ES IST NICHT ZU FASSEN! (Sechsunddreißigstes Coronajournal).

[Arbeitswohnung, 18.03 Uhr]

Ich sitze, um 15.30 Uhr, bereits im Impfzentrum Flughafen Tegel (war echt abenteuerlich, überhaupt hinzukommen, alles wie eine, aber freundliche Notstandsgesetzgebung, Wachen über Wachen) … also: ich sitze bereits im Impfstuhl mit hochgekrempelten Ärmel – da dringt die Nachricht durch (die ich schon eine knappe halbe Stunde vorher aus dem Netz wußte..), daß das deutsche Gesundheitsministerium die Impfungen mit AstraZeneca aussetzt. Ein Arzt kommt, erklärt mir die Lage, bittet mich nach Hause. Ich stinkesauer: “Es ist m e i n Risiko! Vierzehn Fälle auf anderthalb Millionen Geimpfte … Das Risiko ist entschieden höher, den Virus abzubekommen, als an der Impfung zu sterben. Geben Sie mir eine Risikoerklärung, ich unterschreibe, und dann, verdammt noch mal impfen Sie!”

Es war nichts zu machen. Dahinter steht dieser absolut idiotische Gedanke, alles, was wir täten, habe ohne Risiko zu sein. Leben i s t aber Risiko. Vielleicht ist es ganz gut, wenn solch ein Verkrochensein davongespült wird. Eine derart dekadente Gesellschaft mithin. (Bei jeder OP unterschreibt man eine Risikoerklärung. Weshalb nicht hier? “Ja, ich weiß, es können Folgen mit Todesfolge auftreten. Mir ist das Risiko bewußt, ich willige in das Risiko ein.” Damit wären die (vor allem versicherungstechnischen) Probleme doch vom Tisch. Wieso und seit wann dürfen wir Menschen nicht selbst entscheiden? Welch widerwärtige Entmündigung!

Komplett frustriert und jetzt zunehmend wütend trat ich den Heimweg an.

(Auf der Rückfahrt in der proppevollen SBahn enorm viele Menschen, die entweder gar keine Maske tragen oder so, daß die Nase frei bleibt. Das war Risiko, ich wollte platzen vor Wut. Wäre bizarr, doch ziemlich lebenslogisch, hätte ich mir nun d a, direkt nachdem mir die Impfung verweigert wurde – und als eben davon die Folge -, den Virus “eingefangen”.)

ANH

… und welch ein Glück! (Fünfunddreißigstes Coronajournal)

Keine fünfzehn Kilometer mehr außerhalb der Stadt → sein dürfen. Wie gut es ist, in Berlin zu leben. Stelln Sie sich vor, liebste Freundin, wir wohnten in, sagen wir, Verden. Nicht mal nach Bremen dürften wir mehr. (Zumal, welch ein Schlag für die Stadt!)

Das Verhängnis der Heiligenscheine im Arbeitsjournal des Freitags, den 6. November 2020. Als vierunddreißigstes Coronajournal und weiteres (Nach)Krebstagebuch, darinnen zitiert wird erneut: Die Brüste der Béart,64. (Nämlich).

 

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
France musique contemporaine:
Anthony Payne, The Stones and Lonely PLaces sing]

Noch nie so viele Corona-Tote in Berlin
an nur einem Tag

titelt der heutige Morgenbrief der Berliner Morgenpost. Insofern wundert

es mich kaum, wenn die Zugriffszahlen → dafür mit in zwei Tagen nahezu 1500 geradezu durch die Decke gingen. Derweil ich weiter mit meiner Steuer, aber auch mit einem Covid19-Abstrich → im Sana beschäftigt war, der rein unnötigerweise vorgenommen wurde, weil nicht dran gedacht worden war, daß er vor der stationären Aufnahme nicht älter als achtundvierzig Stunden sein darf. Hätt ich auch selbst drauf kommen können, so einsehbar ist es. Immerhin kam ich drauf, daß vor der OP noch ein Arztgespräch wegen der Anästhesie geführt werden muß, aus juristischen Gründen; worum es geht und welche Risiken es gibt, weiß ich doch gut.
Also nach dem CT nochmal zurück zum Aufnahme-Empfang, nachgefragt und — Ecco! Nun am kommenden Montag die Coronastäbchen erneut in den hinteren Rachen und in die Nase knapp unterm Gehirn sowie die Aufklärung durch den oder die Anästhesistin. Hübsch, wenn man genau sein möchte, aber auch flüssig, so daß der Anästhesistin dabei herauskommt. Das gefiel mir so gut, daß ich nicht nur sofort nach der Rückkehr den seit vorgestern abend in langer kühler Führung fermentierenden Teigling in den Backofen schob, aus dem er dann so herauskam:

 

Sondern auch sofort mit dem Krafttraining an dem fest in der Decke installierten → Slingtrainer anfing, da ich vom Radfahren eh noch warm war und es draußen, um mit dem TRX-Band in den Thälmannpark zu gehen, schon zu weit hinab mit der Sonne ging; bereits früh berührt sie jetzt die Riste der Dächer, hinter denen Wärme und Licht dann verschwinden. Im Dämmern bereitet es vor allem dann keinen wirklichen Spaß, an frischer Luft zu trainieren, wenn diese Frische bereits etwas scharf ist — so geradezu schlagartig kühl geworden, daß sie beim Einatmen sogar schon etwas beißt. Außerdem war danach, und nach der Dusche, gleich wieder am Schreibtisch, um mit der Steuer weiterzumachen. Unterdessen bin ich – für 2019, wohlgemerkt – bei den Reisen. Es ist wie aus einer anderen Zeit. Reisen, Freundin, reisen zu können! Es war doch stets eine Grundlage meiner poetischen Arbeit und somit auch meines Lebensunterhaltes. Vorbei. So wird die Erstellung dieser Steuererklärung zu einem auch melancholischen Akt, einem leiser Trauer. Daß er überdies mit meinem Eintritt ins Rentenalter zusammenkommt und unten drunter → Liligeia stets mitläuft, auch wenn sie verging, macht es nicht besser; wobei es mit ihrem Vergangensein, siehe nächste Woche Mittwoch, ganz auch nicht stimmt.
Was stimmt denn schon noch?
Die Entkörperlichung von Welt wälzt sich voran. Ich kann im tiefsten an ein Ende dieser Coronakatastrophe nicht glauben, jedenfalls nicht in – nach Jahren gerechnet! – absehbarer Zeit.  Corona, das war einmal ein Wort für Heiligenscheine: Nun sehen wir ja, wohin uns der Monotheismus gebracht hat. Was wir hätten sein können, durchgestrichen. “In einer entkörperten Welt”, sagte ich gestern einer nahen Freundin in Facetime, “möchte ich nicht mehr leben. Es ist kein Platz darin für einen wie mich.” Wenn Gaga Nielsen → dort auch Vorteile im Tragen dieser Masken sieht, so finde ich das gutgesprochen. Zum Menschen gehören auch üble Gerüche, das ist gut und sehr richtig so und nirgends deutlicher wahrzunehmen als in Mumbai, einer Stadt, die eine Orgie aus Geruch ist —

… toll, übrigens, grad: György Ligetis Hungarian Rock für Cembalo von
1978, kannt’ ich noch gar nicht, läuft soeben bei, Link siehe oben,
France musique …

 

 

 

—, von den allerschlimmsten zu den herrlichsten, von Scheiße über moderndes Laub bis in die Höhen der Heiligen Rauche und die Geheimnisse magischer Parfumeur(e)s – manch eine Circe fürwahr. Aber eben auch nur denkbar, weil es Scheiße gibt, die auch so riecht, und Ausdünstungen der Körper, die uns in feinster, nämlich bewußt nicht wahrgenommener Dosierung um den Verstand bringen können und liebesrasend machen. Genau diese Dynamik, dieser Zusammenhang wird von der entkörperten, entkörpernden Moral zerstört. Und daran arbeitet Corona nun mit — man könnte in der Tat den Virus für einen bewußt erzeugten halten. Nein, ich tue es nicht, aber denke nach wie vor und verstärkt, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, der auswaschen soll und es wird und schon tut. Es ist in nicht-monotheistischem, sondern pantheistischem Sinn eine Sintflut, für die wir die Archen, die auf ihr schwimmen hätten können, und ganz wunderbar, mit eigenen Händen zerschlagen haben und weiter, immer noch weiter zerschlagen, indem wir lästern, → was wir sind:

Niemand war bei mir, nur der Vögel gezwitscherter Jubel
Sie trist aber drinnen, wie wenn sie weiter unentwegt fragte:
Würde nicht einmal noch ich | mir, an die Schönheit zu glauben,
erlauben, die wir Künstler stets gesucht:
                                                             – was werde dann aus ihr?

Und leiser, fast nicht hörbar: „… mir?“
„Nichts als Funktion, um die sich keiner plagte,
noch daß sich einer noch | nach seiner Muse sehnte,
weil die Verehrung Fraun, so heißt’s, entwürdigt.”

Grob war ihr Lachen, und verletzt, als sie da aufstand,
Jacke und Schal nahm und ging, während ich draußen
die beiden Kekse – mit mir allein und dem tschilpenden Spatzen –
jeden für sich von den Tellerchen nahm und zu Bröseln

rieb und die Krümel achtsam streute, woraufhin sich das Kerlchen
derart freute, daß es sich gleichsam, und enorm, vermehrte,
bis ich meinte, die ganze geflügelte Spatzkolonie

habe sich bei mir zusammengefunden: Sie saß
zwitschernd auf Stuhllehnen, Tischchen, ja selbst meinen Füßen
und hüpfte, des flatternden Lebens Gloriole, am Boden

***

So, zurück, meine Freundin, an die Steuererklärung, und auch die Musik werde ich wechseln: Verdi, Macbeth wahrscheinlich. Oder wieder Puccini. Ich will beim Rechnen mitsingen können.

ANH

__________
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“Wenn Sie gefährdet sind, dann bleiben Sie doch einfach zuhause!” Im dreiunddreißigsten Coronajournal, diesmal abends bei Penny. Zugleich das (Nach)Krebs- und Vor-ZweitOP-Tagebuch des Mittwochs, den 4. November 2020.

[Arbeitswohnung, 7.11 Uhr
Harte Frühnacht; schwere Bruchschmerzen.
Nach 2 x 30 Tropfen Novamin aber durchgeschlafen.
Galina Ustvolskaya, Composition II “Dies irae” (1972/73)]

 

 

 

Mitwirkende:

    • Kassiererinnen & Kassierer
    • Einkäuferinnen & Einkäufer, darunter ich
    • Polizeiaufgebot
Die Zahlen in Berlin explodieren förmlich: Innerhalb
eines Tages wurden in Berlin allein 1513 neue Corona-
Infektionen gemeldet, weitere vier Menschen sind an
oder mit Corona gestorben. Inzwischen liegen schon
218 Corona-Patienten auf Intensivstationen in Berli-
ner Krankenhäusern. Das sind 48 Patienten mehr als
noch am Montag. Damit sind 17,1 Prozent der Intensi-
vbetten mit Covid-19-Patienten belegt – und die zwei-
te Corona-Warnampel ist von Grün auf Gelb umge-
sprungen.

Berliner Morgenpost, Rundbrief, 4.11.20 morgens 

Vorabends, 3. November
Penny am Planetarium
Ahlbecker Straße/Prenzlauer Allee

Ich hatte schnell noch etwas einkaufen müssen, ließ → die Steuer also liegen, zog die Schuhe an, einen Schal, setzte den Hut auf – für den Mantel war es selbst jetzt noch zu warm – und ging los. Penny war proppevoller Kunden, alles sah nach Hamsterkauf aus. Ich wollte aber nur je eine Flasche Martini und Gin haben, um’s mir, zurück, etwas, sagen wir, flüssiger mit der Steuer zu machen. Meine neue abendliche Sundownerschaft, geschüttelt nicht gerührt, jetzt, da Sean Connery nicht mehr ist. Aber zwei alkoholfreie Biere nahm ich noch mit, weil zu Bratfisch und Kartoffelsalat kein Wein paßt. Er schmeckt dann immer metallisch.
Nur zwei der drei Kassen geöffnet, je Schlangen bis zum Ende des Raums. Gut, brauch ich sonst noch was? — Vor mir ein, ja, recht typisch Prenzlauer → Hipster, ich meinerseits in Anzug und Krawatte, den blauen Wegener auf dem Kopf, den ich vor nahezu vierzig Jahren auf einem Frankfurtmainer Flohmarkt erstand und habe zwischenzeitlich aufarbeiten lassen. Es gibt noch Putzmacherinnen, gute, in Berlin.
Der Hipster, als einziger in dem gesamten Raum, trägt keine Maske. Mich schmerzt die Bauchwunde, ich werde in größeren Menschengruppen wegen Covid-19 immer unruhig, trete also auf den Mann zu und sage: “Warum tragen Sie keine Maske? Bitte setzen Sie eine Maske auf.” Er dreht sich zu mir, lächelt, aber nicht freundlich, sagt: “Nein.” Ich: “Doch, Sie gefährden mich.” “Das geht Sie gar nichts an.” Daraufhin ich zu den Kassen, über eine der langen Schlange Wartender hinweg, die den Mund- und Nasenschutz alle tragen: “Hallo, hier ist einer ohne Maske. Bitte sorgen Sie dafür, daß er eine trägt oder den Raum verläßt.” Daraufhin ruft er: “Oh, ein Denunziant”! Ein widerlicher Denunziant!”— Das ausgerechnet mir. — Und fügt noch, nun wieder direkt, hinzu: “Sie Nazi … mit Ihrem” die Nase rümpfend “Anzug und Ihren Schuhen.” Ich: “Und Sie in Ihrer Prollkleidung.” Was von mir bizarr ist. Der Mann ist einfach scenic gekleidet, gehobner Techno-Standard, Berghain & Co., wahrscheinlich allein die Manchesterhose doppelt so teuer wie mein Toni Gard, den ich überdies ersteigert habe, als Schnäppchen. “Sie Proll”, wiederhole ich, die Bilder der Coronademonstranten im Kopf, die deutschnationale Fahnen schwingen. Ebenso bizarrerweise wiederholt nun er sein “Nazi”. So gibt ein Wutwort das nächste. “Sie AfD-Wähler,” wiederum ich. “Sieht man Ihnen gleich an.” Er lacht auf, klar ist er keiner, das weiß ich selbst ganz gut.
Jedenfalls dreht er sich ein nächstes Mal zu mir, baut sich quasi vor mir auf und droht: “Du willst dich wirklich mit mir anlegen?” Man grad, daß er nicht noch “Männeken” sagt. Aber das geht auf eine andere, unterdessen fast ausgestorbene Generation. Gewissermaßen jedenfalls läßt er seine Muskeln spielen, deren er deutlich gepflegte hat — auch aber ausgesprochen einprägsam-schöne Augen; die Oberlider liegen etwas schlupfrig darüber, was sie gleichsam noch schärft, ihnen ihr Blitzen verleiht. Auch insgesamt ist der Mann zwar ein wenig kleiner als ich, aber ziemlich breit, sehr gegenwärtig, fast bullig in den Schultern und merklich trainiert. War ich auch mal, aber weiche selbst in geschwächtem Zustand nie. Als jemand aus der Schlange, ein anderer Mann – um die dreißig/vierzig wie mein Gegner – auf ihn zuspringt.
“Aber ich! Ich leg mich mit dir an!” brüllt er. Baut sich seinerseits vor ihm auf. Was wiederum mir nicht lieb ist, ich regle meine Angelegenheiten selbst. Die beiden stehen aber wie Kampfhähne voreinander. “Du setzt jetzt eine Maske auf oder verläßt den Markt.” Der Hipster, sehr breit grinsend: “Nein.” “Dann hole ich meinen Hammer aus dem Rucksack und schlage dich tot.”
Auf so etwas hat der Hipster, scheint’s, gewartet. “Ah, Du willst mich töten? Ja fein, dann rufen wir mal die Polizei.” – Ich: “Ja, das wäre vernünftig.” Und erneut zu den Kassen: “Bitte rufen Sie die Polizei.”
Von dort keine Reaktion, aber aus den beiden Schlangen. Die Leute werden unwirsch, wollen in Ruhe gelassen werden. “Tragen Sie das doch vor der Tür aus! Gehen Sie raus!” Zu mir:  “Lassen Sie den doch einfach ohne Maske und verlassen den Markt.” Ich: “Verzeihung, aber ich bin gefährdet.” “Sie sind doch nicht gefährdet!” Ich zu den Kassen, rufend: “Der Typ ist immer noch ohne Maske, und ich bin Krebspatient.” Lachen aus den Schlangen.” Eine ältere Frau: “Sie sind doch kein Krebspatient! Sie doch nicht! Schämen Sie sich!” Woraufhin ich, allmählich nur noch rot sehend, mein Jackett auf- und mein Hemd aus der Hose reiße, den Stoff bis zum Hals hochzieh und die Narbe zeige, mit dem deutlich sichtbaren Bruch. “Bin, bin ich nicht??!” Die Leute weichen zurück. Man sieht ihnen aber an, daß mein “Argument” sie entsetzlich nervt.
Der mit dem Hammer ist unterdessen schon weg.
Nun wird endlich die eine Kassiererin tätig: “Weshalb tragen Sie keine Maske?” fragt sie. “Ich habe ein Attest”, antwortet er. Daraufhin ich: “Das möchte ich sehen.” “Werden Sie aber nicht”, erwidert er. “Dann”, sage ich zur Kassiererin,” lassen Sie sich das Attest zeigen.” Und zu dem Hipster: “Und warum hast du das nicht gleich gesagt?” “Du hast nicht gefragt, sondern bist mich gleich angegangen. Und ich muß es dir sowieso nicht zeigen.” “Dann kann ja jeder kommen!” Zur Kassiererin wieder: “Dann lassen Sie es sich zeigen.” Auf die naheliegendste Idee, die Marktleiterin oder den Marktleiter zu rufen, kommt keiner, auch wenn der Hipster triumphierend beharrt: “Ich muß es niemandem zeigen außer Leuten vom Ordnungsamt und der Polizei.” “Gut, dann rufen wir jetzt die Polizei.” So ich.
Er lacht höhnisch auf. Ich hole mein Ifönchen aus der Tasche. “Bitte, dann mach ich jetzt ein Bild von Ihnen.” Und fotografiere. Er: “Löschen Sie das! Ich habe ein Recht auf mein Bild.” “Ja, haben Sie. Und ich lösche es, wenn die Polizei hier ist.” — Da zieht er tatsächlich sein Smartphone, wählt 110. Er sei bedroht worden, mit einem Hammer, erklärt er; er sei übel beschimpft worden. “Er trägt keine Maske!” rufe ich ins Mikrophon hinzu.
“Die Polizei kommt”, sagt er dann und schiebt seinen Einkaufswagen ans Band.
“Wenn Sie ihn jetzt abfertigen, verschwindet er einfach”, werfe ich ein.
Bei nahezu allen fast dieselbe Reaktionsweise: am besten alles ignorieren, nichts mitbekommen, bloß nicht in etwas hineingezogen werden. Ich muß wieder, wie nahezu immer in solchen Situationen, an die jüdischen Familien denken, die aus ihren Wohnungen gezerrt, auf den Straßen zusammengetrieben und in die Waggons zu den Vernichtungslagern gepfercht wurden, was nachher so viele angepaßte Deutsche (und, Verzeihung, Deutschinnen) — die meisten von ihnen sogar — nicht mitbekommen zu haben behaupteten. An dieser condition humaine hat sich nichts, aber auch gar nichts geändert. Es ist rein zum Verzweifeln.

Aber es wurde noch gräßlicher alles.
Tatsächlich kam die Polizei, sogar mit Tatü und Tata. Ein schmaler, nicht sehr hochgewachsener, allerdings höchst eleganter dunkelhäutiger Beamter in Zivil, die anderen vier – darunter eine Frau – uniformiert. Alle selbstverständlich mit Maske.
Wir wurden hinausgerufen, vor den Markt. Dort nahm man erst einmal unsere Personalien auf und ließ sich tatsächlich das Attest des Hipsters zeigen. Er hatte wirklich eins. “Und warum zeigt er es nicht uns?” “Das muß er nicht, er hat völlig recht.” “Aber dann kann doch jeder behaupten, solch ein Attest zu haben.” “Das ist halt so.” “Aber ich bin gefährdet, ich fühle mich gefährdet, habe gerade eine schwere Krebsoperation hinter mir, eine weitere Operation steht in der kommenden Woche an.” “Dann bleiben Sie”, sagt da die Polizisten, “halt zuhause, wenn Sie gefährdet sind. Sie müssen ja nicht auf die Straße.”
Das war nun in der Tat der Gipfel. Gefährdete sollen sich einsperren, indessen Gefährder munter herumlaufen dürfen. Daß jemand, sagen wir, Asthma hat, bedeutet ja nicht, er könne nicht auch Überträger sein. Wir tragen die Masken nicht, um uns selbst, sondern um andere zu schützen.
Ich war wirklich sprachlos. Angemessen verhielt sich imgrunde nur der elegante dunkelhäutige Zivilbeamte; was für ein schöner, dachte ich, Migrationshintergrund! Wie gut für dieses Land! Wir seien in jetzigen Situation wohl alle angespannt, überspannt, was helfe es denn, wenn wir aufeinander losgingen? Was aber mit dem Hammer sei? Wenn sie so etwas hörten (mit “sie” gemeint war die Polizei insgesamt), seien sie sofort höchst alarmiert. Alles andere sei doch Kleinkram. Ich: “Meine Gefährdung ist kein Kleinkram!” Darauf die Polizistin erneut: “Dann bleiben Sie eben zuhause.” Von ihren Kollegen mußte sie dazu keinerlei Widerspruch hören. War man einverstanden oder hatte es nur zweimal nicht gehört? — Ich solle das Foto von dem Hipster löschen. “Auch bitte im Grundspeicher.” Lustig, hier wußte jemand Bescheid. Ich reiche ihm das Ifönchen: “Bitte löschen Sie es, ich weiß nicht, wie das geht.” Hatte ich tatsächlich wieder vergessen.
Er nimmt das Gerätchen und tut’s. Ob er, der Hipster, Anzeige erstatten wolle? Nein, es habe sich ja alles geklärt, und der mit dem Hammer sei ohnedies fort. So bekommen wir unsere Ausweise wieder und gehen unsrer Wege, ich erst einmal in den Supermarkt zurück, um endlich meine Einkäufe vorzunehmen.

Ich zittere noch über den ganzen Abend. Nach dem Essen schwillt die Bruchnarbe an, und es beginnt so sehr zu schmerzen, daß ich zweimal dreißig Tropfen Novamin nehmen muß. Klar, die Nervosität jetzt, die Aufregung. Psyche.  Furcht davor, nicht schlafen zu können, mitternachts sogar, daß ich auf die Notstation muß.
Es geht in mir um und um. Und weil ich nicht schlafen kann, sehe ich nach den → Bestimmungen für solche Atteste nach. Zuvor war noch mein Sohn auf einen Abendespresso gekommen. Ja, das mit den Attesten kenne er von einigen Leuten auch. “Total → leicht, da ranzukommen. Und dann gehen sie ohne Maske in die Geschäfte, um zu provozieren. Hör mal, Pa, das ist doch ganz klar: Einer allein ohne Maske unter fünfzig Käufern? Na, was hat der wohl vor? Es ist ekelhaft. Selbst jemand mit Attest könnte für zehn Minuten Einkauf eine tragen, allein schon als Zeichen.”
Daß Masken unter freiem Himmel Unfug und auch gesundheitlich nicht eben gut sind, darüber sind wir einig.
Die Begründung dafür, daß sich die Attestinhaber nur vor Ordnungspolizei und Polizei ausweisen müssen, ist einfach: Alles andere würde sie, heißt es, diskriminieren. Doch was bedeutet dies de facto? Daß Menschen mit z.B. Asthma andere gefährden dürfen, ihre Krankheit dient als Alibi. → Sekundärer Aggressionsgewinn. Fröhliches Ausleben der Aggressionen gegen andere als quasi Entschädigungsleistung. Oder was? “Wenn Sie gefährdet sind, dann bleiben Sie doch einfach zuhause” -: Der Gefährder kriegt freie Bahn, die Gefährdeten solln im Hausarrest ausharrn. Soviel zur jedenfalls Berliner Polizei oder in diesem Fall einer vielleicht auch nur einzigen Polizistin, der aber nicht widersprochen wurde.

Angenehm bei dem allen war nur der junger Zivilbeamte, ich wiederhole es und schließe mich durchaus mit ein. Und deutlich wurde, was die Pandemie mit uns macht, aus uns macht: daß die Nebenfolgen möglicherweise erheblich gravierender sind als die eigentliche Gefahr. Homo homini lupus — nur daß untereinander sich wirkliche Wölfe anders verhielten.

Einunddreißigstes Coronojournal, nämlich des Mittwochs, den 14. Oktober 2020. (Nachkrebstagebuch). Mit Deutschem Buch- und Monika-Rinck-Preis 2020.

[Arbeitswohnung, 8.08 Uhr
France musique contemporaine:
Berio, Folks songs (1964), Dawn Upshaw]

Über Jahre war ich, es mehr oder minder wegdrückend, verletzt, niemals für den Deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein, um von Benennung auf der Shortlist zu schweigen, jetzt aber, so schrieb ich’s gestern meiner Lektorin, bin ich mir nicht sicher, was schlimmer ist: dies oder – wie Thomas Hettche – es viermal “geschafft” und dann doch den Preis verfehlt zu haben. Nun bin ich mit ihm gewiß nicht mehr befreundet, seit zwei Jahrzehnten schon nicht mehr, aber seinen Schmerz imaginiere ich, als spürte ich ihn selbst. Wobei mir zu Ohren kam, ich weiß gar nicht mehr, woher, daß mir – ausgerechnet für den → Béartzyklus und pionierhaft schon vor dem, bei diaphanes, Erscheinen – der Monika-Rinck-Preis für moderne Lürik verliehen werden solle, was ich erstens nicht nur nicht fassen kann, sondern zweitens schon deshalb bezweifle, weil es meinen Recherchen in keiner Weise gelungen ist, auch nur irgendwas über die Auslobung solch eines Preises herauszufinden und es ihn ergo gar nicht zu geben scheint. Was freilich ein geradezu widernatürliches Versäumnis wäre. Wie aber auch immer dennoch, ist da jemand offenbar einer gewaltigen Ente aufgesessen, einer Dino-Ente sozusagen, manche der Dinger hatten ja Federn; andererseits hätte die mir so verdächtige Entscheidung aus Spielbergs Film immerhin einen echten Jurassic Parc gemacht, in dem viel real verfolgt und auch wohl viel gerissen worden wäre. Statt dessen hat nun Hettche berechtigt ungute Laune, nicht minder als — über die “tatsächliche” Entscheidung der Jury — die → von mir hoch verehrte Dorothea Dieckmann, die mir folgendes schrieb:

Selten hat mich ein Buch derart (ja: sogar moralisch) entsetzt, und das Blasorchester befeuert meine Empörung über eine unverschämte Aneignung und Geschichtsklitterung, die nun von sämtlichen Betriebszweigen widerspruchslos sanktioniert wird …

Ich selbst kann es nicht beurteilen, aber schätze die Kollegin für ihre klaren, nicht korrumpierbaren Haltungen sehr – und entsprechend ihre Bücher, zumal stilistisch ebenso. Hier deshalb der Link auf den, vom 23. Juni, → Podcast ihrer nun offenbar völlig weggeschwappten Rezension:

 

Und wer Dieckmanns ungekürzte Rezension kennenlernen möchte, → voilà!

Um mich abwer nicht so sehr davon, doch von der Mißlichkeit abzulenken, daß ich selbst derzeit kaum etwas zustande bekomme, und um wenigstens anderweitig kreativ zu sein, habe ich gestern wieder einmal ein Brot vorbereitet, den Teig angesetzt und gut geknetet sowie über Nacht im Kühlschrank fermentieren lassen und heute früh bereits auf der gemehlten Holzplatte zweimal, je in in Länge und Höhe gezogen, gefaltet, was in den kommenden drei Stunden noch dreimal wiederholt werden, bevor in vieren der dann tüchtig, so hoff ich, gegangene Laib in den Ofen kommen wird.

Der Literaturbetrieb also, aber mehr noch Corona und aberaber kein Ende. Vor drei Tagen, in einer Videokonferenz, konnte ich nicht anders als dieses Jahr eine Coronahysterie mit heiterem Krebs-Intermezzo zu nennen. Dabei läßt sich zurecht mitnichten behaupten, es herrsche in den Krankenhäuser auch nur Andrang; es stehen im Gegenteil enorm viele Intensivbetten leer, und Patienten, die Anspruch auf ein Einzelzimmer hätten, das sie auch dringend brauchten, bekommen es aus selben Gründen nicht. Imgrunde wäre alleine schon dieses ein Skandal zu nennen. Und natürlich wissen wir die nächtliche Ansteckungsgefahr des Gemüsekaufens beim Späti endlich derart richtig einzuschätzen, daß es dem Vorcorona-Berlin zwar mitnichten gelang, die alten Ladenschlußzeiten neu zu etablieren; doch nun ist es anders, und wir bekommen sie wieder. Erinnern Sie sich, Freundin, an eine Steuer, die nach ihrer Einführung wieder aufgehoben wurde … irgendeine? … ah, pecunia nun olet, stimmt! Aber die liegt an die zweitausend Jahre zurück, indes die jetzt verhängten Sperrstunden schon deshalb sinnvoll sind, weil namentlich junge Menschen bekanntlich nicht über genügend Intelligenz verfügen, sich den zur Feier der Nächte benötigten Alkohol tags im Supermarkt zu kaufen, zumal er da billiger ist, in Kästen Bieres zum Beispiel. Darauf kommt ein Jugendlicher nicht. Indessen, daß Tankstellen nicht nach 23 Uhr schließen müssen, selbstverständlich mit Donald Trumps Empfehlungen zusammenhängt, wie man sich gegen Covid-19 sicher schütze: denn wo die Desinfektionsmittel versagten, richtet’s wahrscheinlich das Autobenzin. Ebenso bekannt ist, daß die meisten Ansteckungsgeschehnisse in den Betten von Hotels geschehen, weshalb es völlig richtig ist, Geschäftsreisende aus sogenannten Hotspots allabends wieder auszuweisen. Das ist auch in feministischem Interesse richtig, das Prostitution nicht zulassen kann. Und sowieso nehmen Infektionen einfach bei Dunkelheit zu; auch deshalb die Sperrstunden, klar. Wobei wir auf keinen Fall die Konsonanten vergessen dürfen, wie der folgende Beitrag erhellt:

Nicht uninteressant war auch die Information, es seien nicht wenige der neu grassierenden Pneumonien (ein schlimmer Fall sogar in लक्ष्मीs Familie: anderthalb Liter Wasser wurden aus den Lungen gesaugt) selbstverständlich nicht auf das dauernde Tragen des Mund- und Nasenschutzes zurückzuführen, sondern, auch wenn kein Covid-19 diagnostiziert werden konnte, auf Covid-19, nämlich weil ein solches Tuch bekanntlich jegliche Bakterien abweist und schon gar nicht dazu führt, daß wir mehrfachgenutzte Luft wieder zurück in die Lungen befördern, ein Umstand, der erst recht nicht dadurch verschlimmert werden wird, wenn erst einmal die Maskenpflicht auch im Freien durchgesetzt worden ist — was kommen soll und kommen auch muß: dringend, dringendst, allerdringendst. Krebsoperationen, dagegen, sind wirklich marginal, erst recht die albernen Klagen wegen scheinbarer Einschränkungen der Bürgerrechte. Hirngespinste allenthalben. Als käme es auf Freiheit denn an – einen ohnedies zu überschätzten, ja … kann man Wert noch überhaupt dazu sagen? –, da die coronare Auslöschung wenn nicht ganz, so doch halb der Welt befürchtet werden muß. Und hat nicht Covid dem Europa die Erlösung vor den Migrantenströmen gebracht? Wie sollten die Schmarotzer auch kommen, wenn unre Grenzen zu sind? — wobei natürlich auch die Asylanten in Quarantäne mußten, nur daß sie da anders genannt war: Auffanglager nämlich. In denen war niemand jemals allein, anders als wir in unseren Isolationen. Welch ein Luxus also! Dazu noch die Sonne Griechenlands, die Sonne der Türkei … Aber davon spricht ja eh keiner mehr, ebenso wenig wie wie von der sogenannten Klimakatastrophe, die dankenswerterweise in die Schubläden ihrer allenfalls Achtelbedeutung zurückbefördert worden ist.

Ach, meine Freundin, welch böse Zeiten sind’s!

Ihr ANH
[Peter Eötvös, Ima für gemischten Chor & Orchester (2001/02)]

[16.10 Uhr
France musique contemporaine:
Jean Barraque, → Sonate pour piano (1999)]

Wie es duftet!

Wechsel der Ausdruckswelt
Als neunundzwanzigstes Coronajournal geschrieben am Mittwoch, den 7. Oktober 2020

[Arbeitswohnung, 7.31 Uhr
Penderecki, Largo für Violoncello und Orchester (2003)]
Nun träumte mir schon die zweite Nacht in Folge von einem Objekt, das ich solle, wie jemand mir aufgab, zur → Erinnerung an den 5. Oktober 1938 anfertigen lassen und nun aber selber baute … bastelte ist vielleicht eher angemessen als Begriff: einen kleinen, so geschachtelten Kasten, wie ich ihn zur Aufbewahrung meiner Musikcassetten nutze, nur halt bloß etwa zwanzig auf dreißig Zentimeter, und die offenschmalen Schachte oder Schächte (das Wort läßt mich „leise“ schaudern) wurden mit Erde gefüllt, in einige indes auch zurechtgeschnittene Pappestücke gesteckt, Pappestreifen, dünn genug, der Erde noch den Raum zu lassen, doch stark genug, daß wir sie sehen; nicht in jeder Schächtung befindet sich eines, es gibt auch keine Verteilung nach Regel.
Fertiggestellt wird das Objekt an die Wand gehängt und der Verrottung überlassen, die sich vor unseren Augen abspielt, nun in meinem Kopf.
Vielleicht werde ich es tatsächlich bauen.

Daß ich’s ein zweites Mal träumte, hängt vermutlich mit dem Tatort von Sonntag zusammen, den ich gestern → in der Mediathek sah und über den ich nicht nur sofort Cristoforo → Arco informierte (gerade er, als Verleger eines speziell solchen Programms, müsse ihn sehen), sondern der mir eben auch in die Nacht noch nachlief, mir nachzog vielleicht, vielleicht aber auch „nur“ meiner speziellen Situation halber derart nachwirkte.

Ich bin jetzt, nach meiner Rückkehr aus Wien, in Quarantäne – etwas, das mir mehr zusetzt, als ich geglaubt hätte. Möglicherweise wirken immer noch oder jetzt verstärkt die drei Tage Einzelhaft nach, die ich als Fünfzehnjähriger im Gefängnis in Königslutter, bei Braunschweig, wegen des gestohlenen halben Brathähnchens verbringen mußte und derenthalben ich bis heute nicht bei geschlossenem Fenster schlafen kann, auch dann nicht, wenn es draußen minus zwanzig Grad hat. Jedenfalls, als der Flieger in Tegel angekommen war – für mich, mag sein, das letzte Mal dort; mein nächster Flug wird wohl schon über → BER abgewickelt werden –, hatte die Covid-Teststation bereits geschlossen, zu der sich Reisende aus Risikogebieten begeben sollen, um sich checken zu lassen; ein Blödsinn freilich, die Öffnungszeiten nach zivilem, quasi gewerkschaftlichem Muster zu gestalten, anstelle nach Notwendigkeit je nah den Ankunftszeiten – zumal Soldaten da im Einsatz sind, die hier mal etwas Vernünftiges tun, anstelle die Ermordung vorgeblicher Feinde zu üben, die genauso schuldlos sind wie sie, das heißt: ganz ebenso, im Kriegsfall, genötigt. – Wie auch immer, ich fragte nach, was tun, wenn ich nicht die kompletten vierzehn Tage mich einsperren wolle.
„Sie können sich zum Hauptbahnhof begeben, dort finden die Testungen für andere Risikoreisende als die grad angekommenen statt.“
„Gut, da radle ich morgen früh sofort hin.“
Was ich tat. Wozu ich die Quarantäne natürlich unterbrechen mußte. Was aber sowieso geschehen wäre, hätte ich einen Termin vom Gesundheitsamt bekommen und wäre ihm gefolgt. Ich fuhr auch direkt, stoppte nirgends außer dort: Abgang zur künftigen, also der neuen Station der U5 gegenüber dem Hauptbahnhof. Oben an den Rolltreppen standen zwei rauchende Soldaten im Tarndress, die sich mit einer Sanitäterin und einem Ordner unterhielten, der Zivil trug.
Ich frug nach dem Weg.
„Nur die Treppen runter, dann gleich links.“
Es sah aus wie eine Szene in Endzeit-Sciencefictions: Neben der Rolltreppe ein Areal vermittels eines breitmaschigen, die „Maschen“ rechtwinklig aufrecht, Blech- oder Aluminiumzaunes abgetrennt, innerhalb dessen, wie später behauptet wurde, das Grundgesetz nicht mehr gelte, sondern offenbar das Kriegsrecht; im hinteren Bereich ein geräumiges Bundeswehrzelt mit dem roten Kreuz drauf, davor drei lange Bierbänke, hinter denen, ebenfalls in Tarnkleidung, Gefreitenuniformen also, vier junge Soldaten vor Computerbildschirmen und je den Tastaturen saßen, meine Erinnerung sieht sogar fünf Mann, um in sie aus den Formularen zu übertragen, die die Probanden anfangs auszufüllen haben. Noch „anfangser“, bevor man den Bereich betreten darf, wird kontrolliert, ob man auch zu den Berechtigten gehört – es werden hier ja eben nur Ankömmlinge aus Risikoländern getestet. Freilich ist’s auch eine Frage der Kosten, nur für solche Reisenden sind die Tests ja umsonst. Hätte ich den Test bereits in Österreich, am Flughafen einen Tag vor Abflug, machen lassen (was möglich gewesen wäre und mir das spätere Procedere erspart hätte), hätte es mich 120 Euro gekostet, etwas, das sich nur leisten kann, wer genug Geld hat. Der wird es sich auch leisten, klar, ich täte es genauso. Egal.
Also noch einmal ein gleiches Formular ausgefüllt wie schon im Flieger. Nun hat es das Gesundheitsamt doppelt. Hier war allerdings, neben meiner Bordkarte, noch meine Krankenkassencard vorzuzeigen, interessanterweise aber kein Ausweis. Fand ich seltsam beruhigend. Und durfte mich auch schon setzen, das heißt, in den von gleichfalls einem Zaun abgetrennten hinteren Bereich, dem deutlich größeren, Platz nehmen: „Bank 4, bitte“.
Ein bißchen sah ich den tippenden Soldaten zu, wie sie, selbstverständlich gleichfalls mund- und nasenmaskiert, von Zeit zu Zeit die Teströhrchen aus den Ständerchen nahmen und sie zu der einzigen Krankenschwester hinüberreichten, die momentan im Einsatz war. Es war auch wirklich wenig los, mit mir nur noch zwei weitere sozusagen-Patienten, die deutsche Truppe war deutlich in der Überzahl. Dennoch: Wie sinnvoll eingesetzt! Das sagte ich auch.
„Prima, daß Sie das hier machen. Danke.“
Da war ich aber schon dran. Die Schwester hinter transparentem ovalen Gesichtsschild. „Abstrich nur im Rachen. Nehmen Sie bitte wieder Platz.“
Auf mein Formular wurde das Gegenetikett zu dem auf dem Röhrchen geklebt. Ob ich die → Corona-App benutzte? Dann könne ich den QR-Code einscannen und würde direkt übers Ifönchen informiert. Was ich selbstverständlich nicht tun werde: Ich will mich nicht “tracken” lassen. Oder ich tu’s, aber schalte die App sofort wieder aus, schau halt nur alle zehn Stunden nach, ungefähr.
„Etwa zweiundsiebzig Stunden braucht es zum Ergebnis. Bis dahin dürfen Sie nicht …“ „Ich weiß, ich weiß, die Quarantäne.“
Entlassen.

An der Rolltreppe dreh ich mich noch einmal um. Ich will in Der Dschungel drüber schreiben, möchte ein Foto dafür haben. Nehme es auf. Sofort ruft mir einer der Ordner zu, zu fotografieren sei hier nicht erlaubt. Als ich nicht reagiere, rennt er mir hinterher, hält mich fest. „Sie haben das Bild zu löschen!“ „Aufgrund welcher Rechtsgrundlage?“ frage ich. Er weist auf die am Zaun angebrachten Strichzeichnungen, auf denen durchkreuzte Kameras zu sehen sind. „Ja, schon, habe ich gesehen, aber das sagt nichts über die Rechtsgrundlage. Hier ist öffentlicher Raum, und wenn ich die abgebildeten Personen unkenntlich mache, kann ich die Bilder nutzen.“ „Nein“ entgegnet er. „Das ist Militärgebiet.“ „Militärgebiet? Moment mal, es ist öffentlicher Raum! Ich will die Rechtsgrundlage dieser Vorschrift wissen.“ Die er nicht weiß, es fehlt ihm an Bildung. Wahrscheinlich gibt es auch keine. Um so ärgerlicher wird er, beinah drohend. Zum ersten Mal bekomme ich gewaltige Zweifel an den Covidmaßnahmen, doch im gleichen Maß auch Angst. Ich hatte in den vergangenen Wochen genug auszuhalten, jetzt verhaftet zu werden, hätte die Quarantäne durchaus noch getoppt.
Also gebe ich nach und lösche das Bild, habe aber schon oben, wieder im im Wortsinn Freien, den Gedanken, mir ein Programm zu besorgen, mit dem sich gelöschte Bilder wiederherstellen lassen. Daß es so etwas geben muß, ist gar keine Frage, sonst wären polizeiliche Beschlagnahmen von Computers nahezu sinnlos. Doch ergibt sich’s, daß ich solch ein Programm gar nicht brauche. Was wiederum einen Einblick in die Kompetenz des Ordners gewährt, der mich das Foto löschen ließ. Und mir auch noch sagte: “Sie haben mir zu gehorchen.” – Habe ich nicht. Niemandem, je.

 

 

 

 

 

Schon das, auch im Nachhinein, begründet einige Unruhe – zumal zwar die Infektionszahlen in die Höhe schnellen (oder zu schnellen scheinen; unser Problem ist auch hierbei, daß wir glauben müssen), durchaus aber nicht die Sterblichkeitsraten. Die bleiben eher stabil oder sinken sogar, so daß man – wenn es doch um Herstellung der, furchtbares Wort, „Herdenimmunität“ gehe – durchaus bezweifeln kann, daß die Härte der neu deklarierten Eindämmungsmaßnahmen tatsächlich angemessen ist. Oder ob nicht mittlerweile doch eine Tendenz zum politischen Mißbrauch besteht, die Hand in Hand mit dem geht, was ich schon seit langem, spätestens mit →  THETIS, als Entkörperung der Welt vielleicht nicht diagnostiziert habe, aber voraussehe und zunehmend deutlich erkenne. Dazu gehört auch die Gender-„Diskussion“.

 

 

ANH
[Penderecki, Klavierkonzert „Auferstehung“ (2002/2007)]

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ANHs DIE UNHEIL in Zeiten des Corona-PENs
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[Siehe auch >>>> dort, da der Beitrag fast allzu dazu paßt.]

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