnte eine Gruppe von 12 Personen, allesamt Nazis, verhört werden. Ich war rücksichtslos und habe sie mit Kreuzverhören, Einzelverhören und nächtlichen Verhören gequält. (… — …) Wieder einmal musste ich einen Priester verhören. Ich kann nicht sagen, dass ich weich war, ganz und gar nicht – ich fand zu einer Strenge und einer hingebungsvollen Professionalität, dass es das Interesse der FSB-Spezialisten weckte. (…) Die Verhöre verlaufen gut, informativ; für ein nächstes wurde mir ein evangelischer Pfarrer versprochen. Wenn er etwas zu verbergen hat, werde ich es herausfinden, egal wie gerissen er ist denn ich habe, wie man sagt, an solchen Kameraden einen Narren gefressen!”

Und nun phantasiert er sich seine weiteren Berufsaussichten: “Im Sicherheitsbereich tätige Kollegen höheren Ranges sagen mir eine große Zukunft als Spionageabwehr-Offizier voraus und versprechen Hilfe bei der Ausbildung und dem Verbleib an der Akademie”. Er träume [aber] davon, Richter zu werden, und denkt über Probleme im Justizsystem nach und wie man es reformieren könne.

Der letzte Tagebucheintrag stammt vom 19. März

[©2000—2022, Ukrayinska Pravda
Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator]

References

References
1 Etwas Ähnliches ist bei der Zustimmung der russischen Bevölkerung zu diesem Krieg zu merken. Waren es vor der Invasion noch 60 %, die sie befürworteten, so seien unterdessen, ist zu lesen, 90 % für den Krieg. Dem entspricht, was Barbara Ehrenreich zur Operation Wüstensturm schreibt – übrigens wurde der Golfkrieg von den USA ebenfalls nicht Krieg, sondern “militärische Intervention” genannt -: “Noch am Vorabend der Feindseligkeiten war die Öffentlichkeit in der Frage, ob ein Krieg nötig sei, in zwei gleich große Lager gespalten, doch als das Töten begann, schbnellte Bishs Beliebtheit auf über 90 % (…).”
2 deepl übersetzt: “daß wir uns auf die Fersen gesetzt haben” – offenbar ein russisches Idiom für “festsitzen”.
3 wahrscheinlich: Pflicht

Zwischenspiel. Ein paar Worte zu der Videoserie. Dazu Иностранная литература, No 3.

[Arbeitswohnung, 14.17 Uhr]
Da spätestens mit den → Bamberger Elegien, zu also Anfang Mai, die einzelnen → Videofolgen länger werden, entschieden länger, habe ich mich – auch, um nicht unter noch mehr Zeitdruck zu geraten – entschieden, auch den kürzeren Zyklen, die also aus mehreren Gedichten bestehen, mehr Zeit einzuräumen. Auf eine Variationsserie etwa wie “Soldaten”, die aus acht Teilen besteht, wird dann erst acht Tage später der nächste Clip folgen. Entsprechend wird auf die zwei → “Trennungsgedichtchen” von gestern erst morgen ein neues Video folgen.
Bei den Elegien werde ich die Tagesanzahl jeweils von der Länge abhängig machen; ich möchte sie aber auf keinen Fall tageweise zerstückeln, sondern am Stück vortragen, was am Stück vorzutragen auch ist. – Vor eine besondere Schwierigkeit wird mich etwa ab September die Aeolia stellen, die ja ein einiges, aber buchfüllendes Gedicht ist. Meinem Sohn und mir kam der Einfall, das dazugehörige Video direkt auf Stromboli zu drehen, wo das Gedicht ja spielt. Dabei will er die Bildregie übernehmen, alles übrige soll in meiner Hand liegen. Ob sich die höchst reizvolle Idee realisieren läßt, hängt zum einen von Corona ab, zum anderen ist sie auch nicht ganz billig. Mais on verra.

(Für mich selbst, nebenbei bemerkt, wird Corona die Rolle nicht mehr spielen, weil ich übermorgen meine erste Impfung bekomme; die zweite wird Anfang Juni folgen. Ein ärztliches Attest tat hier, ich kann’s nicht anders sagen, Wunder.)

Dennoch, liebste Freundin, bleibe ich Ihr

U n h o l d

P.S.:
Ah-à-propos Elegien! Ich glaube, Sie wissen es noch gar nicht; das lange zwölfte Stück, die Elegie aufs Grab meines Vaters, ist soeben in dem in Moskau erscheinenden Literaturmagazin Иностранная литература (“Internationale Literatur”) erschienen, zusammen mit dem höchst komplexen Stück “Die Richtigstellung” aus http://inostranka.rumeinem (und → Elvira M. Gross‘ens) →WÖLFINNEN-Band, und die Übersetzerin, was mich sehr, sehr stolz macht, ist die gerühmte → Tatiana Baskakova. Wir haben unterdessen einen wunderbaren Kontakt. Tatsächlich möchte sie es bei den beiden Übertragungen nicht belassen, sondern sitzt in diesem Moment über dem → TRAUMSCHIFF.
Es ist schon seltsam. Ausgerechnet in dieser auch für mich recht schwierigen Zeit (allein schon, nicht reisen zu dürfen!) beginnt sich etwas massiv zu bewegen. Auch wenn ich schriftlich hier momentan schweige. Im Mai noch, jedenfalls, wird die Neufassung des New-York-Romans herauskommen, für einen Monat später sind die → Béartgedichte bei → diaphanes geplant. Und im Herbst wird es zu meinem Werk einen → text+kritik-Band geben. All das auf nahezu einmal … ich kann es fast nicht fassen.

%d Bloggern gefällt das: