Zu Kongreß und Hauptversammlung des PENs Berlin. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 4. Dezember 2022. Darinnen zu Johannes Schneider, online der ZEIT, und seitenhieberlnd Thea Dorns. Mit Stephan Wackwitz, kurz auch Ralf Bönt und ein bißchen idiotischer Satzungerei, die auch funtionärstaktirisch gewesen sein könnte.

[Arbeitswohnung, 7.51 Uhr]
Noch liegt dünn Schnee, gestern abend waren die Straßen noch vereist, als ich, kurz auf einen alkoholfreien Cocktail, und er, Stephan Wackwitz, Wein in der sehr schönen Halle der Bar des → Telegraphenamtes eingekehrt, von der Jahreshauptversammlung des PENs Berlin heimradelte, Stephan etwas in Sorge um mich, weil die Bahnen so rutschig waren. Ging aber, ich fuhr auch völlig sicher. Es wird wohl leider schon wieder schmilzen, dieses unser Schneechen; die Wettervorausschau sagt Temperaturen um 3 Grad an, plus wohlgemerkt, und “leider” umso mehr, als mir bislang nicht das geringste ausmacht, daß ich nicht heize(n kann). Obwohl meist das Oberlicht offensteht, wie im Sommer. Sie wissen doch, Freundin, daß ich verrauchte Räume nicht mag.
Jedenfalls das Telegraphenamt selbst ist eine Entdeckung, auch wenn sein Preisniveau meine Möglichkeiten leicht übersteigt; zu meiner Stammbar sollt’ ich es besser nicht machen. Andererseits ist, wo ein Wille, stets auch ein Busch. Vedremo (oder auch nicht).

Zu diesem → PENBerlin-Kongreß läßt uns Johannes Schneider, der als Wohnsitz netterweise “Berlin Kreuzberg” angibt — in Betracht einer bundesweit bedeutsamen und auch international beachteten Zeitung s c h o n eine linksliberale Kleinbürgerei, von der wir nicht einmal einschätzen können, ob sie nur auf dem Bedeutsamkeitserhuldungstrip des Autors fußt oder eine feine Rancune der Hamburger Redaktion gegen den Buntheitsunhold Berlin ist —, eine an sich recht treffende Einschätzung zuteil werden, und zwar auf ZEIT online; Parteilichkeit ist ja auch dann erlaubt, wenn sie eine nur Eingeweihten kenntliche Sottise enthält: Die von dem Herrn Schneider → in seinem Artikel “ältere Herren im Publikum” genannten Personen, die über das erste “Panel” des Kongresses schimpften, waren nämlich — ich. Die ebenfalls treffliche Formulierung “unter RTL-Niveau” — performt wurde billigstes Unterhaltungsgesülze (“ich habe mal bei einer Miss-Wahl mitgemacht, und da waren lauter große Blondinen”) —  war nämlich so sehr m e i n e, daß nächstentags, auf der Hauptversammlung, ein von mir geschätzter Kollege zu mir kam, um weniger fragend-zu-fragen als bestimmt: “Das kam doch von dir?” Ich konnt’ da nur lachen. Zum “älteren Herrn” nun denk ich mir, im Geist bin ich allemal jünger als der junge Mann, der das unbeachtliche Handwerk der —  so nennt es → die Lee/hranstalt (man würd achso gerne meinen, selbstkritisch) selbst! — Institutsprosa “kreativen Schreibens” in Hildesheim erlernt, etwas, das ich selbst nicht nötig hatte und gewiß auch nicht getan hätte, hätte es diese niedersächsische Grundschule des “Realismus” zu meiner Zeit schon gegeben, bevor ich durch meine Ästhetik auf die Wanderschaft ging. Und nicht mal das hat er belletristisch zur wenigstens, sagen wir, Stiefmütterchenblüte gebracht. Möglich aber auch, daß der junge Mann mich sehr wohl erkannte, aber nennen nicht wollte – oder es nicht durfte; denkbar durchaus, daß etwa Iris Radisch eingekniffener Lippen gesprochen: “Dieser Name kommt hier nicht vor”. In jedem Fall ist der Artikel aber erhellend, ich empfehle ihn gern.
Die folgenden “Panels” waren denn auch besser als das peinliche erste, nicht enorm, um einiges aber doch; man amüsierte sich auf zumindest akzeptablem Niveau. Ich mag dem Herrn Schneider hier weitgehend folgen. Doch nach den Gesprächen wurde es laut, was ich auch schon befürchtet hatte, musikantisch laut, wenn auch kaum musikalisch. Disko halt, zumal berlinfremd ohne Techno. Ich für meine Person, den Wackwitz im Schlepptau, nahm schnellstens Reißaus. Bin an den Ohren empfindlich.

Nun die Hauptversammlung gestern:

Es ließ sich, also mich, über manches ärgern, anderes trieb Wackwitz’ und meine, Ralf Bönts manchmal auch, Spottlust vor sich her, doch insgesamt war das Treffen angenehm, oft klug, auch intelligent geführt; man begegnet einander auf Augenhöhe, Rancune ist nur selten zu spüren, Überheblichkeit gar nicht, von Thea Dorn vielleicht abgesehen, die —ich habe ihr nach Adorno gemünztes, eine Art fledderndes, an was frau nicht reicht, Pseudonym schon immer geschmäht; neben diesem nehme ich ihr nach wie vor ihr heute freilich vergessenes Buch über, sozusagen, Gary Bertiny übel, dabei liegt mir Nachtragen gar nicht (ermessen Sie daraus, liebste Freundin, die Schwere ihrer Verfehlung) — … – also abgesehen von ihr, die mich nur ansah, so vom Kragen bis zum Umschlag meiner in der Tat edlen Hose hinunter, und “Nadelstreifen” abfällig sagte. Mehr miteinander sprachen wir nicht, ich hätte, was, auch gar nicht gewußt. Daß ich gut gekleidet war, spielte ansonsten keine Rolle, war im Gegenteil eher gern gesehen, vor allem von den Damen. Gilt für Joachim Helfer ganz genauso, der aber, seiner übrigen Haltung gemäß, stets auf Unerstatement bedacht ist. Ich meine das Wort “bedacht” überlegt. Übrigens versteht er es, auf das brillanteste scharf zu formulieren, wenn ihn denn etwas wurmt — nicht selten auch das derart fein, daß nicht mal die Gemeinten es bemerken. So etwas hören zu dürfen, sind für mich in Worte gesetzte Blitze der Lust.

Eine ausgesprochen klare Versammlungsführung ließ uns alle gut durch die Diskussionen kommen; hineißend dazu die, mir selbst völlig abgehende, Besonnenheit Alexandru Bulucz‘, die mir auf die allersinnlichste Weise klarmachte, daß ich selbst, so gern ich auch dabeisein würde, im “Board” genannten Vorstand dieses PENs zu suchen wirklich nichts hätte; ich wäre als eine Art so unbestimmter wie unbestimmbarer Zeitbombe da drinnen katastrophal. Dies ist nun wirklich meine Lehre aus den vergangenen zwei Tagen. Ich kenne, wenn ich mich ärgre, nicht Freund noch | noch Feind und schon gar nicht mehr gruppendynamische Psychologie. Für die Dichtung ist das gut, hingegen für Vereine und überhaupt Gemeinschaftsfunktionen ..? Das | ganz gewiß nicht. Dennoch ärgerlich, daß an Satzungsbestimmungen festgehalten wird, wo sie irre werden, momentan irre, nicht generell. Etwa wurde abgestimmt, Diskussionsbeiträge zu einem Punkt dürften nicht länger als eine Minute währen. Schon nach dem ersten Beitrag war klar, welch ein Unfug das war. Er durfte aber nicht zurückgenommen werden, weil halt abgestimmt worden war. Mich erinnerte das an Bauaufträge, die vor Jahren beschlossen, von denen aber – sie waren noch nicht ausgeführt – nach diesen Jahren deutlich wurde, welch Unheil sie anrichten würden. Mußten aber dennoch durchgeführt werden, weil halt einmal beschlossen. So geschehen etwa beim heute genau deshalb verschandelten Strandbad Mitte. Selbst die Architektengruppe, die damals den Zuschlag erhielt, wollte ihren Entwurf nicht mehr durchführen. Aber sie mußte, gesetzlicherweise. Nun gut, das ist Schilda Berlin. In meinem “Fall” ging es um einen Zuwahlvorschlag, also der Aufnahme eines weiteren möglichen Mitglieds. Wurde satzungsgemäß abgeschmettert. Eine geradezu paragraphenblasige Dummheit. Michele Sciurba nämlich – ich → schrieb schon über ihn – , den Verleger von faustkultur, wollte ich im PEN sehen, immerhin des unterdessen wichtigsten Kulturmediums deutscher Sprache im Internet, sowie der edition faust, um dessen Zuwahl sich bereits Harry Oberländer, und zwar schriftlich zuvor, bemüht hatte, “zu spät”, wie es auch bei ihm schon hieß. Es wäre wiederum mir ein leichtes gewesen, ihn der Jahreshauptversammlung kurz und dringlich genug vorzustellen, um ihn aber sofort zum Mitglied zu machen. Niemand hätte hier opponiert. Aber nö, paßte in den Paragraphenkram nicht. Das sind dann immer so Situationen, in denen ich denke, was suche ich hier, also überhaupt in einem Verein? Wir brauchen Grandezza, nicht die Oberhoheit von Paragraphen, die d a wichtig sind, w o sie’s halt sind, nicht indes in Situationen, die ganz gewiß keine juristische Anfechtung nach sich ziehen. Andererseits kam es zum, ich schreibe mal vorsichtig, von meiner ästhetischen Warte aus witzigen Umstand, daß wir fürs “Board” eine neue Beisitzerin wählten, die noch gar nicht Mitglied war; das wurde sie erst am Nachmittag bei eben diesen Zuwahlen. Ich muß, was ich hier schreibe, aber namentlich noch einmal überprüfen. Außer mir jedenfalls, wenn es denn stimmt, merkte es niemand. Oder niemand wollte es merken, auch und grade das Board nicht. Was ich verstehen kann; diese Frau an Bord zu haben (ich nenne ihren Namen bewußt nicht; sie hat mit dem heiklen Verfahren ja gar nichts zu tun), halte ich für tatsächlich wichtig, da sind mir Paragraphen egal. Eben das aber meine ich: Freiheit ist gefordert, Grandezza, ecco!, nicht Enge.

Anders als beim alten PEN (dem “PEN Darmstadt”, wie wir sagen) gilt meine Kritik aber lediglich zu starr befolgten Versammlungsformalien, dem Miteinander hingegen nicht oder kaum, indem sich spürbar – und zwar über die, ich formuliere mal, “ideologischen Gegensätze” hinweg – Menschen begegnen, als Literatinnen und Literaten, und eben nicht Positionen, abgesehen allenfalls von LGBTQ-Aktivistinnen und -Aktivisten; doch selbst sie brachten ihre Einwände nahezu ohne die sonstige Aggressivität vor, was ihnen, den Einwänden, ein sehr gutes Recht gab; sogar ich spürte das, der, Sie wissen es, alles andre als ein Freund dieser der Zahl nach winzigen, doch ziemlich erfolgreich um die Deutungshoheit fechtenden Gruppierung ist. Und war dann später sogar bereit, mit ihnen an einer entsprechenden Arbeitsgruppe teilzunehmen – neugierig drauf, was ich da lerne. Nein, das ist kein Spott, nicht einmal Süffisanz. “Was willst ausgerechnet du da?” wurde ich später gefragt, privat. Im übrigen spielt die Auflösung anthropologischer Grenzen in meinen Arbeiten schon seit dem Wolpertinger seit jeher eine Rolle; daß ich als, sagen wir, zementierter Macho gelte, zeigt imgrunde nur, daß meine Bücher nicht gelesen werden, jedenfalls nicht von vielen. Und manche derer, die sie lesen, tun es denn nur durch die Vorurteilsbrille.
Übrigens ist es ein Hintertreppenwitz unter, egal ob für die FAZ, informationsbehinderten oder böswilligen Skribenten, der PEN Darmstadt sei für den intellektuellen Austausch, hingegen der Berliner für die mediale Tortenschlacht da. Offenbar ist keiner von denen dort je gewesen; meist entzünden sie sich an Deniz Yücels Temperament, das in der Tat manchmal schäumt. Aber besser doch allemal das, als ins trockne Nudeln zu verfallen, ohne daß überhaupt schon Wasser im Topf wär, geschweige, daß es schon kocht. Ich liebe dieses Temperament, auch wenn ich bisweilen die Meinungen Yücels nicht teile. Sie sind in jedem Fall gelebt, und durchlebt überdies, indes bei seinen Kritiker sogar schon von “leben” so richtig die Sprache nicht sein kann. Ja, er schießt bisweilen über, ganz genauso wie ich. Genau aber das gibt ihm den menschlichen Wert, einen hohen. Und daß er manchmal taktisch “trickst”, nun jà, er hat ein Ziel. Da ist mir, ob er von Dichtung etwas versteht, so ziemlich egal. Wir sollten im PEN Berlin nur darauf pochen, daß sie nicht hinten runterfällt. Doch dafür steht u.a. Bulucz ein, und mit ihm tun es viele. Wir müssen nur erst unsere Sprache dafür, eine dieser Vereinigung angemessene, finden. Und sind auch schon dabei.

Ja, verehrte Freundin, ich bin gern im PEN Berlin. Wir werden uns da häufig streiten, doch immerhin streiten, und öfter aber werden wir Freude aneinander haben. Und miteinander sowieso. Über die Positionen hinweg — als ein kleines Europa der Landschaften und eben nicht der Nationen.

Und jetzt werd ich weiter an den Triestbriefen schreiben.

Ihr ANH
12.10 Uhr

Allein intim zu zweit. Zu „Tandem‟ von Michael Wollny und Vincent Peirani.

[Geschrieben für Faustkultur und dort am 7. November 2022 →  erschienen.]

Tandem | © ACT

 

Welch eine Unsitte, die sich nicht nur eingeschliffen hat, sondern in den meisten Medien unterdessen ein geradezu Gesetz geworden ist – daß wir nur Musiken und Bücher rezensieren dürfen, die in dieser, sagen wir’s im Schulterschluß mit, „Saison‟ frisch auf den Markt gekommen sind. Alles andere gilt als vergangen, interessiert nicht mehr. Darf nicht weiter interessieren. Schon gar nicht im zum Beispiel Öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der zwar einen im Grundgesetz festgeschriebenen Bildungsauftrag hat, aber Bildung wird nach alzheimerscher Kurzgedächtniskeit verstanden, weil ja Platz für neuer Produkte werden muß, wo sonst vorherige ihn umsatzlos verstopften. Doch schon, ein Buch, eine CD, eine Vinylplatte als Produkt zu begreifen, streicht die Seele aus der Kunst. Und so passiert schon mal, was mir passierte (und sehr, sehr möglicherweise schon oft so passiert ist).

Es war vor sechs Jahren, 2016 also, daß ich von ACT in der Hoffnung eine CD zugeschickt bekam, daß ich sie rezensierte; ich erinnere mich sogar, von mir aus um die Bemusterung gebeten zu haben. Nur gefällt mir nicht immer, was mich anfangs interessierte. Dann schweige ich in aller Regel; davor immerhin, Verrisse zu schreiben, nehm ich mich in acht. Und mau auf etwas hinzuweisen, um meine Pflicht und Schuldigkeit zu tun, wäre nicht nur wohlfeil, sondern nieder. So schwieg ich denn auch hier, vom Hineinhören, ich erinnere mich, nicht wirklich überzeugt.
Doch kennen Sie das nicht? Sie lesen ein Buch an, hören eine Musik – und finden nicht hinein? Irgendetwas fehlt Ihnen, stört sie vielleicht sogar. Jedenfalls landet das Ding in einer Ecke oder verstaubend im Regal. Indessen Jahre später …– Ich weiß nicht, was mich gestern trieb, diese CD wieder hervorzuziehen, doch ich folgte dem Impuls. Und es geschah, was mir eben auch mit manchen Büchern schon geschehen, für die ich vielleicht, als ich sie erstmals an- oder sogar ganz las, zu jung gewesen war, oder es hatte mir, um zu verstehen, diese oder jene Erfahrung gefehlt. Vielleicht hätte ich erstmal besessen – „bis Vernunft verbrennt‟ schreibt Aragon – lieben oder für lange Zeit einsam gewesen sein müssen, oder ich hatte noch nicht gewußt, was eine Depression, was schwere Krankheit, oder auch, was herzbegnadend Glück ist. Was auch immer, ein Unfall möglicherweise, sonst ein Schock oder eine Lebenserkenntnis … – plötzlich spricht das Buch zu uns, plötzlich rauscht die Musik durch uns hindurch und trägt uns hoch hinauf, und wir verstehen gar nicht mehr, wieso wir’s damals nicht empfanden …
So erging’s mir gestern mittag mit Michael Wollnys und Vincent Peiranis „tandem‟ genannten, über weite Strecken stillen, ja meditativen Improvisationen. Die beiden tasten sich aneinander heran, wir können sie aufeinander lauschen hören, in des andren, um es lächelnd zu sagen, Schifferklavier und dieses ins „richtige‟ Klavier hinein, um unversehens umeinander zu tanzen, sogar aufzubrechen und wirklich wild zu werden, nach zehn Minuten schon, in einem grandiosen Fandango zum Beispiel, dessen Thema von Björk stammt und dessen Rhythmik Peiranis Akkordeon geradezu perkussiv crescendierend vorantreibt, bis Rhythmik und Thema das Instrument einfach so, scheint es, wechseln. Im Akkordeon wird es unversehens freitonal, Wollnys Flügel ruft zur Ordnung, über die er zugleich hinwegimprovisiert. Kurzer Schlußakkord, Übergang in Wollnys „Bells‟ als geradezu impressionistische Klangskizze, die irgendwo am – klar, das Akkordeon – Seineufer spielen könnte, doch schon in Läufe hineinjagt, die sogar den Freejazz mitjubeln lassen. Dem Akkordeon eignet ja ohnedies, „Wohltemperiertheiten‟ gern mal konterkarieren zu wollen. Und es ziemlich gut zu können. Wir finden uns dann im freien Raum, der auch leicht banale Phrasen erlaubt, klitzekleine Sentimentalitäten, über die ich für sich genommen die Nase rümpfen würde. Hier aber sind sie Teil der Welt, zumal wir gewiß sein können, die nächste ironische Spielerei werde sie flugs unterlaufen („Did you say Rotenberg?‟ hat Peirani denn auch sein Stück betitelt, das fünfte der CD). Wobei beide, Peirani wie Wollny, eine Neigung zu gestischen Leitmotiven haben, oft nur sehr kurz angespielt, selten wirklich ausgeführt – und wenn doch, dann übers Improvisieren so aufgehoben, daß niemand auch nur auf den Gedanken kommen kann, hier feiere jemand sich selbst. (Man fühle sich dauernd am Ärmel gezupft, hat der verstimmte Adorno an Wagners Leitmotivtechnik gerügt.) Und sowieso sind die im Jazz gerne „Kompositionen‟ genannten Grundthemen ja doch insgesamt eher Gesten, aus denen die eigentliche Musik dann erst wird – hier, indem hier zweie musizieren, als ob sie leise plauderten, beide, wie versunken, vor sich hin. „tandem‟ ist deshalb eine – im guten Sinn „unheimlich‟ – intime CD, die Sie alleine für sich hören sollten oder mit der, dem nahst Vertrauten. Und bitte nicht sprechen, wenn Sie hören, sondern lauschen, lauschen, einfach nur lauschen. Sie störten sonst die beiden, und dann … dann hörten sie auf? — Bitte, bitte nicht. Bei mir nämlich läuft die Aufnahme nun zum bereits elften oder zwölften Mal. Ich kann nicht genug von ihr kriegen. Und hat sie nicht recht? Wenn sie sechs lange Jahre warten hat müssen und ich auch noch schuld daran war?

Tandem | © ACT
Michael Wollny
Vincent Peirani
tandem
ACT Music 2016
ACT 9825-2
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O schweres Atmen der Zeit! Leoš Janáčeks „Věc Makropulos” in Claus Guths & Simon Rattles Interpretation der Staatsoper Unter den Linden Berlin. Mit Marlis Petersen.

[Nach der Premiere des 13. Februars 2022 für Faust-
kultur geschrieben und → d o r t am 14. erschienen.
Hier, nach erneutem Besuch am 25. Februar, leicht
revidiert[1]Weil eine szenische Idee im Nachhinein gestrichen wurde. sowie mit einer Anmer-
kung und Fußnoten versehen.

Fotografien (©): → Monika Rittershaus]

 

Mit schwerem wie hohlem, einem einsamen Atmen geht es los, wir schauen in eine Monade gleichsam aus Milch, eine um sich selbst gekrümmte Blase purer Zeit, und rechts davon in das Stückchen Realität einer Rechtsanwaltskanzlei. Wirblig – wie sinnlos! – geht es da zu. In der Monade indes steht eine derart ferne Frau, daß sie, auch weil sie kein Haar hat, ohne Alter wirkt; sie ist völlig allein. Hinten hängt das Kostüm ihres nächsten Auftritts bereit, Austritts aus der Ewigkeit – wenn auch einer gefühlten; 337 Jahre erreichen die nicht. Doch für uns – “Du aber, Mensch, wie lang lebst denn Du?” -, die wir, in der Lindenoper hier, zusehn und hören, um von den begehrlich handelnden andren Personen der Oper zu schweigen, sind sie ihr Maß.

Immer noch das Atmen.

Und dann, in geradezu erschreckender Schönheit und Weite, läßt Simon Rattle die Staatskapelle los. Der Klang ist tatsächlich raum- doch eben auch zeiterweiternd; er “beamt” uns sowohl in den Auren der Melodik als auch vermittels ihrer Klangrisse in die letzten Zwanzigerjahre zurück, bis mit Bürovorsteher Vítek Janáčeks typischer, hautnah am Tschechischen pochender Kompositionsduktus einsetzt und uns im realen Prag jener Jahre ankommen läßt. Hier nun hat das Tanzensemble, anders als nebenan im Antikristen, eine durchgängig einsichtige, großartig, ja ihrerseits, darf ich hier schreiben, “komponierte” Funktion; sie bebildert nicht, sondern tut, soll nicht bedeuten, sondern ist, und das die gesamten etwa eine Stunde fünfzig hindurch. Wobei, daß alle Auftretenden, soweit sie singen, große Stimmen haben, bei einer Premiere der Berliner Staatsoper nicht eigens gesagt werden muß. Wir schwimmen da auf Weltniveau. – Oh, aber ich vergaß: Die Ewigkeitenblase hat sich nach links geschoben (auch schon ein Kunststück, daß wir dies nicht als von einer Drehbühne bewirkt wahrnehmen), die gesamte Bühne ward zur Kanzlei, worinnen hektisch die Akte des nun schon fast hundert Jahre währende Falles Prus ./. Gregor gesucht wird, der gerichtlich heute abgeschlossen werden soll und an dem aus begehrten Ewigkeitsgründen auch Emilia Marty Interesse hat, eine bewunderte, zur Zeit in Prag gastierende Opernsängerin. Welches Interesse in Wahrheit, verrate ich nicht. Doch haben wir in der Blase gesehen, wie die aus aller Zeit gefallene Frau sich angekleidet, auch mit Haar, hat. Jetzt sehen wir sie unendlich verjüngt und rasend schön die Kanzlei betreten. Und sie setzt an.

Vom ersten Ton an macht uns Marlis Petersens Gesang geradezu hilflos vor klanglicher Reinheit und Kraft. Wir spüren schon hier die von Marty verströmte erotische Magie, deren Wesentliches Kälte ist, und aber doch aus einer Not, die sich noch selbst nicht weiß. Sie, diese Frau, wird es sein, die scheinbar ewige, die sich entwickelt – nicht hingegen gelingt es den “realen” Personen. Es ist Claus Guths und seines Teams höchste Achtung gebietende Leistung, darauf nicht nur den Fokus dieser Inszenierung gelegt zu haben, sondern durch sämtliche Welten der Metamorphosen Emilia Martys uns bis ins Jahr 1601 – als sie sechzehn gewesen und Elina Makropulos noch hieß – sinnlich erfahrbar werden zu lassen. Es ist doch so, das All ist kalt, verschwindend klein Planeten darinnen, auf denen auch nur selten Leben möglich ist. Das All ist kalt, die Zeit ist kalt, Elina aber wirkt nur so, in Zeitmilch bleibend getaucht, darinnen sie keine Kontur hat. So ist sie denn gefühllos, dann wieder interessegeleitet verführend – wie sie denn auch mit dem eitlen Prus die Nacht verbringt (“Kalt wie Eis. Als hätte ich eine Tote gehalten.”) . Die Folgeszene ist durchaus, in schlimmer Weise, pervers: “Wollen Sie mir ins Gesicht spucken?” “Nein, aber mir.” Janáčeks – der nach Karel Čapeks auf, vor allem in den Hauk-Szenen, deutlich slawische Weise grotesken Komödie auch das Libretto schrieb – … Janáčeks Mut also war selbst für die Zwanzigerjahre ungeheuer. Guth und Peterssen sind nur konsequent, wenn die Marty sich in dieser Szene obszön räkelt (“… ich bin schon lange keine Dame mehr”), was heikel nur deshalb nicht ist, weil Petersens Körper sein Zurschaustellen mehr als nur erlaubt – und der Figur die Zeit, in der sie Hunderte “gehabt”. Das läßt sie denn auch höhnisch sagen, was scherten sie denn ihre Kinder? Die Musik dazu ist extrem. Nur daß sie von denen als “Trabanten” spricht (im Original “trabantů”), ist schon im tschechischen Libretto ein Fehler. Sie wird von denen ja eben nicht begleitet, lehnt solch Begleitschutz sogar ab.

Jedenfalls, nur einen ihrer Liebhaber (allenfalls Sexpartner für sie und wenn sie sich vom Einsatz ihres Leibes was Feines verspricht) … nur einen, vor langer Zeit, hat sie geliebt und gibt es zu fast am Ende Aufzug III, wiederholt es sogar – … dessent-, “Pepi”s, -wegen, indirekt, ist sie an Prus ./. Gregor überhaupt interessiert. Weshalb wir die “Sache Makropulos” auch von dem ebenso genannten “Fall” streng unterscheiden müssen. In den verschiedenen Übersetzungen des Titels, Věc Makropulos, geht’s aber munter durcheinander. Wie denn auch sonst, da wir doch sterblich sind und aus Martys Sicht “Schatten bloß und Sachen”?

Guths Inszenierung ist nicht ergreifend, sondern in ihrer ihrerseits Kälte brutal. Und dadurch, emphatisch gesprochen, wahr. Aber er versucht, die Kälte zu relativieren. Und da nun passieren Fehler, die solche nicht, sondern Zugeständnisse ans Publikum sind. Es mag noch angehen, daß er zur Plastizität einiger Themen – die bei Janáček zwar wiederholt, aber dieses vornehm, doch nie (anders als bei etwa Puccini) selbstbefeiert werden – immer wieder das Kind den Bühnenrand beschreiten läßt, das die Marty einst gewesen; ebenso die alte Frau, die sie hätte werden können. Abgesehen davon, daß ich mich von sowas, wie Adorno von Wagners Leitmotiven, ständig am Ärmel gezupft fühle, wo ich nun wirklich selbst beobachten und hören kann … davon also abgesehen, ist beides aufs schwerste sentimental und soll uns Affen Zucker geben. Indes hat genau sowas in Kunst nichts verloren. Und weil Guth das eigentlich weiß, begeht er den tatsächlichen Fehler. Als Marty, damals noch Makropulos, das Lebenselixier zu sich nahm, war sie sechzehn und eben kein Kind mehr. Zu ihrer Zeit galt sie als in heiratsfähigem Alter und hätte, wenn verehelicht, sehr ziemlich bald ein Kind bekommen. Da sie nach dem Trunk quasi nicht altert, blieb sie also immer sechzehn, was sie ja gerade auf alle Sterblichen, auch übrigens auf Frauen, so anziehend wirken läßt, daß es zum ihr Verfallensein führt. Da ist das auf- und abwandelnde Kind ein ebenso aber auch restlos falsches Bild[2]In der originalen Rezension (→ bei Faustkultur) folgten hier noch Sätze, die eine zusätzliche Inszenierungsidee kritisierte; sie sind unnötig geworden, denn diese Idee wurde im nachhinein … Continue reading.

Vergessen wir’s schnell wieder. Die Inszenierung, ohne das, ist makellos und wird in mir, ich übertreibe nicht, für immer leben bleiben – in der Pandemie die zweite nach Bieitos Lohengrin von Wagner, bei der es so ist. (Zu dem, übrigens, werde ich Mitte April kommen). Und trägt auch noch, Guths Inszenierung, ein nunmehr feines, sehr, sehr feines Moment, das wir als Hommage an Janáčeks Spätwerk verstehen müssen, ja als Verbeugung geradezu. Denn bei Janáček ist von der Butterfly gar keine Rede. Da befinden wir uns nur auf der von den Kulissen halb schon leergeräumten Bühne des Theaters, also Opernhauses, und Marty, die erst von hinter der Szene gerufen hat, tritt ein. Was sie gespielt hat, wird nicht gesagt. So darf und muß die Fantasie also walten.

Daß Guth da ausgerechnet zu Puccini greift, ist geradezu genial, ausgerechnet zu dem seine Melodien noch und nöcher feiernden, derweil Janáček doch diskret bleibt wie genauso, später, Britten (an den kurz im Zweiten Aufzug drei Takte erinnern – was sie natürlich nicht können, in Martys Ewigkeiten, hätt sie sie denn fortgesetzt, vielleicht dann aber doch) und die allerinnigsten Motive immer nur eben anklingen läßt, dann schon wieder zurücknimmt, und selten, selten steigen sie erneut auf. Das hat enorme, weil stille Nobilität. Derweil er sonstig Berührungsängste nicht kennt, auch nicht vorm unversehens Musical, Momente, die Guth auch spielen läßt und tanzen. Von der Ewigkeit in die Revue und seufzend schon zurück. Bereits ist dieses Martys Blick, alles wird belanglos, lebt wer nur lang genug. “Omrzí zemè, omrzí nebe! / A pozná, že v nĕm umřela duše”: Diese Zeilen nicht tschechisch zu singen, wäre ein Verbrechen. Dank sei den deutschen Obertiteln[3]Langweilig wird die Erde, langweilig wird der Himmel. Und man erkennt, daß daran die Seele gestorben ist. (Dtsch. von → Benjamin Wäntig). Dank sei dem ganzen Team, allen Sängerinnen, allen Sängern und Barenboims Orchester, das sich in Rattles derart intensive Besessenheiten schmiegte und heben, höher und immer höher heben ließ, wobei gegen Ende fast ein wenig zu sehr, um nicht

[ — und hier schrieb ich über die Premiere:][4](Nachtrag am 26.2.)

Petersens Gesang für – wenige, sehr wenige – Momente wegzuschlucken. Sie spürte es und holte noch mal aus. Das ging als Schauern übern Rücken und schneidenscharf ins Herz.

[Gestern abend wurde n i c h t s weggeschluckt, ich sah die Petersen Atem holen …
– und der Klang stand frei im Raum. Weshalb mein Erschauern genauso war.
][5](dito: Nachtrag)

 

Berauscht nach zwei Stunden pausenlos Musik und Guths Musiktheaterkunst radelte ich heim. Und mochte noch nicht schreiben. Doch kam’s auf ein Der-erste-sein mir gar noch nimmer an. Es geht um Anderes, wenn wir uns hier befinden.

 

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Letzte Aufführung in dieser Spielzeit:
Sonntag, den 27. Februar 2022
Karten

Věc Makropulos
Oper in drei Aken (1926)
Musik und Text von Leoš Janáček
nach dem gleichnamigen Schauspiel von Karel Čapek

 

Inszenierung Claus Guth Bühnenbild Étienne Pluss Kostüme Ursula Kudrna
Licht Sebastian Alphons Choreographie Sommer Ulrickson
Dramaturgie Yvonne Gebauer, Benjamin Wäntig

Marlis Petersen, Ludovit Ludha, Peter Hoare,Natalia Skrycka, Bo Skovhus, Spencer Britten, Jan Martiník, Žilvinas Miškinis, Adriane Queiroz, Jan Ježek, Anna Kissjudit
Staatskapelle Berlin, Simon Rattle

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Siehe auch → Marlis Petersens Anderswelt.

References

References
1 Weil eine szenische Idee im Nachhinein gestrichen wurde.
2 In der originalen Rezension (→ bei Faustkultur) folgten hier noch Sätze, die eine zusätzliche Inszenierungsidee kritisierte; sie sind unnötig geworden, denn diese Idee wurde im nachhinein offenbar gestrichen. In der Aufführung des 25.2. war die Szene perfekt.
3 Langweilig wird die Erde, langweilig wird der Himmel. Und man erkennt, daß daran die Seele gestorben ist. (Dtsch. von → Benjamin Wäntig)
4 (Nachtrag am 26.2.)
5 (dito: Nachtrag)

Marlis Petersens Anderswelt. Und Camillo Radickes. In den “Dimensionen”: bei Solo Musica, 2018.

[Fotografien, auch CD-Cover (©):
Yiorgos Mavropoulos]

 

 

Wie frappiert Die Dschungel war, ward → dort bereits geschrieben sowie, ich hätte die Platte sofort bestellt. Was ich bei amazon tat, weil sie dort rätselhafterweise weniger kostete als bei jpc, einem Vertrieb, den ich gemeinhin, auch aus politischen Gründen, vorziehe; hinzukommt, daß ich bei amazon kein Porto zahlen muß. Klar, ich hätte auch vom → Verlag, einem SONY-, gewissermaßen, -“Imprint”, ein Rezensionsexemplar erfragen können, das ich gewiß auch bekommen hätte. Allein, ich war, nachdem die Petersen → in Makropulossachen gehört, zu heiß auf die Scheibe, um warten zu mögen. Und grad mal anderthalb Tage später, gestern vormittag, stand die Sendung bereits aufrecht in meinem Briefkasten, mit einem Absender, der so überraschend war, daß ihm ein quasi-privater Odem entströmte, etwas von mir als geradezu persönlich empfunden:

 

Aber ich projeziere, selbstverständlich — mein Interesse widerspiegelnd und eben auch meine, was für eine Kritik gefährlich ist, Erwartung.
Jedenfalls war klar, ich würde mir nach Abschluß → der Tagesarbeit Zeit für die CD nehmen. Bei Liedern ist das ganz besonders erfordert; Sie müssen, Freundin, dann mindestens zweimal hören, zum einen, indem Sie die Verse mitlesen, zum anderen alleine auf die Musik konzentriert. Hingegen die Partituren mitzulesen, lehne ich für Musikrezensionen ab, weil mich nicht “Werktreue”, was immer das sei, interessiert, sondern die Wahrheit einer Interpretation, zu der die persönliche Auffassung der Interpretinnen und Interpreten unbedingt gehört; sie sind ihrerseits Schaffende, nicht nämlich Nach-, sondern immer, immer Neu(Er)schaffende a u c h und in keinem Fall “Diener”. Die Kunst ist kein Kloster. Daß sich einige über die, ich schreib mal nüchtern, “Vorlage” erheben, ist legitim – sofern das Ergebnis glückt. Wiederum, ob dies der Fall ist, hängt stets auch von den Kenntnissen und Leidenschaften ab, die der Rezensent, die Rezensentin mitbringen, ein Umstand, der es nötig macht, von “Ich” zu schreiben und sich nicht hinter formulierten Vorscheinen einer Objektivität zu verstecken, die es nicht geben kann. Wer’s dennoch tut, will Macht. — Liebste Freundin, bitte mißtrauen Sie solchen Kritiken. Zumal für Rezensionen von Kunst nach wie vor Friedrich Schlegels und Walter Benjamins Forderungen gelten, nämlich der unendlichen Nähe. Wer über Kunst schreibt, muß sich ihr anschmiegen, sie körperlich spüren und darf eben nicht auf Distanz gehen, die allein aufs Urteilen abzielt, was an sich schon eine Anmaßung ist. Ich gehe noch weiter: Eine gute Rezension muß selber eine Schöpfung der Kunst sein, sonst taugt sie nicht oder allenfalls fürs “Tagesgeschäft” und ist als eine, wie Karl Kraus schrieb, Zeitung von heute immer schon von gestern.

Es war siebzehn Uhr, normalerweise arbeite ich bis ungefähr zwanzig, aber da wäre ich nicht mehr konzentriert gewesen, und dies hier würde ja ebenfalls Arbeit, ein für mich positiv besetzter Begriff, weil ich so privilegiert bin, einer nachzugehen, die zwar nicht oder nur selten bezahlt ist, und wenn, dann gering, doch dafür nie entfremdet. Hat sie mit Musik zu tun, wird mein Privileg zur Seele. Und hier nun … ich war von der Frau ohnedies angesext, fast ein bißchen verliebt, aber auf die schwärmerische Weise des Jugendlichen, der ich mal war. Was ich keineswegs verspotte. Im Gegenteil. Auch das ist ein Privileg, keine Schwäche,  mit 67 noch immer so zu empfinden, nicht ständig, bewahre, aber doch ziemlich konstant immer mal wieder.

Zuerst auf den Musiksessel, nein, keinen weichen; hart muß er sein. Und noch die CD nicht in den Kenwood eingelegt, sondern erstmal nur das Booklet anschaun, einen Sundowner dazu, die Pfeife ohnedies im Maul:

Sofort zog ich zischend Luft zwischen meine Zähne. Wie sich die Petersen, auf den phantastischen Fotografien → Yiorgos Mavropoulos[1]Seine Homepage – https://www.yiorgosmavropoulos.com/ – war leider nicht zu erreichen; deshalb ist hier sein Instagram verlinkt., erotisch inszeniert (einen solchen Zug spürte ich ja schon am Sonnabend in der → Makropulosoper), geht unmittelbar unter die Haut, nämlich als wäre sie selber dame verte. Doch ist es für eine “Klassik”-CD besonders ungwöhnlich; dergleichen wäre im Popsegment zu erwarten und geschah da auch oft, geschieht weiter. Hier werden Genregrenzen übertreten, angenehmer-, ja becircenderweise, wenn auch nur im Booklet. Was ich noch nicht wissen konnte. Wobei, daß auch Camillo Radicke sich an dieser mythischen Erotisierung probiert, unversehens ironisch wirkt und einen, jedenfalls mich, aus der Imago hinauswarf:

Dies kann freilich an meiner deulichen Heterosexualität liegen; Frauen geht es vielleicht anders.

Aber nun zur Musik.
Liedkunst ist intim, ganz besonders im eigenen Wohn- und Arbeitsraum, und zwar umso spürbarer, je besser die Musikanlage ist, besonders dann, wenn ihr HighEnd die direkte Nachbarinnenwohnung – jenseits der Wand, an der die Türme der Lautsprecher stehen – als Klangraum quasi mitbenutzt: Gute Boxen verlegen den Klang hinter sich, man hört dann einen riesigen, doch imaginären Konzertsaal schwingen, der in Wirklichkeit nicht da ist; bei besonders guten Pressungen können Sie (aber, Freundin, das wissen Sie ja) die Boxen mit den Augen fixieren; sie werden aus ihnen keinen Klang kommen hören. Bei einem tatsächlichen Saal fällt diese akustische Imago hinweg, weshalb er einer Sängerin von Petersens Klasse nicht nur erlaubt, mit voller Bühnendynamik zu singen, sondern dies sogar erfordert. Im letztlich doch sehr begrenzten Arbeitsraum aber, trotz und wegen des HighEnds, muß quasi nach innen gesungen werden. Das beachtet Petersen oft nicht, bzw. hat Andreas Werner, der Toningenieur, beim Mastering nicht aufgepaßt — wodurch ein gewissermaßen Hochglanz entsteht, der das, was bei gerade diesem Albensujet in uns flirren muß, also das konturlos Ungefähre, das Mavropoulos’ Fortografien tatsächlich haben, zu einem Behaupteten, weil zu forciert Vorgetragenen macht. Hinzu kommt, daß schon vielen der vertonten Texte – und wenn nicht ihnen, so der Faktur der Kompositionen – dies Ungefähre ebenfalls fehlt, sie wirken wie Standards des Konzertliederabends. Genau dies wäre aber zu vermeiden gewesen, auch wenn  ein, sagen wir, “konservatives” Publikum es schätzt. Es schätzt, nicht angefaßt zu werden. Nur ist es der Geisterwelt nicht selten spöttische, oft aber auch begehrende sowie grausame Übergiffigkeit, die genau das eben tut und uns gefangennimmt. Dagegen hilft allenfalls Odysseus’ Wachs in den Ohren, wir nennen’s Ignoranz. Geistersang ist der von Sirenen. Wir müssen Schauer spüren –
weshalb ich, nebenbei bemerkt, nicht verstehe, weshalb Petersen auf den Erlkönig verzichtet hat, der genau das überträgt, Carl Loewes Komposition mehr noch als die berühmtere Schuberts. Wie reizvoll wäre es gewesen, auch diese beiden Lieder einzusingen und -zuspielen! Mit nun wirklich großem Sog haben Petersen und Radicke es mit Eichendorffs “Elfe” auch gemacht, nämlich nicht nur zwei-, sondern dreimal, und zwar mit den Vertonungen Bruno Walters (eine Trouvaille für sich), Julius Weismanns und, kaum zu glauben, Friedrich Guldas. Gerade in Radickes Klavierspiel ist das Flirren hier hinreißend realisiert, auch weil es ein permanentes Tappeln, Trippeln, Wirbeln ist, ein anderes Mal ein Locken, bei dem auch Petersens Höhen genau die benötigte Transparenz bekommen, durch die etwas anderes, eben das Ungefähre, hindurchscheinen kann. (Ich lasse die drei Stücke soeben direkt hintereinander dauer”loopen”.) Es ist auch typisch, daß besonders diejenigen Lieder zu schweben beginnen, die mit den Grenzen des distinkt Tonalen spielen – etwa Harald Genzmer, Hermann Reutter und immer wieder Christian Sinding – und sie nicht selten unterspülen. Wie es eine Wassergeistin ja täte, ich will sogar schreiben (und tu es): t u t. Als Pantheist glaub ich an sie, jedenfalls eher als an einen Gott; der gesamte → Wolpertinger ist von dergleichen Geschöpfen durchschwirrt, und in den → Andersweltbüchern wirken sie indirekt weiter, bei Oisín sogar nicht indirekt. Unter anderem deshalb war ich auf diese CD so gespannt. O ja,ich bin mit Lan-an-Sídhe sehr vertraut (und zahlte meinen Obulus, zahl ihn nach wie vor).
Interessant außerdem, daß Petersen die beklemmendsten Interpretationen in den nordischen Sprachen gelingen, die sie sich, um die Lieder singen zu können, erst zueigen machen mußte; frappierend, welcher Ausdruck ihr etwa mit Stenhammers Fylgia-Anrufung gelingt, die ich jetzt sehr versucht bin, ins Deutsche nachzudichten; ich kannte Gustav Frödings Gedicht noch nicht. Aber auch Sindings Majnat (Mainacht) gibt sie enorme Schönheit.
Ich habe also deutliche Favoriten, wobei auf dieser CD die Lieder des von mir geliebten Carl Loewe eher abfallen. Dafür ist Camillo Radickes Liedbegleitung durchweg wunderbar; er ist es sogar ganz besonders, der für das Schwirren, Flirren, die Mondlichtsschleier sorgt und eine ungewisse Dämmerung, die alle Geister brauchen. Deshalb ärgert mich ein bißchen die leider aber gängige Unart, den Namen des Liedbegleiters, der Liedbegleiterin auf dem Cover stets kleiner, oft sogar v i e l kleiner zu schreiben als den der Sängerin, des Sängers. Mit vollem Recht wurde dies auf den Aufnahmen Fischer-Dieskaus mit Hartmut Höll und Alfred Brendel nicht so gehalten, ebensowenig bei Thomas Hampson und Wolfgang Sawallisch – aber vielleicht, weil dort jeweils beide Musiker einen großen Namen haben, bzw, hatten. Doch auf so was zu achten, also den Marktwert über die Güte eines Künstlers, einer Künstlerin zu stellen, ist mies. Hier indes von Herzen schade, sofern das Bild nicht täuscht:

 

 

 

Ja, es gibt große Momente auf dieser CD, wobei Sie, Freundin, meine auch kritischen Anmerkungen bitte vor allem im Namen der Aufnahme, “Anderswelt”, begründet sehen möchten; für sich, ohne diesen Bedeutungshof gehört, ist sie makelos; jedenfalls lohnt sie einen Abend so oder so – sowie den ganzen Vormittag danach, um sich des eignen Anspruchs wie der Erwartung klarzuwerden, die Lauscherin und Lauscher an den Gesang gestellt, zumal wenn es, soweit ich mich auskenne, in der deutschsprachigen Liedkunst nur einen Komponisten gab, der das Ungefähre ganz im Zentrum seines Werkes hat, am berührendsten wahrscheinlich im zweiten Stück, “Traum”, seines Notturnos op. 47:

Nämlich Othmar Schoeck, in dessen besonders Natur-Liedern das Ungefähre, von dem ich oben schrieb, quasi allgegegenwärtig ist. Lauschen Sie, Freundin, in die hier eingebettete Musik einfach mal hinein; Sie werden’s sofort spüren. Und weil nicht nur Sie es hören werden, wird sie, diese Musik, auch auf junge Menschen wirken, die mit der “klassischen” Liedkunst nichts mehr anzufangen wissen, weil ihre musikalische Sozialisation anders verlief. Darüber wirken die Geister längst hinweg, wie wir bereits an den Dämonennamen vieler Computerprogramme sehen, und an Mavropoulos’, für Marlis Petersen, Huldigungsbildern:

Ein reicher Abend, ich habe dieser Sängerin abermals zu danken.

 

ANH

P.S.:
Wiewohl es möglich wäre, gebe ich diese Besprechung nicht an Faustkultur, und zwar weil sie noch sehr viel enger als sonst mit meiner Poetik verknüpft ist; auf einem anderen Forum wirkte das eitel. Hier ist es Teil der Ästhetik, ein Text Der Dschungel eben, u n d Anderswelt. Also machen Sie, Freundin, sich Ihr eigenes Hörbild:Es lohnt sich so oder so.

References

References
1 Seine Homepage – https://www.yiorgosmavropoulos.com/ – war leider nicht zu erreichen; deshalb ist hier sein Instagram verlinkt.

Abschiede, Begrüßungen. Das alte Notizbücherl, das neue. Im Arbeitsjournal des Montags, den 14. Februar 2022. Darinnen über Liebesenden. Und wieder die fiktive Macht.

[Arbeitswohnung, 6.44 Uhr
Janáček, Věc Makropulos]
Zwar sind anderthalb Seiten noch frei, aber ich wußte gestern nachmittag, ihrer mehr zu brauchen, wenn ich nachher in der Lindenoper säße und, wie immer quasi blind dann, Stichworte zur Aufführung notierte, während ich ihr zusah und lauschte (möglicherweise mitdirigierend hier und da, vorsichtig freilich, um meine Nachbarn nicht zu stören, oder Nachbarinnen, aber es ist dem Taktzucken des Fußes gleich, das, wenn eine Musik uns nah, hineingerät). Doch mitten da drin das Notizbuch zu wechseln, hätte unnötig Unruhe geschaffen und wäre vor allem profan ihm selbst gegenüber gewesen. Sie wissen, Freundin, wie ich es scheue, das, profan, zu sein. Es ehrt das Leben nicht, auf das nun gerade → Janáčeks Oper ein Gesang ist, wenn auch wider den Strich unsrer Begehren. Doch dazu dann in meiner … nun jà, ich nenne meine Überlegungen zur Musik, auch zum Musiktheater nur ungerne “Kritik”… – also dazu später (erst einmal) → bei Faustkultur.
So bereitete ich das neue Notizbuch schon mal vor, weiß gar nicht mehr, woher ich es habe. Irgend jemand wird es mir geschenkt haben, so, wie ich das nun vorherige geschenkt bekommen habe und all die Notizbücherln vorher. (Sie merken schon, ich nenne sie zärtlich). Diese bekam ich in den letzten Jahren stets von der Löwin, und es liegt von ihr seit zwei Jahren auch das nächste hier, noch ins Seidenpapier eingeschlagen und von ihr gesiegelt. Doch diese Zeit ist vorbei, so mochte ich`s noch nicht, ich schreibe einmal, deflorieren. In einigen kleinen Hinsichten bin ich, aus Liebe, abergläubisch. Nein, besser, ich schöbe ein anderes, dieses neue, dazwischen.
Die Notizbücher der Löwin sind in weiches schwarzes Leder gebunden und haben 496 Dünndruckpapierseiten, was es nötig macht, auf keinen Fall mit Tinte auf ihnen zu schreiben, weil die durchscheint. Am besten eignen sich Bleistifte, Kugelschreiber freilich auch. Doch die schiere Zahl der Seiten läßt ein solches Bücherl uns lange, sehr lange Zeit begleiten. Das, von dem es Abschied nun zu nehmen galt, diente mir, so steht es oben ganz am Anfang, vom

Das sind vier ganze Jahre plus sechs Tage. Danke, liebste Löwin. Und Dank, Notizbuch, Dir.

Ich machte mich also an die Übertragungen, denn auf den letzten Seiten sind oft gebrauchte fixe Angaben notiert, (verschüsselte) Paßwörter und sonstige (ebenfalls verschlüsselt) Zugangsdaten & PINs, Kontonummern, Kleidungsmaße, Hutmaße, Telefonnummern usw., die ich stets zur Hand haben möchte, ohne lange suchen zu müssen; sozusagen oldschool. Auch, seit → Liligeia und den Folgen, Angaben zu Medikationen. Sowie müssen auf der neuen ersten Seite, wie auf der ersten alten anfangs auch, mein Name und meine Kontaktdaten stehen für den Fall, daß ich es einmal liegen lasse, versehentlich, und jemand findet es. Tatsächlich hat dergleichen sich beim nun alten Notizbuch schon einmal ergeben, ebenso bei dem davor. Beide Male rief mich jemand an. Da sich meine Handschrift, bisweilen für mich selber auch, schwer lesbar gibt, habe ich zwar keine Sorgen, irgend etwas in den Notaten könne mißbraucht werden. (Allein mein Sohn kann alles stets auf Anhieb entziffern, ein im Wortsinn bemerkenswertes Phänomen, das ein anderes, wenn auch nur ungefähres und dennoch signifikantes Licht auf unsere Genetik wirft.) Dennoch wäre ein Verlust sehr zu beklagen. Denn viele Notate werden in aller Regel erst nach Abschluß des Bücherls in Notat-Dateien übertragen. Was mich meist zwei Tage Arbeit kostet, mitunter mehr: Ideen für neue Geschichten, Gedichtzeilen oder nur -titel usw., Beobachtungen, Adressen neuer Kontakte, alles durcheinander, aber stets datiert. So lassen sich auch Ideengenesen nachvollziehen, etwas, das mir wichtig ist, der ich die Entstehungsphasen eines Werkes als grundlegende Mitaspekte betrachte und sie stets teilhaben lasse; ohne das wäre es nicht zeitgenössisch.
Auch mit dem jetzt alten Notizbuch steht mir das nachträgliche Übertragen noch bevor. So ganz wird die Trennung also noch einige Zeit nicht abgeschlossen sein; es sind nicht immer scharfe Akte, die unsere Lieben beenden, sondern häufig gleicht es einem so milden Entschlafen, daß wir es gar nicht merken. Auch so gesehen hat es seinen Grund, daß ich der Löwin eingeseidetes Notizbuch noch nicht anrühren mochte. Ihre, Freundin, hohe Sensibilität wird es verstehen.

17.40 Uhr, ich saß bereits auf dem Platz, der große Spielsaal war fast noch leer, und bereitete mich vor. Das neue Notizbuch wird nicht so lang halten wie das alte. Keine Dünndruckpapier- sowie deutlich weniger Seiten, nämlich 176. Der Umschlag aus fester, lederfingierender Pappe, darauf in dünnem Scheingold faksimilierte Handschriftzeilen Charles Dickens’, und zwar eines Auszugs der Kapitelplanung seines letzten abgeschlossenen Romanes → Our Mutual Friend. Ich bin kein Dickensianer, hätte, hätt ich das Bücherl selbst ausgesucht, sicher nach einem anderen Autor, einer andren Autorin gegriffen. Dennoch muße ich befinden, dies sei nun ein ziemlich symbolischer Umstand, jetzt, da ich das Impressum dieses Notizbuches erst entdeckt habe und lese, “letztabgeschlossener Roman”. Doch find’ ich’s eher hübsch ironisch, denn daß es mich furchtsam werden ließe. Liegt mir eh nicht – zumal mir mein kleiner Aberglaube sagt, daß wir so einiges, das vorgezeichnet zu sein scheint und vielleicht auch ist, abwenden können, sofern wir es – benennen. Und also nicht verdrängen, sondern hinter die Türen unsrer Nachtmare schauen oder unters Kinderbett, wo, beides, sie sich gern verstecken. In diesem Augenblick ändert sich die Dynamik, was grundlegende Bedingungen des vormals Vorgezeichneten ändert. So daß es vorgezeichnet länger nicht mehr sein kann. Auch dies gehört zur Realitätskraft der Fiktionen. — Verstehen Sie, Freundin, die Bedeutung, die selbst ein Wechsel des Notizbuchs haben kann und – eben nicht profan zu sein? Wie sagte → Phyllis Kiehl? Aufladung ist das Geheimnis. In den → Béarts wird dieser große Satz zitiert.
Und, Löwin, geben Sie es zu, daß das Notizbuch zu wechseln einen angemesseneren Anlaß gar nicht haben kann als ein wirklich großes Stück Musiktheater, in dem es zumal um ein potentiell unendliches Leben und darum geht, was ein solches würde bedeuten? Und was wir Sterblichen dann wärn? S o betrat ich gestern → den Abend und schritt durch ihn und den Klang seiner enormen heißen kalten Wogen:

 

Ihr
ANH

Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

________
ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

→ Bestellen
(zuzgl. Versandkosten Österreich)

| IRRTUM DER ABBILDBARKEIT |
Der erste erhaltene Weblog-Eintrag Der Dschungel überhaupt. Vom 29. Oktober 2003. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 8. März 2020.

 

[Arbeitswohnung, 9.04 Uhr
Zweiter Latte macchiato]

[David Ramirer, Organics auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846]

 

Meinem durchnumerierten Word-Archiv zufolge war → dies der zweite Eintrag und ist offenbar der erste überhaupt erhaltene, den ich je für ein Weblog verfaßte. Noch für die auf freecity dank → Oliver Gassner schnell gefolgte  twoday-Dschungel bis zum, vor etwas mehr als zwei Jahren, Export nach WordPress schrieb ich sämtliche Texte in einer doc-Datei vor und legte sie nach fester Zahlenregistratur ab; die letzte da hatte die Nummer 18238 — es folgen noch etwa 200 Einträge, denen ich keine Nummer mehr gab; das war bereits die Umbruchphase zu WordPress. Der tatsächlich erste Eintrag-je scheint allerdings tatsächlich verloren zu sein, keine Ahnung, weshalb. Es wundert mich, denn in Sachen Archivierung bin ich pedantisch — wie in allem, was mit meiner Arbeit zu tun hat.

Wie nun auch immer, unterdessen bin ich dabei, die alten freecity-Einträge hier in “DIE neue DSCHUNGEL” einzufügen, so daß ihre Geschichte in absehbarer Zeit so komplett wie möglich mit enthalten sein wird. Dies nämlich nicht nur, weil ich von der Modernität und Notwendigkeit meiner Poetik überzeugt bin, sondern vor allem, um auch hier dem Gedanken der jungen Moderne zu entsprechen, daß die Entstehung eines Kunstwerks eines ihrer notwendigen Teile sei. Wobei es jedenfalls für mich-selbst höchst interessant ist, wie eng ich damals bereits den Buchverbotsprozeß um → Meere — der eine Situation schuf, ohne die ich ein Weblog wahrscheinlich niemals begonnen hätte; ich fühlte mich dazu rundweg genötigt, nämlich um nicht zu verstummen — mit meiner Andersweltpoetik zusammensah, zusammen spürte. Das hat nichts mit der seinerzeitigen Klägerin zu tun, wohl aber mit der Reaktion des Literaturbetriebs und seiner Fetischisierung eines komplett falschen “Realismus”. Und, damit verbunden, mit dem selbstgefällig-bequemen, ich schreibe mal “linken” Mißverständnis, was Dichtung eigentlich sei. In anderen Worten ist es ein Irrtum der Abbildbarkeit, der sich, wie auf eine Krücke, auf die “klassische” Vorstellung der Mimesis stützt. Nahezu alles, was zu deren Seiten lag, wurde quasi weggetreten — sofern es aus Deutschland kam. Für Österreich machte man Ausnahmen, H. C. Artmann und andere, fürs nichtdeutschsprachige Ausland sowieso. Da waren sogar Vertreter der phantastischen Literatur “erlaubt”, etwa Borges, hingegen die Deutschen der Kahlschlag-Doktrin, später dem sog. Kölner Realismus zu folgen hatten. Schon klasse, nebenbei bemerkt, wie Wellershoff auf der Leipziger Literaturkonferenz 2003 wieder nach Sturmgewehren rief; da kam ganz wunderbar seine Zeit in der Wehrmacht wieder ans Licht; und Ina Hartwig trug am Kragenspiegel Stars ‘n Stripesauch ein Endsieg, nämlich des Pops. Klar, daß jemand wie ich in solcher Runde nichts zu suchen hat und also weg muß: Sie wissen ja, liebste Freundin, welch Nestbeschmutzer ich bin.
Nur daß das Problem ist, man kriegt mich nicht weg, der Swinigel ist immer schon allhier. So, genau so, entstand Die Dschungel, und es ist mir wichtig, dies öffentlich zu protokollieren, zugänglich für jede und jeden, die und der es will. (Vorläufer hierfür waren die von 1985 bis 1989 erschienenen Dschungelblätter; was ich mit dem Weblog begann, war insofern eine Fortführung unter allerdings anderen, teils schlimmeren Voraussetzungen, dafür angereichert mit einiger reifer Erfahrung; und nun, mit dem Meere-Prozeß ging es halt auch um faktische Existenz, nicht nur den Widerstand eines jungen, betriebsunbequemen Autors. Wobei, wie → dieser nun wieder eingestellte erste, bzw. zweite Weblog-Eintrag formuliert, in der öffentlichen Auseinandersetzung um den inkriminierten Roman eigentlich meine ganz anderen Bücher suggestiv mitdiskutiert wurden — bis noch 2015 in Hubert Winkels´ hübscher Charakterisierung als → “utopistisches Tamtam” (und immer noch stehen da unwidersprochen diese beiden so ekelhaft-hämischen wie kenntnislosen, → deutlich persönlichen Kommentare unter dem, aufs → Traumschiff bezogen, eigentlich sehr schönen Artikel).— Nein, ich kann und ich will das nicht abhaken und zu den Akten legen, denn es zeigt, wie Literatur, die sich nicht in den Mainstream fügt, von sehr klugen, sehr kenntnisreichen, eigentlich hochsensiblen Menschen weggemobbt wird, ohne daß sie wahrscheinlich selbst begreifen, was sie da tun. Zudem ist es höchst fraglich, ob sie die so zum Abschaum gekippten Bücher überhaupt gelesen haben. Auch hier gilt: Geschichte geschieht durch Einschliff.

Wie nun auch immer, Freundin. Einige alte Beiträge habe ich bereits stillschweigend in Der Dschungel nachgetragen; manche davon, wenn sie nicht allzu “historisch” sind, kommen — wie → dieser dort gestern — für einzwei Tage auf die Hauptsite unter vorübergehend aktuellem Datum und werden danach unter dem alten originalen abgespeichert, so daß sie “nach hinten” wieder verschwinden, aber im Archiv gut aufgefunden werden können (rechte Spalte, tief hinabscrollen, dann können Jahr und Monat geöffnet werden).
Des weiteren spiele ich mit dem Gedanken, auch aus der Zeit vor Der Dschungel poetologische Überlegungen und Positionierungen einzustellen, die ich zu meiner Arbeit etwa in Briefen angestellt und eingenommen habe; ich habe ja auch sie gesammelt, material aus den Zeiten, bevor ich mit dem Computer zu arbeiten begann, dieses etwa um 1983/84, sowie danach als gespeicherte Dateien/Mails. Das meiste davon ist tatsächlich, siehe “Pedanterie”, erhalten.
Daneben läuft selbstverständlich die aktuelle Arbeit; vorgestern gab ich meine Rezension zu AMERICANA von Maret, Collin, Frisell und Penn bei Faustkultur ab, soeben erschienen bei ACT, dann sitze ich gerade über einer Besprechung der schon oben genannten→ ORGANICS, also von David Ramirers neuer CD, lese derzeit fürs nächste Nabokovlesen Die Mutprobe und versuche mich weiter und weiter am Ansatz des → Béartstücks XXXII, dem vorletzten des Zyklus mithin. Doch da kommt ich grad nicht recht weiter, obwohl die Zeit nun, spüre ich, drängt. Und außerdem gucke ich mich mal wieder auf Kontaktforen um, weil mir das sexlose Dasein auf die Nerven geht, kann mich aber nicht wirklich durchringen, “tätig” auf ihnen zu werden, weil es mich, wie ich gut weiß, zu viel und zudem meist verlorene Zeit kosten würde (zu oft kam in den letzten Jahren dieses “zu alt”, weil im Netz — nachvollziehbarerweise —  “rein” nach Zahlen vorgesiebt wird; tatsächliches Sosein läßt sich ja nicht anschaun); und ich brauche die Zeit für die Arbeit. Eisenhauer vor paar Tagen beim Billard: “Au wei, jetzt hat dich das Leonard-Cohen-Syndrom.” Ich verstand erst nicht, doch er erklärte es gut, und süffisant. Wie er halt ist. Außerdem, liebste Freundin, ich liebe ja; wie soll ich mich einer anderen Frau da antun? Es wäre schlichtweg unfair. Gegen meine real gewordene Anima kommt niemand an, so sehr auch dieses “real” sich längst verweht hat, ich meine: als ein erfülltes. So gebe ich, was ich an Leidenschaft habe, allein noch in die Béarts.

Ihr ANH

[Theorie des Literarischen Bloggens]

 

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