Liligeia an ANH, 16. Juni 2020: Das siebente Billet, an Al-Tamimis Wüstentor geschlagen.

Das Dritte Tor. Aus der Nefud, Phase III, Tag 1. Fortsetzung des Krebstagebuchs aus der Wüste, Krebstag 48.

10.30 Uhr:

محطة التميمي

bevor wir uns an die Lektoratsarbeit machten. Zwischenzeitlich hat sich diaphanes wieder gemeldet; Michael Heitz, der Verleger, halte ganz unbedingt an unserer Buchidee fest:

Geplant hatte ich die Publikation ja in einer Reihe besonders gefertigter Ausgaben, limitiert und in besonderer Auswahl, à part von Markt und dessen Oberflächlichkeit. (…) Aber (…) ich denke mittlerweile, dass wir diese Publikation auch regulär anzeigen sollten. Das Projekt war und ist eng verbunden mit Paris, einer gewissen frz. Tradition bibliophiler Ausgaben von Dichtung und meinen Bemühungen, andere Kanäle und Orte für Literatur als Kunstform zu suchen.

Also muß das lektoratsfähige Typoskript in Wien und Zürich spätestens dann liegen, wenn ich Aqaba erreicht haben werde und Lis und meine Trennung & Vereinigung von uns vollzogen werden wird, und von den Chirurginnen, Chirurgen – in also nicht mehr ganz einem Monat.

 

 

 

Moment … Kanüle ….

Wüstenklänge, Wüstendonner: Aus dem hohen Felsen ein Fensterkonzert (aus der Nefud, Phase II,8: Tag 14). Der Ritt sodann auf محطة التميمي بالرديفه. Am Montag, den 15. Juni 2020.

 

[صحراء النفود.عالم آخر
Mittagslager, 13.05 Uhr]

 

Ich war genervt gestern abend, ich geb es zu; die Tumorin hatte mich ziemlich am Wickel. Dann aber standen wir da und schauten hoch — “wie gebannt”, so würde in Kitschromanen formuliert und da wohl weiterhin so stehen .. schauten vor der Duncker 67 direkt auf den fensterdurchbrochenen Granitberg; zum Ersten Hinterhof der 68  geht’s aber unten gleich links; wiederum daneben waren auf die Straße Tische und Stühle vor die Kleine Kneipe gestellt, auf denen eine Gruppe Handwerker Platz genommen hatte, die sich gänzlich unmuslimisch vollauffen ließ (unsizilianisch übrigens auch), und einer von denen grölte dermaßen und von sich selber dauerbegeistert, daß ich in Gedanken bereits meinen Krummsäbel wetze. Es ist ein großer Vorteil an dieser Nefud, daß ich töten kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und diesen Handwerker, primitiv, dumm und möchthaltgerne “Alpha”macho, wollte ich in der Tat lange nicht mehr leben lassen. Schon, weil er die anwesenden, aber auch vorüberflanierende Frauen mit “Muschi” ansprach: bei besoffenen Arschlöchern wie diesem bin ich für die Todesstrafe und darf es, als nunmehr selbst vom Jenseits Bedrohter, auch sein. Außerdem muß ich eh nichts andres tun, als mein Bezugssystem zu wechseln.
Noch freilich stand ich vorm Haus meiner Arbeitswohnung, von wo aus momentan weder Röhrerich zu sehen war, noch waren’s seine Haremsdamen; noch aber auch war Faisal in der Nähe, um von ibn Gamael zu schweigen. Und ich, ich trug schwarzen Anzug, tiefdunkelblaue Weste zu dunkelblauem Hemd nebst gelber Krawatte, war für die Wüstenhitze eigentlich viel zu warm angezogen. Doch wär ich in der Thobe noch mehr aufgefallen. Und es macht mir ja auch Freude, mich zu kleiden: Ich ehre Lilli so. Woher hätte ich allerdings wissen können, daß der besoffene Krakeeler nicht etwa wirklich ein Handwerker – ein Dachdecker, der Tracht nach –, sondern in der Anderswelt niemand andres als ausgerechnet Bassam war, der Lächler, dem ich → vor zwei Wochen das Leben gerettet habe? Nein, er lächelte auch jetzt noch nicht, aber, eben, grölte, und da ich, wie gleich zu Anfang erzählt, schmerzhalber genervt war …

Doch erst einmal das Konzert, in dem, wenn Sie genau hinlauschen, auch die Stimmen der Wüstengeister zu vernehmen sind, in dieser Aufnahme hier von Sek. 26 bis 35. Sie müssen aber wirklich ganz genau hinhören, während Sie sich, am besten mit geschlossenen Augen, die Landschaft beschauen, weil sie auch Ihnen, Freundin, sonst den Atem nimmt:

So also saßen und standen wir draußen vor der Bergfront, gestört nur von bisweilen passierenden Kraftwagen sowie von Bassam, dem Gröler … — was mir endlich zuviel wurde, so daß ich die Thobe beiseiteschlug und das kurze Mondschwert griff, das drunter in der Lederscheide baumelt. — “Sie sind dermaßen dumm!” sagte ich, als ich an Bassam herangetreten war, der es noch für einen Scherz hielt, für einen schlechten immerhin, und aber dennoch aufstand, wie wenn er sich prügeln mit mir wollte. Er schwankte aber nur und sabberte mich an.
“Wer Leben schenkt, darf es auch nehmen”, wiederholte ich und holte aus.
Man glaubt nicht, wie leicht sich vom Rumpf ein Kopf trennen läßt. Ich tat es mit allem Geschick und aller Energie, die Liligeia mir gegeben. Oh Liligäa, meine Muse! Wer täglich mit jemandem von solcher Grausamkeit umgehen muß, bekommt bald selbst ein dickes Fell.
Der Kopf des Idioten knallte nicht, sondern klatschte auf das Dunkerpflaster, wobei der Typ selber, als ob er sich auch noch für Störtebeker hielt, an seinen Leuten vorbei wie ein rot aus dem Hals fontänendes  Piratenhendl zur Stargarder lief, vielleicht um, wenn auch zu spät, die Polizei zu rufen, weil er sich sicher sein konnte, da auf ähnliche Intelligenzen zu treffen, jedenfalls im nicht gehobenen Dienst. Dennoch war mir klar, mich aus dem Straßenstaub machen zu müssen, und zwar schnell. Weshalb ich das Ende des Konzertes nicht mehr abwarten durfte, statt dessen die nächste Lappenschleuse nahm.
Schon saß ich neben Faisal vor dem Zelt; wir hatten unser letztes Lager vor der nächsten Relaisstation genau unter dem Konzertberg aufgeschlagen. “Haben Sie die Stimmen der Geister gehört?” fragte er, sah aber in den funkelnden Sternhimmel hoch.
“Geister?”
“Manchmal rufen die Dschinns nach dem Krebs. Dann haben sie Partei genommen.”
“Und wessen?”
“Wenn sie nach der Krebsin rufen, dann die Ihre. Lassen Sie’s uns hoffen. — Aber ich denke, wir sollten weiterreiten, sonst kommen wir heute abend nicht rechtzeitig an. Sie müssen morgen früh ausgeruht sein.”

So sind wir denn wieder auf dem Weg, nunmehr zum dritten Höllentor der Wüste.

Ihr ANH

Die Nefud lebt: Donner und Lavendelregen. Dazu das Unterwüstenschiff. Aus der Nefud, Phase II (7, Tag 12). Sonnabend, der 13. Juni 2020. Krebstagebuch, fünfundvierzigster Tag.

[صحراء النفود. عالم آخر, Morgenlager, 7.53 Uhr
Peter Maxwell Davies, Streichquartett (2015)
73,6 kg]

Da brach dann das Gewitter los. Es hagelte sogar – Körner von Taubeneigröße! Und in Sekunden, so weit ich sehen konnte, verschlammte die Wüste zu einem sich ganz gewiß über den Horizont ins Weltall hinabstürzenden, wenn auch untiefen See, aus dem sich die jetzt strömungsumzischten Granit- und Sandsteinfelsen des uns allezeit begleitenden Gebirges wie die Trutzmauern der Burgen Ymirs erhoben, aus dessen zerstückeltem Körper bekanntlich die Welt komponiert worden ist – wobei Midgard langsam zerfällt, weil es aus meinen Augenbrauen entstand, die mir jetzt auszufallen beginnen, quasi “pünktlich”: – “nach etwa vier Wochen”, hatte Faisal angekündigt, direkt bevor wir in die Nefud eingeritten sind. “Eine Strahlungsfolge”, vor allem, ließ er indirekt einfließen, seit die USA nicht nur, wie bekannt, im heimatlichen  Nevada (“Nicht in den Lichtblitz schauen!”), sondern auch hier eine ganze Reihe selbstverständlich inoffizieller Atombombenversuche, habe durchführen lassen. Eine Bemerkung, deren Wahrheitsgehalt ich allerdings auch dann zu bezweifeln wage, wenn Jordanien de facto dem wirtschaftsimperialistischen Westen der verläßlichste arabische Partner sein sollte. Auch wir Deutschen haben da ja Truppen im Land.

Übrigens, Aqaba — Berlin. Machbar, nur billig würd’ es nicht:

Wie auch immer, der Tag hatte mich gebeutelt, Li also, nicht er. Wie schon am Ende des ersten Höllenkreises gingen auch jetzt die Brustschmerzen wieder los. Sie stehen horizontal auf dem Sonnengeflecht, als ob sie links das Herz und rechts die Brust durchstießen, sich aber nicht bewegen, sondern stille, fast wie in Habacht, begutachten, wie ich mich verhalte.

Ich verhalt mich gar nicht, muß einfach meinen Sitz auf Röhrerich behalten. Was schwierig ist, wenn man sich ständig krümmt. Und da in solchem Zustand weder das Dronabinol noch die THC-Tropfen helfen, nehme ich ich halt doch vom Novamin. Auch hier schlagen besonders die Tropfen sehr schnell an, und man kann zur Tagesordnung übergehen. Lästig ist sonst nur noch, bei jedem Schnäuzen, das dauernde Nasenbluten sowie weiter unten, nämlich hinten das, ebenfalls eine Folge der Wüstenstrahlung, Jucken. “Nicht schlimm, nur, das ist das Wort, lästig“, wie ich’s gegenüber Faisal abtat. Aber Röhrerich schwankt ganz im Gleichtrott meiner Stoik —

— als dieses KRACH!!!en losging, ein Riesenknall, der gleichsam die Sonne ausknipste, im Bruchteil einer Zehntelsekunde, alles war schwarz, alles schrie durcheinander, auch die Träger und Dromedare schrien, die Scouts, unser Kaffeekoch, und die Sintflut donnerte, donnerte, donnerte!! auf uns herunter. Keine Sünde hatte jetzt noch Chancen, die Kamele steckten, sogar Rih, die Köpfe in den Sand, was, dachte ich, wir Menschen hätten besser ebenfalls getan, nur daß wir unsere Nasen, die natürlich auch nicht schlitzförmig sind, weder gegen den Sand verschließen können, noch vermögen sie,  den Wasserdampf der ausgeatmeten Luft zur Kühlung von Blut, Augen und Gehirn wieder aufzunehmen. Das haben uns diese Wüstenwunder sehr weit voraus. und läßt uns darüber hinwegsehen, daß sie sich bisweilen wie Vögel Strauße verhalten (allerdings bin ich mir unsicher, ob sie dieses vielleicht nur in Anwesenheit ihrer Menschen tun, vielleicht, um sie zu beruhigen; zumindest Röhrerich hat eine deutlich pädagogische Ader). Jedenfalls riß mich eine auf mich herabgestürzte Wassersäule, die an beiden Flanken Rihs ablaufen wollte, aber nicht -“lief”, sondern -“stürzte”, aus dem Sattel, wobei sich mein Leib nicht entscheiden konnte, ob nach links hinabstürzen oder nach rechts, so daß es mich erstmal fast entzweiquetschte, bevor mich durch heftiges Schütteln Röhrerich endlich erlöste und ich zwischen seinen Schwielensohlen in den kochenden Sand knallte. Es war nämlich nicht etwa kühler geworden, die Nefud brodelte. Als auch noch der Boden aufbrach und … tatsächlich,  nicht zu fassen, Faisal konnt mich grade noch wegreißen, andernfalls ich in den Malstudel gestürzt und in die Tiefe teils geschleudert, teils gezerrt worden wäre, die sich gurgelnd unter dem zu unserem Entsetzen auftauchenden monströsen Untersandboot auftat. Was einerseits an meine geliebte Orion erinnerte, aber andererseits halt in der Wüste sich zutrug, so daß meine Liebe zur Raumfahrt mit einem sozusagen Pompeji kollidierte, das wir nun hinterlassen würden, Faisal, ibn Gamael, die Scouts, des Kaffeekoches kurz unsere Bedienstetinnen. Würde ich, schoß es mir durch den Kopf, jetzt überhaupt noch die nächste Relaistation, محطة التميمي بالرديفه , erreichen? Oder hatte unsere Nefuddurchquerung tatsächlich ein ungewolltes Ende erreicht? Ah, ich spürte Liligeia jubilieren! Sie trat gleich noch mal nach … stach nach, muß ich es nennen, das war alles nicht sehr schön und ging wie einer jener diamantbewehrten Schneckenbohrer in meine Organik, wie sie sich “quasi reibungslos in den Sand der” hier nun nicht innerasiatischen, sondern eben saudiarabischen Wüste gruben, “die Tiefenruder bewegten sich geschmeidig und vergößern den Tauchwinkel”, der jetzt, beim Aufstieg an die Oberfläche, deutlich kleiner wurde, aber genau deshalb die Fliehkräfte des Sandes geradezu anpeitschte. “Ein auf einer nahegelegenen Düne stehender Beobachter hätte, vielleicht erfüllt von abergläubischem Entsetzen, sehen können, wie das Boot gemächlich” aus der “lichtlose(n) Welt dort unten” auftauchte und schließlich hälftig, und als würde es mächtig schnaufen, auf dem Sand flach liegen blieb, “wobei sich dort, wo das Heckruder gewesen war, nur ein flüchtiger Staubwirbel erhob”. Wozu Inspektor Clouseau (als Dr. Nemo Seltsam) später, der uns mehr oder minder gewaltsam hatte an Bord hatte bringen lassen, folgende Erklärung abgab, derweil der ziemlich mißtrauische Ned Land (in der Rolle unsres Kaffeekochs), Peter Lorre (als Lars ibn Gamael), Faisal (Professor Annorax) sowie James Mason als ich selbst mit  ihm am Tisch der Nautilus saßen und Wüstenwürmer probierten, deren Aroma sich durchaus mit Muscheln vergleichen ließe, wären sie Fleischmassen nicht derart gewaltig (dennoch: “Sandmuscheln, ja, gibt es auch”) … — also die folgende Erklärung:

“Bei den”, begann Dr. Seltsam, “nächtlichen Ritten auf seinem Kamel hatte Lindsay Noseworth herausgefunden, daß er es nun tatsächlich genoß, allein zu sein, dem unablässigen Chaos der alltäglichen Deckwache enthoben – das Blickfeld sternengetränkt. Vierdimensionalität in reinster Form, mehr Sterne, als er je gesehen hatte, doch wer hatte schon die Zeit gehabt, sie zu betrachten, da so viele kleine Aufgaben die Auen auf die Banalitäten des Alltags zwangen. Um ehrlich zu sein, hatte er nach und nach Zweifel am praktischen Nutzen des Sternenlichts entwickelt. Er hatte in letzter Zeit große historische Schlachten studiert und versucht herauszufinden, wie die Lichtverhältnisse während er Gefechte gewesen sein mochten, und schließlich hatte ihn sogar der Verdacht beschlichen, das Licht sei möglicherweise eine geheime Domäne der Geschichte – die Frage war ja nicht nur, wie es ein Schlachtfeld oder eine gegnerische Flotte beleuchtet hatte, sondern auch, wie es während einer entscheidenden Staatsratssitzung durch ein bestimmtes Fenster gebrochen worden war, welchen Eindruck es, ausgehend von der jenseits eines bedeutenden Flusses versinkenden Sonne, erweckt hatte oder welchen ganz besonderen Schimmer es auf dem Haar einer in politischer Hinsicht gefährlichen Ehefrau, deren ich zu entledigen man entschlossen war, erzeugt und dadurch die Exekution verzögert hatte.”

(Peter Sellers bediente sich der Übertragungen Dirk van Gunsterens und
Nikolaus Stingls — die selbstverständlich hier genannt werden müssen.)

“Oh wie incorrect!” rief ich aus, aber mehr, um davon abzulenken, wie entscheidend mir die Dominante der Geschichte auch für unsere Nefuddurchquerung zu sein schien. Denn klar war mir, daß wir so schnell wie möglich aus dem Untersandboot wieder hinauskommen mußten; irgendetwas an Dr. Seltsam war seltsam, er hatte so einen Tick mit dem Arm. Und vor allem, da war es wieder (“Ach … Verd ..!” entrang sich sogar Faisal), war es wieder, das fatale Wort, das ich, auf Anweisung der Ärzte, nicht aussprechen, ja nicht einmal lautlos artikulieren durfte.

RRRUMMMMS !!!!

“Ein Rohbruch! Sandeinbruch!”

Bloß weg.

Draußen röhrte Röhrerich, und seine Gefährten röhrten mit ihm. Ich sah Peter Sellers zerfließen, er wurde selbst rein Sand. Nur daß Peter Lorre jetzt den Gamael aufgab, sich Lars’ Gesicht vom Gesicht zog, es war eine hauchdünne, hauchenge Maske, seinen Ausweis hervorholt, Bundesnachrichtendienst, Wir beobachten Sie seit langem, Kommen Sie unauffällig mit, meine Güte, also jetzt doch noch (dabei saß ich ganz gewiß nicht in Professor Jostings Infusionszimmer und → sah auf die Geheimdienstgebäude hinaus; meine dritte Chemo steht “real” für den kommenden Dienstag erst an) … doch nochmals

RRRUMMMMS !!!! Krkrrrrrrrrrrrrrrrrrrk !!!

Prkztzkrrrrssss (!)

und laaaaangsam tat sich die Wüste unter dem Schiff wieder auf, stülpte die Lippen suckelnd des Sandstroms, der sich schon wieder zu drehen begann, um das Unterwüstenboot und schluckte es, derweil wir Freunde losgespritzt und durch die Bullaugen waren, hinaus, weil die Matrosen sie zum Lüften noch offengelassen hatten. So konnten wir, derweil das Ungeheuer versank, uns retten —

— na gut, mich rettete eher wohl Faisal; ich war wegen der Schmerzen, in denen Liligeia ganz begeistert tobte, denn doch etwas behindert und wußte dann auch gar nicht, als ich wieder zu mir kam, ob das WüstenUntersandBoot nicht eher eine THC-bedingte Halluzination, allenfalls eine hochgespülte Erinnerung gewesen war. Tatsache allerdings war nun etwas anderes, nämlich hatte dieser gewaltige Regen aufgehört und die Wüste sich beinah wieder ausgetrocknet, in allerdings lavendelnder Pracht. Die Blüten überzogen das gesamte, gleichsam auferstandene Wadi:

Doch damit nicht genug. Nachdem ich die Schmerztabletten geschluckt und sie zu wirken begonnen hatten, machten wir uns auf den Weg zum, so hat “Gebirg der Wüstensänge”, den wir, heißt es, heute gegen abend erreichen werden und wo es, auf der Dunckerstraße, ein “Fensterkonzert geben soll”: von den geöffneten Scheiben des ersten Stockwerks des Haus Nr. 67 auf uns, die Kamele und alles Lavendel hinab. Ich werde die Klänge, denke ich, mitschneiden.
Jetzt aber müssen wir eilen.

ANH
(bislang schmerzfrei, heute)

 

 

| Eine kleine Auszeit von der Wüste |
Maxwell Davies’ Strathclyde Concertos im Krebstagebuch des Donnerstags, den 11. Juni 2020 (Tag 43/Chemo[2} Tag 10).

[Arbeitswohnung, 14.18 Uhr; morgens 74,1 kg
Peter Maxwell Davies, → Strathclyde Concerto No 2]

Etwas schwieriger Tag heute, die Tumorin meldet sich quasi unentwegt, seit ich wegen der Chemophase II zum Kontrolltermin losgezogen bin – da, um halb neun Uhr morgens, noch ohne irgendein Medikament. Denn die Nacht war gut, Dronabinol nehme ich meist eh erst gegen Mittag. Was ich spüre ist, daß die Wirkung der Zytolastica nachläßt, Li also wieder Raum zum Atmen bekommt, den sie sich weit ausstreckend nicht nur leidlich nutzt. Also ausnahmsweise wieder dreißig Tropfen Novamin eingenommen. Um unabgelenkt weiterarbeiten zu können. Allerdings höre ich mich derzeit so sehr in Maxwell Davies ein, der, wenn auch sechzehn Jahre älter, an mir insofern vorbeigestorben ist, weil ich mit seiner Musik zwar durchaus in Berührung kam, erstmals mit einer fehlgepreßten Salomé-Vinyl (die Spuren sind auf den Platten falsch, ziemlicher Seltenheitswert), die mich auch kurzzeitig interessierte; dann fand ich aber nicht wirklich hinein. Das ist jetzt völlig anders, interessanterweise nach einem, sagen wir, → Umweg über Hakola, den ich in der Anderswelt → parallel zum ersten Höllenkreis der Nefud ging. Besonders angetan haben es mir unterdessen die Strathclyde Concerti; ich hör meist mit den STAX →auf den Ohren.
Jedenfalls hilft die Musik durchaus mehr als irgendeines der Medikamente — abgesehen allenfalls von Cagliostros THC-Öl, dem ich mich tagsüber nicht so gerne aussetze, weil ich nicht dauerbekifft sein will. Was ich in den ersten Tagen der Chemo II ja durchaus war. Sie werden → es gelesen haben.
Die Werte heute bei der Kontrolle erneut in Ordnung; der ständigen Blutschneuzerei soll ich stoisch mit Bepanthen begegnen; es seien tatsächlich nur, als Folge der Chemo, ausgetrocknete Schleimhäute. Und bitte das Dexamethason nur je die beiden Tage nach neuen Infusionen einnehmen. Ansonsten immer wieder auf den Körper hören, sich auch tagsüber mal langlegen, wenn die Müdigkeit kommt oder das wenn auch nur chemisch bewirktes, also faktisch nicht wirklich geerdetes Angestrengtsein, Doch dann zu liegen und mit den Kopfhörern Neue Musik zu hören, hat etwas fast Erlösendes: etwas zwischen höchst konzentrierter Meditation und einem Schwebezustand des ganzen Körpers, physisch, ja! … nicht nur imaginiert eso-religiös. Dann zieht es mich aber doch wieder an den Schreibtisch zurück.

Dieses Mal was Josting gar nicht Faisal. Der chirurgische Eingriff werde kein Spaziergang werden, auch nicht für einen wie mich. (Ich hatte von Matthias Biebls Satz erzählt, mir könne man auch eine heftigere Operation zumuten). “Bitte unterschätzen Sie die Gefahr nicht. Die Sterblichkeit bei dem Eingriff liegt, ganz unabhängig vom Krebs, bei immer noch über vier Prozent. Und auch sonst kann gerade diese OP böse Nebenwirkungen haben, die Infektionsgefahr ist enorm. Doch wenn sie die ersten vierfünf Tage überstehen, können Sie davon ausgehen, bereits im August wieder zuhause zu sein.” “Ah, dann könnte ich vielleicht doch noch in diesem Sommer nach Italien…” “Wohin?” – So daß ich von → Parallalie erzählte, den Projekten mit dem Übersetzerfreund … und als der Arzt nun hörte, wir hätten → Joyce übersetzt, geriet er fast wie neulich bei Schostakovitsch aus dem Häuschen, habe soeben den ULYSSES zuende gelesen, ja, etwas gebraucht, das schon, aber … Welch ein Buch! Und: “1904, das müssen Sie sich mal vorstellen!” Ich dachte sofort, weil er auch noch → den mir unsäglichen David Foster Wallace erwähnte, daß ich ihm zum nächsten Mal unbedingt einen WOLPERTINGER mitbringen muß, über das ich gerade wieder → derart schöne Sätze lesen durfte (ich hätte sie gerne auch → dort stehen; so eitel, sie selbst da hinzusetzen, bin ich aber denn doch nicht).
Wobei uns dieses Gespräch zumindest insofern wieder verfaisalte, als wir auf dem Navi nun doch schon, für kommenden Dienstag, das diesmal in einen, so heißt es, Tankstellenkomplex integrierte Relais fest einprogrammieren konnten: محطة التميمي بالرديفه . Allerdings liegt diese Station einigermaßen ortsnah an einer langen, von Lastwagen durchdonnerten Wüstenstraße, die wir nach den Infusionen ganz sicher schnell hinter uns lassen werden, weil sie das, ich schreibe einmal, Aqaba-Projekt insofern gefährdet, als sie in den Mischer unsrer Heldenreise entschieden zuviel an pragmatischer Realität hineinschütten wird. Doch wird uns die Pforte des Dritten Höllenkreises ohnedies aus dem Jordanien nur-der-Gegenwart jäten, sowie wir eingeritten sein werden in ihn.

Zurück, fand ich im Briefkasten die erste Zuzahlungsrechnung der Apotheke meines Ontologen:

Für die erste Chemophase also 87,24 EUR; alle vier Sitzungen werden mich allein bei den Medikamenten auf knapp 400 Euro kommen lassen; ein Viertel meines monatlichen Lebensunterhalts, dazu noch die Krankenhauszuzahlungen sowie die Zuzahlungen für von der Hausärztin verschriebene Arzneien, etwa das Dronabinol. Es ist wirklich dringend, die Befreiung durchzusetzen, sonst mach ich irgendwann die Grätsche. Schon coronahalber hab ich ja zur Zeit überhaupt keine Einnahmen.

Ah, immerhin hat jetzt das Schmerzmittel gewirkt, so daß ich ruhig weiterarbeiten kann. Auf jeden Fall muß ich mit dem Finale → der Béarts weiterkommen. Aber daß ich heute früh meine in den Suchmaschinen nicht mehr verlinkte → Besprechung von Pynchons GEGEN DEN TAG eingestellt habe, geschrieben 2008 für den Freitag, hat selbstverständlich mit den Wüstenschiffen zu tun, die mich derzeit so umgeben, und eben Pynchons hinreißender Erfindung des → Unterwüstenbootes. Wäre es nicht grandios, wenn unsre kleine Karawane solch einem, wenn es auftaucht, begegnet? “Mr Nemo, I presume?” Ich wünschte mir ein Bild Röhrerichs, wie er am Bug → der Nautilus rastet, auf der ich sitze, etwa so, um mein liebes Dromedar endlich zu entlasten:

In diesem Sinn reagierte ich dann auch wieder auf meines Dr. Faisals Warnung:  “Sehen Sie, ich bin in ein Abenteuer aufgebrochen, das eben nicht nur Film ist, sondern es ist Realität, wie wenn ein Messemer den Mt. Everest besteigt: auch da ist der Ausgang niemals gewiß – etwas, das für jede richtige Expedition gilt. Auf eine solche hab ich mich mit meinem Krebs begeben. Sehen Sie’s mir deshalb bitte nach, daß ich ein 4-prozentiges Sterberisiko da nicht ganz für voll nehmen kann; zumal ist die Gefahr eines tödlichen Unfalls alleine im Berliner Straßenverkehr täglich sehr viel größer, und vor allem, mein geehrter Wüstenfreund, will doch niemand unter uns in einer rosa Fernsehshow verdämmern, anstelle wild zu sein — zu leben, ja, so mein ich’s, auf der Welt!”

Wieder in der Arbeitswohnung, mußte ich mich aber dann doch noch einmal hinlegen, so seltsam hatte mir die kleine Fahrradtour zugesetzt – stärker, deutlich stärker als irgendein Geschwanke meines Rihs. Doch ich konnte, wir erzählt, meine Kopfhörer nehmen und endlich, endlich zu verstehen beginnen, welch poetisches Blut diesen britischen Komponisten durchströmt hat. Es gibt Musiken, die öffnen ihre Sesams uns sofort – manchen von uns, enigen hingegen nie, und einigInnen –, indessen Andrer Türen wir erobern müssen. Nun wird mir Peter Maxwell Davies’ Lebenswerk zu einer Farbe meiner um Li geführten Heldenreise. Daß auch er ein Krebsleiden hatte, an dem er vor etwas mehr als zwei Jahren starb, im allerdings da bereits vergleichsweise hohen Alter von 81, mag unsere lyrische Nähe ein bißchen unterstreichen, die er mir nun posthum geschenkt, der ich nicht nur, doch deshalb auch noch lebe:

Welch Privileg, oh Freundinnen und Freunde, noch in meinen Jahren erhöhen und weiter erhöhen zu können und also es zu – dürfen:

Wie aus der wolkenzerrissenen Nacht die Sonne, Anahit also, heraufsteigt, doch drehn wir uns drunter (alle die schlummernden Dächer, die rotgelb darunter erwachen, den Wipfeln des Hainpar­kes bei) – wisse, mein Sohn, um die Astronomie. Die innere Astro­nomie kenn aber auch, die von Menschen dem Menschen ge­machte, und sieh ihn, meine Junge, den Sonnengang, weiter als Inkarnation heller Göttinnen an. Sie sind das Nahe und nicht die Mechanik. Profanes ist‘s nie. Aufladung ist das Geheimnis: be­wußte Verklärung. Uns rettet nur beides zugleich: Wissenschaft und unser Traum.
Das bleibende Thier,
Zweite Bamberger Elegie

ANH

[Peter Maxwell Davies, Strathclyde Concerto No 3]

Auch ich war in Arkadien ODER Die Gärten der Nefud: Aus der Nefud, Phase II (6, Tag 9). Als Krebstagebuch vom Morgen bis zum MIttag des Mittwochs, den zweiundvierzigsten Krebstag 2020, geschrieben.

 

[صحراء النفود, Morgenlager
7.15 Uhr, 74.5 kg]
[Peter Maxwell Davies,
Symphony III (1984)]

Wir sind etwas spät heute dran, aber was ich sofort bemerkte,, als ich zwischen meinen Teppichen unter dem sandleuchtenden Planenhimmel meines Zeltes erwachte, war eine mir unterdessen ungewohnte Klarheit, die, möchte ich sagen, feste Kontur, die die Gegenstände sogar hier drinnen angenommen hatten. Daß außen in der Wüste nichts wirklich fest ist, wundert uns nicht; auch sie ist ein Meer, das, wie wir spätestens → seit Thomas Pynchon wissen, von Untersandbooten durchpflügt werden, die wir deshalb nie bemerken, weil sie nur selten in Flachsand, statt dessen meist in großer Tiefe tauchen, nicht selten in Höhe der Erdölblasen, wo es allerdings ausgefuchster Lotsen bedarf. Jedenfalls kann ich mir moment  überhaupt nicht mehr vorzustellen, daß sich die drei Sitzpuffs dort nicht verrücken, ja nicht mal anfassen ließen. Ich kann es sehr wohl, sie anfassen, und habe es eben, einfach für meine innere Sicherheit, erfolgreich probiert. Verrücken läßt sich auch der kaum zwanzig Zentimeter hohe, doch bestimme einen halben Meter umfangende Tisch mit den bunten Glasarbeiten in der von silbernen Mäandern aus Kalligraphien eingefaßten Ebenholzplatte; hauchdünn muß sie aber sein, sonst wäre er nicht so leicht. Doch die schmalen, entspiegelten Teegläser in ihren durchbrochenen, rosanen Bechern trägt sie wie das zum Service gehörende Kännchen. Das ibn Gamael oder jemand anderes unserer … ich schreibe so ungern “Diener”, und “Bediensteter” ist häßlichst abstrakt, zumal mit fiesem Doppelsinn in der weiblichen Form, sofern wir nicht das aber dann noch abstraktere “Bedienstetin” verwenden … – oder also jemand anderes hat das Kännchen bereits vorbereitet, während ich noch schlief. Wiederum Faisal kommt, wenn unser Nachtlager so lange steht, stets erst gegen neun zum Gespräch, auch zur Andacht. Mitunter fällt er in Abwesenheit, dann, spüre ich, spricht er mit seinem GOtt, oder dieser hat sich an ihn gewandt. Diese, ich schreibe einmal, Absencen sind ihm nicht unangenehm, auch nicht zu privat. Im Gegenteil scheint meinem Freund gerade der ihnen zugrunde liegende Glaube nicht nur Grund, sondern auch die Notwendigkeit zu sein, sie niemals zu verbergen. Herodes Satz, über Jochanaan, fällt mir da ein, wiewohl Dr. Faisal nun ganz sicher kein Prophet ist, auch wenn er, wie bisweilen gesagt wird, im Nebenberuf politische Ambitionen habe; sie seien seinen an den Einzelpatienten orientierten medizinischen Interventionen, wenn auf die ganze Gesellschaft übertragen, durchaus kongruent. “Der Finger Gottes hat ihn berührt!”

The finger of God has touched him, → Wilde. Und noch eine Li! Ah, verstehen, Freundin, Sie? Das Wadi der Verstrickungen — DIE STÖRUNGEN DER SALOMÉ: LULU sollte ein Performance-Theaterstück heißen, das ich in den frühen Neunzigern vom Verlag der Autoren bereits in Auftrag hatte, doch wegen des damaligen noch Mißerfolgs meiner UNDINE niemals fertig stellte, die ja erst fünfzehn Jahre nach ihrem Erscheinen → uraufgeführt wurde und aber auch da nicht von einem großen Theater, sondern dem allerdings hinreißend engagierten Off-Ensemble der Gütersloher Weberei. Auch sie, wenn auch in sehr viel milderem Sinn, auch Undine also ist eine Li – nur möchte sie nicht töten, sondern raus aus der mythischen Bestimmung. Was ihr wie uns mißlingt —

— und somit  mich aufs Thema der Nebenwirkungen zurückbringt. Nun jà, sie sind nicht schlimm, erzählte ich gestern ich weiß nicht mehr wem, sondern in meinem Fall allenfalls lästig. Genau, das sei das Wort (und ist es), lästig. Etwa die dauernde Nasenbluterei, wenn ich schnaube; nur aber dann, tatsächlich. Schnaube ich nicht, juckt es bloß, doch ebenso dauernd. Nett ist die Parallele am untren Ausgang gegenüber, immerhin dort ohne Blut. Doch die Schleimhäute sind ziemlich angefaßt, schnell wachsendes Gewebe eben, das von der Chemo abgeschossen wird. Gestern abend dachte ich sogar, auwei, jetzt sind die Augenbrauen doch noch dran. Sie wirkten lichter an den Seiten. Ich zog an ihnen, ob sich etwas wegfluffen lasse. Nö, hielt. Auch jetzt sind sie noch da. Aber vielleicht doch etwas lichter. Hm.
Was ich definitiv sagen kann, ist, daß der Bartwuchs deutlich nachläßt; es reicht momentan, mich alle zwei Tage zu rasieren; normalerweise muß ich es, gehe ich abends nich aus, stets ein zweiten Mal tun. Und gestern bei der Fußpflege … — Fußpflege? Wie? In der Nefud? Ich kann mich nicht erinnern, eine … – egal. Faisal fragen. Moment, ich notier mir das eben, vielleicht kommt auch Vergeßlichkeit, ein bißchen aber nur, hinzu. Also meine Fußpflegerin, die da erst von Liligeia erfuhr, bemerkte, es sei auch auffällig wenig Hornhaut diesmal an den Füßen. Wobei ich genau da, als ich bei ihr saß, meiner Krebsin Nachricht mit dieser Frucht bekam. Ja, → Sabine Scho, an eine Papaya hab ich auch zuerst gedacht: Dann aber …. Phyllis Kiehl, abends in Facetime, nannte es ein Drachenei, indessen ich selbst, oh Li, erneut an → SPECIES denken mußte, Sil, und dachte an den Kokon, der das → Wadi der Verstrickungen in einem gewissen, nein, ungewissen Sinn mit Sicherheit gewesen ist. Den ganzen Tag über hing es mir nach, hing er pulsend in mir, und nachdem bei der Fußpflegerin wieder hinaus war und auf Röhrerich stieg, der liegend-sanft gewartet hatte, und als das riesige Tier dann zu schwanken begann, führte sie, die Frucht, zu unentwegten Erscheinungen, wie sie in einer Wüste wahrscheinlich noch niemand so gehabt. In keinem Fall, auch nicht bei Pynchon, habe ich von dergleichen gelesen, auch schon bei Karl May nicht (Durch die Wüste, 1892), weil, wahrscheinlich, in seinen Quellen-Baedeckers von den verwunschenen Pfaden nirgends was zu lesen war, noch vierunddreißig Jahre später in Thomas Edward ben Iinjiltiras → SEVEN PILLARS OF WISDOM, derer nun aber ich auf jeden Tritt Röhrerichs gewärtig wurde. Eben noch stehen mir im Osten an die fünfzig Meter hohe Dünen zur Seite, muß ich nur das Gesicht nach Westen wenden, um einen Vorhang Grüns zu erkennen in den hinein ich Rih denn auch treibe. Schon öffnen sich die verschwiegendsten Wege meditierender Parks.

Nein, es sind dies keine Oasen; zumindest den Beduinen wären sie bekannt. Vor allem sehen aber die Gefährten sie nicht; Faisal läßt sich nur gerne erzählen und notiert dies und das in seinem Merkbuch. “Keine Araber liebt die Wüste”, sagte er, “aber was Sie nun zu sehen bekommen, liegt vielleicht genau daran.” Ich hätte entgegnen können, daß Lawrence, der die Wüste liebte, auch keine Gärten gesehen hatte. Doch schluckte ich die Bemerkung nicht nur deshalb hinunter, weil damals die → FLOT-Prozedur noch nicht bekannt war, von der eine Freundin mit die durchaus arabesklen Zeilen schrieb:

Hinter der Entwicklung des FLOT Schema steht ein ungewöhnlicher 50 jähriger (arabischer/ palästeninscher Herkunft) Professor, der Gedichte schreibt und malt und der ärztl. Direktor des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main ist. Auf AEG Tumore spezialisiert, hat er die Kombi ab 2003 entwickelt und betreut mehrere Multi-Center Studien: Prof. Dr. med. Salah-Eddin Al-Batran. Sie tragen alle wundersame Namen: Renaissance (FLOT5), Petrarca (FLOT6), Ramses (FLOT7), Dante (FLOT8).
Vielleicht auch das eine Option, mit den behandelnden Ärzten zu besprechen, ob die Rekrutierung in eine der derzeitigen Studien in Frage käme, sobald die Immunhistochemie bekannt ist, bzw. der Herceptin-Status.

Wie auch immer, statt realistisch zu sein, gab ich die etwas, zugegeben, großspurerische Antwort zum besten, es liebe ja auch niemand seine Krebsin so wie ich und wahrscheinlich seinen Tumor insgesamt keiner, egal ob der ein Mädchen oder Junge. Wobei ich schon einsehe, daß wirklich allein die Idee ein bißchen lebensmüde ist oder doch zu sein scheint. Denn das eben bin ich ja nicht, im Gegenteil. Ich bin quickespritzlebendig. Und tauchen in den nächsten Blätterwald dieser Wüste schon ein, mein Röhrerich und ich:

 

 

Damit ihn die Eindrücke nicht allzu überfordern, wann sieht ein solches Dromedar schon derart solches Grün?, heiß’ sanft ich ihn, sich zu legen und gleite von ihm herab. Unterdessen schon Routine, wobei ich gestern allerdings noch unter THC stand, das, ich hab’s wohl schon erzählt, in diesem zweiten Nefud-Höllenkreis eine engste, nämlich geradezu intime Verbindung mit den Zylostatica eingegangen zu sein scheint und mir vielleicht deshalb erlaubt, die verborgenen Gärten wahrzunehmen. Ich dachte an Semiramis’, nur daß die ihren künstlich angelegt gewesen waren, auf den Terrassen einer unterdessen allerdings mythischen Stadt, und zwar, ja, im Orient, daran gibt es keinen Zweifel, doch eben nicht in der Wüste. Diese Parkwege hingegen, diese Park- und Gartenanlagen durchziehen die Nefud quasi unentwegt, weniger, doch → auch da schon, in ihrem ersten, von uns seit Tagen verlassenen Kreis, mehr nun, entschieden mehr, im zweiten. Es ist ein, kaum laß ich meine Spannung über des Dromedars gestrengelte Lederzügel baumeln, anstell’ die straff zu halten, unentwegter Beschuß aus riesigen Wasserpistolen, ich meine diese gewehrartigen Wasserschußkolben für Kinder, nur daß aus den Mündungen nichts Nasses herauskommt, sondern ein lappiges, wilde wucherndes Grün spritzt. Und sich immer wieder zu verzauberten, in jedem Fall geheimen Wegen zusammenzieht, die sogar den Sand beiseitewischen und gänzlich vergessen lassen, dessen Metamorphose sie aber nur sind. Wer kann da widerstehen? Oder schauen Sie, Geliebte, dort:

Wer nicht stellt’ sich am Ende dieses Pfades solch ein Gelege vor? Bitte, Freundin, spüren Sie nach!

 

 

Und all dies auf dem Rücken meines Rihs, denn selbstverständlich bildete ich mit immer nur ein, daß ich abgestiegen sei, andernfalls meine kleine Karawane ganz sicher hätte nicht gemeinsam das nächste Tagesziel erreichen können; zumindest ich wäre in den ewigen Sanden verloren gegangen.

 

 

 

Heute allerdings sollte ich mich nicht mehr ablenken lassen; insofern kommt mir die jetzige Klarheit sehr zupaß, zu deren weiteren Beförderung ich bis zum späten Abend meine Hände vom THC lassen werde. Denn für morgen steht die Kontrolluntersuchung zu dieser Chemophase an, bevor wir dann doch zusehen müssen, den zweiten Nefudkreis allmählich zu verlassen, um rechtzeitig am kommenden Dienstag die nächste Relaisstation erreichen zu können, die sich neben die dritte Höllenpforte, heißt es, duckt. Wobei ich fürcht’, es gehe mir wie Don Giovanni, der’s in der inferioren Hitze einem Mann wie ihm zumindest →  angemessener fand, als in dem hohen Paradies nicht nur, peinlich genug, mit Flügelchen von Putten schlagen, sondern obendrein – auch noch mit nacktem Arscherl – fades Zeug dazu singen zu müssen. Besser doch, daß

(-) Don Juan, zum Acheron gestiegen,
Charon den Sold gezahlt für Totenschiff,
Ein Bettler stolz, wie die sich selbst besiegen,
Mit rachefestem Arm die Ruder griff.
(..)
Da lachte Sganarell und sprach vom Lohne,
Indes Don Luis auf den Frevler wiese,
Und alle Toten blickten nach dem Sohne,
Der weißem Haupte Schmach gedeihen ließ.
(…)
Ein Mann aus Stein, den strenger Harnisch schützte,
Am Steuer stand und schnitt die schwarze Flut.
Doch still der Held, der auf sein Schwert sich stützte,
Zum Strudel blickt und nichts zu sehn geruht.
Charles Baudelaire, Don Juan in der Hölle
(Dtsch. von Carlo Schmid)

Und aber doch — oh doch, oh doch! Es geht jetzt mit dem Haareausfalln los. Eben sah ich es im Spiegel. Noch, an den Augenbrauen, läßt es sich freilich kaschieren. Noch lohnt sich’s nicht, es Ihnen fotografisch zu dokumentieren. Doch geschehen wird es. Denn was ich spontan eben dachte, ist nicht ganz ohne Nachschrecksstolz: — daß ich erst nun, wenn ich alles Haar verloren, das Gütesiegel meines Krebses trüge: Auch ich war in Arkadien.

Und werde dort noch bleiben.

Ihr und, Lilli, Deiner
ANH

Im Wadi der Verstrickungen, malwirbelnd Strömen, die große ungefixte Verbindung. Aus der Nefud, Phase II (5, Tage 6 bis 7). Montag, den vierzigsten Krebstag 2020.

 

Sie stürzen. Du mußt gehen, dem Näherstürzen näher gehen, doch geht das nur alleine. Schreitet Dir zu Seite jemand mit, ziehn die Geysir sich im Rhythmus dieses Schreitens zurück. Näher kommen darf alleine ich. So hatte es mir Faisal schon vorgestern abend gesagt, als wir erstmals des weiten Einganges in diese Ebene ansichtig wurden, ich spontan das Foto von ihm schoß, um es gleich in die Dschungel einzustellen, was mit unserem Satellitentelfon auch gut funktionierte; ich zeige es hier aber noch einmal, weil ich nicht weiß, wie viele meiner Leserinnen, die den Morgeneintrag lasen, am Abend noch einmal nachgeschaut haben, auch wenn sie eigentlich Ligeias Billet noch dazu hätte bringen müssen:

 

 

 

— hatte mir ferner erklärt, es könne immer nur eine Person den Vorhang der Geysire durchschreiten, eine bestimmte … nein, er sagte: “auserwählte”: Alleine sie werde im Tal der Verstrickungen empfangen, weil es nämlich alleine ihre Verstrickungen seien, denen die Person dort begegne und die sie vielleicht nicht überwinden werde, dies vielleicht auch werden nicht müssen, sie aber ansehen und sich ihnen stellen; das doch sehr wohl. “Ohne dieses keine Heilung”, sagte Faisal. “Verzeihen Sie, wenn ich jetzt etwas esoterisch klinge. Tatsächlich bin ich, wie Sie wissen, immer nüchtern, anders als” – lächelte er? wenn, dann kaum ohne Infamie – “Sie jetzt”. Womit er wiederum recht hatte, ich hatte meiner ohnediesBekiffung gleich morgens nach dem Erwachen vier – tatsächlich vier! – THC-Tropfen noch draufgetan, die auch schnell zu wirken begannen. Nunmehr allerdings nicht zu Faisals Mißfallen; im Gegenteil, momentan unterstützte er mich in meiner Selbstberauschungslust. Nur Fahrrad, also in Berlin, sollte ich gegenwärtig nicht fahren; selbst beim kleinen Gang zu PENNY konnten meine Füße gestern abend die Gehspur nicht halten — bislang die deutlich stärkste Nebenerscheinung meiner zweiten Chemophase; in der Nefud hingegen ist es vergleichsweise wurscht, weil Röhrerich auf mich aufpaßt. Hab ich tatsächlich den Eindruck. Und wenn ich an dem hohen Dromedarsattel festgebunden bin, gibt es Gefährdungen eh nicht, es sei denn, mein Reittier würde fallen. Wovon nicht auszugehen ist.

Ich stand schon sehr früh auf gestern, kurz nach fünf, stellte mich wie dann stets auf die Reisewaage, weil es wichtig ist, daß ich bei unserer Ankunft in Aqaba nicht zu wenig auf den Tippen habe, was allerdings auch heute, also gestern, nicht gut gewesen wäre. Aber 73,5 kg bei meinen nach wie vor 1.80 sind akzeptabel.
Es gibt einen von einer Quelle gespeisten Tümpel nahbei, der Eingang in das ungeheure Wadi wird von einer lockeren, oval geschnittenen Oase flankiert, deren Ostrand eine Kakteenpflanzung schützt, die wahrscheinlich dafür da ist, den Grundwasserspiegel zu heben. So jedenfalls hat es mein Vater in seiner ortschaftsfernen Eremitage von Cas Concos/Felantix bis zu seinem Tode gehalten; wer in die enge, rund ummauerte Kakteenpflanzung hineingefallen wäre, wäre nicht mehr zu retten gewesen.
Hier nun mußte ich aber gar nicht so nahe heran, ich konnte sie ohne weiteres seitlich neben mir lassen, auch wenn ich nach einigen hundert Metern alleine weiterreiten mußte. Lars ibn Gamael führte mich bis dort an der kurzen Longe. “Hier muß ich umkehren, Herr, nimm es mir nicht übel.”
Ich lächelte ihm zu, erfolgte auch noch ein paar Minuten seinen kraxelnden Rückweg, dann drehte ich mich wieder nach vorne.
Der Weg führte auf einem Grat über eine Art wegen all der Wasser- zumindest Dunstschleier nicht ganz erkennbare Schluchttiefe unter der es ziemlich gewaltig dröhnte und zischte, und über mir hatte sich der gesamte Himmel zu einer drohenden ich weiß nicht, ob Schicht aus tatsächlich stürzenden Geysiren oder aus nur Wolkenballen zusammengezogen, bevor ich in das tiefer gelegene eigentliche Wadi hinabreiten konnte.
Als ich sie umtost denn auch liegen sah, auf einer Erhöhung, doch Erhöhung viertels rein selbst, die Haut der kabbeligen Oberfläche einer Küstenwassers gleich, in das dauernd wechselnde Winde blasen, doch ihr Gesicht, deutlich Lis Gesicht, fast ruhig, wartend ruhig, bis ich heran wär, Landras Augen, übrigens, Landras kalte blaue Augen, nicht die, die ich gestern im Vorhang gesehen. Die waren braun gewesen, braunoliv und also mir vertrauter, näher. Hier hingegen war alles Forderung:


وادي التشابك, Wadi der Verstrickungen: Unmittelbar begriff ich, noch bevor ich Rih zum Weitergehn bewegt, was hier gemeint — wem hier mich zu stellen war und daß es ohne deutliche Schmerzen nicht wäre zu bewältigen. Nun  habe ich allerdings das Glück, auf Schmerzen anders zu reagieren als viele mir Bekannte; ich denke immer zuerst: “Oh, ein Schmerz, ich lebe!” Übertrieben ausgedrückt, käme ich mir ohne ihn gar nicht da vor. So bewegt man sich denn fast gerne auf ihn zu, davon abgesehen, daß es El Aurence den scheinbaren Trick mit der Kerzenflamme erlaubt hat, der auch recht gut zu Kara ben Nemsi gepaßt hätte, von dem ich allerdings fürchte, daß er letztlich denn doch zwar heimlich homophil, aber in Wirklichkeit eher ein Waschlappen war, was ihn zum Beispiel von Buffalo Bill Cody, aber auch vom → deutschen of Arabia unterscheidet, dem 1914 vom Generalstab zwecks Bemächtigung der Ölquellen in den Irak entsandten Hauptmann Fritz Klein, der ganz wie El Aurence für die Briten die Reibereien der verschiedenen Wüstenstämme in sein strategisches Konzept einbezog und sich nach Kriegsende sogar zu einem Gegner des Imperialismus entwickelt hat. Interessante Figur, in der Tat. Da stand ich aber schon unter der Kolossin, zu der die Krebsin nun gewachsen, und saß ab. (Röhrerich beugt sich erst in die vorderen Knie, läßt sich auf den Unterschenkeln nieder, der Hinterleib folgt nun erst; so kann ich aus dem Sattel und seitlich von dem Körper rutschen). (Und beginne den Aufstieg, von dem ich noch nicht weiß, daß es ein Einstieg sein wird in die Göttin). (Deren Leib selbst birgt die Grotte, er selbst ist Hörselberg). Wie ich im Herbst 1998 bis zur Voragine golosa aufstieg, gegen Kälte und Ausbruch, das trifft es besser, vordrang und dann im Zischen des Vulkans direkt am Krater stand, scharf umpfiffen von sich in weiße Fetzen hüllenden, sich immer wieder aus ihnen entblößenden Sturmstößen, gegen die ich mich vorgebeugt stemmte, indes ich das Mädchen am Kragen griff, das seinem sturen Großvater ganz hier hinauf gefolgt war, der grad strammen Schritts mitten in die riesige Gefräßige hineinmarschieren wollte, wie immer sie auch glühte, was sie auch auswarf … so daß ich auch ihn noch festgreifen und dann die beiden mit mir an den Hang zerren mußte, wo ich uns allen einen Stoß gab, der uns straucheln und teils auf dem Hosenboden, teils rollend einhundert, einhundertfünfzig Meter aus der unmittelbaren Gefahrenzone herausrutschen ließ, bei freilich längst fast erfrorenen Fingerspitzen, dem Mädchen waren die Tränen zu Eis auf dem schon blauen Gesicht geworden. Da fingen uns dann die Bergjäger ein, hüllten uns in silberne Folien und rieben uns warm und führten uns an Armen und Schultern bis zum nächsten Stützpunkt, wo es heißen Tee gab und niemand auch nur auf die Idee kam, uns eine Anzeige zu verpassen, weil wir das Verbot mißachtet hatten. Es war seit dem großen Ausbruch der ganze Berg doch gesperrt, jedenfalls ab etwa 1000 Metern Höhe oberhalb der den unteren Mongibello durchsprenkelnden Ortschaften. Auf einen “Djebel”, جبل, schaute ich aber auch jetzt, eine bella Signora Montagna, kältest’ Regina Montagna,  die über mir ausfloß, in deren Strömen ich bis zu den Knien schon stand, den Schnellen des schmelzenden Eises, die mir die Seiten hinab wie tausend Lurche liefen, und neue und neue Gesichter fügte sich ein. Das waren die Verstrickungen ausschließlich meines Lebens, die sich aus Spaltungen der EInen, eben Lis, in aber- und aberneue Gesichter, Leiber, liebende Hände geteilt und wieder geteilt hatten, ganz wie sie jetzt, Lilifee, sich immer weiter teilen und durch mich hindurchstreuen wollte, noch will, wenn ich ihr nicht in die Augen sehe, ohne meinen Kopf zu beugen.
“Komm,mein Schöner, komm”, hauchte sie oder hauchte sie, wahrscheinlich, nicht, auch wenn ich’s deutlich hörte.

(“Ich bin doch da, ich bin doch da.”
“Ja wo? Ja wo?”
“Hier, bin hier, bin hier.”
“Unter meinem Schulterblatt?”
“Unter deinem Schlüsselbein.”
“Unter meinem Herzen?”
“Unter deinem kalten Herz.”
“Mein heißes, heißes kaltes Herz.”
“Und deine heißen Krallen.”
“Reich mir den Mund zu Kuß.”)

***

Wie lang ich dort lag, weiß ich nicht, nicht, wie ich zurückgekommen. Doch eben wachte ich auf, über drei aufeinandergelegte Teppiche ausgestreckt, und Faisal hält mein Handgelenk, wobei er murmelt. Wohl mißt er meinen Puls. Bemerkt, daß ich erwache, lächelt und sagt: “Na gut, das wäre überstanden. Aber Sie müssen noch ruhen, derart desolat, wie Sie zurückgekommen sind.” – “Desolat, ich?” – “Wir reden später, bitte. Aufbruch um sechs, damit wir das Wadi noch bei Helligkeit hinter uns lassen. Ich fürchte, sonst wird Ihre Li …” – Was sie werde, entgeht mir. Denn tatsächlich, ich schlaf schon wieder ein.

[وادي التشابك , Uhr 16.20 
John Corigliano, Erste Sinfonie]

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