“Daß heute Sonntag ist!” Und daß wir Weltgeschichte erleben!
Im zwanzigsten Coronajournal des nämlich 19. Aprils, darinnen Vorarbeiten für Ada: “Ada”, 0.3, nämlich Nakokov lesen, 36. Mit einer Bemerkung zur “Geilheit” alter Männer.

[Arbeitswohnung, 10.01 Uhr]

In der Tat, liebste Freundin, mit diesem inneren Ausruf über etwas, das mich seit gestern überhaupt nicht verwundern sollte, dennoch solchem Staunen saß ich, vor anderthalb Stunden um halb neun, am Schreibtisch: “Daß heute Sonntag ist!” Das darin gespürte Ineinderfließen des sonst von streng definierten Modulen getakteten Zeitstroms → hat gestern auch Bruno Lampe formuliert, und es wird vielen von uns ganz ähnlich ergehen. Nur hätte mich dieser Sonntagsumstand schon deshalb nicht verwundern können, weil es mir schon gestern genauso erging, als ich noch damit beschäftigt war, was im Titel dieses heutigen Arbeitsjournals “Vorarbeit für Ada” heißt — die wiederum dazu führte, daß ich dreivier schon publizierte Einträge der Nabokovlesen-Reihe, und zwar ihre Numerik betreffend, revidieren mußte: aus “1” wurde “o.1”, aus “2” “0.2”, nämlich sowohl für ERINNERUNG, SPRICH als auch für ADA. Dazu dann weiter unten. Die eigentlichen Ordnungszahlen werden jeweils folgen, wenn direkt-das-Buch besprochen werden wird. Deshalb hierüber nun “Ada, 0.3”. Doch hatte dies logischerweise zur Folge, daß ich auch noch einmal die Binnenverlinkungen revidieren mußte. Sie werden sich, Geliebte, vielleicht eine Vorstellung des kleinen Aufwandes, auch an Zeit, vorstellen können, den sowas bedeutet.
Und dann dies, daß wir Weltgeschichte erleben, unmittelbar miterleben, indem wir spürbar, alle, zu auch politisch wirkenden Faktoren werden, sich, so gesehen, unsere eigentliche und tatsächliche politische Hilflosigkeit als eine Aktivität erweist, die unser Verhalten, ob Furcht oder Einsicht, bestimmt und an das sich Fragen knüpfen, deren Beantwortung Zukunft gestaltet. Es ist ausgesprochen erhellend, dieser Tage eine Presse zu verfolgen, die jedenfalls ich – spezialisiert auf literatur- und musikästhetische Belange – normalerweise nicht auf dem Schirm habe. Die der Wirtschaft nämlich. Und da findet sich dann so etwas, im MANAGER-MAGAZIN!, wie → das. Entsprechend geriet gestern meine Antwort → dort.
Teils erschütternd wiederum, in nicht selbem, aber verbundenem Zusammenhang, Frau von Stieglitz’ sehr persönliche Einlassungen → da, unter einem, wohlgemerkt, Text von 1995, den zu (sozusagen) reaktivieren zwar eines kleinen Tricks bedurfte (ihn nämlich für einzwei Tage auf die aktuelle Hauptsite zu stellen, bevor er unter seinem eigentlichen Datum abgelegt wurde); dennoch wurde und wird nun zu etwas weitergesprochen, das fünfundzwanzig Jahre alt ist. So etwas gelingt in den Gefilden der Literatur eigentlich nur kanonisierten Büchern und Texten, höchst selten hingegen so wider- wie randständigen Autoren wie mir. — Aber was mich dabei besonders bestätigt, ist, daß diese besondere Sicht einer, sagen wir, älteren Frau – ihre Beklemmung dürfte einiges Stellvertretende haben – Sprache im Umfeld eines Mannes bekommt, nein, sie mit allem Recht fordert, der gemeinhin für einen Macho gilt, weil er sich weigert, sich den Gender-Ideologemen zu beugen. Daß das, banal gesprochen, “Problem” körperlicher Vereinsamung auch eines älterer Männer ist, habe ich in einer meiner Antworten angedeutet; ich weiß es nur zu “gut” von mir selbst.

Womit ich zu ADA schon überleiten kann und es will.

Anders als für alle anderen Bücher der Serie — die ich nicht schon von fremden Einlassungen präformiert, sondern allein aus der Sicht meiner eigenen ästhetischen Überzeugungen schreiben will und schreibe — bereite ich mich diesmal vor; Sie haben’s, Freundin, schon gelesen. Der Grund ist, daß ich das Buch, wie ebenfalls bereits erzählt, längst kenne, auch wenn meine Lektüre zwanzig Jahre zurückliegt. So ist ADA für mich sozusagen ein Abschluß, auch dann, wenn danach noch ERINNERUNG, SPRICH, aber auch das posthume MODELL FÜR LAURA (die Sendung kam gestern an) vor mir liegen sowie Nabokovs Gedichte. Aber um diese wird es insgesamt kompliziert bestellt sein: Es gibt keine nennenswerten Übersetzungen ins Deutsche und außerdem extrem wenige. Dieser Umstand wird möglicherweise zu etwas führen, zu dem ich auch aus strategischen Gründen noch nichts hier schreiben will; außerdem sind starke poetologische Probleme in Sicht. So möchte ich erst einmal den Eingang der bestellten COLLECTED POEMS abwarten und in sie hineingelesen haben. Danach, Geliebte, erst werden wir diesbezüglich weitersehen können. Für LAURA allerdings gilt etwas, das in den meisten Kritiken, die ich las, auch schon die Übersetzung ADAs begleitet hat; eine Ausnahme hier war meines Wissens allein die, fand ich, → einfühlsame Besprechung des viel zu früh verstorbenen Oleg Jurjews, dem Lebenspartner der Bachmannpreisträgerin Olga Martynova, mit denen beiden ich locker befreundet bin, bzw. – ach Oleg! – war. — Alle mir bekannt gewordenen anderen Besprechungen von Nabokovs nachgelassenem Fragment waren und sind in einem Ton geschrieben, der sogar mich Anstand davon nehmen ließ, mich mit dem Buch zu beschäftigen. Erst als ich nun auch Kritiken zu ADA las — weshalb, das erzähle ich gleich —, deren Ton beinah noch schlimmer war, wurde mir klar, den Feuilletonisten unbewußt auf die Schippe gesprungen und ihrem manipulativ-, ja, -Gehässigen selbst zum Opfer gefallen gewesen zu sein. Wir bilden uns unsere Meinung nicht, wenn wir die anderer übernehmen, und seien sie noch so sehr “ausgewiesene” “Experten”. Sie alle nämlich haben — Angst, und zwar um so mehr, wenn sie es nicht wissen. Und da auch wir sie haben, sind wir durch deren im eignen Entscheiden verletzbar.
Worum es sowohl bei ADA als auch LAURA immer wieder geht, in den Kritiken also, ist die eben nicht-beifällig so genannte “Altmännergeilheit”. Es gibt viele Beispiele, wo sie als “Argument” gegen etwas laut wird. von Günter Grass bis zu noch in diesem Jahr wahrscheinlich mir selbst, wenn die Béartgedichte erscheinen werden (so ich die fehlenden anderthalb Stücke bis Ende Mai denn noch fertigbringe). Ja, auch mir wird man(n) dann diese “Geilheit” vorwerfen, wobei es hoch interessant ist, daß es ihr weibliches Pendant nicht zu geben scheint, “Altfrauengeilheit”. Nennte man sie einfühlsam in das um, was sie ist und, so sie nicht zugegeben wird, wäre, nämlich eine Sehnsucht, die ihren Abschied mitträgt, kommen wir dem tatsächlich wirkenden Zusammenhang nahe; auch hier wieder Angst, nämlich entweder vor der eigenen unabwendbaren Zukunft oder davor, eine, mit Alexander Mitscherlich gesprochen, Trauerarbeit zu leisten, die, in jedem Fall als poetische, Trauerbearbeitung ist. Genau sie soll nicht stattfinden, weil man(n) sie dann ja selbst leisten müßte, anstelle zu verdrängen. Weil wir klarwerden müßten, wo wir lieber den Schleier des Nichtnennens drüberziehen wollen, das empfängnisbehinderndste und damit lebensfeindlichste Kondom, das es gibt.
Zum Beispiel lesen wir in ausgerechnet Peter Urbans für den Deutschlandfunk 2011 geschriebener Besprechung den kompletten Unfug, man lasse besser die ersten drei Kapitel zu lesen ganz aus, denn sie

klären nichts, sie sind vielmehr verwirrend und abschreckend – nicht wegen „exotischer, russischer Namen“ (wie Nabokov insinuierte), sondern weil sie angestrengt, schwülstig und überladen [sind].

Ich zitiere Ihnen einmal Beispiel, die man besser nicht zur Kenntnis nehme, weil sie eben in diesen ersten drei Kapiteln stehen:

In späteren Jahren mochte er Proust nicht mehr lesen (wie er auch das parfümierte Gummi türkischer Paste nicht mehr genießen mochte), ohne eine Woge des Überdrusses und das Raspeln griesigen Sodbrennens zu verspüren (S. 21) — Ihr Zusammentreffen mit Baron O., der aus einer Seitenallee herausgeschlendert kam, mit Sporen und grünen Schwalbenschwänzen, entging gewissermaßen Demons Aufmerksamkeit, so betroffen war er von dem Wunder jenes jähen Abgrunds absoluter Wirklichkeit zwischen den zwei fingierten Blitzlichtern vorgetäuschten Lebens (S. 24) — der Baron wählte [für ein Duell, ANH] Degen; und nachdem eine gewisse Menge guten Blutes (…) zwei behaarte Oberkörper, die geweißte Terrasse, die Freitreppe, die in einem ergötzlichen d’Artagnant-Arrangement in den ummauerten Garten führte, die Schürze eines rein zufällig anwesenden Milchmädchens und die Hemdsärmel beider Sekundanten (…) bespritzt hatte, trennten die beiden zuletzt genannten Herren die Duellanten, und Skonky starb, nicht “an seinen Wunden” (…), sondern an einer schwärenden Erinnerung auf seiten des Geringsten unter ihnen, nämlich sich möglicherweise selber zugefügt ein Stich in der Leistengegend, der Kreislaufstörungen verursachte, während zweier oder dreier Jahre mit langwierigen Aufenthalten im Aardvark-Hospital in Boston (…). (S. 28)
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Allein die Hypotaxe des letztzitierten Satzes hat es an brillanter erzählerischer Infamie in sich, was wir aber eben, wie empfohlen, nicht zur Kenntnis nehmen sollen. Doch auch die das dritte, ziemlich beklemmende Kapitel bestimmende Schilderung der schweren psychischen Krankheit von Adas, der Heldin, Schwester, sollen wir nicht wahrnehmen, obwohl sich darin geradezu ein Schlüssel für das gesamte Werk findet, indem er nämlich seine Namensgebung aufschließt, und zwar in der Signatur dieser Schwester, die sie unter ihre auf der Buchseite 47 wiedergegebene letzte handschriftliche Notiz setzt:

Meiner Schwester Schwester, die jetzt iz ada (“aus der Hölle”) ist

Ada und Hölle — wen schaudert’s da nicht? Aber insgesamt wird schon bei Urban die eigentliche Zielrichtung deutlich: vorgebliche “Schwülstigkeit” — der Altmännergeilheit (ecco!) “Ausfluß”. Allerdings direkter, weil tatsächlich diffamierend, → Markus Gresser in der FAZ, 2010 (die Titelwahl bereits ist widerlich: Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra):

Er [Nabokov, ANH] scheiterte (….), erfand sich Figuren (…), die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte – aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch. (…) Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe (…). Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen, kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen.

Der Mann, igittigitt, geht ins Bordell! — und so weiter immer fort. Von solchem Zeug — ekelhafter waren auch “meine” schlimmsten Kritiken nicht — findet sich im Netz sehr, sehr sehr viel mehr. —Übrigens, Gresser. Wer ist denn Markus Gresser, der gleich zu Anfang süffisant darauf hinweisen muß, daß Nabokov siebzig Jahre alt war, als ADA erschien? Und ach, kein bißchen altersweise … (Ich meinerseits habe bis dahin immerhin noch fünfe Jahre der Gnade.)
Nein, Geliebte, suchen Sie selbst! Ich werd den Beelzebuben tun, den Schreiberling durch einen Link noch zu ehren. (“Tintenfingel” nannte den Typos Dr. Lipom).

Aber wirklich, so fragen Sie mich nun, weshalb tut ANH sich’s an, solch einen Müll zu lesen? — Deshalb, liebste Freundin, weil ich im Netz auf der Suche nach einem Personenverzeichnis war. Das ich bislang nicht fand und werde nun wohl selbst anlegen müssen. Doch geriet ich in den Genuß mancher Trouvaille, etwa einer Karte der auf dem nordamerikanischen Kontinent handelnden Spielorte, die über die seinerzeitige Realität (etwa gab es noch die Sowjetunion) eine poetische, sagen wir, Durchpause legt. Wir haben es ja mit einem phantastischen Raum zu tun.
Ich habe sie mir ausgedruckt und hinten in das Buch geklebt; außerdem haftet nun eine etwas größere Kopie links an der laufenden Projekten dienlichen Pinnwand:

Weiterhin fand ich sämtliche Spielorte auf “Antiterra”, von Dieter E. Zimmer auf Englisch gesammelt und erklärt und gleich von mir selbst, leichterer Handhabung wegen, ins Deutsche übersetzt, siebeneinhalb enggedruckte DIN-A4-Seiten. Sowie eine, ebenfalls von Dieter E. Zimmer, “Timeline of Ada”, erarbeitet von August 2009 bis Februar 2010.
Und weiteres und weiteres ist → da und → dort zu finden; außerdem gibt es noch → ZEMBLA — wobei ich “natürlich” mit dem Gedanken herumgespielt habe, meinerseits um Mitgliedschaft bei den → Nabokovians zu ersuchen, dies aber flugs verwarf, sowohl meines Autoren-Selbstbewußtseins halber (“Ich habe ein eigenes Werk!”) als auch, weil mein gesprochenes und geschriebenes Englisch zu erbärmlich ist, um dort von irgendeinem anderen Nutzen zu sein, als mich indirekt mit fremden Federn zu schmücken, was dann wieder mein Selbstbewußtsein störte.
Um es deutlich zu sagen, bin ich kein Interpret des originalen Nabokov-Werkes, sondern ein poetischer seiner deutschen Übersetzungen, und auch das nur, insoweit es die belletristischen Bücher betrifft. Darüber werde ich kaum jemals mehr hinausgelangen. Wesentliche Privilegien, die Nabokovs Dichtung bis ins hohe Alter nährten, sind mir nicht zuteil geworden, worüber ich nicht klage; statt dessen fand ich meine eigenen Wege. Sehen aber tu ich’s klar. Und bin auf seltsame Weise froh, mit diesem Mann, abgesehen von ADA, niemals früher in lesenden Kontakt gekommen zu sein. Und auch sie schon, diese mit Van Veen untrennbar verbundene Frau, trat in mein Leben erst, als meine eigene Ästhetik längst “stand”; wäre Ada früher erschienen, ich weiß nicht, woher ich den Mut, ja die Hybris genommen hätte, selbst noch etwas in die Regnitz zu tun. Hingegen diejenigen Autorinnen und Autoren, die mich prägten, etwa Aragon, mir auf eine Weise nahe waren, die immer zugleich unsere Fremdheit unterstrich; so konnte ich nicht einmal Epigone werden. Sie fast alle hatten etwas, das ich verabscheute, Aragon die miese Autoritätsgläubigkeit, sei es anfangs gegenüber Breton, später im klebrigen Verhältnis zum Sowjetkommunismus; Pound und, gelinder, D’Annunzio wie Pirandello beider Faschismusnähe wegen; Dostojewski wegen der kriecherischen Glaubenstümelei; Nietzsche aufgrund des “Übermenschen”; Christa Reinig wegen ihres hardliner-Feminismus und Marianne Fritz wegen der psychotischen Schreiberinstruktur; ebenso Kafka, nur muß da das geschlechtskorrekte “in” weg; Beckett wegen seines existentialistisch-grotesken Nihilismus; Bernhard wegen seiner von dem elastischen, rhythmischen Stil nur allzu kläglich kaschierten Larmoyanz; Benn und Niebelschütz wegen der Nähe zum Nationalsozialismus. Und so weiter. Doch alle sie waren und sind für meine Arbeit und ihrer Entwicklung von enormer Bedeutung; ich schulde ihnen einen Riesendank. Ah, Thomas Mann vergaß ich, dessen sich selbst erhöhenden Sätze mitunter unerträglich gelockt sind, und doch unersetzlich. Indessen Nabokovs kristallene Prosa mich hätte zumindest als jungen Mann eine Nähe imaginieren lassen, unter deren Last ich poetisch verstummt wäre: “Daran ist nie zu gelangen für einen wie dich!” — so daß ich heute vielleicht ein passabler Jurist oder begüterter Mensch wär’ im Börsengewerbe. Vielleicht hätte ich nach dem DOLFINGER (also der “Erschießung des Ministers”) noch EINE SIZILISCHE REISE geschrieben, aber weder der WOLPERTINGER noch eines der späteren Bücher, auch nicht die BAMBERGER ELEGIEN und TRAUMSCHIFF, hätten entstehen können, um von MEERE vollends zu schweigen; und meine poetologische Arbeiten sowieso nicht.

Ihr ANH,
den Sie Sie erfinden ließen.

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Unangesichts des erwartbaren Todes. Nabokov lesen, 34: “Erinnerung, sprich”, 0.2.

 

 

 

So hebt er an:

Die Wiege schaukelt über einem Abgrund, und der platte Menschenverstand sagt uns, daß unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist. Obschon die beiden eineiige Zwillinge sind, betrachtet man in der Regel den Abgrund vor der Geburt mit größerer Gelassenheit als jenen anderen, dem man (mit etwa viereinhalbtausend Herzschlägen in der Stunde) entgegeneilt. Ich weiß jedoch von einem Chronophobiker, den so etwas wie Panik ergriff, als er zum ersten Mal einige Amateurfilme sah, die ein paar Wochen vor seiner Geburt aufgenommen worden waren. Er erblickte eine praktisch unveränderte Welt – dasselbe Haus, dieselben Leute –, und dann wurde ihm klar, daß es ihn dort nicht gab und daß niemand sein Fehlen betrauerte. Er sah seine Mutter aus einem Fenster im ersten Stock winken, und diese unvertraute Geste verstörte ihn, als wäre sie irgendein geheimnisvolles Lebewohl. Aber was ihm besonderen Schrecken einjagte, war der Anblick eines nagelneuen Kinderwagens, der dort vor der Tür selbstgefällig und anmaßend stand wie ein Sarg; auch er war leer, als hätte sich im umgekehrten Lauf der Dinge sogar sein Skelett aufgelöst.
Jungen Menschen sind derlei Phantasien nicht fremd. Oder anders ausgedrückt: die ersten und die letzten Dinge haben oft etwas Pubertäres an sich — es sei denn, eine ehrwürdige und strenge Religion ordnete sie. Die Natur erwartet vom erwachsenen Menschen, daß er die schwarze Leere vor sich und hinter sich genauso ungerührt hinnimmt wie die außerordentlichen Visionen dazwischen. Die Vorstellungskraft, die höchste Wonne des Unsterblichen und des Unreifen, soll ihre Grenzen haben. Um das Leben zu genießen, dürfen wir es nicht zu sehr genießen.
Erinnerung, sprich, S. 9/10
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Vergleichen Sie, Geliebte, dies mit dem berühmten Anfang der “Höllenfahrt”, dem Vorspiel des ersten Joseph-und-seine-Brüder–Bandes Thomas Manns, der zu ungefähr gleicher Zeit geschrieben wurde, bzw. erschien, in der Nabokov bereits einige Kapitel seines viel später so genannten Wiedersehens mit einer Autobiographie veröffentlicht hatte, hier und dort in verschiedenen Zeitschriften, als aber schon die Kapitelfolge entworfen war, nach der ERINNERUNG, SPRICH sich dann richtet, nämlich bereits 1936.
Doch also Thomas Mann:

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?

Wie vergleichsweise kitschig klingt dies gegenüber Nabokovs Konkretion! — Doch hören Sie weiter:

Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben darum, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Antwort steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes  und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und das O all unseres Redens und Fragens bildet, allen Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht.
Thomas Mann, Die Geschichten Jaakobs, zit. n. d. Erstausgabe Bermann-Fischers,Stockholm 1948. S. 9

Ist das im Vergleich mit Nabokovs Schwärze der Vergangenheit eines Nochnichtgelebthabens nicht sogar geschwätzig, der eines baldigen Nichtmehrlebens? Welch einen Schatten Manns Formulierung in Nabokovs helles Dazwischen wirft! — als wäre dieses genauso schwarz. — Genau da setzt Nabokovs nichtsentimentaler Widerspruch ein, ein enormes Veto des Lebens:

Ich lehne mich auf gegen diesen Zustand. Ich verspüre den Wunsch,

eben nicht eine vor-individuelle Geschichte als eine Genese der, sagen wir, Kulturart zu schreiben, um sich selbst in einer höchst vermeintlichen Sicherheit des gemeinsamen Herkunftswissens zu wiegen, sondern

meine Auflehnung nach außen zu tragen und die Natur zu bestreiken. Ein um das andere Mal habe ich in Gedanken enorme Anstrengungen unternommen, um auch nur den allerschwachsten persönlichen Lichtschimmer in der unpersönlichen Dunkelheit auf beiden Seiten meines Lebens wahrzunehmen. Daß an dieser Dunkelheit nur die Mauern der Zeit schuld sind, die mich und meine zerschundenen Fäuste von der freien Welt der Zeitlosigkeit trennen, das ist eine Überzeugung, die ich freudig mit den buntesten Wilden teile. Im Geist bin ich in entlegene Gegenden zurückgereist – und der Geist ermattete dabei hoffnungslos –, auf der Suche nach irgendeinem geheimen Ausgang, nur um zu entdecken, daß das Gefängnis der Zeit eine Kugel und ohne Ausweg ist.
Erinnerung, sprich, S. 20

Thomas Mann hingegen bemüht sich um Einverständnis,

so daß die Erinnerung, wenn auch wohl belehrt darüber, daß die Brunnenteufe damit keineswegs ernstlich als ausgepeilt gelten darf, sich bei solchem Ur denn auch national beruhigen und zum persönlich-geschichtlichen Stillstand kommen mag.
Thomas Mann, Die Geschichten Jaakobs, ebda., S. 10

Wo bei Nabokov Schwärze, unendliches Nichts, gegen das er die alleine persönliche Erinnerung an die “außerordentlichen Visionen dazwischen” setzt, spricht Mann nicht nur vom komplett abstrakten, überdies administrativen  “Nationalen”, sondern beginnt auch noch, das einzig mit übertragenen Geschichten gefüllte Nichts uns nahezu familiär zu machen:

Von dort nämlich [von Uru, dem “Ur der Chaldäer”, ANH] war vor längeren Zeiten (…) ein sinnender und innerlich beunruhigter Mann nebst seinem Weibe (…) und anderen Zugehörigen ausgezogen, um es dem Monde, der Gottheit von Ur, gleichzutun und zu wandern (…)
Thomas Mann,
Die Geschichten Jaakobs, ebda., S. 11

Achten Sie, Freundin, auf die Funktion seines vertraulichen “nämlich”s, das rhetorisch eine Nähe des Schongewußten herstellt, das gewußt aber in Wahrheit nicht ist, sondern so nur vorgestellt wird. Kein Auge, das noch lebte, hat das Erzählte je gesehen, indessen sich Nabokov auf seine früheste, nämlich konkrete Erinnerung bezieht:

Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt), sehe ich das Erwachen des Bewußtseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis schlüpfrigen Halt bieten. Zählen und Sprechen hatte ich sehr früh und mehr oder weniger gleichzeitig gelernt, doch das innere Wissen, daß ich ich war und meine Eltern meine Eltern [waren], hat sich anscheinend erst später eingestellt und hing unmittelbar damit zusammen, daß ich ihr Alter im Verhältnis zu meinem begriff. Nach dem hellen Sonnenlicht und den ovalen Sonnenflecken unter den sich überlagernden Mustern grünen Laubes zu urteilen, die mein Gedächtnis überfluten, wenn ich diese Offenbarung denke, war es vielleicht am Geburtstag meiner Mutter im Spätsommer auf dem Land, und ich hatte Fragen gestellt und die Antworten abgewogen. All das ist genau, wie es dem biogenetischen Grundgesetz zufolge sein soll; der Anfang reflektierenden Bewußtseins im Gehirn unseres entferntesten Verwandten ist ganz gewiß mit dem Erwachen des Zeitsinns zusammengefallen.
Erinnerung, sprich, S. 22/23

Hiergegen ist schon — ich begreife dies aber jetzt erst — Manns Bild des Brunnens falsch, bzw. unangemessen gefühlig, als wäre hinter uns die Zeit ein Schlauch oder Schacht hinab, der von mehr oder minder festen Wänden gehalten, und seien es die von Organen, anstelle daß sie, wie Nabokov sieht, die schwarze, allumgebende Unendlichkeit und das, was in dem Schlauch oder Schacht, die Helligkeit unseres Lebens ist: unsererjeweiligen – Leben.

Dieses im Wortsinn klarzustellen, es besonders zu erleuchten, schien mir soeben nötig zu sein, da mich → das gestern gelesene Bild dieses – meines eigenen Lebens – kurzen Lichtspalts zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels nicht und nicht mehr verläßt — ganz sicher nicht nur, weil angesichts meines unterdessen erreichten Alters der eigene Zeithorizont (Andreas Steffens) zunehmend schmal wird, sondern weil die im Wortsinn gegenwärtige Pandemie ein sehr viel schnelleres Übertreten, als vorher anzunehmen war, aus meines Lebens  “außerordentlichen Visionen” des Lichts in des Nichtses unbegreifbare Schwärze im zweitenmal Wortsinn wahrscheinlich macht.  

Sehr, sehr unheimlich ist mir dies.

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Das Oster-, nämlich sechzehnte Coronojournal. Geschrieben für Sonntag & Montag, den 12. und 13. April 2020. Darinnen Nabokov lesen, 33: “Erinnerung, sprich”, 0.1 | “Ada oder Das Verlangen”, 0.1.

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 13.3., 10.45 Uhr]

So saß die Familie denn gestern beisammen, der große Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी und ich; alleine Sie, geliebte Freundin, fehlten und wären aber von allen begrüßt gewesen. Wir wissen freilich, und leben damit, weshalb es Ihnen, auch leiblich mit uns zu sein, nicht möglich. Doch hätten Sie die für einen Sonntagmorgen ausgesprochen belebten Straßen der für Prenzlauer Berge doch recht planen Trottoirs unter dem leuchtenden Hochfrühlingswetter sehen müssen, das sich heute nun wieder bewölkt hat. Doch ist’s ein leuchtendes Grau über Berlin, in das hinaufzuschauen heißt, die Augen zusammenzupetzen.
Ganz ohne Risiko war unser Frühstück nicht. Der große Sohn, ein unterdessen kräftiger, wohlgeformter junger Mann, jobbt in einer Eisdiele, लक्ष्मी arbeitet zweidreimal wöchentlich in einer Ärztinnenpraxis, wenngleich im hinteren Bürobereich, die wenigsten direkten Kontakte haben die Zwillinge und ich. Es ist eine Abwägungsfrage, die wir uns ständig auch stellen. Daß wir uns aber nicht in den Arm nehmen würden, wenigstens kurz, wäre indes unvorstellbar. Dabei hatten लक्ष्मी und ich dreivier Tage zuvor einen Streit gehabt, dessen Ursache hier nicht hingehört; es war aber Schweigen eingetreten danach. So war das Osterfrühstück auch “Vereltrung”; es sei dies als angemesseneres Wort für “Versöhnung” erlaubt. Seltsam, daß wir auch “Vertöchtrung” nicht kennen.
Hernach flanierte – ein nun rundum treffendes Wort – ich über den Helmi, aus dem die Sonnenwärme unsichtbar dampfte und dessen viele Bäume in flockigen Blüten stehen, zur Arbeitswohnung zurück und legte mich zur verspäteten Siesta. Doch als ich wieder aufstand, hielt mich der Frühling am Schreibtisch nicht. Sondern ich mußte erneut hinaus, wollte lesen im Licht.

Es ist auffällig, welch eine Scheu ich vor → ADA habe. An sich wäre dieser Roman nunmehr “dran”, insofern ich mir vorgenommen, meine Serie erst einmal auf Nabokovs belletristischen Bücher zu konzentrieren und alle anderen — meine Erzählung zum Bastardzeichen werde ich nachher zu schreiben beginnen — nunmehr hinter mir habe, was aber besser “in mir” genannt wird. Dennoch, ich stieg auf die Couch (“N” befindet sich in meinem Wandregal ziemlich weit oben) und zog den Band heraus; ERINNERUNG, SPRICH wiederum lag schon seit vortags auf dem Mitteltisch bereit, die ersten dreißig Seiten schon gelesen – aber zu viele, dachte ich, persönliche, also biografische Angaben, um die Romane unbeeinflußt weiterzulesen. Ich möchte einfach ungesteuert die poetischen Arbeiten in mir aufnehmen, auch auf die Gefahr hin, zu “falschen” Schlüssen zu kommen; doch ziehe ich nach wie vor die immanente Interpretation, wenn interpretiert werden denn muß, vor. Nur ist ADA schon durch- und durchgearbeitet, steckt voller Lesezettel mit draufgekritzelten Anmerkungen, ebenso sehen die Seiten aus, alles vom November/Dezember 2000 aus Indien, wo die damals hochschwangere लक्ष्मी und ich ungefähr sechs Wochen verbrachten; dann scheine ich die Lektüre unterbrochen, im Juli sie wieder aufgenommen und beendet zu haben. Entsprechend ist das Notat auf der Rückseite des Schmutztitels in Goa, sehr wahrscheinlich Palolem verfaßt worden:

Aus diesen meinen Handschriftshieroglyphen “übersetzt”, sagt sie:

bzgl. meines Europäerseins: Ich kehre – auf anderem Niveau – zu den Vorstellungen des “einfachen Touristen” zurück & mag mich nicht mehr fremden Kulturen “anpassen”, d.h. sie adaptieren. Solche Mimikry ist anmaßend und bodenlos. (Erinnerung an die europäischen – deutschen – Bauchtänzerinnen während des Kultur-der-Nationen–Umzugs in Berlin im Sommer 2000.
→ Vielleicht einen Aufsatz hierüber schreiben.

Hab ich wohl nie getan, bzw. diese Idee erst fünfzehn Jahre später unbewußt wieder aufgenommen, als ich auf Mauritius “Im Blick eines Mädchens von allenfalls zwölf” notierte, ein poetischer Text, der sich ausgearbeitet heute im zweiten Band meiner gesammelten Erzählungen findet.
Ich war damals, neben ADA, auch mit ganz anderem beschäftigt, schrieb, teils in einer zwischen zwei Palmen aufgespannten Hängematte, an BUENOS AIRES.ANDERSWELT, das 2001 auch erschien, damals noch im Berlin Verlag. — Dies erklärt die Unterbrechung meiner Lektüre.
Wie auch immer, ADA ist, ich schrieb es Ihnen schon, wie eingeprägt in mir als ein Wunder geblieben, und genau das erklärt nun auch meine Scheu, die ich jetzt abermals empfand, als beide Bücher – sie und ERINNERUNG, SPRICH – vor mir auf dem Mitteltisch lagen und ich mich halt entscheiden mußte.
Es vergingen gewiß zehn Minuten, in denen ich nicht einmal blätterte, nur die beiden nach Umfang und Ausstattung sehr ähnlichen Bücher besah, meditationslos über sie hinaufmeditierend. Dann entschloß ich mich, bei dem “ursprünglichen” Plan zu bleiben und also für ADA, zog schnell noch die Schuhe an (die gelben, der Sonne zu huldigen; einen Mantel brauchte man gestern nicht, nicht einmal den Schal mehr), schnappte das Buch und zog los. Doch als ich dann meinen Steinsimsplatz im quirlig belebten Thälmannpark eingenommen, erst da stellte ich fest, nun doch ERINNERUNG, SPRICH bei mir zu haben, mich schlichtweg vergriffen zu haben. Und las siebzig Seiten durch, nach denen mir klar war, es wieder unterbrechen und nun tatsächlich ADA mir vornehmen zu müssen. Womit ich nun morgen beginnen will, wenn meine Besprechung des Bastardzeichens geschrieben und eingestellt sein wird. [Nachtrag, 19.4.: → Ist sie jetzt.]

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Nabokov lesen 32 <<<<
Ada 0.1 <<<<

(Es gehört zum Charakter eines Literarischen Weblogs wie diesem, daß die Kategorien, denen Beiträge zugeordnet werden, nicht randscharf gegeneinander abgegrenzt sind, sondern sie verfließen ineinander. Für eine, wenn es sie denn geben wird – Arco spielt bereits mit dem Gedanken daran –, Buchfassung meiner Nabokovserie, wird dies geändert werden müssen. — Diese Bemerkung ist für eine der ästhetischen Diskussionen wichtig, wie ich sie soeben wieder, → dort nämlich, mit Peter H. Gogolin geführt habe.)

Etwas weiteres war wichtig.
Der Ton für die Béarts ist zurück, jedenfalls ein Ton wieder, der für die gegenwärtige Situation angemessen ist und tatsächlich ins Hymnische neu hinaufführen könnte, das diesen Zyklus grundiert. Auch wenn das “zurück” jetzt Zurückschauen werden mag, in ein Verlorenes und vielleicht tatsächlich niemals Wiederkehrendes. Ich habe diese, so empfinde ich es, Kippe gestern → im Entwurf eingestellt, nach wirklich tagelangem Hin- und Herwenden der immer wieder abgebrochenen, immer wieder stockenden Skizzen zu dem zweiunddreißigsten Gedicht. Jetzt, dort wo unten in den Klammern die drei Pünktchen stehen, kann ich auf das blicken und im Klang einer, ja, jubelnden Klage Welt erneut besingen, was danach vielleicht, in der abschließenden No XXXIII, noch einmal Utopie werden wird. Denn Elegien hab ich → schon geschrieben; das wollte ich nie wiederholen, wie ich ohnedies Autorinnen und Autoren nicht mag, deren Bücher sich permanent gleichen. Der Stil freilich, wenn sie einen haben, wird als maniera erkennbar sein, ohne aber Manier zu sein. Rollenprosa unterläuft sie zum Beispiel, und gerade Nabokov führt uns vor, wie differenzierbar selbst auktoriales Erzählen sein kann. Bisweilen frappant, wie er seinen Klassizismus unversehens in ein Ich fallen läßt, von dem wir gar nicht sagen können, wer es ist, der oder die da von sich spricht.

Zu Corona, noch einmal, ist ein Papier viral gegangen, das eigentlich Verschlußsache bleiben sollte. Sie finden es, Geliebte, → dort. Wobei man mit ein bißchen mathematischem Verstand drauf selbst hätte kommen können und nicht selten gekommen auch ist. Ich wiederum kehre auch deshalb zu der naturphilosophischen Spekulation wieder und wieder zurück, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, wieviel an teils heftigem Widerspruch, teils sogar Beschimpfungen ich → für meinen Gedanken auch immer habe einstecken müssen, was bekanntlich bis zum Vorwurf reichte, daß ich faschistoid sei. Meine Repliken finden sich in den Kommentaren, teils nochmals ausgeführt in den folgenden Arbeitsjournalen.
Zur Selbstregulation gehört möglicherweise auch Gleichzeitigkeit: Nabokov lesen steht neben Corona, ist in sie eingewirkt wie das Osterfrühstück und irgendein Liebesbrief, der Sie, Geliebte, vielleicht dieser Tage erreicht, und wie der Sonnenschein gestern und das Erblühen der Zweige in die Einsamkeit der Alten hinein, die in den Heimen bangen, und steht ebenso gleich neben der Anstrengung der Ärztinnen und Ärzte auf den Covidstationen und daß es in einigen Ländern längst schon so ist, daß niemand mehr weiß, wohin mit den Leichen. Und doch schwebt ein flirtender Blick von einer jungen Dame zu einem jungen Mann im Park, und immer noch wählen wir morgens den Chic, ohne zu wissen, ob wir denn im Dezember noch Einkünfte haben. Scheinbar Beliebiges wird unversehens zum Ausdruck von Kultur, kehrt zu ihm, möcht ich fast sagen, zurück. Und ich … ich schreibe Erzählungen ins Netz, die vielleicht wie Sonden sind, die wir ins völlig Leere des Weltalls schicken, über Tausende Lichtjahre hin, die wir selbst, was wir auch wissen, erleben gar nicht können. Und doch fällt einem ein Musikstück ein, daß vor 217 Jahren entstanden und dessen Schöpfer längst nicht mehr ist, und wir legen die Platte auf, erst die Aufnahme unter Konwitschny, setzen uns in den Musikstuhl und lauschen, und dann noch einmal die härtere unter Norrington – ein und eine dreiviertel Stunde lang. Auch das ist ein Wunder. Wir haben die Augen geschlossen, nippen nur hin und wieder Eierlikör aus dem Gläschen, weil zu Ostern → unsere Großmütter sowas immer bereitet haben, ein klebriges, schwer süßes Zeug, das uns seltsam selig macht.
Aber weshalb wir auf Beethoven kamen? Sicher auch, weil er in Nabokovs Bastardzeichen nicht nur mehrmals erwähnt wird, sondern für einen Charakter steht, nur sein Portrait allerdings, das den Bullenkopf zeigt, der Adam Krugs so ähnele, dem, man weiß nicht, ob naiven, ob nur allzu trotzigen Helden, dessen “allzu” für eben das steht, was Bonaparte, als er Goethes ansichtig wurde, habe ausrufen lassen: “Voilà, un homme!” Wozu uns gleich wieder zweierlei einfällt: zum einen der Spott einer Geliebten, als sie auf der Unterbauchlitze meiner engen Boxershorts hervorgehoben “HOMME” las (die gängige Firmenbezeichnung eines italienischen Herstellers maskuliner Unterwäsche) sowie daß Anthony Burgess eben dieser Sinfonie, es ist Beethovens Dritte, einen ganzen Roman gewidmet hat. Bekanntlich hatte der Komponist dieses große Musikwerk Napoleon Bonaparte gewidmet — Sinfonia eroica, composta per festeggiare il sovvenire d’un grand’Uomo —, indes erzürnt die Ehrung gestrichen, als sich der Korse die Kaiserkrone aufgesetzt. Ich ahne beinah körperlich, daß Nabokov eben das zur Charakterisierung seines Helden im Kopf gehabt hat, nur daß sich seine, Adam Krugs, Erzürnung nicht in einer solchen, sondern in nicht ernst nehmender Abfälligkeit zeigt — mit den furchtbaren Folgen, die ich in meiner Besprechung nacherzählen werde. An die ich mich gleich setzen will. Doch stehen noch zuvor, aus → Herzensbildung, einige Anrufe zu tätigen aus.

Ihr ANH

Nabokov lesen, 33. (Ada 0.1 | Erinnerung, sprich 0.1)

 

 

→ D o r t ins Arbeitsjournal integriert.

 

 

 

 

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Nymphophilie: Der Bezauberer. Nabokov lesen, 22: Die Erzählungen, II,3.

 

Nicht zu jedem Schulmädchen, das mir
über den Weg läuft, fühle ich mich
hingezogen.
Der Bezauberer, 228
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

 

 

“Welchen Vers soll ich mir auf mich machen?” fragt sich gleich zu Anfang Nabokovs Ich-Erzähler, und zwar bereits 1939, lange vorLolita. Der Romancier selbst erzählt dazu:

Der Mann war Mitteleuropäer, das anonyme Nymphchen Französin, und die Orte der Handlung waren Paris und die Provence. Ich ließ ihn die kranke Mutter des kleinen Mädchens heiraten, die bald darauf starb, und nach einem mißglückten Versuch, die Waise in einem Hotelzimmer zu mißbrauchen, warf sich Arthur (das war sein Name) unter die Räder eines Lastwagens.
Anmerkungen, 603
(Dtsch.v. Dieter E. Zimmer)

In nuce, abgesehen vom “mißglückten Versuch” und dem Ende ist dies exakt die Handlungskonstruktion des späteren, so berühmten Buches. Und Nabokov fährt fort – und nennt diese Erzählung sogar direkt “eine Art Prä-Lolita-Novelle” –, achten Sie auf die Wortwahl:

Ungefähr 1949 begann mich (…) das Pulsen, das nie ganz aufgehört hatte, von neuem zu plagen [Hervorh.v.mir].
Anmerkungen, dto.

Muß hier mehr gesagt sein dazu?
Interessant aber ist, daß der junge Nabokov sich in Der Bezauberer durchaus nicht scheut, erotisch explizit zu sein — etwas, das er im späteren Buch höchst klug vermeidet:

(….) alles rief eine unerträgliche Empfindung sanguinischer, dermaler, multivaskulärer Kommunion mit ihr hervor (…), als erstrecke sich die monströse Halbierungslinie, die alle Säfte aus den Tiefen seines Wesens heraufpumpte, wie eine pulsierende, gepunktete Linie in sie hinein, als wüchse dieses Mädchen aus ihm heraus, als zerrte und schüttelte sie mit jeder ihrer unbekümmerten Bewegungen an ihren Lebenswurzeln, die fest in den Eingeweiden seines Wesens streckten, so()daß er einen Ruck verspürte, ein barbarisches Reißen, einen momentweisen Verlust des Gleichgewichts, wenn sie plötzlich die Stellung wechselte oder davonschoß. Plötzlich wird man mit dem Rücken durch den Staub geschleift, schlägt mit dem Hinterkopf auf, um am Ende an den Gedärmen aufgehängt zu werden. 
Bezauberer, 240.

Dazu, daß

die Aussicht, das Mädchen allein zu finden, (…) wie Kokain in seinen Lenden (schmolz)
Bezauberer, 256.

Oder wenn Arthur von erwachsenen Frauen, und mit welch Geekeltsein, spricht:

(…) und es war völlig klar, daß er (der kleine Gulliver) körperlich außerstande wäre, es mit jenen breiten Knochen aufzunehmen, mit jenen vielfachen Höhlungen, dem massigen Vlies, den formlosen Fußgelenken, der widerlich schiefen Formation ihres voluminösen Beckens, nicht zu reden von den ranzigen Ausdünstungen ihrer welken Haut und den bislang unenthüllten Wundern der Chirurgie
Bezauberer, 262.

Aber auch der folgende Satz auf der gleich nächsten Seite ist ein Sexualbild:

Jetzt streift er durch die fröstelnde Kargheit der Novembernacht, durch den Nebel der Straßen, die sich seit der Sintflut in einem Zustand dauernder Feuchtigkeit befinden.
Bezauberer, 263.

Wobei der “kleine Gulliver” sich nicht nur auf Swifts Brobdingnag bezieht:

I must confess no object ever disgusted me so much as the sight of her monstrous breast, which I cannot tell what to compare with, so as to give the curious reader an idea of its bulk, shape, and colour. It stood prominent six feet, and could not be less than sixteen in circumference. The nipple was about half the bigness of my head, and the hue both of that and the dug, so varied with spots, pimples, and freckles, that nothing could appear more nauseous.
Swift, Gulliver’s Travels, Part II,1

Interessanter, nämlich für die Psyche des Nymphophilen, scheint mir zu sein, wie deutlich hier die persönliche Ungleichzeitigkeit offenbart wird: Der Erzähler ist geschmacklich-ästhetisch selber noch Kind, indes mit der ganzen sexuellen Triebkraft des Erwachsenen. Machen wir uns, Freundin, dies klar genug, wird auf der anderen Seite der gleichsam Zerreißdruck geradezu mitfühlbar, mit dem ein solcher Mensch geschlagen sein muß — und gerade da wird noch einmal betont, → was ich bei Lolita vermißte. Es ist eben nicht gesagt, daß ein Nymphophiler, auch nicht ein Nymphomaner oder, mit dem tatsächlich falschen Wort, “Pädophiler” notwendigerweise ein schlechter Mensch sei. Es kann sogar ein sehr guter, liebenswerter sein, den diese, soweit wir heute wissen, nicht heilbare Neigung sich eingeprägt hat. Daß überdies ein Mensch, der Nymphen begehrt (junge fast-Erwachsene also), mit einem, der tatsächlich auf Kinder steht, gar nicht verglichen werden kann, steht auf noch einem anderen Blatt.
Und dann,

wenn alles das vollständig zur Ruhe gekommen war, lag er auf dem Rücken und beschwor das ein und einzige Bild, umwand sein lächelndes Opfer mit acht Händen, die sich in acht Tentakel verwandelten, welche sich an jedem Detail ihrer Nacktheit festsaugten, und schließlich löste er sich in schwarzem Nebel auf und verlor sie in der Schwärze, und die Schwärze breitete sich über alles und war nur die Schwärze der Nacht in seinem einsamen Schlafzimmer.
Bezauberer, 269.

Schnürt nicht auch Ihnen, Freundin, sich da furchtbar das Herz zu? ” … und war nur die Schwärze der Nacht in seinem einsamen Schlafzimmer.” Was, wenn nicht Trauer, erschafft diese Schönheit der Sätze? Wie sehr zugleich die (abgespaltene) Kindlichkeit des Erzählers an der Erzählung mitwirkt, zeigt nicht weniger beklemmend der letzte Satz der folgenden Passage, weil das gewählte Märchenbild die stilistische Reife des ausgefeilt hypotaktischen Satzes zuvor entsetzlich unterläuft:

Verächtlich gab wer nebenher der Chirurgie den Laufpaß und überlegte sich, wie ausnehmend gut sie [die Mutter der Nymphe, also seine Ehefrau] es unter seiner Schirmherrschaft gehabt hatte, wie er ihr ungewollt einiges an wirklichem Glück verschafft hatte, das ihr die letzten Tage ihrer vegetativen Existenz aufhellte, und von da aus war es bereits ganz natürlich, daß er dem schlauen Schicksal vorbildliches Verhalten attestierte und den ersten köstlichen Pulsschlag in seinem Blutstrom verspürte: Der einsame Wolf schickte sich an, die Nachthaube der Großmutter aufzusetzen[,]
Bezauberer, 273,

um bald schon darauf die Nymphe an den Schläfen zu fassen,

so()daß ihre Augen sich streckten und schlitzten, (und er) begann  ihre sich öffnenden Lippen, ihre Zähne zu küssen …
Bezauberer, 289.

Es gibt sogar einen Querverweis → auf Balthus; Thérèse révant, deutlich selbst eine Nymphe, stammt sogar aus derselben Zeit, und zwar jener, in der Nabokov bereits im Pariser, nicht mehr Berliner Exil lebte. Nicht unmöglich, daß er das Bild direkt dort sah (vielleicht gibt Erinnerung, sprich mir später Auskunft — und Ihnen, Freundin, damit auch). Die Gleichzeitigkeit ist in jedem Fall schlagend:

So. Ein unbezahlbares Original: Schlafendes Mädchen, Öl. Ihr Gesicht in seinem weichen Nest aus hier verstreuten und dort sich häufenden Locken mit diesen kleinen Rissen auf den ausgetrockneten Lippen und dieser [diesem ?] besondere Kniff in den Lidern über den sich kaum berührenden Lidern war rostbraun und rosenrot gefärbt, wo die erleuchtete Wage — deren florentinische Linie selbst schon ein Lächeln war — hindurchschimmerte.
Bezauberer, 295/296.

Ein Jammer, daß mir das Urheberrecht Balthus’ Gemälde zu zeigen verwehrt. Folgen Sie also dem auch schon oben unterlegten → Link.

Doch der junge mutige Nabokov geht noch viel weiter:

Dann begann er ganz allmählich [,] seinen Zauber auszuüben, indem er mit seinem Zauberstab [!!] über ihren Körper hin und her fuhr, fast die Haut berührte, sich mit ihrer Anziehung, ihrer sichtbaren Nähe, der phantastischen Konfrontation quälte, die der Schlaf dieses nackten Mädchens gestattete, das er sozusagen mit einer zauberischen Elle vermaß — bis sie eine leichte Bewegung machte und mit einem kaum hörbaren, verschlafenen Schmatzgeräusch ihrer Lippen den Kopf wegwandte.
Bezauberer, 298.

Ich denke, dieses alles genügt, um die Strahlungskraft zu markieren, die Der Bezauberer auf Nabokovs gesamtes nachheriges Werk bis zu dem nachgelassenen Modell für Laura ausgeübt hat. Daß die Erzählung umfangreich genug ist, um sie auch als Einzelpublikation herausgeben zu können, → erzählte ich Ihnen bereits. Fragwürdig allerdings ist dabei, daß “Der Bezauberer” auch als “Der Zauberer” erschien — eine wirkliches Bein, daß Rowohlt nicht nur sich selber, sondern auch Nabokov stellte, der Th. Mann nicht sonderlich schätzte. Nur ist eben “der Zauberer” dessen kanonisierter Ehrenname. Man hätte denn, angelehnt an Nabokovs noch russisches Titelwort Волшебник, einfach “Zauberer”, also ohne den Artikel, verwenden können. Hat der Verlag halt aber nicht. Dieter E. Zimmers Entscheidung für “Der Bezauberer” indes ist von suggestiver auch Subversion und kommt Nabokovs Kunst wie Größe wohl am nächsten.
Daß es sich aber hier, viel mehr noch als bei Lolita, um tatsächlich eine Liebeserzählung handelt, dürfte aus meinen Zitaten nun deutlich sein — Liebe, ja … diese und Verfallenheit in sprachlichen, manchmal “parenthetischen Blitzen” (298). Und also zum Abschluß, heute, nur noch ein paar besondere Schönheiten. Nicht selten sind sie von Wahrheit zugleich:

(…) daß Sünde und bürgerliche Sitte untrennbar sind; daß jede Hygiene ihre Hyäne hat (229)(…) die lederbraunen Riemen starrten ihm ins Gesicht. Dieses Starren war das Starren des Lebens (235) — eine wilde, kastanienbraune Hitze (236) — weder beschämt noch direkt, mit einer Seele, die wie untergetaucht [zu sein] schien, aber in einem strahlenden Naß (242) — sieben Achtel Gewohnheit, ein kleines Achtel Koketterie (257) — ihre Schlafzimmertür war mit linealhafter Präzision von einem feingeschliffenen Lichtstreif unterstrichen (265) — Wie Geigenstege flogen mit Anfällen kehliger Musik die Telegraphenmasten vorbei (277)

 

 

 

Ihr ANH

 

 

 

 

 

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Nabokov lesen, 18: “Die Gabe” (3). Mit einer unzeitgemäßen poetologischen Schlußbemerkung zum pädophilen Fall Gabriel Matzneffs.

 

Dem wahren Schriftsteller sollten alle Leser egal sein,
außer einem: dem der Zukunft, der seinerseits nur die
Widerspiegelung des Autors in der Zeit ist.
Die Gabe, S. 554
(Alle Zitate in der Übersetzung Annelore Engel-Braunschmidts)

 

Dieser ist der letzte Roman, den Nabokov auf Russisch schrieb, seine gewissermaßen Conclusio des russischen Emigrantenmilieus nach der Flucht vor Revolution und Diktatur und wie deutlich auch immer er’s bestreitet – seinPortrait of the Artist as a Young Man“. Wie dort das intellectual awakening of young Stephen Dedalus als a fictional alter ego of Joyce erzählt wird, so läßt sich im Grafen Fjodor Godunow-Tscherdynzew unschwer ein Selbstbild des jungen Nabokovs erkennen, wenn auch verstellt in den Details — was nun besonders spannend ist. Denn das spätere Verfahren, vor allem in der “gefakten” Biografie seines allerletzten, jedenfalls als letztem abgeschlossenen Romans, → “Look at the Harlequins!”, nämlich tatsächliche Geschehen mit fiktiven so zu amalgamieren, daß Rückschlüssen auf seine reale Person, auf ihre Geschichte und ihre Vorlieben einerseits gar nicht entgangen werden kann, sie andererseits aber ein begründeter, moralisch gesprochen, “Mißbrauch” sind und, poetologisch gesprochen, unsauber interpretiert, mithin ein illegitimes Deutungsverfahren. Gleichsam hält der Roman seinen Leserinnen und Lesern eine Tafel vors Gesicht, auf der “Das bin ich, war ich” steht, lesen sie es aber laut davon ab, wird diese Tafel als Fälschung denunziert: Mit ihm selbst habe das Buch gar nichts zu tun.

Ich bin nicht und war niemals Fjodor Godunow-Tscherdynzew; mein Vater ist nicht der Erforscher Zentralasiens, der ich eines Tages noch werden könnte; ich habe niemals um Sina Merz geworben und mir nie Sorgen um den Dichter Kontschejew gemacht. Tatsächlich erkenne ich eher in Kontschejew, aber auch in einer anderen Nebenfigur, dem Romancier Wladimirow, einige Elemente meiner selbst, so wie ich um 1925 war,
Die Gabe, 599

schreibt er 1962 in seinem “Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe”. Wobei der Roman selber verräterisch dagegensteht:

Als Gesprächspartner war Wladimorow einmalig reizlos. Man warf ihm vor, er sei spöttisch, anmaßend, kalt, unfähig, in freundschaftlichen Diskussionen aus sich herauszugehen – aber das sagte man auch von Kontschejew und von Fjodor selber (Hervorhebung von mir, ANH).
Die Gabe, S.522,

wobei  die Beteuerungen oder, je nachdem, Warnungen der nabokovschen Einlassungen freilich selbst schon poetologischer Trick sind, vermittels dessen die Fiktion noch höher in die Realität gehoben, gleichsam mit ihr verschmolzen wird — womit er etwas vorausnimmt, das unterdessen unsere faktische, auch politische Realität ist. “Kunst nimmt Wissenschaft vorweg” , hat Thomas Hettche einmal geschrieben; ich gehe weiter: “Kunst nimmt Wirklichkeit vorweg.” Wir spüren das kommende Geschehen, nicht unbedingt bewußt, nein, doch einem Geruch gleich, dem wir folgen. Künstler nehmen → Markierungen wahr, am Fuß der nächsten Straßenlaterne, an einer Hecke, an einer Hauswand. Nicht von ungefähr finden sich alle Spuren unten. Zugleich ist Nabokovs Verfahren eines gegen Dinglichkeit und also festgeschriebene Dogmen: Sieh her, ich erzähle von mir, aber bin nicht, von dem ich erzähle. Was auch insofern stimmt, als die Realität einer Romanfigur eine andere als die einer Realperson sein muß, denn beide unterstehen völlig anderen Zeitabläufen, diese dem linearen der normalen Tagesgeschehen, jene der auslassend springenden der Konstruktion. Selbst bei dem autobiografisch-extremen → Knausgård erfahren wir von seiner Figur allenfalls Ausschnitte; Identität wird über die Fiktion der Aussparung zusammengehalten, als hätte das Ausgesparte auf eine Realperson ebenfalls keinen Einfluß. In Realzeit läßt sich nicht schreiben; es wäre auch nur, andernfalls, der scheiternde Versuch einer lebenslangen Verdoppelung. Statt dessen tuscht Nabokov auf ein Blatt aus der objektiv-subjektiven Erinnerung, was ihm im Gedächtnis, und legt ein zweites Blatt auf die noch feuchte Tinte, worauf nun das fiktive Gewebe getuscht wird: Genau dies ist der künstlerische Prozeß. In ihm fließen beider Tinten ineinander, durch das saugende Papier hindurch; schon läßt sich die vermeintliche Autobiografie vom künstlerisch Gemachten nicht mehr trennen, mag sie auch der “erste Beweger” gewesen sein. So wird selbst ein gemeintes (etwa bewußt karikiertes) Urbild übers mögliche Erkennen hinaus zu g e m a c h t e m Bild, mithin einem Geschöpf der Kunst, das atmen alleine in i h r kann. Dies ist, was die moderne “neue”, tatsächlich aber regressive Moral nicht sieht – sie ist modisch, nicht modern – oder sehen nicht will, um verdinglicht (eineindeutig) festschreiben lassen und aus den Festschreibungen Gesetze pressen zu können, die jede Mehrdeutbarkeit aus Denken und Handeln verbannen. Der Mensch wird replikant, noch bevor die Technologie Replikanten tatsächlich zu erschaffen vermag.
Dies war zu Nabokovs Zeiten noch nicht Gegenstand der Sorge, der “autobiografische Interpretationsansatz” sehr wohl. Indem ich die künstlerische Bewegung, ihren Schöpfungsprozeß, quasi deterministisch erkläre, nehme ich dem Kunstwerk das Wunder, das es, wenn gelungen, aber ist. Ich erkläre es sozusagen hinweg und wische den metaphysischen Halo aus. So verkommt es zur tauschbaren Ware – was vor allem die Ökonomie will: Sie wird zum ersten Beweger. Immer wieder hat sich Nabokov dagegen gestemmt, seine Nach- und Vorworte wimmeln von Versicherungen, er teile zwar manches mit dem und dem “Helden”, s e i der aber keineswegs. Allzu deutlich muß ihm gewesen sein, wie groß hier die Gefahr ist, die denn auch von liebenden Gefolgsleuten mit befeuert wird:

(…) indem er einen fiktiven Vertreter seiner selbst

nämlich Godunow-Tscherdynzew

über einen fiktionalen Vater schreiben ließ und dabei auch seine eigene Skrupel mit hineinprojizierte. ‘Nabokov hatte sehr stark das Gefühl’, schreibt → Boyd, ‘daß er das Beste in sich selber von seinem Vater hatte. Um das Bewußtein für seine Herkunft auf den Begriff zu bringen, wollte er [seinem Helden] Fjodor es seinem Vater an entdeckerischem Mut gleichtun lassen, aber auf seinem eigenen Gebiet, der russischen Literatur.’
Die Gabe, S. 604

So trägt es Dieter E. Zimmer in seinem “Nachwort des Herausgebers” vor — auf die Vaterfigur werde ich dezidiert u n t e n eingehen — und bezieht sich auf das Kapitel 4 der Gabe, das ein eigener, nämlich der Roman Godunow-Tscherdynzews, des Protagonisten, ist, den Nabokov ihn schreiben und auch publizieren läßt (und der in Kapitel 5 mit den üblichen Hämen und Faxen eines nicht nur Exilanten-Literaturbetriebs “kritisiert” wird:

— was sich sogleich die Realität an die leeren Schläuche ihrer Brust nahm.
Die Redaktion der Pariser Emigrantenzeitschrift Sowremennyje sapiski, in
der 1938 bereits drei Kapitel des Romans erschienen waren, lehnte “Das
Leben Tschernyschewskis” kurzerhand ab, und der damals mittellose
Nabokov “stimmte der Auslassung”, erzählt Dieter E. Zimmer, zähne-
knirschend zu”. So konnte der unverstümmelte Roman erst 1952
in New York erscheinen.)

Ich habe schon im vorigen Beitrag festgestellt, wie sehr sich dieses Kapitel 4 auch stilistisch von dem übrigen Roman unterscheidet, ein Meisterstück für sich, und aber eben das wirkliche Kernstück des gesamten Buches, ohne das es — und ohne zwei weitere quasi-Binnengeschichten, die allerdings nicht in sich gerundet sind, sondern mit der Rahmenerzählung amalgamieren — fast etwas Beliebiges bekäme, als wäre es eine Kette aus in ihrer Präzision allerdings frappierenden, hier bisweilen abermals an Bilder George Grosz´ gemahnenden Erinnerungen an das Berlin der vergangenen Zwanzigerjahre:

Graue Beine alter Männer, mit Wucherungen und geschwollenen Venen bedeckt; Plattfüße, braungelbe Hornhaut von Hühneraugen; rosige Schweinsbäuche; nasse, zitternde, bleiche Halbwüchsige mit rauhen Stimmen; die Kugeln der Brüste; dicke Hintern, schlaffe Oberschenkel; bläuliche Krampfadern; Gänsehaut; die pickligen Schulterblätter krummbeiniger Mädchen; die fetten Nacken und Gesäße muskulöser Rowdys; die hoffnungslose, gottlose Leere zufriedener Gesichter; Balgereien, Gelächter, Geplansche – all das fügte sich zusammen zu einer Apotheose jener berühmten deutschen Gutmütigkeit, die mit Leichtigkeit jeden Augenblick in rasendes Geschrei umschlagen kann.
Die Gabe, S. 547/548

Gegen die hierunter liegende, stallgeruchshaft-allgegenwärtige Drohung geht Godunow-Tscherdynzew, schon um diesen Dungmiasma loszuwerden, besser schwimmen, mit welch grandioser Volte Nabokov in einem einzigen Absatz die übel haftende Essenz seiner Wahrnehmung verschiebt und seinen Helden damit rettet:

Nachdem er eine intime kleine Bucht zwischen den Binsen ausgesucht hatte, stieg Fjodor ins Wasser. Eine warme Undurchsichtigkeit umfing ihn, Sonnenfunken tanzten vor seinen Augen. Er schwamm lange, eine halbe Stunde, fünf Stunden, vierundzwanzig, eine Woche, noch eine. Schließlich, am achtundzwanzigsten Juni gegen drei Uhr nachmittags, ging er am anderen Ufer an Land.
Die Gabe, ebda. (547/548)

Es gibt in dem Buch viele solcher Stellen, die einem momentlang den Atem nehmen, so, wie wir, wenn wir wirklich staunen, nur noch schweigen können:

Drinnen im Möbelwagen lag ein kleines braunes Klavier auf dem Rücken, so daß es nicht aufstehen konnte (S. 13) — auf dem kleineren Tisch zwischen den beiden Einzelbetten, die bei Nacht weinten (S. 57) — hinter ihm befand sich ein (…) Bürogebäude, an dem so weit oben im Himmel Renovierungsarbeiten vonstatten gingen, daß es aussah, als könnte der ausgefranste Riß in der grauen Wolkendecke gleich mit repariert werden (S. 103) — seine prachtvolle, aber gänzlich unfruchtbare Stirn (S. 113) — Wie schwarz es durch diese Gitter nach Blättern und Erde riecht (S. 125)— ein Stückchen in der Wäsche verblichenen Regenbogens (S. 131)— in  Berlin gibt es kleine Sackgassen, in denen sich bei Einbruch der Dunkelheit die Seele aufzulösen scheint (S. 143)— mit Augen, die für die Literatur zu gutmütig waren (S. 152)— beim Lesen von Puschkin wächst das Fassungsvermögen der Lungen (S. 159)

— die Sätze häufen sich, es werden mehr und mehr … drum laß ich manches aus und springe weiter nach hinten:

— Aber sogar Dostojewskij erinnert irgendwie immer an ein Zimmer, in dem tagsüber eine Lampe brennt (S. 513) — mit breiten herabhängenden Schultern und dem geringschätzigen Ausdruck des Beleidigten (S. 519) — der Pneumothorax der Nacht (S. 530) — die erstaunliche Poesie der Eisenbahnböschungen, ihre freie und mannigfaltige Natur (S. 534) — (die) unvollendeten weißen Mauern (…) hatten (…) den schwermütigen Anschein von Ruinen angenommen, genau wie das Wort “irgendwann”, das sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft dient (S. 536) — Der Philosoph zieht Moos den Rosen vor (S. 539) — wenn beim Heranziehen einer Wolke die Luft selber sich wie ein großes blaues Auge zu schließen und dann langsam wieder zu öffnen schien (S. 541) — Das Flugzeug war bläulich, wie ein Fisch im Wasser naß ist (S. 543) — während er eine kleine Spannerraupe beobachtete, die feststellte, wieviel Zoll zwischen den beiden Schriftstellern lagen (S. 551) — 

Doch zurück zum Binnenroman des vierten Kapitels, eines Meisterstücks noch aus einem weiteren, für Nabokov selbst durchaus untypischem Grund: Anders als sein Autor geht Godunow-Tscherdynzew mit seinem Erzählobjekt, der für die seinerzeitigen Sozialrevolutionäre intellektuellen Ikone Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewskij, zwar – siehe → dort – höchst kritisch und mit dem uns unterdessen gewohnt-beißenden Spott um, mitunter aber auffällig zärtlich, ja nicht selten liebevoll, indem er, Godunow-Tscherdynzew, in seinem “Das Leben Tschernyschewskijs” stets das Leiden und die bösen Mißgeschicke, aber auch die Hoffnungen dieses russischen Ritters von der traurigen Gestalt ganz so im Blick behält, wie insgesamt der

geniale russische Leser das Gute (erfaßte), das der talentlose Romancier vergebens auszudrücken versucht hatte.
Die Gabe. S. 451

Nabokov läßt seinen schreibenden Godunow-Tscherdynzew eine ungewohnte Distanz zum ihm selbst eigenen Groll einnehmen, so daß der jugendliche Autor um eine moralische Objektivität bemüht ist, die dem lebenslangen Schmerz des tatsächlichen, “realen” Autors versagt bleiben mußte. Alleine dies, daß es gelingt, ist grandios und wohl nur durch Nabokovs  Konzentration auf die künstlerische Form, die möglichst perfekte Formung einer Figur zu erklären, die so tatsächlich vom ihm selbst unterschieden ist. Doch erklären weshalb? Bisweilen sollten wir einfach nur bewundern

(und lächelnd auch Nabokovs Häme über “die” Psychoanalyse unerwidert stehen lassen; allzu deutlich ist, daß er sich mit den Schriften Freuds tatsächlich nie wirklich auseinandergesetzt hat, geschweige mit denen seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger; der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren deutliche Schulterschluß von Psychoanalyse und dem dem Vertriebenen völlig zurecht widerlichen Marxismus besonders
sowjetischer Prägung dürfte es ihm ebenso unmöglich gemacht haben wie später die banale US-amerikanische Mode, sich für jedes Bauchnabelsausen einen persönlichen  Seelenklempner als → Übergangsobjekt zu halten).

Tschernyschewskijs tiefste Wunde freilich  ist wirkliche Not, der Freitod seines Sohnes nämlich, der wiederum als eigene Episode gleich am Anfang der Gabe erzählt wird. Eigentlich ist bereits sie eine Novelle-für-sich in dem Buch, die Liebesgeschichte einer ménage à trois, durch die spürbar Puschkin atmet:

Am schmerzvollsten wirkte sich Jaschas Tod auf den Vater aus. Den ganzen Sommer mußte er in einem Sanatorium verbringen, und richtig gesund wurde er nie wieder.
Die Gabe, S. 83

Und h ö r e n Sie, Freundin, wie Nabokov das erklärt:

Die Scheidewand, die die Zimmertemperatur der Vernunft von der unendlich häßlichen, kalten, geisterhaften Welt trennte, in die Jascha übergewechselt war, fiel plötzlich zusammen, und sie wiederaufzubauen (,) erwies sich als unmöglich, so daß man die Öffnung behelfsmäßig verhängen und versuchen mußte, nicht auf die sich bewegenden Falten zu achten.
Die Gabe, ebda.

Wobei das Geschehen selbst auch etwas von Goethes Wahlverwandtschaften hat, doch nur der Sprache nach klassisch, im Tiefsten vielmehr romantisch ist. Jascha, Rudolf und Olja lieben einander, teils “nur” seelisch, aber teils auch begehrend; sie nennen es eine “euklidische Freundschaft”, nur daß

das einbeschriebene Dreieck ein anderes Beziehungssystem (war), verwickelt und quälend (…). Es war das banale Dreieck der Tragödie, entstanden in einem idyllischen Kreis, und schon

(kommentiert Godunow-Tscherdynzew)

das bloße Vorhandensein solch eines verdächtig wohlgeordneten Gefüges, ganz zu schweigen von dem modischen Kontrapunkt seiner Entwicklung, hätte mir niemals gestattet, daraus einen Kurzgeschichte oder einen Roman zu machen.
Die Gabe, S. 72

Weshalb Nabokov selbst die Erzählung als Sinnieren seines Helden mitgestaltet, was typischerweise s o klingt:

Er (Rudolf) war gutmütig, wenn auch nicht gut, gesellig und trotzdem ein wenig scheu, impulsiv und gleichzeitig berechnend. Endgültig verliebte er sich in Olja nach einer Fahrradtour durch den Schwarzwald mit ihr und Jascha, einer Tour, die, wie er später bei der gerichtlichen Untersuchung aussagte, “uns allen dreien die Augen öffnete”; er verliebte sich auf dem untersten Niveau, primitiv und ungeduldig, erhielt jedoch von ihr eine energische Abfuhr, die noch dadurch verstärkt wurde, daß Olja, ein träges, habgieriges, verdrießliches Mädchen (…) ihrerseits “erkannte, daß sie von Jascha hingerissen war”, den das ebenso bedrückte wie seine Leidenschaft Rudolf und wie Rudolfs Leidenschaft sie selber, so daß die geometrische Abhängigkeit ihrer einbeschriebenen Gefühle vollständig war (…).
Die Gabe, S. 73/74

Achten Sie, Freundin, auf die mathematische Wortwahl, die in engem Zusammenhang zu den Lehren steht, die Godunow-Tscherdynzew von seinem naturwissenschaftlichen Vater empfangen,

voll der wunderbaren Musik der Wahrheit (…), weil sie nicht von einem unwissenden Dichter, sondern von einem genialen Naturforscher geschrieben wurden.
Die Gabe, S. 197/198

Mathematik habe, schreibt Nabokov, die gleiche Beziehung zur irdischen wie die  Religion zur himmlischen Beschaffenheit des Menschen:

Die eine wie die andere sind lediglich Spielregeln.
Die Gabe, S. 503

Jedenfalls kommen die drei Liebenden überein, sich gemeinsam zu töten, da sich das schmerzvolle Dreieck anders nicht mehr auflösen läßt. Ein Revolver ist zur Hand,

wanderte jedoch lange Zeit unauffällig von einem zum andern, wie im Spiel (…) die Karte mit dem Schwarzen Peter.
Die Gabe, S. 76

Schließlich begibt man sich in den Grunewald – Nabokovs Berliner Lieblingsgebiet, dem er unter Abzug der darin, siehe oben, befindlichen Deutschen geradezu Verklärungen widmet; mit “der Elektrischen” fahren sie hin, diese drei, und finden

mühelos ein geeignetes abgelegenes Fleckchen und kamen sofort zur Sache; besser gesagt, Jascha kam zur Sache: Mit dem Recht des Älteren (…) sagte er, werde er sich als erster erschießen (…); er warf seinen Regenmantel ab und stieg ohne einen Abschiedsgruß an die Freunde (…) mit ungeschickter Hast den schlüpfrigen, kiefernbestandenen Hang hinunter in eine Schlucht, deren Dickicht aus Zwergeichen und Brombeergesträuch ihn trotz der Durchsichtigkeit des April(s) vollkommen vor den anderen verbarg.
Die Gabe, S. 79/80

Weshalb dann nur er, Jascha, sich erschießt, lesen Sie bitte bei Nabokov direkt,

denn hier senkt sich Dämmerung über die Geschichte.
Die Gabe, S. 81

Sie beschäftigt Nabokovs Helden sehr und ist vielleicht sogar der geheime Anlaß für seinen späteren Plan, über Jaschas Vater zu schreiben, dem er, und seiner Frau, in den Salons der Emigranten immer wieder begegnet, die die Atmosphäre der Rahmenerzählung ausgesprochen prägen — und auch Ausflucht (Nabokov unangemessenerweise schreibe ich mal, aber nur in Klammern, den Terminus der Verschiebung hin), indem er “Das Leben Tschernyschewskijs” verfaßt statt des eigentlich geplante Romans über seinen eigenen Vater, der dennoch einen enormen Anteil an der Gabe hat.

Wie soll ich die Wonnen meiner Spaziergänge mit Vater durch die Wälder, die Felder und die Torfmoore beschreiben oder den unablässigen sommerlichen Gedanken an ihn, wenn er fort war, den ewigen Traum, eine Entdeckung zu machen und mit ihm dieser Entdeckung entgegenzutreten; wie soll ich das Gefühl beschreiben, das ich hatte, als er mir all die Stellen zeigte, an denen er in seiner Kindheit dieses oder jenes gefangen hatte — den Balken einer halbverrotteten kleinen Brücke, wo er im Jahre 71 sein erstes Tagpfauenauge gefangen hatte, die abschüssige Straße zum Fluß hinunter, wo er weinend und betend zugleich auf die Knie gefallen war (?) (er hatte seinen Fang verpatzt, der Falter war auf immer davongeflogen!) 
Die Gabe, S. 177/178

So verschmilzen die Tuschen, Godunow-Tscherdynzews und Nabokovs Vater:

Wie dem auch sei, ich bin überzeugt, daß unser Leben damals wirklich von einem Zauber erfüllt war, der anderen Familien unbekannt war. (…) Dem entleihe ich heute meine Flügel.
Die Gabe, S. 188/189

Daß er, Godunow-Tscherdynzew, von dem Vaterroman schließlich Abstand nimmt und sich Tschernyschewskij zuwendet, begründet er – “rationalisierend” – wie folgt:

Siehst Du, ich habe erkannt, daß es unmöglich ist, die Bilder seiner Reisen zum Keimen zu bringen, ohne sie mit einer sekundären Poetisierung anzustecken, die mehr und mehr von jener wirklichen Poesie abweicht, mit der die lebendige Erfahrung aufnahmefähiger, kenntnisreicher und keuscher Naturforscher die eigenen Untersuchungen ausgestattet hat.
Die Gabe, 227

Wenn Zimmer oben von “Skrupeln” sprach, hier ist das Beispiel schlagend. (Ich bin sehr gespannt darauf, ob und wie Nabokov sie in seinem Erinnerung, sprich auflösen wird, das ich noch nicht kenne – ein Buch, das ich erst ganz zuletzt lesen will, auch wenn es bereits vor Ada erschien.)

***

Abschließend noch eine Bemerkung quasi zur Zeit — der unseren, jetzigen nämlich. “Die Gabe” ist auch aus anderem Grund interessant, der es aus der Literaturgeschichte gleichsam herauslöst und unmittelbar aktuell macht, und prekär. Es wird ja bereits – besonders mit dem aktuellen → “Fall Matzneff” – darüber gestritten, ob nicht schon die D a r s t e l l u n g pädophiler Gedanken, also auch ihre künstlerische Durchformung, strafbewehrt werden müsse. Damit würde ein Aspekt von Wirklichkeit qua Tabuisierung in die Verdrängung gezwungen; niemand dürfte mehr sagen, was ist, wenn es ist. Der ausgesprochene und geschriebene Gedanke als Staatsfeind der Moral. Davon wäre dann auch, und sicherlich im sofort folgenden praktischen Vollzug, Nabokov betroffen, der in einer Szene seinen Vermieter das Nymphenthema anklingen läßt, das später Lolita bestimmen wird, aber von Nabokov selbst bereits zwei Jahre später, also 1939, schon einmal ausgeführt wird, und zwar in der Erzählung “Der Bezauberer”, auf die ich in meiner Betrachtung des zweiten Erzählbands eingehend zu sprechen kommen werde. Hier, bei dem Vermieter Schtschjogolew (dem unangenehmen Stiefvater Sina Merzens, in die sich Godunow-Tscherdynzew verliebt) hat das Motiv noch einen primitiven, häßlichen Ton:

Stellen Sie sich vor: Ein alter Knabe – aber noch voll im Saft, feurig, und lechzt nach Glück – lernt eine Witwe kennen, und die hat eine Tochter, noch ganz und gar Mädchen – Sie wissen, was ich meine – noch keine Kurven, aber sie hat bereits eine Art zu gehen, die einen zum Wahnsinn treibt. Ein schmales kleines Ding, sehr zart, blaß, bläulich unter den Augen – und natürlich schenkt sie dem alten Bock keinen Blick. Was tun? Also, er besinnt sich nicht lange und heiratet kurz entschlossen die Witwe (des Mädchens Mutter, ANH). Schön. Sie richten sich zu dritt ein. Hier kann man endlos weitermachen – die Versuchung, die ewige Qual, das Jucken, die wahnwitzigen Hoffnungen,
Die Gabe, S. 303,

die sich in Lolita dann erfüllen. Die ganze Konstruktion des späteren, so berühmten Romans ist hier bereits geprägt, so daß schon “Die Gabe” Nabokovs (unscharf ausgedrückt:) “pädophile” Dynamik berührt, die jetzt – mit Matzneff im Strome #metoos – auch poetisch gebrandmarkt werden soll. Damit würde einmal mehr die nicht nur ungute, sondern tief verhängnisvolle, zugleich dekadente Körper-, mithin Sexualfeindlichkeit als gendercorrect festgeschrieben werden — , nämlich als ökonomisch-säkularisiertes Tabu, das die Gentechnologie immer wünschbarer und schließlich im Wortsinn notwendig macht: nicht mehr körperlich gezeugte Kinder, sondern vermittelte aus der Retorte, replikant wie replizierbar und also ohne Ambivalenzen. Der Satz vom Ausgeschlossenen Dritten als Mensch, und

Die Strategie der Inspiration und die Taktik des Geistes, das Fleisch der Poesie und das Phantom luzider Prosa 
Die Gabe, S. 17

würden nichts mehr bedeuten. Es bliebe nur noch

Das peinliche Gefühl, mit dem für gewöhnlich unsere Nacktheit einhergeht,
Die Gabe, S. 543

weil sie

an das Bewußtsein unserer wehrlosen Weiße gebunden (ist), die schon lange jegliche Verbindung zu den Farben der Umwelt verloren hat und sich deshalb in künstlicher Disharmonie mit ihr befindet.
Die Gabe, ebda.

Wie hoffnungsvoll konnte sich d a s aber aufschwingen, n o c h:

Doch die Wirkung der Sonne gleicht diesen Mangel aus, stellt uns mit unserem Recht auf Nacktheit der Natur gleich, und der gebräunte Körper kennt keine Scham mehr. All das klingt nach Nudistenbroschüre – aber die eigene Wahrheit kann nichts dafür, wenn sie übereinstimmt mit der Wahrheit, die ein armer Kerl sich geliehen hat.
Die Gabe, ebda.

Von dieser Wahrheit abgelöst, bleibt nur der “arme Kerl” zurück. Allein und ohne Natur.

 

 

 

 

 

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