Daß er die Wahrheit sagt, doch wie. Fast am Schluß des Arbeitsjournal dieses Freitags, den 22. April 2022, zur Wahrhaftigkeit. Sowie zuvor zur Wiederaufnahme der Videoserie, immer weiter dennoch zum Krieg und etwas, nämlich, Erfreuliches zu Teodor Currentzis.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr
Anton Arensky, Zweites Streichquatett a-moll op. 35 (1894)]

So sieht es hier jetzt also aus, nachdem ich → die Videoarbeiten wieder aufgenommen habe; mit alleine einem Raum verliert sich die Überschaubarkeit notwendigerweise; die Arbeitswohnung wird immer mehr Studio — was bei einem “rein” digitalen Tonstudio nicht ins Gewicht fällt, weil etwa die Lautsprechertürme ohnedies als Wohnungsausstattungsstücke wahrgenommen werden, noch dazu solch schlanke wie meine ProAcs. Muß ein Greenscreen verwendet und er also, hier zu sehen, aufgestellt werden, ändert sich alles, vor allem, will ich ihn nicht dauernd wieder ab- und wenig später erneut aufstellen, mag. Es ist ja immer auch Ausleuchtungsfriemelei, und wenn ich nur das grüne Tuch verwende, habe ich es dauernd, war es zuvor zusammengelegt, mit Falten zu tun, die dann die Aufnahme vor fiktivem Hintergrund stören. Das Ding im runden Rahmen freilich ist gespannt, aber die Rundung hat Nachteile für Bildausschnitte. Usw. Mit sowas gebe ich mich momentan ziemlich viel ab.
Was mich immerhin ablenkt, gut ablenkt, weil es in der Tat schwierig ist, sich parallel zu dem entsetztlichen Krieg irgendwie rückzunormalisieren; ich empfinde es sogar als moralisches Problem. Aber es tat mir gar nicht gut, fast ausschließlich noch auf die Ukraine und die russischen Massaker konzentriert zu sein; ich schrieb ja schon, daß die leise Befürchung wuchs, die dauernde – unumgehbar subdepressive – Beschäftigung mit dem Dauermeucheln werde → Liligeia aus dem Nichts wieder herrufen, in dem sie untot umherstreife, ganz abgesehen davon, daß fast jeglich sonstige Arbeit einfach liegenblieb.
Insofern war es gut, daß es ganz “plangemäß” mit nächsten Intermezzi weitergehen sollte, für die auf eine fast schon ferne Vergangenheit zurückgegriffen wird. Distanz war hier wichtig und — sie zu überschreiten, wieder möglichst nahe an das frühe Ich heranzukommen (das stets ein Wir war). Und an die frühen Gedichte. Denn abgesehen von den auf Tonbandcassetten bewahrten Tondokumenten, ist mir → nach Renate Wuchers Tod u.a. ein ganzes Manuskript dieser Texte wieder zugänglich, die ich alle verloren glaubte, ohne freilich dem nachgetrauert zu haben. Ich hatte sie ja nach Paulus Böhmers deftigem Spott sämtlichst der Müllabfuhr geschenkt, um mich fortan nur noch auf Prosa zu konzentrieren. Doch das geschah in den frühen Achtzigern; daß ich Renate viele Typoskripte geschenkt hatte, wußte ich zwar, aber schon längst nicht mehr, welche. Und jetzt sind die alten Gedichte wieder hier.
Ich durchblättere sie und bin erstaunt, wie viele tatsächlich halten, wenn auch nicht unbedingt formal. Jedenfalls sollte ich nochmal Hand an sie legen; ich spielte gestern sogar mit dem Gedanken eines neuen Buches, das ich “Frühe Gedichte” nennen würde, vielleicht sogar mit dem damals vorgesehenen Übertitel Straßennarben. Es sind immer wieder Fundstückchen drin, sowas zum Beispiel:

Ich habe Nägel
in die Nächte geschlagen
und meine Tage daran
aufgehängt

Entstanden ist das Ding um die Mitte der Siebziger. Heute bedürfte es hier eines Einfalls, auch in die dritte Zeile den ä-Laut zu bekommen. Ich fände Eingriffe dieser Art ästhetisch legitim. Aber das sind alles so Feinheiten, für die es im Moment gar keinen geschichtlichen Raum gibt, jedenfalls absolut keine Relevanz. Eben, dies zu wissen, macht alles schwierig. Und zu spüren, auch zu lesen, wie stark mit dem Gedanken gespielt wird, selber Kriegspartei zu werden, etwa → bei Bersarin, den ich ansonsten so sehr schätze, dessen Vergleich aber mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt, abgesehen von dem Konjunktivfehler — eine, denke ich, → Fehlleistung — gleich zu Anfang:

Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man bspw. in der UN Japan, Italien, Ungarn und Rumänien abstimmen lassen, so wäre das Ergebnis ebenfalls zugunsten eines Zusehens ausgefallen. Europa wurde von Hitlers Angriffskrieg nicht durchs Zusehen befreit. Und ähnlich ist es auch im Umgang mit Putin.

Bersarin hat sich offenbar in ein – von ihm ohne Zweifel als Müssen gefühltes –  in-den-Krieg-mit-eintreten-wollen wie unumkehrbar hineingeschrieben. Wobei ich seine Position grundlegend teile. Nur hinkt sein Vergleich, weil ein miliärisches Eingreifen damals nicht unter der Drohung nuklearer Waffen erfolgt wäre, die einzusetzen wiederum Putin, ich bin mir völlig sicher, nicht eine Sekunde zögern würde. Denn sein Ende stünde dann so oder so bevor, und wenn er selbst die eigenen Soldaten als Kriegsmaterial betrachtet, das um des “Erfolges” willen egal wie verschleißt werden könne, werden ihn andere Menschen, zumal anderer Völker, erst recht nicht interessieren. Vor allem wird er Den Haag abwenden wollen, die Schande nicht ertragen können, erst recht nicht als → Muschik, irgendwem Rede zu stehen und dann sehr wahrscheinlicherweise lebenslang hinter Gittern zu sitzen, noch werden seine Mitmafiosi es wollen. Dann besser “ehrenvoll” → als Märtyrer gehn.
Imgrunde unterscheiden sich Besarins und meine Positionen gar nicht sehr, doch in dem einen, nämlich entscheidenden Punkt. Er glaubt, daß Putin den Einsatz atomar bestückter Marschflugköper nicht befehlen würde, ich glaube, doch, er täte es. Und hat es längst im Kalkül.

Klug dafür das Schweizer Netzmagazin REPUBLIK, das mir heute früh per Facebook über eine mir von Markus Becker zugesandte private Nachricht bekannt wurde, die den Link auf → diesen bemerkenswerten Artikel Constantin Seibts enthielt.
Da mir auch weitere Berichte und Essays gefallen, die ich darin las[1]Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen., habe ich das Magazin erst einmal kostenfrei probeabonniert, wobei ich momentlang die aber schnell wieder verworfene Idee hatte, es hänge der Magazinname mit Uwe Nettelbecks berühmtem Periodikum zusammen; aber dessen an Karl Kraus angelehntes, vor allem auch dingliches Publikationsorgan war eine Herausgeber-Zeitschrift; REPUBLIK hingegen wird von einen Team genährt.

Erfreulich auch der mir heute früh von Schelmenzunft zugemailte → Artikel von Christine Lemke-Matwey in DIE ZEIT zu, im letzten Abschnitt, wieder mal → Currentzis, dem nach wie vor, ich schreibe es gerne, Genie:

Im Gegensatz zu Gergiev hat Currentzis nie auch nur im Ansatz für Putin Partei ergriffen. Seine letzte regimekritische Wortmeldung datiert von 2019, als er gegen den Hausarrest des russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow protestierte. Das ist schon länger her. Die Zeichen aber, die er seit dem 24. Februar (seinem 50. Geburtstag!) sendet, sind mindestens so unüberhörbar und unübersehbar. Er, der in Röhrenjeans und Springerstiefeln aufzutreten pflegte, trägt neuerdings Anzug. Im Orchester sitzen neben russischen auch ukrainische, georgische, belarussische, türkische, spanische, italienische und deutsche Instrumentalisten. Und statt Beethovens ursprünglich vorgesehener Neunter Symphonie, die mit “Alle Menschen werden Brüder” ein Hohn wäre, erklingen in Wien, Hamburg und Paris Strauss’ Metamorphosen von 1945 und Tschaikowskys Pathétique.
Vielleicht muss man Currentzis’ schwarzglühende Tschaikowsky-Interpretation live erlebt haben, den fulminanten Hexensabbat des dritten Satzes, das fahl ins Nichts sich aushauchende Finale und wie alles Melodische darin versteinert, um zu begreifen, was Musik gerade jetzt vermag: im Augenblick die Wahrheit sagen. Härter und konkreter als alle Worte. Und viel glaubwürdiger.

Soweit für heute, liebste Freundin, mit einem Arbeitsjournal, das, wie Sie sicher merkten, gänzlich ohne Aufregung auskam. Die wieder aufgenommene Videoarbeit tut mir also gut, ebenso, daß ich jeden Tag ein nächstes → Béartgedicht erst aufschneide, dann mindestens einzweimal lese, mindestens einmal auch laut. Gerade in der Differenz zu den frühen Gedichten ist das ausgesprochen reizvoll. (Die – fertigen – Einladungen zur Berliner Buchpräsentation am 8. Mai werde ich anfang der kommenden Woche verschicken. Und morgen beginnen hier die Videointerpretationen der Gedichte aus “Das Ungeheuer Muse“.)

Ihr
ANH

References

References
1 Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen.

Der Künstler sagt: “Auch das ist Material.” Privatestes zum Ukrainekrieg. Und zu Händel im Theater an der Wien. Ja, es i s t obszön. Und muß – nach sechs Stunden Musik – genau deshalb gewagt sein. Weil es Verletzlichkeit zugibt, wo fast allewelt sich zu Helden mutiert. (Was interessieren da noch meine Bücher?) | Als das fast schon Wiederarbeitenkönnenjournal des Montags, den 4. April 2022.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe – nach über sechs Stunden unentwegt Musik, erst mit den Bildern des → 3sat-Mitschnitts, danach ohne sie – … habe s e l b s t gezögert, ob ich dieses Bild nicht nur einstellen, nein überhaupt aufnehmen dürfe. Sofort fiel mir das Wort “obszön” ein, und ich schrieb es, weiter- und weiterweinend, meiner Lektorin, nannte, was über mich gekommen, “flennen”, denn das war es. Und weiß nun ebensowenig, nachdem ich mich dafür entschied, ob ich es erklären darf. Ich habe in ihr ja ein außengelagertes literarisches ÜberIch, das es mir strikt verbieten würde, wahscheinlich. Deshalb wollte ich alles, und ob überhaupt, erst heute früh entscheiden und nicht, wie seit dem 24. Februar sonst, als erstes die neuen Nachrichten über den Krieg und die Artikel zu ihm lesen, war in dem Kampf quasi ja selbst, einem publizistischen freilich, nicht im Gewehrfeuer, um von den Raketen zu schweigen, daß solche hier schon einschlagen würden, aber allenthalben dennoch Krieg, selbst in den getippten Wortwechseln, derer es gestern erneut viele waren, die sich geradezu anboten, aus ihnen je einen neuen → Ukraine-Dialog zu formen.
Es war eine Entscheidung gewesen, gestern mittag, F r i e d e n zu haben. “Du mußt von dem Krieg wegkommen”, schrieb die Lektorin. “Du darfst dich nicht aufsaugen lassen”, schrieb die Wölfin. “Sie müssen auf Distanz gehen”, schrieb eine Brief- und Seelenfreundin.

An Sonnabend hatte um 21.57 Uhr लक्ष्मी in Whatsapp getippt:

 

Ich war in anderem drin, wußte, ich würde mich nicht konzentrieren können, aber ließ den Mitschnitt mittels des JDownloaders im Hintergrund herunterladen, ging irgendwann schlafen, ohne überhaupt zu kontrollieren, ob es geklappt hatte.
Der Sonntag brach an, die  längst schon “Kriegsroutine” ging wieder los, lesen, lesen, lesen und bereits, auf FB, die ersten Wortwechsel. Vor mir lag aber immer noch die wieder und wieder aufgeschobene Nachwort-Aufgabe für Eigners nachgelassenen Roman; ich stehe dem Verleger im dringendsten Wort. Ging nicht, ging abermals nicht, der Krieg hielt mich fest. Die Brieffreundin schrieb: “Ich habe heute Mittag wie immer den Presseclub gesehen, da kommt Einiges auf uns zu, was wir noch gar nicht übersehen können, mit der jetzigen Embargo-Diskussion werden Zusammenhänge klar, die mich beunruhigen.” Ich antwortete, die dräuenden Zeichen ebenfalls zu sehen und, vor allem, zu spüren. Dann öffnete ich die Eignerdatei. Und sagte Stop. – Hatte gestern der Download geklappt?

Hatte er.

Ich ging in die Küche, um mir vom gestern zubereiteten Dal zu nehmen, wärmte auf, streute gehackten Koriander darüber, tat an den Tellerrand drei Klatscher Joghurts hinzu, nahm einen Fladen Chapatti, Inder essen mit den Fingern, es paßte zu meiner लक्ष्मी Link.
Und sah mir die Aufführung an, von Anfang an und dann zunehmend fasziniert:

Mein Fasziniertsein nahm ständig zu, auch weil keine der Sängerinnen meinen erotischen Vorlieben entsprach, sie alle waren zu drall. Aber. Wenn. sie. s a n g e n ! Die Musik mächtig, zugleich filigran, in den ProAcs, mein Zimmer bebte, nebenan die Wohnungen taten’s wohl auch. Doch niemand kam, um um Ruhe zu klopfen. Alle, alle ließen mich.
Welch grandiose Inszenierung Keith Warners, wie feinsinnig und kraftvoll! Doch vor allem, wann hatte ich zuletzt einen Counter gehört, der wie Michael Chance singen konnte? Und dieser Ausdruck, die Schauspielkunst des gesamten Ensembles, besonders aber Bejun Mehtas, allein die filigranen Bewegungen der Lippen, des Kehlkopfs … Ich konnte es nicht fassen. Wie hin- und hergerissen Louise Alders Cleopatra, welch Überhebung, dann Sturz, dann Klage und Erlösung, Klage aber besonders der Cornelia Patricia Bardons – und wie Mehta vor allem Jake Ardittis Counter mitzog, der besser, ständig besser wurde. Dazu der Concentus Musicus Wien, von dem ungeschlacht wirkenden, so enorm präzisen und derart warmherzigen Ivor Bolton geleitet, daß mir kein anderes Wort als “in strömender Hitze” dazu einfällt.
Ich wiederhole, ich war fasziniert, ja berauscht. Und aber doch noch nicht ergriffen, sah mir noch den Applaus an, freute mich, erinnerte mich.

 

In diesem kleinen Opernhaus war ich einmal gewesen, vergangenes Jahr mit Elvira M. Gross, meiner, Sie wissen, Lektorin, die dieses Theater an der Wien so sehr liebt. Weshalb, verstand ich da noch nicht ganz. W a s ich aber jetzt verstand, war, ich müsse sofort noch einmal hören, doch n u r noch hören. Keine Bilder mehr. Ich hatte eine gute Inszenierung gesehen, gesehen aber doch zu v i e l.

In die Küche wieder, den Eiweißshake bereiten, den ich täglich des Krebses wegen trinke, also um nicht weiter abzunehmen ohne einen Magen; → Liligeia selbst ist ja still, die schlafende Vulkanin. Auch das indes kommt zu meiner Not der vergangenen Wochen hinzu, daß ich zu fürchten begann, der Kriegslärm werde sie wieder aufwecken: zu groß meine ständige Angst, manchmal Panik, zu verhärtet mein kämpfendes Argumentieren und immer wieder kurz vor Abstürzen in Depression, wenn ich abermals merke, nicht mehr arbeiten zu können, was “dichten” meint, arbeiten selbst kann ich schon – aber immer nur im Blick diesen Krieg, wieder und wieder den Krieg und daß ich gegen ihn anschreiben müsse, weil andres mir nicht bleibt. Deshalb nun auch das Bromazepam (Lexotanil gibt es nicht mehr), aber vorsichtig, ich weiß um die Gefahr, die erste halbe Tablette, vor fünf Tagen, war schon überdosiert, ich schlief ab mittags fünf Stunden. Also eine Viertel Tablette alle zwei Tage. Ich werde dann ruhig, kann auch mal wegdenken. Höre auf, mich zu verkrampfen, und die Angst weicht. Ich habe den Krebs bislang so gut überstanden, weil ich keine hatte und mich nicht hilflos fühlte. Seit dem 24. Februar ist es anders. Mit dem Krieg stieg die Gefahr, daß Liligeia meine Schwäche nutzt. Wenn sie nur schläft und nicht fort ist. Was niemand wissen kann. Als geheilt gilt man erst nach fünf Jahren, die OP liegt erst eindreiviertel Jahre zurück. Und, wie ich gestern Elvira schrieb, es ist ein extremes Merkmal meiner Arbeit, daß ich immer hingucke, nie weggucke, schon gar nicht verdränge.

Doch gestern hatte ich nichts eingenommen, ganz bewußt pausiert.

Zwei Bananen in den Eiweißshake schneiden, zwei Zitronen auspressen, den Saft hinzugeben und alles schnell vermixen, damit die Milch nicht gerinnt. Etwa ein Liter Flüssigkeitsmus. Damit an den Schreibtisch zurück und jetzt die Staxhörer nehmen.

Nur die Musik.

Es brauchte keine zehn Minuten, und die Tränen flossen. Was hatte ich vorhin alles nicht gehört! Jetzt, die Bilder nur im Sinn, faltete sich eine Klangwelt in mir auf, die mich geradezu verflüssigte, jede, spürte ich, innre Verstarrung wurde erst gelockert, Erstarrung a u c h, nach zwei Stunden Musik war ich komplett naß, denn auch die Haut, schien es, weinte. Elvira meldete sich wieder, ich tippte es und sang wahrscheinlich dabei mit, also graunzte, und dann begann ich zu heulen, immer wieder in Anfällen, zwischen denen ich erneut der Freundin tippte, auch der Brieffreundin, die sich ebenfalls meldete, weil ich beiden meinen Mitschnitt zukommen ließ, während ich hörte, lauschte, abermals mitsang, abermals krampfartig heulte. So daß ich begriff, um wie vieles ich heulte, nicht wegen der Operngeschehen, nicht, weil Cornelia so leidet, Sesto derart wütend ist und Cäsar unvergleichbar zart, wie oft er sich auch in die Brust wirft als Herr. Sondern es war die Not-an-sich, die aus dieser Musik trat, hervortrat, alle Not in sich umfangend und ihr Klang gebend, ja überhaupt Stimme. Ich heulte, begriff ich, wegen dieses Krieges, heulte wegen meiner Hilflosigkeit, die zu Angst gefroren war, was nun schmolz, heulte meines Alleinseins wegen, eines am Grunde, ich bin ja geliebt, das ist es nicht, aber dennoch ohne jemals wieder, empfand ich, gestreichelte Haut. Ich heulte, weil ich mich auf → den Gedichtband, endlich die Béarts, die nächste Woche heraussein werden, nicht mehr freuen kann und weil mir die Dichtung grad insgesamt egal ist. Ich heulte, weil ich derart in Sorge, daß dieser Krieg auch meinen Sohn erreicht, und die Zwillinge. लक्ष्मी, Elvira, Do und die Löwin sowie alle Freunde. Und zum ersten Mal heulte ich wahrscheinlich auch wegen des Krebses, dessentwegen ich in den seit der Diagnose nun schon zwei Jahren nicht wenigstens mal geweint habe. Nicht eine einzige Träne ist mir gekommen. Nicht mal mehr darum, daß mir die Chemo die Fruchtbarkeit zerstört hat. Seit der Diagnose stehe ich in permanentem Kampf, ohne es gewußt zu haben und hätt es wissen auch nicht dürfen, wenn ich da durchkommen wollte. Was mir gelang. Weil ich etwas tun konnte, mich verhalten konnte. Nun heulte ich und heulte, weil ich gegen diesen Krieg nichts tun, ja nicht einmal sicher sein kann, welche von all den Informationen stimmen, welche nicht. Welche nur halbwahr sind. Welche auch gar nicht laut werden dürfen, weil auch der Aggressor sie läse. Das ganze Chaos floß aus mir raus. — Und da, fast am Ende der Musik, kam der kalte Gedanke zurück – den künstlerischen meine ich. Daß alles, was mir und andren geschieht, für die Kunst Material ist und also ich selbst Material bin. Daß ich es fassen muß, es einfassend niederschreiben, um es überhaupt gestalten zu können. Daß diese Gestaltung, Formgebung also, das Substrat meiner Kunst ist. Und ich schoß, um es sichtbar zu machen, diese drei Fotos. Ja, ich schoß. “Wie obszön,” dachte ich, “wie furchtbar obszön! Und aber doch: wie nötig.” Und tippte es für Elvira in Signal ein. Weil ich gegenwärtig bleiben wollte:

Als ich vorhin um kurz nach sechs aufstand, war mein Gesicht noch verklebt. Aber da ich, nachts noch, diesen Beitrag vorbereitet hatte, noch keinen Text geschrieben, nein, außer einem Teil der Überschrift, doch eines der Bilder ausgewählt – das dort ganz oben – und eingesetzt, tat ich jetzt nicht wie sonst, las nichts, sah keine Mails an, erst recht nicht in den → Ukraine-liveBlog der ZEIT, sondern, nachdem der Latte macchiato bereitet, setzte mich gleich an den Schreibtisch und, nachdem auch die erste Pfeife gestopft, b e g a n n. Sowie er fertig ist, werde ich unter die Dusche springen, um mich danach zu kleiden. Denn es wird Zeit für neue Form. Mag sein, daß ich dann auch den Eignertext schreibe – ihn zu schreiben nun endlich vermag.

Ihr ANH
9.01 Uhr

_______________________________
P.S.: Die oben schon → verlinkte Aufführung
kann noch bis zum 9 April abgerufen werden.


(17.19 Uhr
Ich vermochte es n i c h t.)

Nix mp3, noch sonstig Reduktion: Jarrett, Köln Concert 1975. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 1. Februar 2022. Darinnen das ES.

[Arbeitswohnung, 6.44 Uhr
Keith Jarrett, The Köln Concert (1975)
Als ich einundzwanzig war, ein Jahr jünger
als heut → mein Sohn)]

Ich hab sie noch, die erste, selbstverständlich auf Vinyl, Pressung des Konzertes, dieses wie auch die-Platte-dann längst eine Legende:

Tatsächlich siebenundvierzig Jahre ist sie jetzt alt. Siebenundvierzig Jahre lang Teil meiner Sammlung. Und hören Sie sich, Freundin, einmal an, was sie durch meine ProAcs k a n n | und durch den Linn. Daß sie paar Kratzer hat, spielt da keine Rolle. Es ist, als säßen Sie in dem Flügel mitten drin – einem, → erzählt Wikipedia, “mäßigen Bösendorfer-Stutzflügel (…), der eigentlich nur für die Probenarbeit verwendet wurde und verstimmt war; zudem hakten die Pedale und einige Tasten klemmten.” Was deren improvisierender Gott kompositorische Kraft werden ließ. jede Wendung Schöpfung. Dem entsprechen die Kratzer auf meiner Platte ja grade, so daß sich Technik und Jarretts selbst den, wenn’s ihn denn gäb, Himmel beglückende Fähigkeiten, die gleichermaßen der Zärtlichkeit wie gewaltigen Leidenschaft sind,  für die deshalb meistverkaufte Jazzplatte aller Zeiten gleichsam  noch einmal die Hand geben, weil hier ein Musiker, zum wahrscheinlich ersten Musikgeschichtemal, Orgasmen beim Spielen bekam (wenn, ward er mit ihnen gesegnet), Multiple Orgasmen, einen nach dem anderen, und sie sofort zum Leitmotiv machte, sie klangumfassend werden ließ – in “Echtzeit”, um’s profanierend auszudrücken, wir wollen ja nicht kitschig werden; denn das, es wäre ein Verrat. (Kitsch ist Verrat an den Markt, unsres innersten Intimen; deshalb hat das Wort im Privaten nichts zu suchen). — Nur ein Jahr vorher, in Terni, ist etwas Ähnliches zu hören, doch mit dieser sich auf jede und jeden, die und der zu hören versteht, vulkanisch übertragenden, weil fruchtbaren Gewalt noch nicht – die selbst auf die gewirkt hat, die es nicht verstanden und nur, sagen wir, ‘zufällig’ dabeiwarn. Aber zu verstehen ist nicht schwer, die Melodik simpel; es sind Jarretts improvisierte Variationen, Legierungen und Modulationen, die selbst das gebildetste Ohr beglücken, wenn’s nicht sogar staunen muß. Was es quasi dauernd tut. Nur ein einziges Mal, glaube ich nach mehrfachem Neuhörn, patscht er in die Phrase eines ‘Standards’, der die naiven Ohren beseelt, — und fängt sie für die feinen auf.
In derselben Zeit, übrigens, gab mir ein Freund Chopin zu hören, die Etüden, und zwar von Pollini gespielt. Er, der Freund, hörte sonst nur Beat. Und eben Jarrett. Rauf und runter dieses eine Konzert. Ich selber hörte, außer Mahler, fast nur Neue Musik, Arnold Schönberg, Alban Berg noch mehr und über Anton Webern Hans Otte, Karlheinz Stockhausen, Nono. Das war noch in Bremen – eine Stadt, die mich bis heute quasi verschweigt. So wichtig sie für mich gewesen. Selbst was ich, mit beinah siebenundsechzig und also zweiundvierzig Jahre später, → literarisch heute tue, wäre ohne sie nicht möglich. Ich muß Namen nennen, meiner Förderer damals, Herrn Schmidtkes vom Kultursenat (ich weiß seinen Vornamen nicht mehr, glaube “Thomas”, und nicht einmal, ob er noch lebt; Heddy Pross von Radio Bremen, der ich enorm zu danken habe; mit Ulla Hahn war’s dort für mich aus, die ich in den DSCHUNGELBLÄTTERn das schnellste Literaturhuhn des Literaturbetriebes nannte, was sie geliebt haben wird, diese, als DKP-Renegatin, Lieblingin Reich-Ranickis, des fürwahr entsetzlichen. Wie nun auch immer, daß ich Bremens – ich nannt’ es: – Studienrätigkeit bis in ein Buch verachtet habe, nimmt die Stadt mir übel bis heute (wie über lange Zeit Lübeck Thomas Mann die Buddenbrooks). Das ändert sich vor meinem Tod wohl nicht. (Musikalisch lernte ich in Bremen auch Joni Mitchell lieben, was bis heute anhält, Andreas Werda sei Dank, doch nicht die fruchtbare, ich wiederhole es, Gewalt Keith Jarretts hat und nicht die gestoßne Zärtlichkeit des Mannes mit der kleinen Hand (→ Benn). Auch Wolfgang Gruber, den Jesuiten, der damals meinen Geist wie kaum ein zweiter forderte, und Martin Korol muß ich nennen, der seit einiger Zeit eine so ungute politische Kehre genommen, daß es mir bitter den Atem verschlägt, indessen er mich seinerzeit zu Arno Münster führte, dem ich meinen, als Autor, Nachnamen danke, nachdem er mich realisieren ließ, daß “du in Deutschland unter diesem furchtbaren Geburtsnamen niemals einen Roman wirst veröffentlichen können”. Das war 1980, etwa ein halbes Jahr, bevor ich nach Frankfurt am Main zog, die zweite Station meiner inneren Befreiung. Die letzte Phase hat möglicherweise jetzt erst, durch → Liligeia, begonnen. Ich mag, während als Lebensphasen selbst, die großen Lieben nicht vergessen, ihrer nicht eine einzige, die mich bis hier getragen haben. Es waren nicht wenige – fünf waren, und sie sind’s teils n o c h, gewaltig – , ich bin privilegiert — was mich heute befähigt zu fühlen, wie ich’s gestern Do schrieb:

Für mich am tollsten aber Adrian. (…) Es ist, als hätte ich den Stab im Staffellaufen weitergegeben. So daß gar nichts, gar nichts stirbt. Meine nun schon knapp zwei Jahre währende sexuelle Abstinenz ist wie von einer Gnade überleuchtet. Wirklich habe ich das Gefühl, gar nichts mehr selbst tun, geschweige beweisen zu müssen, sondern es wird getan, als ob ich’s selber täte.

Jarrett biegt mich in der Zeit zurück, ohne daß ich jünger würde. Ich regrediere nicht, im Gegenteil, sondern steh nun mitten im Gewesnen drin als aber reifer, fast schon alter Mann; sie legen sich aufeinander, ineinander, die Zeiten, und verschmelzen: mein Vorgestern und Gestern und das Heute und alles, was dazwischen; es ist dies, was es für die Überarbeitung der Verwirrung brauchte, und also Gnade a u c h.

Zumal. Wenn alles geht. Bleibt die Musik. — Dennoch, es wartet die poetische Arbeit.

Ihr ANH

P.S.: E s bleibt Musik.
(Es begibt sich. Es geschieht. Und es schreibt sich. Wir selber sind es n i e.)

Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

Das Verhängnis der Heiligenscheine im Arbeitsjournal des Freitags, den 6. November 2020. Als vierunddreißigstes Coronajournal und weiteres (Nach)Krebstagebuch, darinnen zitiert wird erneut: Die Brüste der Béart,64. (Nämlich).

 

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr
France musique contemporaine:
Anthony Payne, The Stones and Lonely PLaces sing]

Noch nie so viele Corona-Tote in Berlin
an nur einem Tag

titelt der heutige Morgenbrief der Berliner Morgenpost. Insofern wundert

es mich kaum, wenn die Zugriffszahlen → dafür mit in zwei Tagen nahezu 1500 geradezu durch die Decke gingen. Derweil ich weiter mit meiner Steuer, aber auch mit einem Covid19-Abstrich → im Sana beschäftigt war, der rein unnötigerweise vorgenommen wurde, weil nicht dran gedacht worden war, daß er vor der stationären Aufnahme nicht älter als achtundvierzig Stunden sein darf. Hätt ich auch selbst drauf kommen können, so einsehbar ist es. Immerhin kam ich drauf, daß vor der OP noch ein Arztgespräch wegen der Anästhesie geführt werden muß, aus juristischen Gründen; worum es geht und welche Risiken es gibt, weiß ich doch gut.
Also nach dem CT nochmal zurück zum Aufnahme-Empfang, nachgefragt und — Ecco! Nun am kommenden Montag die Coronastäbchen erneut in den hinteren Rachen und in die Nase knapp unterm Gehirn sowie die Aufklärung durch den oder die Anästhesistin. Hübsch, wenn man genau sein möchte, aber auch flüssig, so daß der Anästhesistin dabei herauskommt. Das gefiel mir so gut, daß ich nicht nur sofort nach der Rückkehr den seit vorgestern abend in langer kühler Führung fermentierenden Teigling in den Backofen schob, aus dem er dann so herauskam:

 

Sondern auch sofort mit dem Krafttraining an dem fest in der Decke installierten → Slingtrainer anfing, da ich vom Radfahren eh noch warm war und es draußen, um mit dem TRX-Band in den Thälmannpark zu gehen, schon zu weit hinab mit der Sonne ging; bereits früh berührt sie jetzt die Riste der Dächer, hinter denen Wärme und Licht dann verschwinden. Im Dämmern bereitet es vor allem dann keinen wirklichen Spaß, an frischer Luft zu trainieren, wenn diese Frische bereits etwas scharf ist — so geradezu schlagartig kühl geworden, daß sie beim Einatmen sogar schon etwas beißt. Außerdem war danach, und nach der Dusche, gleich wieder am Schreibtisch, um mit der Steuer weiterzumachen. Unterdessen bin ich – für 2019, wohlgemerkt – bei den Reisen. Es ist wie aus einer anderen Zeit. Reisen, Freundin, reisen zu können! Es war doch stets eine Grundlage meiner poetischen Arbeit und somit auch meines Lebensunterhaltes. Vorbei. So wird die Erstellung dieser Steuererklärung zu einem auch melancholischen Akt, einem leiser Trauer. Daß er überdies mit meinem Eintritt ins Rentenalter zusammenkommt und unten drunter → Liligeia stets mitläuft, auch wenn sie verging, macht es nicht besser; wobei es mit ihrem Vergangensein, siehe nächste Woche Mittwoch, ganz auch nicht stimmt.
Was stimmt denn schon noch?
Die Entkörperlichung von Welt wälzt sich voran. Ich kann im tiefsten an ein Ende dieser Coronakatastrophe nicht glauben, jedenfalls nicht in – nach Jahren gerechnet! – absehbarer Zeit.  Corona, das war einmal ein Wort für Heiligenscheine: Nun sehen wir ja, wohin uns der Monotheismus gebracht hat. Was wir hätten sein können, durchgestrichen. “In einer entkörperten Welt”, sagte ich gestern einer nahen Freundin in Facetime, “möchte ich nicht mehr leben. Es ist kein Platz darin für einen wie mich.” Wenn Gaga Nielsen → dort auch Vorteile im Tragen dieser Masken sieht, so finde ich das gutgesprochen. Zum Menschen gehören auch üble Gerüche, das ist gut und sehr richtig so und nirgends deutlicher wahrzunehmen als in Mumbai, einer Stadt, die eine Orgie aus Geruch ist —

… toll, übrigens, grad: György Ligetis Hungarian Rock für Cembalo von
1978, kannt’ ich noch gar nicht, läuft soeben bei, Link siehe oben,
France musique …

 

 

 

—, von den allerschlimmsten zu den herrlichsten, von Scheiße über moderndes Laub bis in die Höhen der Heiligen Rauche und die Geheimnisse magischer Parfumeur(e)s – manch eine Circe fürwahr. Aber eben auch nur denkbar, weil es Scheiße gibt, die auch so riecht, und Ausdünstungen der Körper, die uns in feinster, nämlich bewußt nicht wahrgenommener Dosierung um den Verstand bringen können und liebesrasend machen. Genau diese Dynamik, dieser Zusammenhang wird von der entkörperten, entkörpernden Moral zerstört. Und daran arbeitet Corona nun mit — man könnte in der Tat den Virus für einen bewußt erzeugten halten. Nein, ich tue es nicht, aber denke nach wie vor und verstärkt, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, der auswaschen soll und es wird und schon tut. Es ist in nicht-monotheistischem, sondern pantheistischem Sinn eine Sintflut, für die wir die Archen, die auf ihr schwimmen hätten können, und ganz wunderbar, mit eigenen Händen zerschlagen haben und weiter, immer noch weiter zerschlagen, indem wir lästern, → was wir sind:

Niemand war bei mir, nur der Vögel gezwitscherter Jubel
Sie trist aber drinnen, wie wenn sie weiter unentwegt fragte:
Würde nicht einmal noch ich | mir, an die Schönheit zu glauben,
erlauben, die wir Künstler stets gesucht:
                                                             – was werde dann aus ihr?

Und leiser, fast nicht hörbar: „… mir?“
„Nichts als Funktion, um die sich keiner plagte,
noch daß sich einer noch | nach seiner Muse sehnte,
weil die Verehrung Fraun, so heißt’s, entwürdigt.”

Grob war ihr Lachen, und verletzt, als sie da aufstand,
Jacke und Schal nahm und ging, während ich draußen
die beiden Kekse – mit mir allein und dem tschilpenden Spatzen –
jeden für sich von den Tellerchen nahm und zu Bröseln

rieb und die Krümel achtsam streute, woraufhin sich das Kerlchen
derart freute, daß es sich gleichsam, und enorm, vermehrte,
bis ich meinte, die ganze geflügelte Spatzkolonie

habe sich bei mir zusammengefunden: Sie saß
zwitschernd auf Stuhllehnen, Tischchen, ja selbst meinen Füßen
und hüpfte, des flatternden Lebens Gloriole, am Boden

***

So, zurück, meine Freundin, an die Steuererklärung, und auch die Musik werde ich wechseln: Verdi, Macbeth wahrscheinlich. Oder wieder Puccini. Ich will beim Rechnen mitsingen können.

ANH

__________
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(Nach)Krebstagebuch. Am Dienstag, den 3. November 2020: Der Narbenbruch ff. Später auch Steuererklärungsbeginn mit Puccini im Ohr Barbirollis.

 

[Arbeitswohnung, 8.38 Uhr
France musique contemporaine:
Gabriela Ortiz, Trifolium für Violine, Violoncello und Klavier]

Das “Hernje” ausgesprochene Wort kommt vom Griechischen ἔρνος, “Knospe” nämlich sowie “Sproß”; im lateinischen hernia wurde “Bruch” daraus. Wobei ja nicht wirklich etwas gebrochen ist, sondern das unelastische Narbengewebe hat sich wieder geöffnet und weitet sich derart, daß sich ein Teil des Bauchinhalts hindurchdrücken kann — was bei mir derzeit so aussieht:

Die Ausstülpung (von überm Nabel links der Narbe bis unten etwa Bildmitte folgend) läßt sich ziemlich gut erkennen. Die Diagnose war aber eh klar. Nur wird derzeit wegen der gegenwärtigen neuen Coronabestimmungen die Behandlung von Brüchen dieser Art eigentlich aufgeschoben; in meinem Fall allerdings, nach der Magenresektion, besteht die Gefahr von Einklemmungen, die wiederum zu solch lebensbedrohenden Unappetitlichkeiten wie Darmverschlüssen führen können. So daß nun meine Operation bereits Mitte der nächsten Woche stattfinden wird.
Ich war gestern bei meinem Operateur.
Blöderweise ist die OP nicht laparoskopisch zu machen, sondern der unterdessen zusammengewachsene Bauchschnitt muß noch einmal ganz geöffnet werden. Dann wird ein Netz, das für spätere Stabilität sorgen soll, eingezogen und neu vernäht – ein Vorgang, der mir von meinem Leistenbruch her noch bekannt ist. “Routine, Sie müssen auch nicht auf die Intensivstation nachher. Irgendwie”, mit Blick auf die covide Situation, “schieben wir sie schon in einem der Zimmer dazwischen.”

So ist nun allerdings im Vorfeld einiges zu tun; Einweisung besorgen, von der Krankenkasse genehmigen lassen, noch einmal ein CT (das aber eh zum Abschluß fällig war) sowie, unterdessen ein quasi running gag für mich, der dritte Coronatest innerhalb dreier Monate. Ich bin nur froh, daß die → Béart-Arbeit erst einmal erledigt ist; an die letzte Durchsicht wird meine Lektorin erst nach dem 15. kommen, und das zweite START-Seminar wird erst am Ende dieses Novembers stattfinden. Insofern paßt alles. Und ich kann überdies, womit ich heute beginnen werde, endlich die fällige Steuererklärung für 2019 angehen, deren Abgabetermin das Finanzamt – Liligeias wegen – auf Ende Dezember aufgeschoben hat. Nun bekomm ich’s schneller hinter mich, werde direkt vor der OP abgeben können. Das wirklich Ärgerliche an allem ist, daß ich mein Training werde erneut pausieren lassen müssen. Dabei bin ich wieder bei 10-km-Läufen angelangt und habe sogar meinen Ruhepuls auf fast wieder die für mich normalen 50 runter. Schon spannend, sich die Entwicklung seit Wiederaufnahme des Trainings anzusehen:

Am 21. Oktober habe ich das Training nach der OP und der vorher langen Pause wieder aufgenommen, und schon ab dem 29. fiel ging der Ruhepuls auf unter 60. Nur noch vier Wochen weiteres Training, und ich hätte die 50 wieder stabil. Auch einige verlorene Muskulatur wäre wieder zurück. Ich war immer in einem zutiefst vertraulichen Verhältnis mit meinem Körper und kann ihm dafür gar nicht genug danken; daß ich ihn werde nun wieder vernachlässigen müssen, ist übel. Aber andrerseits eben auch zu seinem Schutz.
Wie auch immer, es nervt mich. Bis zur OP allerdings trainiere ich erst einmal weiter, wenn auch mit, nun jà, “Bedacht”.

 

Leider, leider wirkt Liligeia nach; noch ist sie nicht wirklich besiegt.

 

Ihr ANH
[Anthony Braxon, Composition no 16 (101)]

[15.40 Uhr
France musique contemporaine:
Paul Mefano, Ondes espaces mouvants]

Schreibt mir aus Wien meine Lektorin, die mir zuvor schon von den Attentaten erzählt hatte (sie war vornachts mit den anderen Besuchern unter Polizeischutz aus dem Burgtheater geführt worden), aus Wien: aber solltest du nicht ruhe geben? Worauf meine iMessage antwortet: Eigentlich … aber da wär seelisch die Belastung zu groß. Nach der Neu-OP nächste Woche werde ich ja trainieren gar nicht können; also bis dahin dann halt … Aber ich bin vorsichtig, trainiere um den Bauch sozusagen herum. Versprochen.

Wobei wir heute geradezu ein Frühjahrswetter haben in Berlin; vom Lockdown war kaum etwas zu merken, abgesehen von den Schildern an den Restaurants und hier und da rauchend plaudernden Polizeigrüppchen, die eher nach Sonntags-Abchill’n wirken.

Nach dem Duschen eine tiefe Stunde siestageschlafen.

 

Und jetzt:

DER STEUERERKLÄRUNG ERSTER TEIL

Dazu die, seht unten rechts im Bild, wahrscheinlich unerreichte Madama Butterfly des Teatro dell’Opera di Roma unter → John Barbirolli; Renata Scotto in der herzbeklemmendsten Titelrolle der Welt. So wird selbst eine Steuererklärung, bzw. ihr Vorbereitungsprozeß, zum Seelenereignis.

 

(Allerdings nehme ich das LP-Behältnis nun wieder vom Tisch.)

 

Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

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