Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

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>>>> Béart 55 (folgt)
Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

ANH an Liligeia, neunter Brief. Aus der Nefud, Phase III (Tag 12): Sonnabend, den neunundfünfzigsten Krebstag 2020.

[صحراء النفود.عالم آخر
15.15 Uhr, 71,7 kg
Peter Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 6]

Ach Krebsin,

nun meldetest Du Dich gestern doch wieder — erwartungsgemäß, ich weiß. Es war ja immer bisher so, daß Du wieder spürbar wurdest, sowie sich die Zytostatica verliefen und meinem Leib Erholung vom chemischen Beschuß zuteil werden sollte, damit Erholung aber eben auch Dir.  Und da nun habe ich, ausgehend von Deinem (ich muß ihn nach wie vor so nennen) → “Haßbrief” des 22. Mais, vielleicht etwas fehlinterpretiert. Nahm ich nach der zweiten Chemo noch an, Du wollest Dich jetzt für die vorausgegangene Unterdrückung an mir rächen, kam mir vorgestern bei meinem Abendgang, als Du Dich unversehens mit einem heftigen Schmerzschwall meldetest, der mir sogar ein bißchen die Luft nahm (ich blieb aber nicht stehen, setzte mich nicht, lasse mich nicht nötigen, spazierte möglichst lässig weiter) … also da kam mir ein ganz anderer Gedanke. Was offenbar bedeutet, daß ich mich in Dich einzufühlen beginne. — Meine Güte, mußte ich unerwarteterweise denken, da hast Du Dich unterm nefudschen Dauerbeschuß neun oder zehn Tage lang ducken müssen, tief ducken, und Dich vielleicht auch schrumpfen lassen, einfach, um weniger Fläche zu zeigen, die sich weiter derart quälten läßt, hast Dich also mindestens ebenso zusammengenommen wie ich es nun auf diesem Spaziergang tat, beide sind wir enorm stolz und zeigen keinen Schmerz, wenn’s nichts als Mitleid brächte … — und da läßt der Beschuß langsam nach, Du bekommst wieder Luft, darfst sogar die Lungen so sehr füllen, daß Du Dich ausdehnst, aber dabei merkst, daß Du den fast schon ein bißchen den Halt verloren hast. Weshalb Du Deine Beine neu in mein Organfleisch gräbst, nicht um mir wehzutun, bewahre, einfach, um nicht wegzurutschen. Jeder Bergsteiger schlägt so im Hang die Haken ein. Und wenn wir uns Deine Beine anschauen, ja, dann ist, daß es wehtut, einfach eine unumgängliche Folge, die mit Absicht überhaupt nichts, doch mit den Spitzen Deiner Spaltbeine alles zu tun hat. Du brauchst einfach festen Halt: meine Schmerzen sind da nichts anderes als die sozusagen Schläge ins Kissen, das Du nach einem ziemlichen Albtraum erst einmal wendest, um Kühle zu bekommen und endlich auch erholsam Ruhe zu finden.
Gut, Lilly, ich meine, wissen können hättest Du’s natürlich schon und mir vielleicht eine kleine, Dich ein bißchen entschuldigende Nachricht schicken können. Andererseits gehe ich davon aus, daß Du nach wie vor, besonders wegen der bereits am Dienstag anstehenden nun schon vierten (und präoperativ letzten) Chemo, sauer auf mich bist. Du meldest Dich ja auch gar nicht mehr. Dabei kommen wir Aqaba näher und näher. Vergiß bitte nicht, daß diesmal auch ich unter den Zytostatica ein bißchen was zu leiden hatte; als wir die ersten zwei Höllenkreise durchquerten, war das noch nicht so gewesen; ach, hatte ich nach der ersten gedacht, das sitzt du doch locker auf einer Arschbacke ab. Auf einen über Jahrzehnte trainierten Körper lasse sich’s schon verlassen – was eben übersieht, daß auch Sportler sich vergiften lassen. Nun jà, und schon diese dauernde Kraftlosigkeit in den vergangenen Tagen, dieses ständige michhinlegenMüssen — bizarr für einen ADHSler wie mich! Und dennoch aber, ich gebe es zu, ausgesprochen wohl sedierend, wenn ich mich mit den Kopfhörern legte und nur noch auf die Musiken weniger am Unwohlsein vorbeikonzentrierte, als es vielmehr transzendierend, weil sich die in Schmerz- und ähnlichen Zuständen spürbar insgesamt gesteigerte Empfindsamkeit tatsächlich ausrichten und fokussieren läßt, so daß, was uns eigentlich quält, in die Lust an neuen Wahrnehmungen umschlagen kann und es auch tun wird, wenn wir uns genügend konzentrieren, d.h.: im Willen diszipliniert sind. Da es nicht um Aktivität, sondern um kontemplative Wahrnehmung geht, die keiner zusätzlichen Energien bedarf, ist das sehr gut möglich.

Und heute, Du Liebe, hast Du ohnedies mehr als ein Einsehen. Da ist unversehens gar kein Schmerz momentan, und meines lieberen-als-Du-bist-Röhrerichs stoisches gleichsam Rollen in den Dünenwellen erlebe ich völlig ohne Übelkeit. Außer dem Dronabinol nahm ich seit Aufstehen gar kein anderes Medikament, radelte zum Markt für Käse und Obst, zum Fischhändler für Sashimi (teils schon mittags verfuttert), mein Appetit ist ja zurückgekommen, ich will wieder auf die 74 und möglichst noch zwei Kilo drüber hinaus, damit ich, wenn wir uns in Aqaba umklammern werden, genügend eingelagerte Energie freisetzen und Dir dann auch geben zu können. Nein, ich werde Dich nicht allein lassen, auch nicht in solch einer Situation … — Hà!

Hà! —

Was paßte jetzt besser als, da das Streichquartett verklungen, das da (mir von einem Leser zugesandt):

Mozart, Don Giovanni, → MUSICAETERNA, Currentzis (Nov.-Dez.2015)

“Là ci darem la mano” … und auch, meine Erde, will mir dieser berühmten Oper komplette Titel auf witzigste Weise passend erscheinen: IL DISSOLUTO PUNITO, also “Der bestrafte Wüstling” – was dann mich meint, den Du, bevor ich noch “Perdono” sagen konnte, bestraft  mit Dir hast. Doch ist es ein Irrtum anzunehmen, es stünden Wüstlinge (schau an, schau an, صحراء النفود) auf sanfte Geliebte … nein, mein Mäuschen, sie lieben es heftig und wild. Da wollen Deine, wie hieß es oben nochmal? …. Spaltbeine, ja, sogar besonders gut mit ihren Krallenspitzen passen, ganz wie die Schmerzen, die sie erzeugen. Und meine Güte, gleich dieser Einsatz .. und mit welcher Dynamik! Da fliegen fast die ProAcs weg oder flögen auseinander, explodierten quasi, wäre nicht die → “build quality alone (…) unsurpassed”; tatsächlich haben die Brackleyer Klangtüftler “each cabinet (…) meticulously constructed, damped and finished in real wood veneer”. Davon habe nicht nur ich etwas, auch Dir, meiner Lilly, kommt es zugute. Und wirst Du mir also wie → in Mozarts noch größerer Oper, wenn ich ums “Perdono” gebeten haben werde, mit der Almaviva wundervollem “Più docile sono, e dico di sì” antworten? Anche Lei è docile, Contessa Cancromio? Ah, sein Sie’s mir … nein: Sein Sie’s bitte – uns.

Aber selbstverständlich, Lady, ist jeder meiner Spaziergänge eine Vergewisserung und empfunden fast mein letzter. “Werde ich auch die nächste Spargelsaison noch erleben?” frug mich gleich am Abgang zur S Schönhauser der kleine Gemüsestand, ohne daß der dahinter stehende orientalische Verkäufer etwas davon ahnte. Und unbedingt werde ich noch in den seit gestern öffentlich → erweiterten Mauerpark flanieren, morgen vielleicht, vielleicht schon nachher; wann, hängt davon ab, wie schnell wir weiter durch die Wüste kommen: die nächste Pforte, in den vierten, ich möchte gar nicht mehr schreiben: Höllenkreis der Nefud; der dritte war auch ohne infernalen Namen anstrengend genug … — diese nächste Pforte zu erreichen also, sei besonders kompliziert. Sie offenbare sich nämlich nicht gleich, erklärte erklärungslos Faisal und beließ es dabei. Wir müßten allerdings noch einen Umweg nehmen.
Nachfragen wollte ich nicht. Einem Araber lästig zu fallen, geht, wie Du wahrscheinlich weißt, mit bleibendem Ehrverlust einher. Immerhin hat mir Faisal den Umweg erklärt: Er habe einen chinesischen Kollegen um Consilio und Mittherapie gebeten, nämlich wegen meiner strahlungshalber anhebenden Neuropathie; tatsächlich sei es aber eine Kollegin, die sich, wie eine Heilerin der Vorzeit, als sozusagen Anachoretin tief in die Wüste zurückgezogen habe. Es ließe sich auch von einer Zauberin sprechen, die auf ihm, Faisal, nicht recht nachvollziehbare Weise Nadeln zu setzen verstehe, was der Erkrankung aber nachweisbar Einhalt zu gebieten verstehe, sie zumindest mildere. – Weshalb mußte ich da sofort an → Marah Durimeh zurückdenken? Ja, es schien mir völlig auf der Hand zu liegen, daß es sie, niemand anderes, sein würde. Aber das sagte ich nicht, sondern ließ mir weiterklären, daß – denn in der vierten Phase setze die Nefud dem weil chemisch sowieso schon geschwächten Körper noch einmal ganz besonders zu – er, Faisal, es für nachdrücklich geraten halte, die Hilfe dieser Durimeh in Anspruch zu nehmen, und zwar bevor wir den Vierten Höllenkreis erreichten. Sie erwarte uns übrmorgen zu … hat er wirklich “High Noon” gesagt? Nein, das wäre → ein anderer Film – mit allerdings einer anderen Anima als, Li, Dir, deutlich einer meiner nämlich Kindheit. Dieser Frau (dieser Imago – wie die Béart ist auch sie alleine innenmedial) habe ich im ersten → der beiden Septimebände mit der Sabinenliebe ein zartes, ich hoffe: voll Achtung, Denkmal gesetzt.

Das – die ich sage einmal Akupunktur – haben wir beide jetzt also auch noch vor uns. Deshalb laß uns diesen schönen Sommertag genießen, 32 Grad hat es draußen, ebennun am Sonnabend um fünf. Für zweidrei Stunden heißt ohnedies beinah jeder Abend in der Nefud — Berlin.

Deiner, Ihrer:
ANH

 

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Achter Brief an Liligeia<<<<

Schwindelritte und fast Sturz bei Ave Stella Maris. Aus der Nefud, Phase III (Tag 6): Sonntag, den 21. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 53. Darinnen Die Brüste der Béart, 52.

[صحراء النفود.Anderswelt, 12.10 Uhr (Mittagslager)
Peter Mawell Davies, Ave Maris stella für Klavier, Klarinette, Flöte, Marimba, Bratsche und Violoncello (1976)]

Denn das wurde mir gestern völlig bewußt, daß ich das gesamte Wortmaterial des Ave  Maris stella in das letzte Béartgedicht einbauen muß, wobei mir noch nicht klar ist, nach genau welchen formalen Gesichtspunkten; aber alleine dieses garantierte die Ersetzung des monotheistisch-patriarchalen Konzepts durch eine matriarchale Grundbewegung (der übrigens die Trinität im Christentum ausgesprochen entspricht – bis zu Annaselbdritt und den vorhergegangenen ähnlichen Formen etwa der drei Nornen sowie Kore/Persephone als sowohl Toten-, Unterwelt– wie Fruchtbarkeitsgöttin.
Daran habe ich gestern, soweit es mir möglich war, den ganzen Tag über gebastelt — was ‘nachgesonnen’ bedeutet, während ich alle Mühe hatte, auf meinem Röhrerich sitzenzubleiben, der unversehens alles andere als noch ein Rih! war, statt dessen nix als schaukelndes Grauen. Denn habe, bzw. hatte ich die ersten beiden Höllenkreise der Nefud als höllisch imgrunde nicht erlebt, kam nun, nach التميمي und وادي جريفز , das sozusagen dicke Ende nah. Zwar, wie nach Einritt in den zweiten Höllenkreis war mir abermals, als wäre ich permanent bekifft, nun aber nicht mehr in dem angenehm sozusagen sensationsreichen Modus neuer Erfahrungen, sondern belastend, niederdrückend, fast ein bißchen paranoid, doch körperlich-paranoid. Nicht mein Geist drehte durch, sondern gleichsam streckt mein Körper alle Viere von sich. Ergab such. Was auf keinen Fall sein durfte, geschweige so bleiben kann. Wie dick allerdings es noch werden wird, keine Ahnung. Doch schrieb ich Ihnen, Freundin, → schon gestern, wie schwer es gerade ist und daß ich nun doch auf einige der Medikamente zurückgreifen mußte und muß, die Faisal gegen die Strahlungen mitführt. Zwar, die blauen Fische vermochte ich nach wie vor zu vermeiden, doch zum Novamin mußte ich gestern gleich dreimal greifen, zweimal in der Tropfenform, einmal als Tablette; der Druck auf der Brust war zu stark. Dazu, was mich wirklich kirre macht, die geschwollenen Füße, die aber selbst morgens, wenn sie nach der Ruhe abgeschwollen sind, weiterhin kribbeln, zugleich sich taub anfühlen und mich ziemlich unsicher auftreten lassen.
Am unangenehmsten allerdings ist die Kraftlosigkeit, die mich vorgestern und gestern geradezu in sich eintunkte, so daß ich auf mein Dromedar erst gar nicht draufkam. Jedenfalls nicht ohne Hilfe. Vielmehr mußten mich Ihn Gamael und einer der Scouts geradezu hochheben und draufschieben, wiewohl Röhrerich doch zum  Aufsitzen lag, und mußten mich erneut im Sattel festbinden, der ich noch dagegen ankämpfte, mich zu übergeben (was ich tatsächlich in nur äußerstem Notfall tue; eher dekontaminiert mein Stoffwechsel, was mich gefährdet). Dann war fürs Übergeben keine Zeit mehr, weil Röhrerich schon losgetrottet war und ich das arme treue Tier nicht beschmutzen mit mit wollte; schon gar nicht sollten die Gefährten zu Zeugen meines Selbstverlustes werden, nämlich an Haltung. Wie sagt bei Niebelschütz der Graf Godoitis? “Dafür war man ja ein Herr, daß man Katastrophen mit sich selbst abmachte.”
Dennoch sackte ich mehrfach während unseres Tagesrittes hinweg, der bei gelbem, undurchdringlichem Licht eine unendliche Hitze durchwankte; zweimal kam ein leichter Sandsturm auf, ich ließ mich einfach nach hinten fallen, die Kopfhörer auf den Ohren, so lag ich, stellte ich mir vor, dreimal je mehr als eine Stunde geschlossener Augen auf meinem Lager und hörte erst Maxwell Davies’ beinah psychedelisch wirkenden Naxos-Quartets, dann seinem, ecco, Ave Maris stella zu, von dem ich anfangs hoffte, es vertone direkt → den Text – doch auf Latein? auf Englisch? welche Wörter verwendete er? – Keine, leider, es ist ein Instrumentalseptett. Doch meine lauschende Meditation half bereits sehr, übrigens auch dabei, mich meinen eigenen, den physischen Zustand so sehr vergessen zu lassen, daß ich sogar die Nefud-selbst vergaß und, als ich abends unter meinem Zeltdach in die Teppiche  schlüpfte, nichts anderes als ungefähr sechs Stunden so unentwegten wie nahezu ausschließlichen Musikhörens in der Erinnerung hatte  das allerdings von dem rhythmischem Klopfen strukturiert war, mit dem ich, ganz offenbar im Sattel noch, mögliche Verswörter hier- und dorthin gesetzt hatte. Wo sie aber wahrscheinlich nicht blieben, weil ich weit von jedem Zustand entfernt gewesen war, der es hätte möglich sein lassen, auch nur kleine Notizen ins Handmanuskript zu kritzeln. Sowas ist auf einem Dromedar eh schon schwer genug. Aber ich fand es in meinem Zustand auch überhaupt nicht, also das Manuskriptbuch; erst als wir am Nachtlager angekommen waren, noch war es hell, und ich mit den vereinten Kräften der Freunde von Röhrerich herabgezogen und vor mein Zelt erst einmal hingesetzt worden war, fand ich es gleich neben mir im Sand und nahm es auf, um endlich jetzt die nötigen Notate einzufügen:

 

 

 

 

 

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>>>> Béart 53 (folgt)
Béart 51 <<<<

Dann sackte ich bereits nach hinten quasi weg. Der Schmerz hatte wieder begonnen.
Faisal ließ dreißig Tropfen sich in die Mulde eines Holzlöffels  fallen, und später, statt, wie normal zur Nacht, Cagliostros THC, gab es eine Zolpidem, die mich tatsächlich auch durchschlafen ließ – abermals bis sieben Uhr in der Frühe. Da waren auch meine Füße wieder abgeschwollen, sahen richtig schön aus, gliederig, wie es sein muß, doch ohne daß dieses Kribbeln aufgehört hätte, das sich wie eine Ameisenstraße durch das rundum unheimliche Taubseins wegen der möglicherweise beginnenden Neuropathie hindurchbewegt, vor der mich Faisal als einer Auswirkung der Wüstenstrahlungen gleich zu Beginn schon gewarnt hatte. Da war er noch Professor Josting gewesen. WIe auch immer, ich war und bin nicht unvorbereitet. So daß mir vorhin der Rat einer diese Reise still begleitenden Freundin genau richtig einzutreffen schien, wiederum eine ihrer Freundinnen aufsuchen, die, so ließ sie mich wissen, in Berlin praktiziere und deren chinesische Akupunktur sich “bei diesen Indikationen und gleichzeitiger Chemotherapie als sehr wertvoll” erwiesen hätten.
Sowie zurück in Berlin, werde ich dem gerne, sehr gerne nachkommen. Danke, ein  großes Danke schon einmal dafür.

Allerdings, es ging mir heute vormittag insgesamt wieder deutlich besser; die Allgemeinschwäche ist weiterhin spürbar, ja, doch sehr viel geringer als gestern. Und die ständige Nasenbluterei hat aufgehört, was ausgesprochen angenehm ist. Dennoch kann ich die Siesta gleich gut brauchen. Zumal ganz ohne Schmerzen. Noch auch sind die Füße nur noch schon leicht geschwollen (“noch schon“!), nicht so elephantiatisch wie gestern abend. Was sich im Anschluß an unseren, nachher, Nachmittagsritt leider, fürchte ich, wieder geändert haben wird.

Wir werden freilich sehen. Denn → das da, leider, stimmt.

ANH
Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 4

[19.31 Uhr, Abendlager]

Meine Güte, sie haben mich nicht wachbekommen … nach mehr als zwei Stunden nicht! Aber wir hätten weitergemußt. Also haben sie mich – erzählten sie, ich kann es nur glauben – zu dritt ans Kamellager getragen und auf Röhrerich – – –  draufgebunden! Nicht zu fassen. So sei es dann ab- und weitergegegangen.
Zu mir kam ich erst irgendwann auf dem Weg. Da war es bereits halb siebzehn Uhr. Es war, als hätte man mir Zeit aus meinem Leben herausgeschnitten, die nun hinter mir in der Wüste verdirbt. Es wäre doch Béartzeit gewesen! Oder hat in der Absence mein poetisches Gehirn einfach weitergedacht? Doch bleibt das Gefühl einer für immer verlorenen Zeit.
Aber vielleicht, daß jemand anderes sie eines Tages findet, der an der “richtigen” Düne vorbeireitet, und da leuchtet sie ihm derart entgegen, oder ihr, daß sie Halt macht, behend vom Rücken ihres Dromedars rutscht, die paar noch fehlenden Schritte tut, sich vorbeugt, bückt und die verlorene Zeit aus dem Sand herauszieht, um sie zu sich zu stecken und fortan am Herzen mitzutragen.
Dieser Wunsch, der erlebte Fantasie ward, milderte meinen Verlust ganz enorm. Und dazu auch noch das:

Da möchte ich jetzt gerne → allein mit Othmar Schoecks op.70 sein und mir dazu leise, leise das Abendessen richten —

Auch ich war in Arkadien ODER Die Gärten der Nefud: Aus der Nefud, Phase II (6, Tag 9). Als Krebstagebuch vom Morgen bis zum MIttag des Mittwochs, den zweiundvierzigsten Krebstag 2020, geschrieben.

 

[صحراء النفود, Morgenlager
7.15 Uhr, 74.5 kg]
[Peter Maxwell Davies,
Symphony III (1984)]

Wir sind etwas spät heute dran, aber was ich sofort bemerkte,, als ich zwischen meinen Teppichen unter dem sandleuchtenden Planenhimmel meines Zeltes erwachte, war eine mir unterdessen ungewohnte Klarheit, die, möchte ich sagen, feste Kontur, die die Gegenstände sogar hier drinnen angenommen hatten. Daß außen in der Wüste nichts wirklich fest ist, wundert uns nicht; auch sie ist ein Meer, das, wie wir spätestens → seit Thomas Pynchon wissen, von Untersandbooten durchpflügt werden, die wir deshalb nie bemerken, weil sie nur selten in Flachsand, statt dessen meist in großer Tiefe tauchen, nicht selten in Höhe der Erdölblasen, wo es allerdings ausgefuchster Lotsen bedarf. Jedenfalls kann ich mir moment  überhaupt nicht mehr vorzustellen, daß sich die drei Sitzpuffs dort nicht verrücken, ja nicht mal anfassen ließen. Ich kann es sehr wohl, sie anfassen, und habe es eben, einfach für meine innere Sicherheit, erfolgreich probiert. Verrücken läßt sich auch der kaum zwanzig Zentimeter hohe, doch bestimme einen halben Meter umfangende Tisch mit den bunten Glasarbeiten in der von silbernen Mäandern aus Kalligraphien eingefaßten Ebenholzplatte; hauchdünn muß sie aber sein, sonst wäre er nicht so leicht. Doch die schmalen, entspiegelten Teegläser in ihren durchbrochenen, rosanen Bechern trägt sie wie das zum Service gehörende Kännchen. Das ibn Gamael oder jemand anderes unserer … ich schreibe so ungern “Diener”, und “Bediensteter” ist häßlichst abstrakt, zumal mit fiesem Doppelsinn in der weiblichen Form, sofern wir nicht das aber dann noch abstraktere “Bedienstetin” verwenden … – oder also jemand anderes hat das Kännchen bereits vorbereitet, während ich noch schlief. Wiederum Faisal kommt, wenn unser Nachtlager so lange steht, stets erst gegen neun zum Gespräch, auch zur Andacht. Mitunter fällt er in Abwesenheit, dann, spüre ich, spricht er mit seinem GOtt, oder dieser hat sich an ihn gewandt. Diese, ich schreibe einmal, Absencen sind ihm nicht unangenehm, auch nicht zu privat. Im Gegenteil scheint meinem Freund gerade der ihnen zugrunde liegende Glaube nicht nur Grund, sondern auch die Notwendigkeit zu sein, sie niemals zu verbergen. Herodes Satz, über Jochanaan, fällt mir da ein, wiewohl Dr. Faisal nun ganz sicher kein Prophet ist, auch wenn er, wie bisweilen gesagt wird, im Nebenberuf politische Ambitionen habe; sie seien seinen an den Einzelpatienten orientierten medizinischen Interventionen, wenn auf die ganze Gesellschaft übertragen, durchaus kongruent. “Der Finger Gottes hat ihn berührt!”

The finger of God has touched him, → Wilde. Und noch eine Li! Ah, verstehen, Freundin, Sie? Das Wadi der Verstrickungen — DIE STÖRUNGEN DER SALOMÉ: LULU sollte ein Performance-Theaterstück heißen, das ich in den frühen Neunzigern vom Verlag der Autoren bereits in Auftrag hatte, doch wegen des damaligen noch Mißerfolgs meiner UNDINE niemals fertig stellte, die ja erst fünfzehn Jahre nach ihrem Erscheinen → uraufgeführt wurde und aber auch da nicht von einem großen Theater, sondern dem allerdings hinreißend engagierten Off-Ensemble der Gütersloher Weberei. Auch sie, wenn auch in sehr viel milderem Sinn, auch Undine also ist eine Li – nur möchte sie nicht töten, sondern raus aus der mythischen Bestimmung. Was ihr wie uns mißlingt —

— und somit  mich aufs Thema der Nebenwirkungen zurückbringt. Nun jà, sie sind nicht schlimm, erzählte ich gestern ich weiß nicht mehr wem, sondern in meinem Fall allenfalls lästig. Genau, das sei das Wort (und ist es), lästig. Etwa die dauernde Nasenbluterei, wenn ich schnaube; nur aber dann, tatsächlich. Schnaube ich nicht, juckt es bloß, doch ebenso dauernd. Nett ist die Parallele am untren Ausgang gegenüber, immerhin dort ohne Blut. Doch die Schleimhäute sind ziemlich angefaßt, schnell wachsendes Gewebe eben, das von der Chemo abgeschossen wird. Gestern abend dachte ich sogar, auwei, jetzt sind die Augenbrauen doch noch dran. Sie wirkten lichter an den Seiten. Ich zog an ihnen, ob sich etwas wegfluffen lasse. Nö, hielt. Auch jetzt sind sie noch da. Aber vielleicht doch etwas lichter. Hm.
Was ich definitiv sagen kann, ist, daß der Bartwuchs deutlich nachläßt; es reicht momentan, mich alle zwei Tage zu rasieren; normalerweise muß ich es, gehe ich abends nich aus, stets ein zweiten Mal tun. Und gestern bei der Fußpflege … — Fußpflege? Wie? In der Nefud? Ich kann mich nicht erinnern, eine … – egal. Faisal fragen. Moment, ich notier mir das eben, vielleicht kommt auch Vergeßlichkeit, ein bißchen aber nur, hinzu. Also meine Fußpflegerin, die da erst von Liligeia erfuhr, bemerkte, es sei auch auffällig wenig Hornhaut diesmal an den Füßen. Wobei ich genau da, als ich bei ihr saß, meiner Krebsin Nachricht mit dieser Frucht bekam. Ja, → Sabine Scho, an eine Papaya hab ich auch zuerst gedacht: Dann aber …. Phyllis Kiehl, abends in Facetime, nannte es ein Drachenei, indessen ich selbst, oh Li, erneut an → SPECIES denken mußte, Sil, und dachte an den Kokon, der das → Wadi der Verstrickungen in einem gewissen, nein, ungewissen Sinn mit Sicherheit gewesen ist. Den ganzen Tag über hing es mir nach, hing er pulsend in mir, und nachdem bei der Fußpflegerin wieder hinaus war und auf Röhrerich stieg, der liegend-sanft gewartet hatte, und als das riesige Tier dann zu schwanken begann, führte sie, die Frucht, zu unentwegten Erscheinungen, wie sie in einer Wüste wahrscheinlich noch niemand so gehabt. In keinem Fall, auch nicht bei Pynchon, habe ich von dergleichen gelesen, auch schon bei Karl May nicht (Durch die Wüste, 1892), weil, wahrscheinlich, in seinen Quellen-Baedeckers von den verwunschenen Pfaden nirgends was zu lesen war, noch vierunddreißig Jahre später in Thomas Edward ben Iinjiltiras → SEVEN PILLARS OF WISDOM, derer nun aber ich auf jeden Tritt Röhrerichs gewärtig wurde. Eben noch stehen mir im Osten an die fünfzig Meter hohe Dünen zur Seite, muß ich nur das Gesicht nach Westen wenden, um einen Vorhang Grüns zu erkennen in den hinein ich Rih denn auch treibe. Schon öffnen sich die verschwiegendsten Wege meditierender Parks.

Nein, es sind dies keine Oasen; zumindest den Beduinen wären sie bekannt. Vor allem sehen aber die Gefährten sie nicht; Faisal läßt sich nur gerne erzählen und notiert dies und das in seinem Merkbuch. “Keine Araber liebt die Wüste”, sagte er, “aber was Sie nun zu sehen bekommen, liegt vielleicht genau daran.” Ich hätte entgegnen können, daß Lawrence, der die Wüste liebte, auch keine Gärten gesehen hatte. Doch schluckte ich die Bemerkung nicht nur deshalb hinunter, weil damals die → FLOT-Prozedur noch nicht bekannt war, von der eine Freundin mit die durchaus arabesklen Zeilen schrieb:

Hinter der Entwicklung des FLOT Schema steht ein ungewöhnlicher 50 jähriger (arabischer/ palästeninscher Herkunft) Professor, der Gedichte schreibt und malt und der ärztl. Direktor des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main ist. Auf AEG Tumore spezialisiert, hat er die Kombi ab 2003 entwickelt und betreut mehrere Multi-Center Studien: Prof. Dr. med. Salah-Eddin Al-Batran. Sie tragen alle wundersame Namen: Renaissance (FLOT5), Petrarca (FLOT6), Ramses (FLOT7), Dante (FLOT8).
Vielleicht auch das eine Option, mit den behandelnden Ärzten zu besprechen, ob die Rekrutierung in eine der derzeitigen Studien in Frage käme, sobald die Immunhistochemie bekannt ist, bzw. der Herceptin-Status.

Wie auch immer, statt realistisch zu sein, gab ich die etwas, zugegeben, großspurerische Antwort zum besten, es liebe ja auch niemand seine Krebsin so wie ich und wahrscheinlich seinen Tumor insgesamt keiner, egal ob der ein Mädchen oder Junge. Wobei ich schon einsehe, daß wirklich allein die Idee ein bißchen lebensmüde ist oder doch zu sein scheint. Denn das eben bin ich ja nicht, im Gegenteil. Ich bin quickespritzlebendig. Und tauchen in den nächsten Blätterwald dieser Wüste schon ein, mein Röhrerich und ich:

 

 

Damit ihn die Eindrücke nicht allzu überfordern, wann sieht ein solches Dromedar schon derart solches Grün?, heiß’ sanft ich ihn, sich zu legen und gleite von ihm herab. Unterdessen schon Routine, wobei ich gestern allerdings noch unter THC stand, das, ich hab’s wohl schon erzählt, in diesem zweiten Nefud-Höllenkreis eine engste, nämlich geradezu intime Verbindung mit den Zylostatica eingegangen zu sein scheint und mir vielleicht deshalb erlaubt, die verborgenen Gärten wahrzunehmen. Ich dachte an Semiramis’, nur daß die ihren künstlich angelegt gewesen waren, auf den Terrassen einer unterdessen allerdings mythischen Stadt, und zwar, ja, im Orient, daran gibt es keinen Zweifel, doch eben nicht in der Wüste. Diese Parkwege hingegen, diese Park- und Gartenanlagen durchziehen die Nefud quasi unentwegt, weniger, doch → auch da schon, in ihrem ersten, von uns seit Tagen verlassenen Kreis, mehr nun, entschieden mehr, im zweiten. Es ist ein, kaum laß ich meine Spannung über des Dromedars gestrengelte Lederzügel baumeln, anstell’ die straff zu halten, unentwegter Beschuß aus riesigen Wasserpistolen, ich meine diese gewehrartigen Wasserschußkolben für Kinder, nur daß aus den Mündungen nichts Nasses herauskommt, sondern ein lappiges, wilde wucherndes Grün spritzt. Und sich immer wieder zu verzauberten, in jedem Fall geheimen Wegen zusammenzieht, die sogar den Sand beiseitewischen und gänzlich vergessen lassen, dessen Metamorphose sie aber nur sind. Wer kann da widerstehen? Oder schauen Sie, Geliebte, dort:

Wer nicht stellt’ sich am Ende dieses Pfades solch ein Gelege vor? Bitte, Freundin, spüren Sie nach!

 

 

Und all dies auf dem Rücken meines Rihs, denn selbstverständlich bildete ich mit immer nur ein, daß ich abgestiegen sei, andernfalls meine kleine Karawane ganz sicher hätte nicht gemeinsam das nächste Tagesziel erreichen können; zumindest ich wäre in den ewigen Sanden verloren gegangen.

 

 

 

Heute allerdings sollte ich mich nicht mehr ablenken lassen; insofern kommt mir die jetzige Klarheit sehr zupaß, zu deren weiteren Beförderung ich bis zum späten Abend meine Hände vom THC lassen werde. Denn für morgen steht die Kontrolluntersuchung zu dieser Chemophase an, bevor wir dann doch zusehen müssen, den zweiten Nefudkreis allmählich zu verlassen, um rechtzeitig am kommenden Dienstag die nächste Relaisstation erreichen zu können, die sich neben die dritte Höllenpforte, heißt es, duckt. Wobei ich fürcht’, es gehe mir wie Don Giovanni, der’s in der inferioren Hitze einem Mann wie ihm zumindest →  angemessener fand, als in dem hohen Paradies nicht nur, peinlich genug, mit Flügelchen von Putten schlagen, sondern obendrein – auch noch mit nacktem Arscherl – fades Zeug dazu singen zu müssen. Besser doch, daß

(-) Don Juan, zum Acheron gestiegen,
Charon den Sold gezahlt für Totenschiff,
Ein Bettler stolz, wie die sich selbst besiegen,
Mit rachefestem Arm die Ruder griff.
(..)
Da lachte Sganarell und sprach vom Lohne,
Indes Don Luis auf den Frevler wiese,
Und alle Toten blickten nach dem Sohne,
Der weißem Haupte Schmach gedeihen ließ.
(…)
Ein Mann aus Stein, den strenger Harnisch schützte,
Am Steuer stand und schnitt die schwarze Flut.
Doch still der Held, der auf sein Schwert sich stützte,
Zum Strudel blickt und nichts zu sehn geruht.
Charles Baudelaire, Don Juan in der Hölle
(Dtsch. von Carlo Schmid)

Und aber doch — oh doch, oh doch! Es geht jetzt mit dem Haareausfalln los. Eben sah ich es im Spiegel. Noch, an den Augenbrauen, läßt es sich freilich kaschieren. Noch lohnt sich’s nicht, es Ihnen fotografisch zu dokumentieren. Doch geschehen wird es. Denn was ich spontan eben dachte, ist nicht ganz ohne Nachschrecksstolz: — daß ich erst nun, wenn ich alles Haar verloren, das Gütesiegel meines Krebses trüge: Auch ich war in Arkadien.

Und werde dort noch bleiben.

Ihr und, Lilli, Deiner
ANH

Es sich mal richtig g u t gehn lassen mit dem Krebs!
| ANH an Liligeia, sechster Brief (als Antwort auf Lis Zwischenruf) |
Geschrieben von Sonnabendabend auf Sonntagmorgen, 30. bis 31. Mai 2020. {Krebstage 32 – 33 = Tage 12 und 13 der Nefudphase I)

 

 

 

 

— deshalb, weil sicherlich auch Du meine Handschrift nicht oder  nur unter solchen Mühen entziffern kannst, die ich Dir, meiner schönen, heut so sanften Li, weder zumuten möchte, noch es dürfte … – deshalb also schreibe ich mit der Maschine weiter, auch “natürlich”, weil ich den anfangs genutzten  Schreibblock habe aus einem Leipziger Comundo mitgehen lassen, das es – weder ein Leipziger noch einer anderen Stadt – in der Nefud nicht gibt, auch nicht in, siehe meine Absenderangabe:

NEFUD.ANDERSWELT

Die ich heute, da Du mich derart infrieden läßt, einmal verlassen habe, derweil meine Seele selbstverständlich weiter neben Faisal reitet, und hinter uns sein Diener, voran nur die zwei Scouts, die aber niemals stehen bleiben, um eine Hand zu heben, die uns ein wachsam Gleiches raten würde im Angesicht oder doch der Ahnung uns drohenden Geschehens. Nichts. Wir reiten und reiten, da gerät man in Trance und steht unvermittelt vor Gethsamenes Apotheke auf dem Prenzlauer Berg, wo von gestern auf heute auf Rezept der Hausärztin mein nun auch “offizielles” Cannabispräparat hergestellt wurde, so daß ich fortan zwei allerdings insofern differierende Flüssigkeiten nutzen kann, als → der caglistrosche THC-Anteil doch signifikant höher liegt als der des gegen “Bewußtseinsveränderungen” arg heikel eingestellten rein-medizinischen Präparats, dem er nämlich fast völlig fehlt. Nun, ich werde die Tropfen alternierend ausprobieren und Du, Liligeia, davon kaum unbetroffen bleiben. Ich hoffe, auch Dir werden wunderbare Welten geschenkt, vielleicht auch solche, die Dich mir gegenüber ein wenig zahmer werden lassen, einfühlsamer hätte ich’s gerne; wie Du dagegen mit andern Dichtern umgehst, drauf mag ich keinen Einfluß haben. Macht Ihr das unter Euch aus.
Jedenfalls war ich Dir erstmal, für heute, entwischt. Vielleicht hast Du tatsächlich noch, weil ich gestern fünf Tropfen nahm zur Nacht, in ihren Wirksamkeiten Dich geschaukelt, so daß Du nicht mitbekamst, wie schnell ich herunter von Röhrerich glitt (der es ganz offenbar auch nicht mitbekam, so wenig wie Faisal und die anderen Begleiter) und geduckt, aber gestreckt durch den Sand stob, der meine Sandalen freilich festhalten wollte, nämlich mich an ihnen, weshalb ich zweimal aus ihnen herausglitt und derart barfuß sofort zu spüren bekam, wie heiß es in der Nefud sein kann und eben jetzt auch war. Aber ich mußte dran denken, daß die Apotheke heute inventurhalber nur bis 14 Uhr geöffnet ist, also war der Rundsaum meines ثوبs zu heben und weiterzueilen. Konnt’ ich denn wissen, wie lange die Lappenschleuse offen bliebe, die ich im untren Drittel einer sich nicht weit von hier auf über zwanzig Meter erhobenen Sandsteinpyramide schimmern gesehen hatte. Am besten mich gar nicht mehr umdrehen. Blöd nur, daß mir zwei Plastefläschchen der von Faisal verordneten sogenannten Astronautennahrung aus den Gewandärmeln rutschten und im Sand nicht etwas stecken blieben, nein, er wollte sie schlucken. Zentimeter für Zentimeter versanken sie, eine gräßliche Zeitdilatation einmal wieder — die mich eben nicht einfach zuschnappen und die Gefäßchen wieder an mich bringen ließ, sondern ich mußte um jede Sekunde ringen, in der eine Hand sich bewegte. Dennoch, es gelang, mein Wille ist ungebrochen und die Astronautennahrung auch in Auszeiten wichtig, da ich mit ihr und THC die Auszehrung nicht nur stoppen konnte, die mich für eine Operation des anstehenden Ausmaßes allzu sehr geschwächt hätte, sondern sie hat mich im Gegenteil fast alles verlorne Gewicht in kaum vierzehn Tagen wiedergewinnen lassen. Offenbar, Liligeia, hast Du auch hierbei nicht geahnt, zu welchen Mitteln ich greifen würde, um meine Haltung zu bewahren. Aber nein, ich seh Dich nicht als Feindin. Doch kam ich jetzt, durchaus aus der Puste, bei dem Riß in dem Sandstein wirklich an. Zwar machst Du mich schnell erschöpfbar. Doch ich zehre von den lange Jahren unentwegten Trainings. Da kann ich Dir schon mal eine lange Nase drehen. Und sowieso hatte ich vor, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gutgehn zu lassen, indessen offenbar Dich das THC noch berauscht. Außerdem wollte ich diesen Brief lieber auf meinem Schreibtischstuhl schreiben als erneut im Schneidersitz, der mich dann doch immer recht schnell steif in den Gliedern werden läßt.

 

Sò.

 

Augen zu und

 

 

————> durch.

 

< Klappe >

Prenzlauer Berg, Stargarder … Mist, in dem arabischen Gewand fall ich nun aber doch auf, zumal mit der vom Agal gehaltenen Kufiya. Nee, besser schnell zurück und in die Arbeitswohnung hoch, hellgrauer Sommeranzug, Krawatte – aber … ah! daß ich lange in der Wüstensonne war, ist mir schon anzusehen. Prima.

Wieder hinaus.
Zu Mitte Meer, es war noch Zeit, fürs Abendsashimi eingekauft, die Austern als Vorspeise. Der Maguro tatsächlich in Sashimi-Qualität, 49€/kg, schon heftig. Aber na gut, 200 gr nehm ich, dann noch ebenso viel Kabeljau, ebenso viel Lachs. (Ich denke, daß es genügt, erst spät am Abend zurück in die Nefud zu kehren; na gut, vielleicht daß man mich beim Nachtmahl vermißt. Für den Fall werde ich mir eine Ausrede zurechtlegen, deren beste allerdings die schon gefundene ist: Ich hätt es mir, oh Li, heut gutgehn mit Dir lassen. Denn Faisal ist diskret, er wird nicht weiterfragen: Man spricht nicht unter Wüstenfürsten über seine Frauen, erwähnt sie besser nicht einmal. Eine die Geschlechtsunterschiede nivellierende oder gar leugnende Gendercorrectness kommt dem recht entgegen.)
“Spaziergang übern Markt?” Anruf bei लक्ष्मी.
“Oh, du bist in Deutschland? Ich hab dich grad in Jordanien gelesen. Wie gut, daß du damals die Bilder in der Namib gemacht hast — so war jetzt alles vorbereitet.”
“Eine aber komplett andere Wüste.”
“Da bist du ja auch noch gesund gewesen.”
“Ich bin noch jetzt nicht krank.”
“Du hast nur Liebeskummer, oder Li an Dir, verstehe schon. Jedenfalls scheint ihr gefährlich nicht zu passen.”
“Deshalb die Nefud…”
“Zuerst. Dann aber … Bitter, sich eine geliebte Frau so aus dem Leib zu schneiden, gar schneiden zu lassen – und aber auch, geschnitten so zu werden.”
Was ich nicht kommentieren mochte, war einfach zu gut drauf.
“Also Treffen wieder Helmi/Ecke Raumer?”
“Ja, und weiter dann zu zweit.”
Daß es so etwas gibt! mußte ich denken. Wie ein Schon früher schoß es durch mich auf, aber ich kann auf das Foto, das mir sofort im Kopf war, nun doch nicht verlinken, weil ich den alten Dschungeleintrag nicht mehr finde; ich habe jetzt den gesamten März und April 2006 durchgeschaut, ebenso die für diese Zeit gesicherten Bilder. Man sah — in der alten, → damals noch wundervollen Strandbar Mitte — meinen, ich glaube, rechten Fuß über den linken geschlagen, und als Titel stand darüber (meiner offenbar falschen Erinnerung nach):

DAß ES SO ETWAS GIBT!
oder
DAß SOWAS MIR PASSIERT!

Mir war ein märchenhaftes Privileg zuteil geworden, dem ich den Ausdruck eines erfahrenen Wunders gab, das für den Tag auch eines blieb, vielleicht sogar für volle zwei Wochen. Ich kann es darüber hinaus nicht mehr sagen, aber dieses, Li, ist sicher. Und eben das durfte ich nun wiedererleben, minutenlang. Wenn wir sensibel bleiben, ist unser Leben wahnsinnig reich. Die Stunden, jede, können von Erkenntnis explodieren, und in sinnlichsten Wogen laufen sie in ein Meer aus, das sie und uns aufs neue stets auflädt, bis wir irgendwann einfach zu schwach geworden sind, um solcher Fülle standzuhalten. Schönheit ist eine Forderung. Sie will gesehen, angesehen werden. Die, die es verweigern, bestraft sie.
Womit wir wieder bei Dir wärn, endlich – da ich Dir so nun Antwort geben kann, nachdem ich vom Marktgang zurück bin, wo ich noch Käse erstand, bevor लक्ष्मी und ich uns wieder trennten; allerdings begleitete sie mich noch bis zu meinem Wohnhaus. “Und wie kommst du nun wieder zurück?”
Darüber war ich mir selbst noch nicht klar. Doch machte mich das nicht mal nervös. Die Aussicht auf ein paar Stunden alleine mit mir, und mit meiner Musik, war um so beglückender, als ich neulich endlich meine Stax-Hörer wieder richtig anzuschließen vermochte, die seit ihrer Reparatur durch den pfiffigen Herrn → Wiemer hier nur herumgelegen hatten. Mir hatte einfach die richtige Kabelpolung des SRD7 -Vorverstärkers nicht gelingen wollen. Nun nahm ich mir die Zeit, im Netz nach einem Schaltplan zu suchen, → den ich tatsächlich fand. Und — voilà! kein schlechtes Gefühl mehr, wenn ich bereits morgens früh Musik laufen lasse, die mir so nötige. Denn einmal, in der Tat, hatte es von oben ärgerlich geklopft. Was ich verstehe, selbstverständlich, wer läßt schon halb fünf Uhr Morgens → Currentzis Mahler toben oder → Hakola wie jetzt? (Du  mußt, liebste Li, jede Zeitangabe relativ sehen: Dieses “jetzt” meint eines – morgen. Es geht in jeder Poetik, auch ihren Räumlichkeit, stets um Bezugssysteme.)

Bezugssysteme. Ich will Dir Antwort geben.
Nein, ich selbst habe mich, als ich Deinen Namen suchte, nicht auf Giger bezogen — jedenfalls nicht bewußt. Doch kann ich nicht die Möglichkeit bestreiten, aus meinem Unbewußten abgeschrieben zu haben, in das er sich mit eingeprägt hat, wenn auch er selbst viel weniger, als seine Geschöpfe es getan, → Li Tobler allen hier voran. Woran mich aber erst Frau von Stieglitz, eine Leserin, erinnerte, Du weißt schon, → dort. Und verlinkte auf ein Bild von Dir! Denn so, ja, tatsächlich so habe ich Dich in meinem Innern von Anfang (womit ich meine Diagnose meine) an gesehen. Leider darf ich die Bilder hier nicht anzeigen, ich bekäme andernfalls eine entschädigungsgeldbewehrte Abmahnung ins Haus. Mit ein wenig Vermögen im Hintergrund wär mir das allerdings egal. Es ist nicht eine moralische und schon gar nicht “Frage”, sondern alleine eine des Mehrwerts. Der jemandem wie Dir natürlich egal sein sollte – ist’s aber denen nicht, die mit Dir handeln und denen Du der Rohstoff bist, egal, ob pharmazeutische oder Industrie der Kultur; hier “ticken” beide gleich.
Stimmt, darum geht’s nicht. Was mich an Gigers, dieses modernen Hieronymus Bosch, Albtraumkonstruktionen von unserer ersten Begegnung an benahm, war, daß ich in ihnen einem Archetypos begegnete, der lange zuvor in mir gepflanzt worden war, und ich weiß nicht, von wem. Nun war er BILD geworden. Nicht Alien war es, was so wirkte, sondern die dunkle Muse, eben, Li. Auch ein Ungeheuer Muse. Sie schoß sich, Du weißt es, ins Gesicht. Wofür hat sie sich so bestraft? Dafür, daß die Allegorie alles Sexuellen von ihr Besitz nahm und sie ausfüllte? Daß sie ihr nimmermehr entkommen konnte? Es gelingt in der Tat nur wenigen, sich unter den Allegorien, die uns wider Willen erfassen, einfach wegzuducken – und wenn es gelingt, dann nur unter den Schmerzen einer heftigen, uns nicht selten auf andere, dann nur noch schwer zu analysierende Weise schädigenden Verleugnung.
Aber als ich zum ersten Mal Li I sah, warst Du in mir schon angelegt, wie ich jetzt lernen mußte, wenn auch, wahrscheinlich, noch nicht als Krebsin verkeimt, geschweige schon als Puppin. Aus der auch Sil dann schlüpft – wie → Niam sehr viel später gleichfalls. Mit → Species indes erschien als eben Sil (in deren Namen Du selbst so gut wie nicht versteckt bist) eine in ihrer Einsamkeit und Fremdheit so enorme wie eben (im grausamsten Wortsinn:) eindringlichste Figur, in der sich Zeugung, Empfängnis, Tod komplett vereinen, ganz so, wie ich selbst es, und zwar schon seit Kindheit, empfand und in fast fieberiger Klarheit vor mir sah und immer wieder meinerseits gesucht und aufgesucht und Variation für Variation gestaltet habe: diese beängstigende, zugleich sinnbetörend-rauschhafte Nähe von Schöpfung und Vernichtung, dieses Malstromes Leben, ganz so, wie die Großen Mütter der Mythologien immer auch Zerstörerinnen waren; ein nicht-domestiziertes Matriarchat erhobt sich hier und strahlte derart aus, daß man sich stellen muß als Mann und stellt sich auch, um, ja, zu unterliegen. Was überhaupt den Wert erst bestimmt: ohne sich gebeugt zu haben. Es würdig gewesen zu sein, Deiner, Liligeias, würdig — was uns zu Dir eben hinzieht auch dann, wenn Du uns nicht hinaufziehst, sondern wie im alten Volksstück müssen wir Mephisto schließlich mit uns selbst bezahlen:

Auch also, wenn Du, schön Li, → mir so vorwurfsvoll geschrieben, Du könnest ja nicht einmal sein, also Gigers, Werk leiden, wirst Du mir doch zugestehen müssen, daß er einiges von dem erfaßt hat, was die Welt, die noch nicht correcte — sie wird auf Dauer corrigierbar auch nie sein, sich immer wieder mit all ihrem Chaos aus Schönheit und Grauen unzuhanden erheben —, als allegorische Wellen durchwogt und -weht: der Kehrseite unserer Zivilisationen,

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
hinab den Bestienschlund
Benn, Verlorenes Ich

Und noch deutlicher (das quasi ewig-stumme Motto meines eigenen poetischen Werks):

(…)
mir steht ein Meer vor Augen, oben Bläue,

doch in der Tiefe waberndes Getier
Benn, “Abschluß”

Wobei Sil interessanterweise — blond ist … wie, daraus zu schließen, auch Du es sein mußt, Li, so daß Frau von Stieglitz → an völlig anderer Stelle geäußerter Vorschlag restlos in die Irre geht, wenn sie den Ausweg darin sieht, einen “Gegentypus zu entwickeln”: ein wahrhaft schlagendes Beispiel für das, was die Alten unter Tragik verstanden und ich, als Moderner, wieder genauso verstehe, fast genauso. Indem wir unsre Heimat fliehen, um  nicht mit der eigenen Mutter tu schlafen und unsern Vater umzubringen, bewegen wir uns genau darauf zu.
Auch wenn ich Dich also bislang nur imaginär sah, kann ich nunmehr sicher sein, daß Du nicht zu den von mir bevorzugten dunkelen Frauen gehörst, sondern zu den schrecklich hellen. Und ich werde mich selbst überzeugen, wenn wir erst einmal in Aqaba angekommen sein werden, einer Unterabteilung wahrscheinlich des Lichtenberger Sana-Klinikums, wo mich schließlich doch operieren zu lassen ich derzeit eine deutliche Tendenz habe. Allerdings wird es am kommenden Mittwoch noch ein Beratungsgespräch in der Charité geben, wo mir auch Ratschläge wegen des OP-Modus erteilt werden dürften.

Und jetzt saß ich wieder an meinem vertrauten Schreibtisch, hört in den Stax erst einmal wieder Mahler II, dann fiel mir Hakolas von mir fast vergessenes Klarinettenquintett in die Hand zurück, eines Komponisten, der bereits bei unserer ersten Begegnung in Helsinki einen enormen Eindruck auf mich mache, auch wenn wir leider nicht ins Gespräch kamen, ich ihm von meiner Erscheinung vermutlich ebenso wenig sympathisch war wie er mir. Jetzt fiel seine Musik geradezu über mich her — und der Krebs ward ebenso vergessen, wie ich nicht mehr daran dachte, in die Nefud zurückzumüssen. Statt dessen grub ich mich in meinen Ohren, sozusagen, ein. Bis mein Sohn im Raum stand und um den Espresso bat. Was ich jetzt nutzte, um in seinem Beisein meine vorbereiteten Sashimi zu verzehren — tatsächlich ganz:

Da staunte er, mein Sohn, doch sehr. Aber ich schrieb ja oben schon, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gut gehen zu lassen; vor allem bekomme ich nun auch die rechte Schneidetechnik heraus, und es wäre doch sehr gewagt gewesen, die frischen Filetstückchen erst mal wieder in die Wüste zu transferieren, bevor ich sie aß. Und da, Li, Du, den ganzen Tag über nicht protestiert hattest, durfte ich da nicht annehmen, daß auch Dir meine Auszeit imgrunde ziemlich recht gewesen? Und also beschloß ich, ohnedies vor Sattheit fast schon müde, Dir statt der zum Einstieg empfohlenen drei Tropfen Dronabinols deren fünfe zu gönnen,

an denen ich an Dir dann einschlief,
so daß es ———————————————————————>

 

[صحراء النفود.صحراء النفود, Morgenlager]
6.30 Uhr, 72 kg]

[Kimmo Hakola, Klarinettenquintett (Kopfhörer)]

 

———————————————————> leichter war, in die Nefud zurückzukommen, als ich mir hätte auch nur vorstellen können. Tatsächlich ging es auf der Schlafesrutsche dieser fünf Tropfen wie von selbst vonstatten, dessen Wirkung ich fortan im Wechsel mit Cagliostros THC-Öl ausprobieren will.
Wie auch immer, um 23 Uhr legte ich mich zu Bett, wachte um 1.30 Uhr kurz auf, da noch in der nächtlichen Arbeitswohnung, aber zur zweiten ebenso kurzen, nur zum Pinkeln, Unterbrechung mußte ich bereits unter meinen Teppichen hervorkriechen und aus dem Zelt, ja, austreten eben, was insofern Aufwand verlangte, als ich erstens total verschlafen und zweitens im Rücken wieder etwas steifig war

(der medikamentös angeregten Bildung weißer Blutkörperchen halber, deren
normale Anzahl von den in der Nefud herrschenden Strahlungen so lange
attackiert wird, bis sie aufgeben müssen; so gesehen, las ich gerade, sei eine
Chemo
eigentlich nichts anderes als ein krasser Stresstest für den Körper.
Das schreibt jemand, der ihn trotz einer vor allem symbolisch sehr viel
härteren Diagnose als der meinen bereits bestanden hat, und ich verlinke
gern darauf)

und vor allem noch wußte, wo ich im Traum mein Gewand sowie unterm eingerollten Agal die Kufiya hingelegt hatte, um sie beim Erwachen aufnehmen und mich in alles kleiden zu können. Freilich, zum Pinkeln ging es auch mit einem schmalen Teppich um meine längst nicht mehr fleischlich-muskulösen, sondern mittlerweile deutlich knochigen Schultern. Noch brauchte ich auch die Sandalen nicht, es war ja noch recht kühl, fast kalt.
Meine Güte, das Dronabinol macht schwere Knochen! Drückt es dich tiefer in den Schlaf als THC? Momentlang hatte ich den Eindruck und werde es beobachten, auch nachher schon mal mit Faisal besprechen.
Ein Röhren Röhrerichs grüßte mich aus den Rücken seiner Stuten. Dazu schnaufte er.
“Pscht, Rih!” rief ich leise. “Die schlafen alle noch. Aber guten Morgen, Du aller Kamelinnen Schwarm (bei einem bisexuell aktiven Dromedar müßte hier “aller Kamel*innen” geschrieben werden) und Träger nur von Wüstenfürsten… Ich weiß, wir haben einen harten Ritt vor uns, drum ruhe noch, oh schwankendes Schiff meiner Chemo!” Und verkniff mich nicht länger.

Danach schlief ich bis halb sechs durch und stand um zehn vor auf. Da lagen Thawb, Kufiya und Agal denn auch ganz selbstgewiß bereit: sorgsam zusammengelegt, wie ich, der Pedant, es zur Nacht gerne habe. Und wie sich heraustellte, war ich gestern tatsächlich nicht vermißt worden. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Geschehen in der Nefud während meiner Prenzlauerbergs Auszeit nicht einfach stehen geblieben sind,  wie wenn jemand auf PAUSE drückt und auf PLAY erst wieder, da ich zurückgekommen war. Oder spalten wir uns bei solchen Wanderungen tatsächlich und setzen zwei verschiedene Geschehensketten ingang, die zu synchronisieren nicht mehr leicht, vielleicht sogar unmöglich sein dürfte? Was haben wir uns poetologisch dann vorzustellen? Daß ich in der einen Dimension de facto sterben werde, überleben indes in der andern? Und beides aber völlig konkret? Wer aber kann dann berichten und wer wann? Und käm ich lieber nach Aqaba, Li, oder verbliebe in einem Europa, das sich nicht finden mag und fast schon vergaß, was sein Gott ist: die Kunst? Auf die sie wie auf GOtt vergaß.
O plötzliche Trübsal des Morgens. Ich habe für Dich keine Zeit, wollte statt dessen unbedingt zu Kimmo Hakola schreiben – was ich aber jetzt, da mein Bericht schon ohnedies sehr lang ist, verschieben möchte: Dich, mein süßes Krabbelkrebschen, von ihm zu überzeugen … ich meine, von seiner Musik. Die ich selbst erst gestern wiederentdeckte, am Schreibtisch während meiner Auszeit. Nein, STOP, mehr dann später, eigens. Ich hör grad erstes heisres Rufen, das Lager ist erwacht. So geht es also – Liligeia, Dir entgegen – weiter. Drei Höllenkreise trennen die Messer noch von uns.

 

A.

Im Relais bei بجده : Aus der Nefud, Phase I (4). Geschrieben am Donnerstag, den 28. Mai 2020, in den Freitag – also heute, den 29. – hinein und eben einem Boten mitgegeben. Krebstagebuch, Tag 31 auf 32.

 

 

 

 

[صحراء النفود, 28. Mai Relaisstation bei بجده, was “Großvater” bedeutet, gesprochen ungefähr “Bijadewè”, das “j” wie “Schorsch”.
13.36 Uhr]

Wir erreichten “den Großvater” bereits gestern, lange noch vor Sonnenuntergang, hatten allerdings eilen, die Tiere ziemlich unbarmherzig antreiben müssen, weil es geheißen hatte, es sammle sich für den Abend ein هبوب, Habub, also ein für die Sahara ziemlich typischer, heftiger Sturm, der normalerweise den Sand selbst bei extremen Winden nur wenige Meter über dem Boden mit fortreißt, diesmal indes bis in fast einen Kilometer Höhen aufwirbeln könne. In dann so etwas mochte wirklich keiner von uns hineingeraten.
Dennoch, es war ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem mir nun wirklich einmal schlecht wurde, aber nur der Bewegung meines Dromedars wegen – mit dem ich andererseits unterdessen Freundschaft geschlossen habe; “mein Röhrerchen” nenne ich das Tier, weil es, wenn ihm etwas nicht paßt, höchst bezeichnende Geräusche von sich gibt, von denen ich einfach nicht herausbekomme, ob es sie nur im Rachen oder mit Rachen und Nase erzeugt. Man könnte sie ein gezogenes, bisweilen genervt aufbrüllenes “sonores Röhren” nennen. Doch hören Sie, liebste Freundin, am besten selbst, ich habe mein Aufnahmegerät ja immer dabei, auch hier in der Nefud. Wer weiß, vielleicht bekomme ich ja doch einmal wieder den Auftrag für ein Hörstück? Wie auch immer, ich wünsch(t)e es mir.
Nun indes voilà mein Kamel:

Jedenfalls da war der Name, Röhrerchen also, in der Welt. Wie Sie hören können (und bestimmt gleich schon dreimal wiederholt haben), hatte der Bursche entschieden keine Lust aufzubrechen  hätte sich vor dem Sturm lieber untergestellt, was zwischen den ausgeblichenen Granit- sowie den deutlich spröderen Sandsteinfelsen gut möglich ist, die allerdings seit der Antike schon stehen. Hinter solch einen also sich in den Windschatten ducken im Kreis seiner Liebsten und vielleicht sogar, wenn sie nicht hersehen, tun, was bei stürmender Gefahr sonst nur Straußenvögeln nachgesagt wird. Das hätt zu meinem “Röhrerchen” gepaßt. – Übrigens täuscht sein Diminutiv doch sehr; Röhrerchens Schulterhöhe beträgt über zwei Meter– und so gelassen schaut es auf seine Stuten hinab. (Tatsächlich findet das soziale Leben dieser stolzen Tiere in, ecco!, Haremsgruppen statt). Den überm Höcker befestigten Reitsitz habe ich Ihnen gewiß schon gezeigt. Falls nicht, dann also nunmehr hier:

Um darauf das Gleichgewicht zu halten, braucht es doch einige Übung — vor allem, wenn so plötzlich wie gestern zum Aufbruch, was sag ich? zum Lossturm aufgeblasen wird. (Natürlich wurde nicht “geblasen”: Selbst in der Wüste herrscht Gegender viel zu viel; Faisal, der ebenso korrekte wie entschieden moderne, war lange schon vor mir den correcten Lauf der Zeit mitgegangen. Er will sich wahrscheinlich nicht nachsagen lassen, zu den “alten weißen Männern” zu gehören. Da er ziemlich dunkelgebrannt ist –  seines fast ebenhölzernen AlecGuiness-Anlitzes Schnitzwerk tat ich ganz sicher schon Erwähnung –, muß er es kaum befürchten. Das “weiß” ist schon mal weg.)

Tief nordwest nun aber schon ballte sich am Horizont das Blauschwarz eines zorn’gen Passats gen Osten herüber, und immer wieder kam es mir vor, als blitzen darin Milliarden Atome aus in den hochgeputschten Sanden gelösten Metallen — in solcher Entfernung ganz sicher eine, also meine Täuschung. Dennoch, wir mußten in die Sättel, Dr. Faisal, sein, ich sage einmal, Leibknecht Lars ibn Gamael, ich selbst sowie die andern acht, die uns begleiteten (Barbier, Koch, die beiden Kamelpflegerjungs, der Sanitäter aus Medina und zwei Trägerscouts) – mithin eine veritable Kleinkarawane, deren Zentrum allerdings ich blieb, mit Faisal als meinen Leibarzt an der Seite. Es geht ja nicht mehr gegen “die” Osmanen, sondern eigentlich nur → Li, die nun schon → wieder nicht zufrieden ist und von der ich weiß nicht mehr welche Legende erzählt hat, sie habe ihre Heimstatt in Aqaba und dies ihr Domizil mit vier Höllenkreisen umschlossen. Deren erste Relaisstation wir, kämen wir denn endlich los, am Abend erreichen wollten. Und ja tatsächlich erreichten. Wobei ich für unsren vor den geblähten Monsterbacken dieses drohenden Sandpassates einherstürmenden Relaisritt dennoch Lawrence selbst zitieren muß, demzufolge wir uns gerade in dieser Situation “winzig klein” fühlten, “und unser Vorwärtshasten durch solche Unermesslichkeit war fast wie ein Stillstand. Kein Laut war zu vernehmen, außer dem hohlen Echo der polternden Steinplatten unterm Tritt der Kamele und dem harten Rascheln des Sandes, der vor dem heißen Wind langsam nach Westen zu über den rindenartig verwitterten Sandstein hin kroch.“ Aber er erreichte uns, der Sturm selber, erst, als wir die Zuflucht schon gefunden. Dennoch versetzte er uns in Panik — als kämen wir hier niemals wieder hinweg. Es war ein Brüllen, schlimmer, viel schlimmer als Röhrerichs, war ein unentwegtes, die Gehörgänge zerreißendes Pfeifen, war sogar das Prasseln zentrifugaler gleichsam Sandschleudern gegen die geweißten Wände der Station, und nicht selten kreischten sie entsetzlich auf, denn es war, als schnitten sie sich ins aus bedachtem Grund wenige, doch schußsicheren Glas der Quaderseitenfenster. Derart tobte ein جنيweiß berliozscher Songe d’une nuit du Sabbat. Doch als ich heute sehr früh hinaustrat, war von alledem nichts mehr zu merken, ja schon nachts, was in der Nefud etwa 22.30 Uhr für ich bedeutet, so daß ich mit Leichtigkeit um fünf von meinem Lager rolle, und bestgemut – also schon nachts ließen mich die unterdessen drei, bzw. bereits vier Tropfen THC-Öls das Wüten draußen fast vergessen. Als ich um halb drei erstmals zwischenwachte, war der Sturm schon selbst nur Traum, und heute früh erglänzte die Wüste in psychedelischstem Rot.

Ich schritt ein wenig aus. Es war noch Zeit. Meine indischen Sandalen stäubten den Sand, lauter Fahrwasser-Trömbchen im Windzug von Gang und Thawb (ثوب, Gewand). Faisal hatte mir bereits gestern gezeigt, wohin ich heute vormittag kommen müssen; doch nicht vor  zehn, er und Gamael hätten erst ein paar Vorbereitungen zu treffen, vor allem die Funktionalität der Geräte zu überprüfen. Zwar, Araber seien in medizinischen Belangen gewiß versierter als ihre christlichen Kollegen, doch Napoleon Bonapartes Marsch durch Ägypten wirke weiter bis noch heute, böse weiter. Die arabische Welt habe ihr Selbstvertrauen da verloren (deshalb übrigens auch die dem Biedermeier abgeguckte fundamental-rigide Sexualmoral); der – bis heute typisch für die kolonialen Mächte  Sykes-Picot-Betrug habe es nicht besser gemacht.
Im Vergleich mit der unseren verläuft die Zeit im Orient nicht minder anders als, noch einmal differierend, → in den Oasen ihrer Märchen.
Bis zehn war also noch Zeit. Ich war nicht einmal nervös, hatte und habe einfach das Gefühl, daß der Tumor schon geschrumpft sei und die Nefud ihm also bereits gutgetan hab, was natürlich schlechtgetan heißen muß, aus Liligeias Perspektive. Auf deren Nachtbillet ich morgen antworten will, eingehend, wenn wir bereits auf dem Weg zum zweiten Höllenkreis unterwegs sein werden.

Entfernt pulkten vierfünf voneinander separierte Dromedarharems; in ihrem einen deutlich gegen das Morgenlicht erhoben, reckte sich mein Röhrerich. Doch kam mir der Name jetzt lächerlich vor; ich will das Tier wirklich nicht beleidigen, werde ihm heute noch eine andere, tatsächlich arabische Ansprache geben. Kara ben Nemsi hatte benamst ja nur ein wenn auch höchst berühmtes Pferd; El Aurence wiederum hinterträgt uns die möglichen Namen seiner Kamele nicht, oder ich habe die entsprechenden Stellen → in dem enormen Buch vergessen. Ich werde nachher auch diesbepaarzeht Faisal um Rat fragen — der sich jetzt aber erst einmal auf Liligeia konzentrieren soll.
Es war aber noch immer Zeit, ich hatte Lust, mich zu setzen, einfach in die steigende Sonne, mein Gestirn, zu meditieren und – derart nachdrücklich zum ersten Mal wieder seit ich’s “gesteckt” habe, also nach sechsundzwanzig unterdessen nur noch leidlichen Entzugstagen – zu rauchen. Ach, eine Zigarre jetzt, wenigstens einen Cigarillo! Und doch, wie froh ich war, nichts dergleichen bei mir zu haben. Und die strohigen Zigaretten unserer Helfer lockten mich nicht.

Ah, jetzt wird’s aber Zeit. Aus dem Bodensitz hinauf, mich strecken, meinen hellen Thawb zurechtgezogen, wieder in die indischen Sandalen und langsam zum Eingang der Station. Wobei ich mich nun doch über den hauchigbauchigen Schaum wunderte, der den längst wieder verwehten Pfad wie eine Schneegischt bedeckte, die ganz offenbar der nächtliche Sturm neben dem vielen Sand mitgeführt hatte. Von immerhin diesem war keine hundert Meter weg eine riesige Düne neu entstanden. Und auch sie war von diesem Schaum bedeckt:

Woran ich allerdings am interessantesten finde, daß es auf frappierende Weise einem Bild von Anselm Kiefer ähnelt, → dem da nämlich (im unteren, dem Boden!teil).

Derart in Gedanken trat ich ein, die Pforte war nicht verschlossen, und ich hatte mir die nun zurückzulegenden recht engen Gänge gut eingeprägt, fand deshalb leicht ans Ziel, wo mich Faisal auch schon erwartete und, während mich Lars (ibn) Gamael erst einmal auf die Waage stellte (mit Schuhen, Hosen, Hemd 73,5 kg, also runden 72), den Ultraschall vorbereitete, zu dem ich mich endlich auch begab und legte, nachdem noch eine tiefverschleierte (ob nur Coronas halber, erfuhr ich nicht) Helferin mir zwei Röhrchen Blutes abgenommen, dessen erste Werte allerbestens waren.
Nun läßt sich noch die schönste Krebsin im Ultraschall kaum sehen, doch aus dem Umstand, daß ich keinerlei Schluckbeschwerden mehr verspürte, schien es Faisal nahezuliegen, bereits auf Erfolge zu schließen, die unser Ritt durch die Nefud in nur einer einzigen Woche erbracht. Er wirkte mehr als zuversichtlich und war jetzt, nach meinem Bericht, sogar mit dem THC-Öl einverstanden, das mir लक्ष्मी mit Hilfe Cagliostros besorgt; ich möge nur bitte, wenn ich denn wieder Schmerzen hätte, nicht den Lawrence spielen —————————

“Was ist der Trick?” – “Es gibt keinen.”:

—————————, sondern mich des Novaminsulfones bedienen. “Ihr Schmerzgedächtnis wird es Ihnen danken. So, und jetzt mal locker bitte, wird kurz kalt.” Was mich an dem Foto aber nervt, ist, daß das um den Nabel herum wegen der Laparoskopie rasierte Haar immer noch nicht nachgewachsen ist, so daß ich fast schon denken mußte, es sei nun sozusagen vor-ausgefallen. Da aber Faisal nichts sagte, schwieg auch ich.
Doch, er sagte was: “Das sieht ja alles gut aus. Und die übrigen Laborwerte bekommen wir heute gegen Abend. Lassen Sie uns deshalb diesen Tag dem Insichgehen widmen. Vielleicht machen Sie mich später ja erneut mit einer für mich neuen Musik bekannt, die aus dem Dschanna ruft.”

 

[29. Mai
صحراء النفود, 7.13 Uhr
Relaisstation bei بجده.
72,2 kg]

Wir sind doch über Nacht noch geblieben, nicht bereits nach meiner Untersuchung aufgebrochen. Nach nunmehr vier THC-Tropfen zur Nacht erstmals komplett ohne Unterbrechung durchgeschlafen. Aber daran werden auch, von gestern, die guten Ergebnisse mitbedankt werden müssen.

So … – Witzig: Röhrerich ruft mich … er röhrt (“sonor”), soll das heißen, nach mir. Er nach mir! Ich lasse ihm den Namen vielleicht doch.

[Arbeitswohnung, 7.38 Uhr
Georg Friedrich Händel: → Alcina]

Was ich aber noch vergessen habe: Heute wurden wir bewaffnet – wobei es eher angemessen ist, von einer geradeu Aufnötigung zu sprechen. Natürlich wollten die allzu, schien es mir, Besorgten ihren Schnitt machen. “Unterschätzt nicht die Gefahr!” Der Weg zum Eingang des zweiten Höllenkreises sei ständig von Banditen bedroht. Wobei ich nicht wirklich eine Ahnung habe, wie mit Gewehren umzugehen. Liligeia, oh, was Du mich alles lernen läßt! Ich fühl mich fast → an Arndt erinnert.

Ihr ANH

Aus der Nefud, Phase I (1): dritter Morgen. Krebstagebuch, Tag 24 – mit dem Arbeitsversuchsjournal des Freitags, den 22. Mai 2020. Allerdings eine ungeheure Entdeckung darin.

 

[Nefudlager,, 6.32 Uhr
Schubert, Streichquartett 15 G-Dur, Pražák Quartet)

Schön sieht sie aus, die Nefud, auf Arabisch geschrieben: صحراء النفود, und ich schlage vor, diese Wörter (Ṣaḥrāʾ an-Nafūd) fortan stets anstatt des profanen “Chemo”s zu sprechen. Sie haben den magischen Klang der Beschwörung und entsprechen somit den → Namen. Jedenfalls werde ich es fortan so halten, zumal diese Wüste ganz gewiß nur selten mit Musiken in Verbindung gekommen ist, wie sie sie nun kennenlernt. Gestern abend, kaum daß sich – ein nicht nur herabsausender, nein –knallender Vorhang – die Dunkelheit auf … nein!, bis  unter uns gestürzt hatte und es sofort beißend kalt geworden war, hatte ich, nachdem noch eine Decke über die Schultern meines Gewandes geworfen, mein bose-Zauberkistchen vor das Zelt gestellt und mich zu beiden (vor das eine, nebens andere) gesetzt, um meiner Entdeckung des Tags zuzuhören. Der milliardenfach gestirnte Himmel rief zur Ewigkeit. Schubert starb nur ein Jahr nach Beethoven, stellen, Geliebte, sich sich das nur vor! Und hinterließ ein Streichquartett, das quasi niemand wollte: die Nr. 15 in G-Dur und das extrem von Beethovens späten Streichquartetten beeinflußt ist, ja ohne sie nicht denkbar wäre, die uns noch bis in die Fünfzigerjahre von führenden Musikkritikern für “mißlungene Musik” ausgegeben wurden. Man muß sich fragen, wo die denn ihre Ohren hatten? (Man muß sich das heute noch fragen, für die Heutigen, bitter fragen; seit es Kritiken gibt, ist es so; die  meisten sehen nicht – können’s offenbar auch nicht, geschweige denn zu hören –, was ihres Berufes hätte doch zu sein! Daß es so nicht ist, wäre hinzunehmen, hätten nicht sie, die Vermittler, unterdessen den Status von “Stars” ebenso eingenommen wie in der Bildenden Kunst die sogenannten Kuratoren, bei denen es wurscht ist, ob man mit oder ohne weiteres Sternchen hinten ein “innen” noch dranhängt.)
Ich saß und schloß die Augen, die Wüste war ganz still – abgesehen von dem dauernden Nachtheul des Windes, das aber nichts als unentwegtes, doch hohles Pfeifen war und durchaus mit dem Rauschen zu vergleichen, das wir in Konzerthallen und Opernsälen vernehmen, wenn wir die Sinne darauf konzentrieren. (Sollte man nicht tun, jedenfalls nicht darauf. Es lenkt genauso ab, wie wenn wir uns in einem Gespräch bewußt auf die “äh”s in den Sätzen des Gesprächspartners fokussieren: Schließlich hörn wir nur noch die.)
Ich war froh, von dem Dromedar herunterzusein; den ganzen Tag über war mir von seiner Schaukelei, aber auch morgens mit dem Aufwachen schon, unterschwellig schlecht gewesen — eine der typischen, allerdings nicht so schlimmen “Neben”wirkungen der Nefud, daß ich hätte → einen der Blauen Fische schlucken müssen. Das habe ich bislang erst nur einmal getan, vorgestern, und es hatte schon deshalb nicht viel gebracht, weil mir nicht klar war, woher die Übelkeit rührte, ob tatsächlich von der Nefud oder daher, daß ich auf ein bestimmtes Essen mit Widerwillen reagierte. Passiert mir nämlich grade dauernd.
Mit Kokosöl ging’s los, das लक्ष्मी mir für diese Reise besorgt. Habe ich es in ein Getränk eingerührt und nehme davon, steigt mir fast sofort der Magen – eine Reaktion, die sich unterdessen auf anderes übertragen hat, zum Beispiel auch mit, völlig bizarr für mich, ausgerechnet Käse. Den Vorrat bester Sorten, den ich mir angelegt hatte, mußte ich jetzt, damit er nicht verdirbt, in die Kühlschläuche geben. Doch seit ich in die Wüste eingeritten bin, reagiere ich auf meine frisch gepreßten Säfte genauso, mit dem höchst zweifelhaften “Erfolg”, daß ich noch weiter abgenommen habe und nunmehr, mit einsachtzig!, weniger als 69 kg wiege. Angesichts dessen, was bevorsteht, ist das alles andere als gut. Weshalb mir Freunde Päckchen mit sogenannter Astronautennahrung geschickt haben, der uns nachgerittene Bote erreichte das Lager gestern nacht, da war das Streichquartett schon ausgeklungen, ich hatte mich grad auf und unter meine Teppiche zurückziehen wollen (so nämlich verbringt sich die Nacht hier am besten: auf und unter Teppichen, die, tags zusammengerollt, von den Lastenkamelen mittransportiert werden) – nicht zu fassen, daß er Hadschi Halef Omar hieß! aber dann ging der Name mit Mohammad Kadar Ibn Safi weiter, was ich eigentlich hätte, wie Ralf Wolter, auswendig lernen müssen, um ihm die Ehre zu erweisen. Nur starb auch Lex Barker bereits sehr früh – mit 54! früher als selbst ich’s noch schaffen könnte, mit fünfundsechzig hab ich sogar schon meinen Vater überlebt – und außerdem war ich dennoch zu müde, mußte obendrein der einen Melatonin und halben Zolpidem eine Schmerztablette hinterherschlucken, weil sich das fürs Schlafen als hilfreich herausgestellt hat: Dann wache ich nämlich nur einmal auf, um die zwei Uhr nachts herum, erledige meinen Wassergang, leg mich wieder hin und schlafe durch bis fünf. Das ist allerbestens. Und seit heute früh sogar, ohne daß mir übel ist. Gestern hingegen ging’s damit ziemlich unleidlich zu und hielt sich fast bis mittags durch, als längst mein Reittier das seine dazutat. Und die glühende Hitze.
Die nun noch eine für die Nefud typische Nebenwirkung verursacht hat, vor der mich schon mein Faisal Josting gewarnt hat; ich bin deshalb überaus froh, diesen Wüstenarzt bei mir zu haben. Sein Rat ist unschätzbar, auch wenn meine Hausärztin vor drei Tagen, nachdem ich ihr erzählt, Faisal habe gesagt, → daß er meine Erkrankung für heilbar halte, überraschend überrascht “Sportlich, sportlich!” von sich gab. Was mir nun nicht mehr aus dem Kopf geht und also durchaus nervt, vor allem nachts. Denn → der andere Faisal, Lawrences also, war auch von der arabischen Freiheit überzeugt: daß sie kommen werde – was nicht kam. Genies wie T. E. Lawrence werden von den Kuratoren für völlig andere als ihre eigenen Interessen benutzt und können sich auch dann nicht wahren, wenn diese “Kuratoren” Diplomaten oder sonst etwas aus den bürgerlichen Berufen sind.
Doch schlimmer… nein, unangenehmer (wirklich “schlimm” war davon bislang noch nichts) … unangenehmer sind die zwei weiteren “Neben”wirkungen, mit denen ich derzeit zu tun habe. Ich habe Ihnen, Freundin, schon vom Grundgedanken der Nefud erzählt (wenn wir eine Wüste denn mal “Gedanke” nennen dürfen, ein arger Mystizismus, ich weiß): nämlich die sich im Körper auffällig schnell teilenden Zellen anzugreifen, zu denen solche wie meiner Tumorin → Lis eben gehören (auf die ich gleich noch gesondert zu sprechen kommen muß). Leider aber zählen auch die Zellen der Mund- und Darmschleimhäute dazu (ebenso wie Haar und Horn) … und tatsächlich, leider, wurde gestern mein Mundinnres höchst empfindlich, fast schon aphtisch. Vor Jahren, in meiner römischen Zeit, hatte ich sowas schon mal. Weshalb ich es kannte. Und hatte nicht Faisal auch davon erzählt? Hatte er, ja, aber er schlief bereits, ich mochte ihn nicht wecken. Schaute statt dessen meine Medikamente durch. Ah, ich erinnerte mich, Dexamethason, ein Kortikoid: dafür war es da. Also vorm Schlafen auch das noch geschluckt. Und in der Tat: Heute früh ohne jede Beschwerde (auch schlecht ist mir nicht, und Schmerzen habe ich nicht).
Dennoch, bizarr ist alles das schon: Ich, der zeitlebens ein Tablettenmuffel bis schärfster Tablettenfeind gewesen bin, schlucke nun das Zeug im Akkord: Und das einzige, was mich dabei beruhigt, ist, daß ich’s wüstenhalber tue, allein der Nefud wegen. Am Berliner Schreibtisch hingegen hielte ich’s kaum aus.
Und eine weitre Nebenwirkung hat mich erwischt, die, wenn ich über sie schreiben soll, heikler, nämlich schamheikler ist. Noch weiß ich wirklich nicht, wie mir ihr so öffentlich umgehen. Außerdem ist für sie die Wüste wiederum blöd: Ich brauche sozusagen eine Dauertoilette – aber nicht, weil’s unten nur so herausschießt, sondern weil im Gegenteil alles zwar da ist, aber komprimiert zu einem Pfropf oder har mehreren Pfröpfen von geradezu Brennholzdichte und -trockenheit. Das kommt nicht voran, nicht voraus, sondern müßte abgebrochen werden – ein Umstand, der meinen langsam schwindenden Appetit und meiner bereits geschwundenen Eßlust erst recht nichts mehr entgegensetzt. Ich fürchte, nur hoffen zu können, daß es in der nächsten Apotheke eine Drogerie gibt, die Birnspritzen führt. Mit sowas, sagte eben Faisal (und lächelte höchst süffisant, ich sah’s sogar durch seinen über die Nase gezogenen Shemagh), bekämen wie die Sache schnell in den, nun jà, “Griff”: “Warmes Wasser und Öl, mein Freund, und Sie sind’s los.”
Nur, wann werden wir die nächste Oase erreichen? Sehr bald? O bitte, bitte sehr bald! – Faisal, weise, schwieg. Aber lächelte er? Tat er, ja, es war an den Fältchen je seitlich der Augen zu sehen, die sich zum Himmel richteten: إن شاء الله

Aber das alles erst heute morgen, nachdem ich ohne jede spürbare Nebenwirkung aufgestanden war und mit meinen Mokka bereitet hatte; da streifte Faisal katzenpfötig von der Seite heran und grüßte in der edelsten Form: “السَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ وَبَرَكَاتُهُ!” (“Allahs Friede und Barmherzigkeit mögen auf Dir liegen wie sein Segen”). “Ihnen”, mein Freund, grüßte ich auf Deutsch zurück, “der Göttinnen Allerreichstes auch.” – Er runzelte nur kurz die Haut unter seinen zusammengewachsenen pechschwarzen Brauen, dann ging die Wärme eines zuinnersten Lächelns durch sein Gesicht, das sich dennoch nicht, nicht einen Millimeter, verzog, sondern jeglich’ Würde ruhig wahrte. – Ob er sich zu setzen  dürfe? – Ich umschrieb den Halbkreis mit meinem rechten Arm, dessen Hand schließlich in der Luft über einem Kissen schweben blieb. Mit der anderen Hand hinter mich langend, holte ich ein zweites Mokkatäßchen aus dem geöffneten kleinen Karton.
Es sei da, hub er, Faisal, an, gestern in der Nacht eine Musik gewesen, die ihn beeindruckt, aber auch verstört habe – etwas “von drüben her” (sofern ich sein “من وراء” richtig verstand, “from over there” fügte er, nunmehr profan, auf Englisch hinzu). Es sei wie ein andrer أَذَان von andren Minaretten (“like another ذَان from other minarets”). – Er meine sicherlich den Schubert. Ja, auch mir sei das Stück neu und ebenso erschreckend, aber auch voll der Erkenntnis gewesen und einer Liebe, die so unpersönlich, daß wir sie kaum noch menschlich nennen könnten; derart “allgemein” klinge sie, was ja nichts als ein anderes Wort für abstrakt sei. “Sie meinen ‘göttlich'”, sagte er. “Ich meine: ewig”, sagte ich.
Er würde sie gerne noch einmal hören, zusammen mit mir.
Wir haben Glück, nein: Segen, und zwar zweifach; zum einen, weil wir über Satellitentelefone mit dem Internet verbunden sind; zum anderen, weil es bei Youtube eine Aufnahme gibt, die mir sogar noch essentieller, weil radikaler vorkommt als die durch das von mir gemeinhin favorisierte Alban-Berg-Quartett, nämlich diese dort:

Sie ist im Wortsinn ungeheuer. Sowie sich heute Zeit finden wird, wahrscheinlich gegen Abend, wenn wir den nächsten Ruheplatz gefunden haben werden, werde ich ihr zusammen mit meinem, ja, Freund? abermals lauschen. Jetzt aber, wieder auf dem Dromedar, muß ich über meine Antwort an Liligeia nachdenken, → deren wirklich übler Brief mir selbstverständlich nachgegangen ist. Ich fand ihn gestern morgen, da mir doch eh schon schlecht war, in den Mails. Vielleicht wäre es klug gewesen, oder sinnvoll, ihn zu löschen und überhaupt nicht drauf zu reagieren. Andererseits dachte ich mir, es sei nötig, dem Krebs ihre Stimme zu lassen, ja zu geben – und daß alles hier, inklusive diesem Krebstagebuch, eben nicht “nur” ein poetisches Spiel, sondern eines sei, daß in die Existenz greift, ja in ihr wühlt und sie möglicherweise mir ausreißt. Da gibt es nichts zu schönen, und genau das muß deshalb deutlich werden. Insofern ist Lis Brief dann doch in keiner Weise “böse”, sondern einfach klar aus der Situation eines Tumors geschrieben, dem wir unterstellen, daß er Bewußtsein habe. Nur dann aber können wir mit ihm sprechen, er mit uns (sie mit mir), ohne daß wir ihn (sie) aus uns ausgrenzen, als wäre er (sie) nicht in uns drin (“Fleisch von deinem Fleisch”). Also hat sie auch ein Recht, derart zu sprechen, und es ist an mir, eine Form der Erwiderung zu finden, die zwar ebenfalls deutlich genug ist, uns aber dennoch weiterzusprechen erlaubt.
Wobei ich sicherlich auch deshalb so milde grade gestemmt bin, weil ich heute früh weder Schmerzen habe, jedenfalls bisher nicht, als mir auch nicht übel ist. Eigenartigerweise. Denn gestern abend (in der Wüste?? hab ich das geträumt??) kam ich im Anschluß an den Abendspaziergang mit लक्ष्मी an einer Sushia vorbei und wurde von einem Riesenappetit, der ich doch über den ganzen Tag fast gar nichts gegessen hatte, aus Sashimi geflutet. Und weil ich drei Tage vorher einen ganzen gebackenen Wolfsbarsch (auch der schon war nicht bullig gewesen) verzehrt hatte, ohne daß mir irgendwie mies davon wurde, gab ich auch jetzt dem Lustanfall nach und bestellte – “zum Mitnehmen” – ein ganzes, wenn auch mit 18 Euro ziemlich teures Sashimi Moriwase, weil die anderen Sashimangebote nur Lachs und Thunfisch (Maguro) auf den Platten hatten. Was ich geschmacklich fade finde. Doch wie auch immer, ich aß das Moriawase … nein, “aß” nicht, sondern “futterte” es fast zur Gänze auf, ohne irgendeinen Überdruß, ohne jeden Ekel, einfach nur lustvoll und, vor allem, ohne unangenehme Folgen. Und tief, fast selig schlief ich nachher ein.
Also das hat mich sehr, sehr gütig gestimmt, auch und gerade der schönen Li gegenüber. Und dann hat bestimmt auch Ricarda Junges Dompredigt eine Rolle gespielt, die ich gestern live mitgeschnitten und zum Nachhören in Die Dschungel gestellt habe, → dort. So beeindruckend fand ich, der nicht an EInen – den EInen – GOtt glaubt, sie. Ich glaube, wenn ich denn glaube, an Göttinnen und Götter, glaube also plural, und an Volksgeister und -geisterlein. (Genau deshalb wahrscheinlich hat Faisal, der es ahnt, vorhin so kurz die Augenbrauenhaut gerunzelt, bevor wir über Schuberts Quartett zu sprechen begannen, was sie nahezu sofort sich wieder glätten ließ. Und ich muß daran denken, daß Ricarda einmal gesagt hat – es liegt Jahre zurück, aber ist mir immer, immer nachgegangen –, sie kenne niemanden, der GOtt so nahe sei wie ich. Gerade die Absurdität dieser Aussage – über einen zutiefsten Feind des Monotheismus – gibt ihr eine enorme Strahlkraft, und zwar gerade vom christlichen Gedanken aus, sofern wir ihn denn ernst nehmen. Was zu tun ich durchaus gewillt bin, doch ohne ihm kirchlich zu folgen.)

Religion. Wenn wir über den Krebs sprechen, wenn wir über die Tumorin, über Li, sprechen, kommen wir um sie nicht herum. Wenn wir über den Tod sprechen, egal ob er schon vor der Tür steht oder vor sich noch eine Riesenfahrt hat, oder wir sie vor uns haben … unsrerseits zu ihm hin:

Weil ich unter dem Tschilpen der Spatzen, die wirklich überall sitzen (…),

heißt es am Ende im TRAUMSCHIFF,

während Doktor Samir einen direkt auf der Hand hat, die er ausgestreckt hinhält, damit der kleine Vogel nicht erschrickt. Weil ich unter diesem ganzen, ich kann es gar  nicht anders sagen, Lärm den Ton hören kann.
Dass zu sterben so laut ist, wer hätte das gedacht?
Dass es klingt.

 

 

Ihr
ANH

(kurz zurück in der Arbeitswohnung, 10.29 Uhr)

 

 

Denn, P.S., zum “Arbeitsversuchsjournal” noch eben:
All meine Versuche gestern, es waren einige, in → die Béarts zurückzukommen, sind ziemlich kläglich gescheitert, weiterhin in der No. XXXII, der vorletzten des Zyklus. Ich kam nicht weiter, als daß mir der Schwarmtrieb von Bienenstöcken einfiel, ihr Hochzeitsflug. Aber kaum hatte ich es hingeschrieben (und recherchierte selbstverständlich weiter), erwischten mich die nächsten Gedanken an den Krebs und an meine mögliche Antwort an Li. Und dann wollte ich einfach nur hinaus — dies alles in der Parallelwelt meiner Berliner Existenz, die sich getrennt von der Durchquerung der Nefud weiterbegibt und dennoch tief mit ihr zusammenhängt, ein ständiges, durchaus andersweltsches Hin & Her zwischen den Welten und ihrer selbst. Wäre ich nicht tatsächlich erkrankt, ließe sich durchaus von Irresein sprechen oder davon, es zu werden – des poetischen, wie wir früher sagten, “Wahnsinns fette Beute”, doch letztlich Liligeias PRey, an der zuvor wir selbst gesaugt.

(Noch immer weder Übelkeit noch Schmerz, sondern reines ruh’ges Innen.
10.45 Uhr)

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