Ivan Limbakh, St. Petersburg: So mutig, mein russischer Verlag!

[Aus dem Russischen ins Deutsche per → deepl übersetzt.]

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limbakh_publishers
Liebe Freunde, wir haben Felix Svetovs Experience of Biography und Zoya Svetovas Innocent in Druck gegeben.

Felix Swetow (1927-2002), Schriftsteller und Dissident, findet in seinem Roman, der in der Sowjetunion verboten war und erst in Paris veröffentlicht wurde, als sein Autor bereits wegen “antisowjetischer Agitation” im Gefängnis saß, einen neuen Weg, über sein Land, die 1920er und 1970er Jahre zu erzählen. Über die Hinrichtung seines Vaters, über seine Kindheit als Sohn eines “Volksfeindes”, über seine Jugend in der Evakuierung, über seine Jugend im “Tauwetter”, über Gottessuche, Dissidenz und Liebe. Vierzig Jahre später schuf seine Tochter, die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Zoya Svetova, ihren eigenen Dokumentarfilm – die Geschichte von unschuldig verurteilten Menschen und ihren Richtern, eine erschreckend anschauliche Darstellung der Gesellschaft und des Justizsystems in Russland.
Diese Werke sind nicht nur durch den Nachnamen, die Verwandtschaft der Autoren, miteinander verbunden. Durch die Darstellung privater Schicksale vor dem Hintergrund einer größeren Geschichte tragen “Die Erfahrung der Biografie” und “Die Unschuldigen” dazu bei, dass wir besser verstehen, wie das Russland der letzten hundert Jahre organisiert ist. Es ist eine faszinierende Lektüre, die von den Abenteuern freier Menschen in einem unfreien Land berichtet und eine Gelegenheit zum Trost bietet. Es ist, als ob die Autoren, Vater und Tochter, sich gegenseitig widerspiegeln und ergänzen, indem sie eine gemeinsame Geschichte erzählen: von der Fähigkeit, sich unter unmenschlichen Regimen zu bewahren und in dunklen Zeiten die Hoffnung nicht zu verlieren.

Vorwort von Philip Dziadko. Cover von Daria Yarzambek.

“Die Zeit verändert Bücher. Die Menschen lesen sie aus ihren Erfahrungen heraus neu. Im Schwarzen Jahr 2022 lesen sich beide Bücher wie heute geschrieben. Und als ein gemeinsames Buch.” Philipp Dziadko

Im Bild: Felix Svetov, Zoya Svetova, Philip Dziadko. Das Feriendorf Otdykh, 1983. Foto aus dem Familienarchiv.

Ich bin stolz darauf, daß Baskakovas Übersetzung bei Limbakh erschien,
auch wenn ich das Buch in meinen Händen nicht halten kann:

 

 

 

 

Хербст Альбан Николай
Корабль-греза

Роман
Пер. с нем., коммент., послесловие Т. А. Баскаковой
ISBN 978-5-89059-473-0
Издательство Ивана Лимбаха, 2022

Der Tagesspiegel merkt’s auch schon. Im nicht einmal VorbibberArbeitsjournal des Mittwochs, den 12. Oktober 2022.

[Arbeitswohnung, 7.26 Uhr
France musique opéra:
Mahler, Der Knaben Wunderhorn (Boulez)]
Er merkt’s also auch schon, ich bin beeindruckt:

Seit Anfang August versuchte ich, meinen Kohlenhändler zu erreichen. Es ging nicht mal wer ans Telefon. → Aus Verzweiflung, wie ich bald begriff und wir jetzt auch lesen können:

Was soll die arme Frau den armen “Verzweifelten” auch sagen? — zu denen ich insofern nicht gehöre, als ich verzweifelt nicht bin, sondern eher sportlich bereit. Zwar gehöre ich eben doch zu jenen, die nur einen Kohleofen haben und eigentlich auf Nachschub angewiesen wären, mein Kohlekeller g ä h n t vor Brikettnleere, aber ich habe ja drei Winter lang, davon zweie in Folge, ausprobiert, ob ich auch ohne zu heizen durchkomm im Winter. Funktioniert. Geht morgens mit einem Pullover los (über Anzug, Hemd und Krawatte zu ziehen) und endet abends mit fünfen. Zu achten ist auf Pulswärme, Handschuhe sind beim Schreiben hinderlich, sonst nehmen Sie besser auch die.
Eigentlich beruhigend ist aber etwas anderes. Nämlich, als ich im Jahr 2000 “Writer in Resicence” der Keio war, lud mich ein Freund des damals in Tokyo noch lehrenden Ralf Schnell nach Kyoto ein, wo er in einem Youkoukan06n4592Tatami- (also Papier-)Haus lebte und immer noch, hoffe ich, lebt, das zu heizen völliger Blödsinn wäre; es gibt ja keinerlei Dämmung. Dort lernte ich folgendes: Heiß baden oder duschen (sehr heiß) – Japaner nennen es “Organe aufheizen” – , danach auf keinen Fall abtrocknen, sondern die Haut nur abtupfen, dann schnell in die Kleidung. So kann sich zwischen Haut und Stoff eine dünne Schicht Wasserstoffs bilden, die als Isolierung wirkt. Nur an den Fingern, ecco, funktioniert es nicht. Aber sonst bleiben Sie komplett warm, mindestens zwölf Stunden lang, sogar länger, jedenfalls reicht es für einen Tag. Und falls nicht (ich muß dran denken, daß ich so gut wie kein Unterhautfett mehr habe und andres Fett auch nur sehr knapp, zwischen 12 und 13 % seit der Krebs-OP), – falls also nicht, schieb ich halt einen zweiten Duschgang ein. Mal sehn.
Übrigens spazierte ich zu meinem Kohlehändler sogar hin; das Unternehmen liegt in direkter Nachbarschaft meines geliebten Centro Italia. Da lag denn auf dem Hof ein prima Haufen Briketts, die für mich selbst mehr als nur ausgereicht hätten, aber sowohl die Einfahrt wie das kleine Gebäude waren geschlossen, jene sogar mit Kette und fettem Vorhängeschloß gesichert. Die Briketts waren, ahnte ich, für den Eigengebrauch. Und hatte und habe alles Verständnis.

***

Gestern bereits mit der nächsten Rezension begonnen, eines diesmal ausgesprochen heiklen Buches, dessen Lektüre selbst mich ausgebufften Hund arg gefordert hat. Dazu dann aber mehr, wenn ich mit ihr, im Wortsinn, fertig geworden bin und sie hier eingestellt haben werde. Was wahrscheinlich noch vor dem Mittag geschehen sein wird.

Immer noch nackt unterm Bademante, der extrem warmhält:

Ihr, Freundin,
ANH, 8.30 Uhr
[France musique opéra:
Smetana, Prodaná nevěsta]

Putin wird sterben,

wir sehr möglicherweise aber mit.

Wenn stimmt, was wir nahezu überall lesen (was ich nicht hoffe, weil jede militärische Information, die wir etwa zu NATO-Hilfen und dergleichen lesen, dem “bleichen Lurch” (Bersarin) ebenfalls sofort, wenn nicht sogar vorher bekannt wäre; in Sachen Waffenhilfe etwa sollte jede Information absoluter Geheimhaltung unterliegen — es sei denn, sie wird als Desinformation oder aus anderen strategisch-taktischen Gründen gestreut, die dann hoffentlich gut sind), — sollte es also stimmen und die russische Armee quasi desillusioniert, in Auflösung gleichsam befindlich, weil teils ohne die nötige Proviantierung schlecht und veraltet munitoniert sowie sogar insgesamt, für diese faschistische Diktatur restlos beschämend, schlecht ausgestattet, kann sie den Krieg nur verlieren. Geschieht das “aber”, dann wird es um riesige Reparationsleistungen gehen, die gewiß weder werden bezahlt noch bezahlt werden können. Wie sie also eintreiben? Weitere Sanktionen, nach russischem Rückzug, sozusagen als Zahlungsbefehle, würde die Zahlung erst recht verhindern, und wenn mit Gewalt, bedeutete es nun den offenen und dann auch erklärten Krieg des Westens gegen Rußland (der indirekt, was immer wer auch behauptet, geführt längst wird, aber indirekt eben), einen, den Rußland abermals verlieren würde; es sei denn, nicht nur der Lurch, sondern mit ihm seine Massenmordfunktionäre, Lawrow etwa, setzten Atomwaffen ein. Dann verlöre Rußland zwar auch, “wir” indes täten’s  genauso. Denn nahezu die gesamte Mensch- und Tierheit → ginge zugrunde, auch irgendein dreijähriges Mädchen, das tief im Regenwald des Amazonas aufwächst, und jeder Säugling sei’s in der Karibik, sei es am arabischen Meer. Setzte die Diktatur Kernwaffen aber nicht ein, schlösse sich ein Kriegsverbrecherprozeß an, der nur noch mit den Nürnberger Prozessen und Russels & Sartres, wäre es denn zu einem rechtsgültigen damals gekommen, Vietnamtribunal verglichen werden könnte. Wobei wir uns für das Ausmaß klarmachen müssen, daß nicht “nur” die Putins, Lawrows, Peskows und Zakharovas Menschenrechtsverbrecher sind, es ist auch jede russische Soldatin, jeder russische Soldat, die und der Raketen auf Krankenhäuser, Spielplätze, Altenheime, KiTas und Frauenhäuser abfeuern. “Ich habe nur Befehle ausgeführt”, verfängt nicht. Hier gilt kein Recht, sondern eine Pflicht zum Widerstand; wer immer ihr nicht nachkommt, hat persönlich vor den Internationalen Gerichtshof gezogen zu werden. — Doch dies beiseite. Stellen Sie sich einmal Putin vor diesem Gericht v o r … – Verliert er den Krieg – verlieren er ihn und Rußland allein -, dann wird er sich, um dieser Schmach und einem legalen Schuldspruch zu entgehen, entweder selbst töten oder eben alles töten müssen, was ihn anklagen auch nur könnte. Und da e r dann und seine Entourage sowieso sterben müssen …

So etwas ist ihm und den Kremlkumpaninnen und -kumpanen nicht nur zuzutrauen, sondern ich halte dies für eine kriegslogische Gewißheit. Es sei denn, daß es in der Duma putscht. Darum müssen wir beten. Mir wäre freilich ein SEK genauso recht, am besten ein transnational undercover operierender Zusammenschluß von — über GSG9- und ähnliche Einheiten — BND, Mossad, CIA, DGSE, mi5 und wie solche “Dienste” noch alles heißen, und diese Spezialeinheit erschießt schlichtweg den Lurch, und die Lawrows gleich mit. Nur ist dies leider Hollywood.

Die Angriffe gestern und heute werden nicht geführt, um die Bevölkerung einzuschüchtern oder sonstwie zu destabilisieren; im Gegenteil ist doch deutlich, daß jede weitere von Rußland kommende Unheil die ukrainischen Menschen nur noch mehr zusammenschweißt. Weshalb sie diese Angriffe, soweit das überhaupt geht, noch stabiler machen. Sondern diese wurden und werden geführt, allein um Menschen zu vernichten oder zu verstümmeln. Und jede russische Soldatin, jeder russische Soldat, die und der — und sei es nur durch Anklicken eines Buttons auf dem Screen — dies mitmacht, ist Massenmörderin und -mörder. Davon wird, und darf, kaum etwas freisprechen können.

ANH

 

Das vor allem für Nicolas Borns “Die Fälschung” geschriebene Arbeitsjournal des Sonntags, den 2., auf Montag, den 3. Oktober 2022, darinnen auch das Tattoo fortgesetzt und ein Brief an die Herausgeber und Beitragenden der text+kritik-Ausgabe Nr. 236 geschrieben worden ist.

Dauerndes Seriengucken ist Flucht nicht vor der Einsamkeit,
nein, sondern vor dem letztlich Alleinsein, dem wir aber ja
doch nicht entkommen.
Notat 2.10.22, spätabends

[2. Oktober, Arbeitswohnung, 12.36 Uhr
Martinů, Julietta]
Um sechs hoch, um halb sieben am Schreibtisch, Nachrichten gelesen, dann – weil unterdessen alle Beiträge des → text+kritik-Heftes gelesen – den wirklich fälligen Dankesbrief an die Herausgeber und Beitragenden dieser für meine Arbeit und mich so ehrenvollen Ausgabe geschrieben, jeweils auch ein wenig zu den je einzelnen Beiträgen – was insgesamt genauso lange gedauert hat wie Lionel Roggs Orgelinterpretation der bachschen Kunst der Fuge. So daß ich dann Zeit für das Morgenmüsli und danach Rasur und Toilette hatte. Kritischer Blick in den Spiegel, weil gestern mein Bioport-Tattoo weitergestochen wurde, sich aber unter dem transparenten Schutzpflaster besonders die braune Farbe verschmiert hatte und ich nun unsicher war, ob nicht etwas schiefgegangen sei. Denn das Tattoo ist extrem fein gearbeitet (rechts ein unmittelbar nach dem Stechen von Elena geknipstes Foto). Es wäre zu schade, wenn hier was schiefgegangen wäre. Doch nach dem Duschen sah es schon sehr viel besser aus; das Pflaster läßt Flüssigkeit austreten, aber keine hinein. Viel des Verschmierten war nun schon fort, offenbar überschüssige Farbe. Genau werde ich es aber erst am Dienstag sehen, wenn ich die Pflaster – vorsichtig, vorsichtig – abgezogen haben werde.

Doch zum heute Eigentlichen. Ich hatte Ihnen, Freundin, ja geschrieben, einen Schlußstrich unter die allabendliche Serienguckerei zu ziehen und, wenn ich meine Arbeit beiseitegelegt hätte, nur noch zu lesen, was etwa bis Mitternacht bedeutet und manchmal auch noch eine halbe Stunde länger geht – denn ich habe es tatsächlich bislang so gehalten. Nur der Freitagabend fiel heraus, weil ich wegen text+kritik so fahrig war, daß mein Freund Broßmann herüberkam, um zu sprechen und sich zusammen mit mir die Kante zu geben. Das gelang derart umfassend, daß ich gestern komplett verwirrt erst um neun erwachte und den Tag für die Arbeit eigentlich knicken konnte; aber mittags war eh der tätowierte Termin, der viel mehr Zeit in Anspruch nahm, als ich gerechnet hatte. Nahezu dreieinhalb Stunden habe ich im Studio gesessen, bzw. irgendwann eben auch gelegen.
Wie auch immer, die Lektüreabende. — Interessant, daß der ziemlich suchthafte Impuls, zum Abendessen Filme zu gucken, bereits jetzt schon fast völlig weg und durch die Vorfreude auf das jeweilige Buch suspendiert wurde, was von Nicolas Borns, ich schrieb auch das schon, Die Fälschung durch ihre hinreißende Faktur noch einmal verstärkt worden ist. Sie wirkt umso mächtiger, als Laschens, eines Kriegsberichterstatters, Geschichte auf schmerzhafte Weise in unsere unmittelbare Gegenwart des Ukrainekrieges paßt. Allerdings muß ich etwas richtigstellen. Ich schrieb, Christopher Ecker habe mir das Buch geschickt, weil ich die Unterschrift der ihm beigelegten Karte als “Christopher” identifizierte. Umgehend mailte Ecker mir, nein, er sei das nicht gewesen; aber nun müsse er das Buch wohl unbedingt lesen. Muß er, ja. Aber gut, ich nochmal an die Entzifferei:

Und nun, tatsächlich, kam ich drauf. Verdammteins-j a !: Christoforo, der Freundesname meines Arco-Verlegers. Ihm auch sieht solch eine Zusendung ähnlich. Und habe dieses von ihm mir zugereichte Buch so lange schmählich in einem Haufen vor sich hintrocknen lassen wie sehr, sehr viele andere. Jetzt war die Lektüre fast eine Erleuchtung, Entdeckung indes in jedem Fall, auch wenn die Konjunktive oft nicht stimmen (häufig das falsche als sei statt richtig als wäre usw.) und mich auf die Dauer die ständigen Nachstellungen nervten. Nur wenige der vielen, vielen Beispiele[1]Seitenzahlen sämtlicher Zitate nach der Lizenzausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft, C.A.Koch’s Verlag Nachf., Berlin-Darmstadt-Wien o.D.:

Er lag dann nackt auf dem Bett, hatte den Reisewecker aufgezogen, dessen Ticken anschwoll und wieder abflaute zusammen mit dem Säuseln der Klimaanlage.
S.21

Weshalb nicht eleganter “Er lag dann nackt auf dem Bett, hatte den Reisewecker aufgezogen, dessen Ticken anschwoll und zusammen mit dem Säuseln der Klimaanlage wieder abflaute” ?

Ebenso:

(…) als hätten sie [die Wörter] über Nacht ihren Nutzen verloren, seien [wären] ausgeschieden worden aus dem Verständigungskreislauf.
S. 128

Nein! Sondern “als wären sie über Nacht aus dem Verständigungskreislauf ausgeschieden worden”.

Oder:

… weil gerade dann der Film Stichwörter lieferte, die peinlich genau zutrafen auf die eigene Situation.
(S.296)

Stünde dort “… weil gerade dann der Film Stichwörter lieferte, die peinlich genau auf die eigene Situation zutrafen” wäre der Satz flüssiger, fließender — Papier nicht, sondern Leben.

Und fast noch deutlicher hier:

(…) nur die indirekte Beleuchtung, die sich unverträglich mischte mit dem verbraucht wirkenden Licht von draußen.
S. 301

Welch ein Satz hingegen erklänge, höben wir die Nachstellung auf! “(…) nur die indirekte Beleuchtung, die sich unverträglich mit dem verbraucht wirkenden Licht von draußen mischte” .

Freilich ließe sich an solchen Stellen denken, der Autor wolle durchführen, was er ganz am Anfang über Laschens Stil insgesamt sagt:

Es war so, als ob er in dem bisher Geschriebenen herumkletterte. Wenn er wieder unten war, hängte er rasch noch einen Satz [- hier eben einen Satzteil -] an.
S.15

Aber nicht Laschen schreibt diese Sätze – dann wäre es legitime Rollensprache -, sondern der Autor. Und es geschieht zu häufig, scheint mir stilistische Laxheit zu sein, ein vorübergehendes Nachlassen der formulierenden Konzentration. Satzteile nachzustellen ist poetisch eben nur dann sinnvoll, wenn etwas besonders betont werden soll. Ist hier aber seltenst der Fall. Und also nehmen diese Nachstellungen den Sätzen ihre Spannkraft – die mögliche Spannkraft. Bei einem ansonsten derart brillanten Autor wird mir zur leichten Qual, was ich bei anderen mit Achselzucken akzeptierte. Um Ihnen, Freundin, vielleicht noch etwas deutlicher zu akzentuieren, was ich meine, hier drei Stellen, an denen die Nachstellung tatsächlich Funktion hat:

Er winkte sich selbst zu von einer anderen Seite.
S. 121
Er konnte gut leiden an unverständlicher Grausamkeit.

S. 187
Er umgab sich und seinen Tod mit einigem Getöse, wenn er überhaupt starb, denn danach sah es nicht aus. Solche, an denen Laschen ein paar kritische Anwandlungen abließ, waren aus dem Stadtbild verschwunden, waren längst abgereist nach London, Paris oder nach Zypern.
S. 127

Abgesehen von dem bizarren, semantisch – ohne daß ein Rätsel da wäre – rätselhaften Idiom “an jemandem Anwandlungen ablassen”, steht die Nachstellung hier komplett richtig, weil sie das Wegwerfende betont, ein “eigentlich egal, wohin”. Nervig aber ist dann wieder sowas:

Oder es konnte auch eine sinnlose und zwecklose Verabredung sein mit jedermann.
S. 127

“Sinnlos” und “zwecklos” i s t bereits eine Redundanz, wozu dann auch noch “mit jedermann”? Um es begütigend zu sagen, hat hier die Lektorin oder der Lektor nicht aufgepaßt, ist schlampig, also ebenfalls unkonzentriert gewesen. Ärgerlich.

Doch ich will ja keinen Verriß, sondern eines solchen Gegenteil schreiben. Auch an sehr guten Büchern, die sogar hohe Literatur sind (den Unterschied zwischen beidem werde ich in einem nächsten Beitrag erläutern) müssen wir, Freundin, den einen und/oder anderen Durchhänger schlichtweg hinnehmen; bei lebenden Autorinnen und Autoren bleibt da die Hoffnung auf eine revidierte zweite Auflage. Außerdem gibt es etwa bei Hans Henny Jahnn ganz entsetzliche Sätze, ohne daß die Strahlkraft seiner Bücher Einbußen hätte; für Thomas Manns bildungsbürgerliches Hochgeschwurbel gilt dasselbe. Und als allererstes erkennen wir ein Kunstwerk an seiner motivischen Konstruktion, bei Born etwa des bereits auf S. 25 eingeführten Messers,

er würde es ständig tragen müssen, an die Wade geschnallt, auch eine lästige Vorstellung,

das sehr viel später eine bedeutsame Rolle spielt. Es gehört zum Geschick der Faktur, das selbst ich es längst vergessen hatte, als es plötzlich zentral wurde. Wobei das eigentliche Thema dieses Romans nicht der libanesische Bürgerkrieg “an sich” ist, sondern daß die Berichterstattung über ihn eine auf die Leserschaft zugefeilte, weil prima rezipierbare Parallelwelt quasi erfindet – eben die Fälschung, die dem Buch seinen Titel gibt. Und die stupende Aktualität, an der auch ein heutiger, fast fünfzig Jahre späterer Journalist verzweifeln müßte, warnt uns gleichsam vor der Berichterstattung über den Ukrainekrieg. Zeitungen wollen verkaufen. Daß “daneben” –  eigentlich nämlich darüber – Laschens Beziehungen sogar dann in die Brüche gehen, wenn sie weiterbestehen, ist von Born besonders raffiniert in das Buch eingeschoben; die zweite Ebene des Privaten wird zum Reflex der ersten, des Öffentlichen, scheinbar Faktischen, und umgekehrt. Nahezu alles ist aufeinander bezogen und voneinander abhängig, insbesondere die Sichtweisen auf etwas, hier sogar den – bisweilen schockierend – erzählten Krieg. Und da dann kommt es zu, ich muß es so schreiben, großen Sätzen (was auch so zu sein hat, wenn Born sich auf S. 20 auf Nabokovs Ada bezieht; damit liegt die Meßlatte extrem hoch):

Einen kleinen Mann in grauem Kaftan sahen sie mit ausgebreiteten Armen vor dem Haus stehen und klagen. Es war ein Foto, schon bevor Hoffmann die Kamera hob. [S. 56] – (…) nein, es war vielmehr die Ahnungslosigkeit gewesen, die Verständnislosigkeit in ihren Gesichtern, das Nichtglaubenkönnen [,] aus der Unsterblichkeit so bald und sogleich herausgerissen zu werden. (…) Wäre Hoffmann [der Laschen begleitende Kriegsfotograf] ängstlich, würden die Bilder ängstlich sein; es sollten aber nicht ängstliche Bilder sein, sondern solche zum Kopfschütteln und besseren Bescheidwissen, dreckige Bilder in sauberen Zimmern anzusehen. [S. 57] Nicht, daß nicht Meinung erwünscht wäre, aber sie muß erst einmal blanke Oberfläche geworden sein. Dann darf sie sich äußern, blasend und spuckend in eigener Sache, die längst eine Sache aller ist, entschärft und stillgelegt. [S. 65] Er fühlte sich stark werden, und es war nicht die dumme männliche Kraft, es war eher Auslieferung. [S. 87] Er schrieb weiter, damit es draußen endgültig geschehen war, was er schrieb. [S. 90] Alle drei Männer waren von einer ins Süßliche veredelten, parfümierten Gefährlichkeit. [S. 100] (…) es beschwichtigte ihn der eigene Kopf, in dem ein Leerraum des Nichthandelns war, ein gelähmter Kern, eine Ferne von allen Ereignissen. [S. 121] Mich aufstellen lassen in Brigaden, letzten Aufgeboten. Und das nicht für einen Sieg, für eine Gerechtigkeit, sondern nur dafür, daß die Grammatik wiederkehrt, daß nur dieser verfluchte Zustand zu Ende geht, in dem die Tatsachen das Besondere sind, aber das Besondere leer ist und das Wichtige heraus ist aus dem Wichtigen. [S. 129] Etwas, das hatten sie gemeinsam, hatte sie aus einer Menge herausgepflückt, eine Gewalt, die immer die gleiche war, in Prag, in Vietnam, in Chile oder hier [in der Ukraine], und die so menschlich war, ebenso menschlich [Komma gestrichen, ANH] wie die Freude an einem langen heiteren Friedenstag. [S. 146] (…) schiefrig-fette Erde (…) [S. 147] Laschen war von dem Anblick niedergeschlagen, so [,] als hätte man ihm eine Illusion, die er längst nicht mehr hatte, in diesem Moment erst genommen. [S. 151] [Über Kriegstote:] Das Wasser war klar und stäubte über steilem Gefälle rosafarben auf. [S. 170] Die Brust- und Kopfbehaarung sah aus wie angeklebt, der Ausdruck in den Gesichtern war erstorben, zurückgenommen, so, als hätten sie im letzten Moment noch etwas für sich behalten wollen, an das nun niemand mehr herankam. [S. 176] Recht und Unrecht rotierten als Begriff so schnell, daß sie ununterscheidbar waren, Recht und Unrecht waren bis zur Unkenntlichkeit vertauscht worden, gab es nicht, schien es nie gegeben zu haben. Nur Räume und Zeiten sollten siegen über Räume und Zeiten, eine Behauptung sollte die andere besiegen, eine Geschichte die andere. [S. 185] Und welche erstaunlichen Bestimmungen steckten erst in diesem Hoffmann, welch eine triumphale Neutralität des Blicks durch den Sucher, solch eine brutale Zivilisiertheit? [S. 186] Viele Orte verschmelzen manchmal zu einem einzigen, an dem sich dann das Geschehen krümmt zu einem verwunschenen Symbol [ANH: “an dem sich dann das Geschehen zu einem verwunschenen Symbol krümmt”], das fortan in der Erinnerung schwer und alp[b]traumhaft einen festen Platz hat. [S. 190] Nur keine Besinnung aufkommen lassen, lieber und besser den schnellen, alles schnell abführenden [!] Meinungsstil schreiben, auf den Leser zu, damit die Schrecken nicht zu lange frei sich auswirken, sondern gebunden in der Sprache zu Sprache werden. Jeder Satz von brutaler Sachlichkeit, jeder Inhalt, auch der genaueste, eine völlig Anonymität. [S. 193] (…) das Gesicht konzentriert schön (…) [S. 202] (…) nur eine hohle Ungewißheit ging langsam in Magenschmerzen über; es war ein Kneifen wie von einem zahnlosen Tier. [S. 209] Die säuselnden Geschosse bedeuteten den Tod, aber sie bedeuteten ihn nur. [S. 210] Sie wußte alles, was ihren Angehörigen geschehen war, hob aber das Gesicht, so daß es ein Antlitz war, vor Entschlossenheit, das weder zu glauben noch zu verstehen. [S. 220] (…) die Temperatur der Flasche an der Wange prüfen. [S. 221] Leer, attrappenhaft, ja, wie eine Reihe von Fußmatten lagen die Tage vor ihm (…) [S. 228] (…) und vielleicht war der Gedanke nicht nur sentimental, sondern auch ein Bestandteil der Fälschung, des angeblichen Gewissens und seiner Erforschung! [S. 230] (…) es ging alles weiter, das knapp gewordene Brot wurde dennoch in ausreichender Menge beschafft, Feuer gemacht überall, Essen so rasch und gut als möglich darauf gekocht, viele setzten sich immerfort miteinander zu Tisch, gingen miteinander zu Bett. Es war das notorisch menschheitsgeschichtliche Weitermachen, der “Normalbetrieb” unter krassesten Bedingungen, wie er aus den Konzentrationslagern berichtet worden ist, wie er das Leben der Stadt London während der großen Pest (Defoe) bestimmt hat. Es ist in allen langfristigen Katastrophen vom “Normalbetrieb” des Lebens berichtet worden. Das Erstatten von Bericht ist jederzeit so selbstverständlich wie der Normalbetrieb. (…) Und alles sollte berichtet werden, erst dann war es endgültige Vernichtung, und darauf konnte alles erneut sich ereignen, besser, weil gewußter, geplanter und berichteter. [S. 241] Er fühlte auf der Stirn die feinen Schweißtropfen kalt werden (…) [S. 243] Der Wind stand dauernd dünn und kalt auf seinem Gesicht. [S. 245] Vielleicht sind die pathetischen Wörter hier die genauesten. [S. 261] Sie hatten die Schuhe ausgezogen und schauten in eine Ferne, die es nicht gab und die so leer, so umfassend leer war wie ihre Augen [ANH: “es waren”], in denen das Weiße die Iris und selbst die Pupille überzog. [S. 268][S. 275] Die Kinder allerdings warfen kleine urtümliche Schatten auf seine pure Gegenwart. [S. 277] Es gibt keine unmögliche Konstellation, die nicht schon Wirklichkeit gewesen wäre. [S. 287] Aber auch das ließ ihn schon beinahe kalt, auch darauf würde er mit einem verrutschten Lächeln antworten. [S. 288] (…) und der Text ihm erschien als poröse, wabenartige, geraffte und gekürzte Wirklichkeit, als die Wirklichkeit, und das, was wirklich geschah oder geschehen war, war die Illusion davon. [S. 295] Wenn sie jetzt gesprochen hätten, wäre es aus Verlegenheit geschehen, so schwiegen sie verlegen. [S. 310]

Und absolut großartig, wie Born ab S. 271 Todesangst orchestriert, aber daraus zitiere ich nichts, weil es eine Dynamik verriete, die ich oben angedeutet habe, ohne daß Sie es jetzt entschlüsseln können. Was so sein muß, weil Sie es selbst erleben sollen, unvorbereitet lesend erleben — nämlich dieses Buch.

Bestellen

***

So. – Eigentlich habe ich auch zu heute noch etwas schreiben wollen, diesen Text aber eben erst fertiggestellt, den ich gestern begann, und ich denke, er ist lang genug, um Sie zufriedenstellend zu beschäftigen, derweil ich selbst mich endlich wieder den Triestbriefen zuwenden möchte. Wozu ich nach dieser Lektüre endlich wieder Lust habe, auch wenn schon eine nächste begonnen ist. Doch über die werde ich in den kommenden Tagen berichten, Christian Berkels “Ada”.

Ihr, immer noch im Morgenmantel,
ANH
3. Oktober 2022, 10.55 Uhr

References

References
1 Seitenzahlen sämtlicher Zitate nach der Lizenzausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft, C.A.Koch’s Verlag Nachf., Berlin-Darmstadt-Wien o.D.

Safran ODER Zwei Tage mit Baskakova. Im für den 12. und 13. August geschriebenen Arbeitsjournal des Sonntags, den 14., zugleich als Tagebuch.

[Arbeitswohnung, 7:58 Uhr
Sommersonntagshitzestille, jetzt bereits am Morgen,
die von hie und da einem vorsichtigen Spatzenzwitschern
akzentuiert wird.]

“Ich habe Ihnen etwas mitgebracht”, sagte sie und zog aus ihrem nicht zu großen Tagesrucksack einen mehrfach mit Lebensmittelfolie, ein schließlich kleines flauschiges Kissen, umwickelten Flacon besten Safrans hervor, als sie bereits im Arbeitsraum stand, Tatiana Baskakova, meine russische Übersetzerin, die jetzt wie ich aufs Erscheinen des russischen Traumschiffs wartet. In Druck sei das Buch schon längst, aber wann es wirklich herauskomme, könne auch sie nicht sagen. Und mochte auch gleich über Argo sprechen, den dritten Andersweltroman, den sie aber als ersten ebenfalls ins Russische übertragen will und vom Verlag auch schon Interesse signalisiert bekommen hat. “Aber ich glaube, daß die Verlegerin erst einmal die Reaktionen aufs Traumschiff abwarten will.” Es sei doch ein allein vom Umfang enormes Buch – ökonomisch ein ziemliches Risiko, in diesen Zeiten zumal. Und, wie Sie mir tagsdrauf – bislang schreibe ich vom Feitagabend – im Pratergarten auf mein neuerliches Bedenken antwortete, ich wisse nicht recht, ob es funktioniere, den dritten Band einer Trilogie als ersten zu veröffentlichen: “Jeder Roman von Ihnen beginnt in der Mitte, und hier reizt mich, daß er ein tatsächliches Ende hat.” Das stärkste Argument, das ich bisher gehört habe, denn in der Tat läßt sich Argo nicht fortsetzen, es sei denn in sehr übertragenem Sinn etwa → durch den Friedrich. Zu dem sie dann ebenfalls einige Fragen hatte, auch, weil sie genauso nochmals zum Traumschiff, vor allem aber Argo und dem Wolpertinger fragte und schließlich, was kein Wunder ist, zu den Briefen nach Triest. Die mich weiter ganz enorm umtreiben. Aber dazu heute nicht.

Es war unsere erste Begegnung, Baskakovas und meine, also die erste physische; bislang haben wir sehr häufig und viele Mails ausgetauscht, teils auch netztelefoniert; eine Nacht lang — Sie erinnern sich, Freundin, gewiß — las Sie mir ihre Übertragung der zwölften Bamberger Elegie vor, der ich, obwohl des Russischen nicht mächtig, sehr gut folgen konnte, denn ich brauchte nur dem Rhythmus zu lauschen, zählte beim Zuhören mit. Die russische Fassung ist in Иностранная литература denn auch erschienen:

 

Ach, es waren noch andere, waren hoffnungsvolle Zeiten, die nun der Krieg zerstört hat. “Ich habe Freundinnen und Freunde, die nicht mehr übersetzen, weil es ihnen in diesem Unglück unmaßgeblich vorkommt. Doch ich selber glaube, die Menschen brauchen jetzt Literatur, brauchen sie sehr”, erklärte sie ihre Position, um gleich darauf zu fragen: “Was glauben Sie, wie lange der Krieg noch währen wird? Ich selber kann nichts tun, als meiner Arbeit nachzugehen.”

Ich hatte ein Abendessen vorbereitet, “soll ich die Kartoffeln schon aufsetzen?” “Lassen Sie uns erst noch sprechen.” Was wir taten, bis sie dann irgendwann sagte, vielleicht jetzt doch das Essen. Sahneheringe in Joghurt mit Apfelstücken, Zwiebeln, vielen, sowieso, teils als dünne Ringe, teils gehäckselt, einer Knoblauchzehe, einigen Scheiben eingelegter Gurken, eine – vorsichtig dosiert – gehackte Chili, Lorbeer, Wacholderbeeren, weißer Pfeffer. Und wir sprachen danach weiter, besonders über meinen literarästhetischen Ansatz, ich erzählte, wie wichtig es mir sein, jede Erzählung zu erden, und sei sie am Ende n o c h so phantastisch, “jeder Stein muß gelegen haben, wohin ich ihn erzähle, ich brauche immer” und legte sie, mich zur Seite beugend, da hin “eine Hand auf dem Boden”. Was ja, na sowieso, stimmt. — Irgendwann rief ich → Helmut Parallalie Schulze in Umbrien an, der übers Netz längst seinerseits Kontakt mit Baskakova hatte, doch ihr die Antwort auf eine Mail schuldig geblieben war, worin sie wegen des Umstandes nachgefragt hatte, daß ein Großteil des Romans in seinem → amerinischen Kaminraum entstanden war. Nun stellte sich heraus, er habe die Mail nie erhalten. Oder sie war sonstwie untergegangen. Noch einmal wurde die Geschichte des → Stotantomale-Kapitels erzählt, das der alten → Silvia Soldi, die drei Jahre nachher auch wirklich verstarb. Ihr nächtlichen Schreien erklärt sich Helmut so: “Sie hatte, glaube ich, Angst vor dem Tod.” Und er habe dann zugesehen, wie die gestorbene Greisin auf einer Bahre aus ihrem Haus in die Kirche getragen worden sei. Hier, über diesen kleinen Platz:

Für mich momentan alles sehr wichtig, weil die Triestbriefe in einem gewissen Sinn ans Traumschiff anschließen, sogar doppelt verankert, sowohl ästhetisch als auch privat, ebenso aber – in der Faktur – den Andersweltlogiken folgen. Und nachdem Helmut und Baskakova das Gespräch langsam beendet, schaltete ich nun noch den Arco-Verleger hinzu, diesmal qua Whatsapp-Video. Was prima war, weil er ihr unbedingt noch Bücher schicken will und dies nach Rußland derzeit nicht fumktioniert, allenfalls auf Umwegen. (Ein paar bekam sie selbstverständlich gleich hier von mir). Und selbstverständlich spielte in deren beider Gespräch, wie zuvor auch schon in meinem und ihrem, der Ausschluß russischer Künstlerinnen und Künstler eine Rolle, daß also allgemein ein Volk-als-‘Ganzes’ verurteilt wird, auch diejenigen Menschen, die Widerstand leisten oder es versuchen. Dieser humanistisch unwürdige Quatsch hat bei uns ja um sich gegriffen, bis hin zum ukrainischen Postulat, nicht mit russischen Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam aufzutreten. Es ist dies ein pures Unheil, das imgrunde eine, wenn auch brüchigere und erst einmal persönlich nachvollziehbar, Wiederholung des völkischen Gedankens des, Lars Hartmann, bleichen Lurches ist, seelisch eine geradezu Identifizierung mit dem Feind, “nur” halt gegen ihn gewendet. Banalste Psychologie, die mir als ukrainischem Künstler hochnotpeinlich wäre.

Es ging bis Mitternacht — zuvor muße sie noch ein Bild meiner Schaufensterpuppe knipsen. “Hat sie einen Namen?” “Nein, das käme mir übergriffig vor. Sie wissen doch, kennen Sie jemandes Namen, haben Sie über ihn Macht, oder über sie. Ich aber schätze an dieser Figur ihre auch deutlich gezeigte Distanz, ja sogar Abweisung, die sich schon in der rechten Handhaltung ausdrückt.” Im Geist der Triestbriefe gesprochen, hätte ich auch sagen können, daß sie, diese Puppe, derzeit meine Sídhe sei, wie schon zuvor immer mal wieder, und in diesem, dem Aspekt der geforderten Distanz, der → Liligeia durchaus ähnlich, nur daß sie sehr viel gibt, nicht nur nimmt. Nämlich Inspiration (für die wir allerdings, wie es die Triestbriefe zeigen, existentiell bezahlen).

Ich brachte sie noch zur SBahn-Station Prenzlauer Berg, wartete die Abfahrt der Bahn Richtung Charlottenburg ab und schlenderte durch die glitzernde Nacht wieder heim. Wir waren für den nächsten Nachmittag noch einmal verbredet, diesmal im sommers von mir wie von लक्ष्मी und unserem Sohn geliebten Pratergarten. Beide wollten dazukommen, लक्ष्मी sagte vormittags wegen Halsschmerzen ab, aber → Auxcapri erschien, nicht schon um fünf, doch eine Stunde später, und ich spürte, welche Freude die Begegnung ihm machte. Auch hier wieder – beim guten Praterpils, das ich dort stets mit zweidrei Spritzern Waldmeister mir versetzen lasse – Gespräche zu Argo, zum Traumschiff, zu den Triestbriefen und, als mein Sohn hinzugekommen war, auch über → seine Musik, seine Skepsis momentan. Er drehte ungeniert, wir sind in Berlin, einen Joint, auch ich nahm einen Zug, das Zeug hatte es in sich; ein zweiter hätt mich umgehauen. Na gut, waren ja auch schon zweieinhalb Halbe Bieres gewesen. So daß wir uns gegen acht Uhr dann trennten; Auxcapris machte sich auf den Weg nach daheim, ich brachte Tania noch an die UBahnstation Eberswalder Straße. Dann schritt auch ich, leicht wankend, aber frohen Muts zurück. Um den Helmi saßen die Menschen im Glück, überhaupt waren die Straßen himmlisch geflutet. Und aber zweitausend Kilometer entfernt wird gemordet, geschändet und sonstwie gequält, sich über die knapp tausend der bisherigen Frontlinie walzend. Glaubte ich an Gott, ich müßte stündlich beten.

Indessen s o — pflanz ich meine Apfelbäumchen, ganz wie Baskakova. Zu denen auch Bilder wie dieses gehören:

Ihr, liebste Freundin,
ANH

“Zeitenwende”. An einen Redakteur.

 

(…)

haben Sie großen Dank für Ihren Brief vom 28. Juli, tatsächlich Brief, dergleichen hier kaum noch eingeht, von <lacht> Rechnungen und Mahnungen einmal abgesehen. Ein gutes Gefühl, so etwas einmal wieder öffnen zu dürfen – und dann noch eine solch ehrenvolle Einladung. Die ich gerne annehme, auch wenn ich die in diesen Wochen so oft ausgerufene „Zeitenwende‟, daß sich von einem Herbeibeschwören sprechen ließe, viel früher diagnostiziert habe, nämlich für spätestens die Neunzigerjahre. Was danach gekommen ist, scheint mir einer fast strikten, sagen wir, Geschichtslogik zu folgen, wobei auch hier davon abgesehen, nämlich ausgeklammert werden muß, daß es sich bei solchen Diagnosen um reichlich europa-, bzw. westzentralistische Perspektiven handelt. Den, um Sie zu zitieren, „Beginn eines neuen Zeitalter‟, einer gar „neuen Ära in der Menschheitsgeschichte‟ kann ich etwa für Afrika, weite Areale Asiens, aber auch Südamerika nicht sehen. Und daß sich geopolitisch Hegemonien verschieben, kommt mir mitsamt allen Brutalitäten wie geradezu eine ihrer, der Menschheitsgeschichte, Konstanten vor. Eine Zeitenwende jetzt hätte stattgefunden, wäre die in den vergangenen Wochen so häufig geschmähte und sogar beschuldigte Friedensbewegung weltweit erfolgreich gewesen, der ich zeitweise – wenn auch höchst, wie meine Bücher zeigen, skeptisch – zugehörig war und innerlich verpflichtet bleibe.

(…)

Briefe nach Triest, 52. Neuschriften (3). Mit einer Vorbemerkung: Aus dem dreiunddreißigsten Brief.

[Arbeitswohnung, 11.05 Uhr
Gubaidulina, Bratschenkonzert]

Das, Freundin, nach diesen sieben Jahren schwerst zu lösende Problem meiner Arbeitswiederaufnahme des Triestbriefromans besteht darin, daß es mir unmöglich ist, einfach so wie vorher weiterzuschreiben, während gleichzeitig dieses Kriegsmorden  brandet; stets habe ich meine Arbeit auch als eine Zeitmitschrift verstanden: Ohne das Völkermorden auf dem Balkan hätte es “Thetis” nie gegeben, jedenfalls nicht so, wie der Roman heute ist. Anders kann ich es auch mit dem brutalen Stellungsschlachten, einem tatsächlich Völkervernichtungszug, nicht halten[1]Genauso muß auch Corona ihren Platz in den neuen Briefen finden, auch sie uns sommerhalber grad mal etwas in Ruhe läßt.… auf gar keinen Fall. Im folgenden eine Passage, in der ich es schon mal versucht habe und aus der vielleicht ein wenig deutlich wird, wie notwendig ich das Motiv als texttragend einkonstruieren will:

[Aus dem dreiunddreißigsten Brief:]

(…)

Nicht nur ich, Du Elbe, habe das Geheimnis gespürt, das aus dieser entfernt an denSchwanendreher‟ erinnernden Musik weht, die auch tatsächlich eines der Motive Hindemiths zur Grundlage nimmt, nämlich die beiden im zweiten Satz des Stücks in Klänge gesetzten Verse des Volksliedes Nun laube, Lindlein, laube1, was anfangs aber eher in der berückenden Manier Gubaidulinas verarbeitet wird, in die dann pervers so etwas wie Schnittkes sogenannte Polystilistik hineinknallt, die sich zu einem brachialen frühpenderckischen Cluster sozusagen ausflacht, doch aufgebläht zu ungeheurem Lärm. Dennoch spielt die Bratsche mittendrin rasend virtuose Läufe, die bloß kein Mensch mehr hören kann, rein akustisch, meine ich. Die Zimmermann muß auf dem Podium wie die besessene Bratschistin in einem Stummfilm ausgesehen haben, dessen Begleitung aus einem puren Getöse besteht, anstelle vom Klavier zu kommen. Denn nicht nur das eigentlich kleine Ensemble veranstaltet den Krach – es soll im fortissimo ad lib. gespielt werden, und zwar in stark schwankenden Tonhöhen –, vielmehr wurden über Lautsprecher Baustellen- und Verkehrsgeräusche ins Festspielhaus noch hinzuübertragen und aber auch Maschinengewehrsalven, Kanonendonner, Bombeneinschlagskrachen sowie Schreie über Schreie knapp vier Jahre vor diesem unseligen Krieg, der es nämlich ebenfalls sein kann, was Lars mich Dir jetzt wieder schreiben läßt. Er hat es nicht gesagt, nein, wie sollte er? Aber ich kann mir nichts anderes denken, der ich doch selber solch eine Angst vor allem um meine Zwillinge habe. Wie hätte da er gleich nach des bleichen Lurches, wie Bersarin Hartmann ihn nennt, erster Nukleardrohung nicht um Dich fürchten müssen, das ihm, von Larssohn abgesehen, Allernahste? Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß, sollte Rußland diesen entsetzlichen Feldzug verlieren und sich nicht nur zurückziehen müssen, sondern sich nun seinerseits unterlegen angegriffen fühlen, sein Nukleararsenal in Stellung und zum Einsatz bringen wird. Dann wäre das Land zwar immer noch verloren, wir wären’s aber auch und mit uns alles andere. Also liegt es doch nahe, daß Lars durch mich den Kontakt wieder aufnimmt oder es zumindest versucht, und sei es nur, um Dich vor unser aller Ende vielleicht doch noch einmal zu sehen. Selbst, wenn nur ich es wäre, der Dich sähe. Denn wirklich, ich hab jetzt sofort mit dem Gedanken gespielt, nach Triest zu reisen, was ich ja sowieso vorhatte, erinnere Dich, Lars’ens dreißigster Brief[2]Der Link führt auf die erste, nicht die überarbeitete Fassung dieses Briefes, nur daß es nun nicht „im März‟ sein wird, der liegt ja Jahre hinter uns, sondern wahrscheinlich der kommende September. Wenn dies hier ein Roman werden soll, muß ich die Handlungsorte wirklich sehen. Du kennst doch meine Arbeitsweise, wenn Du mich hast sogar doch übersetzen wollen. Hat Lars mich damals angeschwindelt? Unwichtig, übelnehmen könnte ich’s ihm eh nicht mehr.

(…)

1 „nicht länger ich’s ertrag,/ … / hab gar ein traurig Tag.‟

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References

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1 Genauso muß auch Corona ihren Platz in den neuen Briefen finden, auch sie uns sommerhalber grad mal etwas in Ruhe läßt.
2 Der Link führt auf die erste, nicht die überarbeitete Fassung dieses Briefes
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