Dreiste Aneignung eines fremden Lebens
Über Anne Webers Roman Annette, ein Heldinnenepos
Von Dorothea Dieckmann

[Geschrieben für den Deutschlandfunk Köln, gekürzt produziert
und ausgestrahlt am 23. Juni 2020 (Podcast)]

Anne Weber hat eine Heldin gefunden. Sie lebt und ist keine Unbekannte. Noch heute erzählt die 1923 geborene Anne Beaumanoir an französischen Schulen ihre Geschichte. Sie wurde als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt und 2016 Gegenstand eines Filmporträts; von ihrer umfangreichen Autobiografie ist kürzlich der erste Band auf Deutsch erschienen. Der Übersetzung des zweiten Bandes über ihr politisch bewegtes Leben ist nun Anne Weber zuvorgekommen. Beaumanoir sorgte als jugendliche Résistancekämpferin für die Rettung jüdischer Kinder; später engagierte sie sich für den algerischen Widerstand gegen die französische Kolonialmacht und arbeitete nach der Unabhängigkeit im algerischen Gesundheitsministerium, bis der Putsch von 1965 sie zur Rückkehr zwang. Hier endet das Lebensbild, das Anne Weber von der heute 96jährigen zeichnet. Die folgenden fünfeinhalb Jahrzehnte sind ihr offenbar nicht spektakulär, nicht historisch, nicht heldisch genug. In dieser Zeit arbeitete Beaumanoir als Ärztin in Genf, bis sie ihren Ruhestand im südfranzösischen Dieulefit antrat. Dort hat Anne Weber die heute 96jährige anlässlich einer Podiumsdiskussion über die Nazizeit kennengelernt. Dieulefit – welch inspirierender Name für die in Paris lebende Autorin! Und so lässt sie ihre Hommage an Anne Beaumanoir beginnen:

Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch Gott-hats-gemacht (…). Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht. Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will, ist sie zugleich noch ungeboren. Heute (…) kommt sie auf diesem Blatt zur Welt (…).

Wer, möchte man fragen, hat Anne Beaumanoir gemacht, Gott oder Anne Weber, die ihr Geschöpf vertraulich Annette nennt? Die Autorin würde die Frage wohl als naiv betrachten und antworten: Na, mein Text natürlich – bestehen doch ihre Bücher stets auf der Autonomie des Erzählens. Nachdem sie Beaumanoir auf dem Papier zum Leben erweckt hat, pocht die Erzählerin auch weiterhin auf ihre Allmacht. Als Beaumanoirs Geliebter in Résistancezeiten, Roland Jurestal, von Vichy-Milizen erschlagen wird, entscheidet sie, die Mörder aus dem Buch zu entlassen: Die „Druckerschwärze“ reiche nicht aus, um deren „Seelenschwärze“ wiederzugeben. Für Jurestals erste, in Auschwitz ermordete Frau Sophie errichtet sie einen „weiße[n] Grabstein aus Papier“; einem anderen Opfer widmet sie „einen kurzen Halt auf unsrem und Annettes Weg“. Kurz, sie ist die richtende Instanz, sie kann die Guten ins Gedächtnis heben und die Bösen daraus tilgen. Ihr Hoheitszeichen, das gravitätische anonyme Wir des Chronisten, kaschiert die Subjektivität der Erzählung. So erstellt Weber etwa, im Hochgefühl ihrer Verfügungsgewalt über die Geschichte, dieses Mahnmal für drei Resistance-Opfer:

(…) wenigstens wollen wir an dieser Stelle, weil wir es können, den Lauf der Dinge unterbrechen und, aus unserer andren fernen Zeit unsere Augen auf sie richtend, in den weiten Raum der Ewigkeit hinein lautlos ihre Namen sprechen.

Trotz zahlloser rhetorischer Fragen, die Offenheit suggerieren, sucht man in Webers Darstellung vergeblich nach Zweifeln an ihrer Interpretation, ihrer Perspektive, ihrer Sprache. Schon aus diesem Grund liest sich der Text flüssig, ja schmissig. Als versierte Plauderin flicht sie flapsige Wortspiele und Selbstkommentare ein: „Kleine Abschweifung. Pardon“ heißt es da, oder „nicht so schnell, sonst kippt der Spannungsbogen“; sie witzelt, dass das Kürzel PC nicht „personal computer“ oder „political correctness“ bedeutet, sondern Parti Communiste, oder dass die Boussouf Boys eine Geheimpolizei sind, keine Popgruppe. Besonders kokett ist der Einfall, bei wörtlichen Wiedergaben mal „Zitat Annette“, mal „Zitat Nichtannette“ und mal „Zitannette“ anzugeben. Solche Mittel enthüllen weniger die Selbstbezüglichkeit des Schreibens als die Selbstbezogenheit der Schreiberin. Doch es ist nicht nur die manierierte Charmeoffensive, die zum Easy Reading einlädt, sondern vor allem der kumpelhafte Ton. Beaumanoirs Verhältnis zu Francis Jeanson, der in Frankreich das Netzwerk zur Unterstützung der Algerier mitbegründete, charakterisiert Weber folgendermaßen:

(…) Jeanson ist okay, aber braucht er als ‚Dienstwagen’ wirklich einen Mercedes? Und noch so Sachen, keine Ahnung, aber wie er der Putzfrau winkt mit einem Schein, damit sie eine Flasche Scotch ihm hole, nicht Schlimmes wohl (…), aber da ist so was, was Annette nicht behagt. Ist auch egal. (…) Annette ist da vielleicht etwas empfindlich.

Auf diese gönnerhafte Weise tritt Weber ihrer Heldin nahe, viel zu nahe. Aber was ist das überhaupt, eine Heldin? Anne Weber erteilt ihrer Figur bei der ersten Widerstandsaktion die Hauptlektion:

Das Erste, dems zu widerstehen gilt, das ist man selbst. Der eigenen Angst. (…) Sie lernt, dass Angst etwas ist, was überwunden werden kann.

Hören wir dagegen jemanden wie Peter Handke, der einmal von seinem Wunsch erzählte, über den „Helden der Flucht“ zu schreiben: „Das Fliehen kann eine heldenhafte Sache sein – wenn der Schmerz so groß ist, dass man zum Frieden hin flieht.“ Und Albert Camus: „Es ehrt unsere Zeit, dass sie den Mut aufbringt, Angst vor dem Krieg zu haben.“ Nicht Kampf, sondern Schmerz, nicht Mut, sondern Mut zur Angst – kann das denn der Stoff für ein Epos, gar ein Heldenepos sein? Oh ja. Denken wir an die homerischen Verse von der Begegnung des alten Priamos mit Achill, der seinen Sohn Hektor getötet und die Leiche geschleift hat:

“Scheue die Götter (…), o Peleid, und erbarme dich meiner,
Denkend des eigenen Vaters! Ich bin noch werter des Mitleids!
Duld ich doch, was keiner der sterblichen Erdebewohner:
Ach, zu küssen die Hand, die meine Kinder getötet!“

Da weinen beide, der Greis und der Held, und „es erscholl von Jammertönen die Wohnung“. Auch bei Anne Weber wird geweint, was dann so klingt:

Alles schläft, einsam wacht und heult Annette.

Die flapsige Bemerkung betrifft das Jahr 1959, als Beaumanoir in Untersuchungshaft saß und zehn Jahren Gefängnis wegen Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung FLN entgegensah. Sie war Mutter von zwei Jungen und wieder schwanger. Ein Kind hatte sie als Achtzehnjährige abgetrieben – in Kriegszeiten war kein Platz für eigene Kinder. Die Schwangerschaft wurde zum Vorwand, der ihr die Flucht ermöglichte. Nach der Geburt entzog sie sich dem Militärgericht und ging ohne das neugeborene Mädchen, ohne Söhne, ohne Mann nach Tunis. Bis auf einen gescheiterten Versuch, einen Sohn zu sich zu nehmen, lebte sie nie mehr mit den Kindern zusammen. In Tunis traf sie den FLN-Mann wieder, der sie an die französische Polizei verraten hatte. Sie verriet den Verräter; er wurde gefoltert und erdrosselt. Das sind tiefe, schreckliche Brüche in ihrer Biografie – doch für die Autorin kein Anlass, sich dabei aufzuhalten, geschweige denn Schmerz und Schuld zum Zentrum oder Ausgangspunkt ihrer Erzählung zu machen. Wo sie Erwähnung finden, werden die Risse zugekleistert, so bei der Frage nach Beaumanoirs Haltung zur Lynchjustiz nach der Unabhängigkeit Algeriens. Dabei kommt es zu abenteuerlichen Rechtfertigungen.

Warum kriegt Annette zu diesem allen nur so wenig mit? (…) wahrscheinlich ist sie nie genau an jenen Orten, an denen die pogromartigen Verfolgungen passieren, so wie man gut im Jahr 2005 in Frankreich leben und von den nahezu zehntausend Autos, die dort (…) angezündet wurden, gar nichts (…) mitbekommen kann. Man muss schon da sein, wo’s geschieht, und außerdem muss man’s noch wissen wollen.

Zu den diktatorischen Maßnahmen der neuen algerischen Regierung und dem zunehmenden Einfluss des Islam heißt es:

Demokratie? Kann einer mal erklären, wie das von einem Tag auf den anderen funktionieren soll (…)?

(…) Einheitspartei? Entscheidungskraft geballt in einer Hand? Annette ist manchmal unwohl, wenn sie daran denkt, doch hat sie anderes zu tun, als sich mit diesen Machtgeschichten zu befassen.

(…) also, was es mit diesen Glaubensdingen auf sich hat, das merkt sie nicht, (…), es wär ja nicht das erste Mal, dass jemand das nicht sieht, was er nicht sehen will (…), das ging doch jedem schon mal so.

Mit solchen lauen Sprüchen rettet Anne Weber ihr eigenes, ungebrochen konventionelles Heldenbild – auf Kosten ihrer Heldin. Ihr Epos ist kein Epos – da hilft auch der Flattersatz nicht, der offenbar an Verszeilen erinnern soll –, sondern eine Aneignung fremden Lebens, eine dreiste Einverleibung. Das entlarvt spätestens eine Bemerkung am Schluss. Da zeigt sich die Autorin begeistert von der Zutraulichkeit Beaumanoirs bei der ersten Begegnung gegenüber ihr, einer Fremden:

(…) aber was heißt schon fremd, kein Mensch ist einem andren fremd, aber nur wenige benehmen sich auch so.

Hätte Anne Weber die Fremdheit der anderen erkannt und anerkannt, dann, nur dann hätte Anne Beaumanoir die Chance gehabt, der Eitelkeit ihrer selbsternannten Biografin zu entgehen.

Anne Weber
Annette, ein Heldinnenepos
Matthes & Seitz, Berlin
208 Seiten, 22.- Euro

Deutscher Buchpreis 2020
→ Jurorinnen und Juroren: Katharina Borchardt, Hanna Engelmeier, David Hugendick, Chris Möller, Maria-Christina Piwowarski, Felix Stephan, Denise Zumbrunnen

Arbeitsjournal, versucht am Morgen des Donnerstags, den 14. November 2019. Lolita 1 darinnen (Nabokov lesen 3).

 

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler als Einzige in die andre,
das ist nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht.”
Elfriede Jelinek (zum Nobelpreis für Peter Handke)

[Arbeitswohnung, 7.50 Uhr
Morgencigarillo bei erstem Latte macchhiato
Luigi Dallapiccola, Ulisse]

Nachdem bereits die FAZ >>>> über Bibliotherapie erzählte, schiebt die NZZ >>>> nun nach. Bei mir jedenfalls, >>>> mit Nabokov, hilft sie; ob es bei düsteren Texten auch so wäre, wie die erste der beiden Zeitungen meint, weiß ich nicht, wohl aber, daß meine Mutter, als ihr zweiter Mann über Wochen, ich muß es so sagen, verreckte, in Stephen King eine Art Erlösung fand. “Es geht n o c h schlechter”, in diesem, nun jà, Sinn. Bei mir ist es nicht die Thematik, wenigstens nicht vorwiegend, sondern die Schönheit mancher Ausdrücke und Satzkonstruktionen und die ausgefeimte, hinreißend virtuose Konstruktion der Romane-selbst. Es sind halt Romane; ich hatte mir schon fast abgewöhnt, an so etwas zu glauben. Wirklich gute Romane zu lesen, beruhigt, ja sediert mich – weit mehr als irgendeines der Medikamente konnte, die ich nun allesamt abgesetzt habe.
Romane zu lesen, aber eben nur, wenn es wirklich gute sind, schafft eine gesunde Distanz, wirft den Schein einer betrachtenden, teils mitfühlenden Objektivierung in die Seele, darin ähnlich guter – das heißt immer: komplexer – Musik. Wie gestern abend Dallapiccola, und heute früh, wie vorher Frank Martins späte Oper nach Shakespeare “Der Sturm”.  In mir zeigt eine ähnliche Wirkung interessanterweise religiöse Musik, und zwar egal, ob Imrat Khans teils meditative, teils expressionistisch ausbrechende Surbahar, ob christlich dramatisch bewegter oder nur der schwebende Choral der Gregorianik. Wobei es hier auf die Wörter nicht ankommt, ebenfalls interessant. Bei Nabokov k o m m t es auf die Wörter an, und die Sätze.
Mein zur Zeit unentwegtes Lesen stellt nicht meine Arbeitsfähigkeit wieder her – oder vielleicht doch? schriebe ich sonst fast unversehens dies “Arbeits”journal? -, aber nimmt mir das Elend, nicht anders als die Ferne tat, eine nahe Ferne freilich, als ich sie in Innsbruck und Bozen durchschritt. Dort kam die Sonne dazu sowie, beim Überfahren des Brenners, ein enormes Schneetreiben, das gegen das Grau des Himmels geradezu strahlte. Und dann, in Bozen, dieser Kakibaum! (Ich pflückte vor der Abfahrt drei der Früchte, die nun auf meinem Mitteltisch in einer flachen Schale reifen). Zehn Schritte von den, sofern kernlos, Sharons weg hingen teils schon aufgeplatzte Granatäpfel an den vielen Armen ihrer Mutter, und all das Idyll eingesenkt zwischen darüber hinleuchtenden Bergen voller Rebentrassen, und ganz darüber schneegleißend Gipfel.
Auch zu reisen erlöst, wenn auch nicht für lang. Zurück in Innsbruck unternahm ich bei ebenfalls leuchtender Sonne einen Gang zur Hungerburg hinauf und ins Abendrot hinunter. Da ist dann alles weit weg, die Herznot, das Vergebliche der Arbeit, Ignoranz, Mobbing (:wie man heute sagt), Erfolgslosigkeit. Da ist nur noch Luft, von der es gut ist, daß sie kühlt; man muß ja nur den Mantel enger um sich schnüren. Daß ich nicht ganz in Topform bin, sei dabei dahingestellt: Ziemlich schnell fing ich während des Aufstiegs unter meinem Hut zu schwitzen an, nahm ihn demzufolge ab und trug ihn bis fast ganz zum Schluß in der Hand. Erst als, in der schnellen Dämmerung, die Kälte schärfer wurde, fand er den Weg zurück auf mein Haupt.

*

Mein unguter Zustand hat für Sorgen gesorgt, auch bei, ich sag mal, nahen Leserinnen,  nicht “nur” den Freundinnen, Freunden. Unbegründet waren diese Sorgen nicht. Allerdings scheint es mit Depressionen – ein für meinen Zustand an sich unangemessener Begriff, weil ich die Gründe meiner tiefen, ja, Schwermut kenne und auch bezeichnen kann -, allerdings also scheint es so zu sein, daß man einfach “durch”muß; es läßt sich quasi nichts tun, außer sie auszuhalten und Zeit darüber vergehen zu lassen. Und zu schauen (zu hören), was einem gut tut. In meinem Fall Musik (was viel ist; ich hatte Zeiten, in denen auch sie mich nicht erreichte) und … nein, nur “Literatur” zu schreiben, wäre falsch, denn es stimmt nicht bei jeder; vielmehr die speziell nabokovsche Romandichtung. Obwohl ich gerade im Spätwerk einiges aushalten mußte, denn Nabokov prahlt gern ein wenig mit seinem pekuniären Vermögen, also dem sich materiell niederschlagenden Welterfolg, der ihn jeglicher existentiellen Nöte enthob. Zudem ist er oft schwer arrogant, stets freilich durch eine “schiefe Spiegelung” seiner selbst nicht ironisiert, nein, sogar selbstgefeiert, doch eben auf Distanz gerückt. Aber auch, wenn ich diese Dynamik durchschaue, nimmt es nichts von seiner hohen, allerhöchsten Kunst. Es mag Autoren, und Autorinnen, von größerer Menschlichkeit geben – bessere indessen n i c h t. So hat es durchaus etwas nicht nur Beruhigendes, sondern mich meiner selbst gewiß Machendes, daß es eben auch so etwas gibt, in jedem Fall gab: jemanden, der zu Recht berühmt und eben auch begütert ist. Ich empfinde das wie einen Ausgleich: als etwas, das meine eigene Not objektiv ausbalanziert. So daß mir sogar Nabokovs wie auch immer verstellte oder maskierte Prahlerei gut tut, einfach aufgrund des so einfachen wie eben evidenten Gedanken, daß er ja – recht hat.
Dazu die Süße des bolzanoschen Kaffees, die kluge Zugewandtheit Markus Klammers, bei dem ich mich sehr bedanken muß (ich habe enorm viel über die Geschichte und Architekturgeschichte Bozens gelernt) sowie die innere Gewißheit beider Giacomuzzis, und ihr Engagement. “Du hast hier immer einen Ort.” Ähnliches sprach auch schon Cristoforo Arco aus, nur daß Wien momentan für mich tabu ist, für einige Zeit wohl auch noch bleiben wird.

Um wieder schreiben, also dichten zu können, muß ich allerdings meine Sinnlichkeit zurückgewinnen, gelebte Sinnlichkeit. Heute morgen zum ersten Mal der Gedanke, mich – im Wortsinn: notfalls – bezahlter Liebesdienste zu bedienen, auch wenn so etwas Kapitulation bedeutet. Vielleicht verliere ich aber nur eine Schlacht damit, nicht den ganzen Krieg. Vielleicht nützen auch Kapitulationen manchmal der Erholung und lassen dann doch noch gesunden. (Deutsches Wirtschaftswunder, keine Ahnung.) Ist auch nur eine Spielerei des Vorstellungsvermögens, zumal ich gar nicht wüßte, woher das Geld nehmen. Aber der Gedanke, mein ferneres Leben lang mich nur noch alleine aufs Lager zu legen, ist schaurig, stets alleine aufzuwachen und keiner andren Hand je mehr auf dem Leib zu spüren, um von Lippen sicherheitshalber gar nicht zu sprechen, und von der Zunge. In Sachen Sublimation war ich von jeher ein Trampel. Aber ich muß zurück in die Anbetung der Haut, weiblicher Haut, wenn ich die Béartgedichte fertig bekommen will, weiblicher Gesten und die Linie der Schultern zum Schlüsselbein hinab, oder schmaler gefährlicher Rücken, das Dreieck der gebliebenen Ansätze von Flügeln zum Punkt, da der Grat in die Gesäßfalte taucht. Oh diese Kette der Wirbel! Ich muß es unter den Fingerspitzen spüren, muß ihr streichend, streichelnd folgen, real,  nicht imaginiert. Nur dann finde ich wieder hinein.


Nun also “Lolita” zu lesen beginnen. Ich tat es vorher tatsächlich nie – wohl aus Abneigung gegen gehypte Bücher. Wenn “alle” sagen, etwas sei gut, steigt mir der Vorbehalt bis zur Hochwasserschwemme, und Deiche schütten sich wie die Nordkette Innsbrucks in mir auf. Da brauche ich dann einen Brenner. Wobei schon John Ray jun.’s solch einer ist, mit dessen Vorwort, das ich schon las, Nabokovs Roman beginnt: “Rein als Roman betrachtet, handelt Lolita von Situationen und Empfindungen, die dem Leser auf ärgerliche Weise unklar bleiben müssen, hätte der Autor ihren Ausdruck in blassen und platten Umschreibungen etiolieren lassen.” – Etiolieren!
Ich habe übers Moderne Antiquariat eine sehr schöne Ausgabe ergattert, in einem genarbtes Leder imitierenden Umschlag mit drinnen aber schönstem Satz auf so feinem Papier, daß sich die Seiten jeweils nur mit einem aufziehenden Rascheln umschlagen lassen, wenn sich ihre Kanten von der der Nachseite lösen – leider aber auch eine Ausgabe mit einem bösen Tattoo. Lesen Sie das, Geliebte, einmal:

“BILD präsentiert”, wirklich nicht zu fassen. – Ich werde es überkleben. Doch trägt das Buch n o c h eine Narbe: Als gäb’s nicht schon Entweihung genug, steht auf seinem Rücken ein Zitat Reich-Ranickis, noch kurz vor der Hölle daraufgespritzt (der Machtmann verstarb 2013, die Ausgabe erschien ein Jahr früher). Auch hier werde ich eingreifen und versuchen, es mit schlackeschwarzem Edding auszulöschen. Möge man Namen und Geifer vergessen.

>>>> Nabokov lesen 3 (Lolita 2)
Nabokov lesen 2 <<<<

Doch anderes ist de facto zu tun, drängt, m u ß erledigt werden, nämlich die Ghostwritingtexte. Hier harren wieder fünf Tonfiles ihrer Verschriftlichung. Das ist Fleißarbeit. Aber selbst sie sperrte sich bislang gegen mich ab. Das Vergeblichkeitsgefühl flutete auf, wenn ich auch nur zu tippen versuchte. Hätte ich nicht zugleich derart viele Ideen, es könnte angenommen werden, daß ich “ausgeschrieben” sei. Bin ich aber nicht. Ich bekomme nur nicht den Steg über den fließenden Lehm, der mich von der Zuversicht trennt, es habe auch Sinn, noch zu schreiben. Dazu die nur noch unter Mühen hinuntergedrückte Angst vor dem Alterselend: ökonomisch in Armut, und das Alleinsein des Körpers. Wobei ich mir dessen sicher bin, daß, gäbe es für meine Bücher die ihnen gebührende Anerkennung – es muß gar kein Ruhm sein, Achtung würde völlig genügen -, das ganze Problemfeld gar nicht existierte, oder nur gelinde und also gut parierbar: sowohl finanziell als auch als Mann. So aber bleibt es, Geliebte, bei Ihnen – als dem vagen Gespinst der dünne gewordenen Einbildungskraft
Ihres

.

[10.54 Uhr
Karl-Heinz Stockhausen, Refrain für drei Spieler]

Frühe postmoderne Phantasien im Werk von Wolf von Niebelschütz

Bisweilen lese ich gern in Wolf v. Niebelschützens als feudalistisch verpönten Schriften, – mit den gemischten Gefühlen, selbstverständlich, eines durch die Demokratie Geprägten. Doch trägt feudalistisch auch einen ästhetischen Sinn, nämlich hier den barocken, dem derzeit nur noch die Literatur eines einzigen Kontinents an Zersplitterung und dennoch seelischem Zusammengehören bei zugleich poetischer Strahlkraft nahekommt: die des südamerikanischen. Lassen Sie mich deshalb ein wenig weiter ausholen, als es die Konzentration auf das Werk eines Dichters normalerweise erlaubt, zumal wenn die zu leistende Betrachtung auf einen Einzelaspekt, zumal auf nur zwei von mehreren Büchern beschränkt ist: „Wenn Sie eine Land­schaft recht intensiv kennenlernen wollen, nehmen Sie ja auch nicht die Autobahn.“, sagt in meinem Roman Wolpertinger oder Das Blau Jeremias Baumwolle ein wenig verächtlich zu Hans Deters.
Nicht umsonst spricht der große Lezama Lima, der „Paradiso“ schuf, vom „amerikanischen Barock“ und hat dafür seinen Blick durchaus nicht auf Nordamerika gerichtet, sondern meint das organische, synkretistische Verschmelzen von Abendland und Indiowelt, antiker mit sogenannt heidnischer Mythologie, dazu sehr viel Diktatur auf der einen und Revolution auf der anderen Seite, Volksaberglaube, Religiosität und Kunstwille. Das Amalgam all dessen seien, sagt Lezama, die Tropen. Uns Europäern fehlen sie, weshalb wir an die Stelle des überschäumenden Stoffes, der, sofern literaturwürdig, noch in der Reflexion dramatischer Natur ist, die demokratische Gesinnung und ihre “moderne”
political correctness gesetzt haben. Sie hat die feudale „Haltung“, also den in den Jahren 1933 bis 1945 erst verratenen, dann verendeten Stil Europas, der etwa Musil noch prägt, ersetzt, ist jedoch für Kunst eine höchst miesepetrige Erbverwalterin und hält manches unter Verschluß, das sich in den Tropen – nebenbei bemerkt: auch im Krieg, allerdings da aus anderen Gründen – schon wegen Feuchtigkeit und Hitze sowie dem wimmelnden Insektenleben permanent in neue Kunst verwandeln würde. Neuerdings – ich weiß ein Liedchen zu singen davon – ist es das Recht der Persönlichkeit, was der Kunst, nunmehr juristisch einwandfrei, an den Kragen möchte. Eine mir bekannte Autorin zahlte, da verklagt, an ihre Tante 5000 Euro Schmerzensgeld, weil in einem ihrer Gedichte die Erinnerung spricht, es hätten der Tante Untertassen immer Flecken gehabt. Wenn der Geist so klein wird, muß die Kunst entweder in Übertretungen explodieren, oder sie verkümmert und wird zur Renaissance des Biedermeiers. Wofür wir in der deutschsprachigen Literatur einige Beispiele haben. Es sind die meisten. Da kostet es schon ein wenig Überhebung, es rücksichtslos mit dem Ästhetischen zu halten. (…) so weit wagt sich hinaus, schreibt Niebelschütz, wer ein Dichter ist, wohingegen der Schriftsteller mutig in der Nähe des Bademeisters bleibt und um keinen Preis einen Unsinn begeht, sondern sich billigerweise bewundern läßt.

Das ist tatsächlich die Lage hierzulande, und zwar um so mehr, als dem von mir so genannten Meaculpismus nunmehr eine sich auf vorgeblichen Realismus stützende, entweder politisierende und/oder sich literarästhetisch meist lässig gebende, sozusagen fetzige, am US-amerikanischen Spielfilm orientierte Schreibweise folgt, bzw., da es sie ja seit Jahrzehnten schon gab, in den Rang der Hochliteratur nobilitiert wird. Das hat natürlich soziologische, literarsoziologische Gründe; der Ritterschlag, den Kritiker und Essayisten wie Sigrid Löffler und Michael Maar Kinder- und Jugendbüchern erteilt haben, möge erhellen, was ich meine: „Warum Nabokov Harry Potter geliebt hätte“ lautet zum Beispiel so ein Titel.

Überhaupt fragt man sich einiges: Daß in einem der letzten von Reich-Ranicki dirigierten Literarischen Quartette Nabokovs Ada oder Das Verlangen so posthum wie unisono verrissen wurde, stimmt sich auf denselben symptomatischen Ton. Der Realismus, zu Gerhart Hauptmanns Zeiten noch ganz in der objektiven Naturwissenschaft und Produktionswirklichkeit fundiert, ist spätestens seit Heisenberg und erst recht seit der kybernetisch-technischen Revolution, der eine anthropologische entspricht, ein Mißverständnis.

Hiergegen steht ganz entschieden Wolf v. Niebelschützens Barock der Haltung, der in seinen Büchern eben kein reaktionärer Eskapismus ist, sondern Widerstand. In einer Zeit, in der sich die Autoren einer jungen Generation aufgrund ihrer kulturellen Kinder- und Jugendprägungen der Affirmation verschrieben haben, geht die aufklärerische, ja romantische Mission auf den literarischen Konservatismus über, insoweit er an formaler und semantischer Durchdringung seines Stoffes – „Zusammenhangsdurchstoßung“ nennt es Gottfried Benn – ungeachtet marktwirtschaftlicher Kalküle so verantwortungsvoll wie querköpfig festhält.

In Deutschland haben wir in Niebelschützens Sinn viele Schriftsteller, was sich schon daraus erhellt, daß wir unter ihnen Autoren von Prosa, unter „Dichtern“ aber solche von Lyrik verstehen. Indes sind auch sie längst zu Schriftstellern, das heißt: in die Demokratie abgesunken, die in der Literatur so wenig zu suchen hat wie ein Cocktail-Tourist in den Tropen. Ausnahmen bestätigen die Regel, sagen wir: Paulus Böhmer, sagen wir: Christa Reinig, sagen wir für die Prosa: Gerd-Peter Eigner. Es sieht so aus, als könnte auch Marcus Braun bald zu ihnen gehören. Interessanterweise fällt es leichter, etwa in Österreich solche Namen zu finden, ja dort sind sie Legion: H. C. Artmann, Marianne Fritz, Gerhard Rühm, auch Elfriede Jelinek und Gert Jonke mögen für viele andere genannt sein. All sie verbindet ein kaum bewußter literarischer Seelenbund, an dem Elke Heidenreich aus popularistischer Klugheit mit vollem Recht vorbeischaut, wenn die Autoren aus Deutschland stammen. G e g e n diese Klugheit, eine zitronenspitze Gouvernante des Wohlverhaltens, die jedes verrückte Spitzendeckchen sofort zurechtzupft, damit auch sauber verdeckt sei, was geöffnet – erzählt – gehört, steht unter anderem das hierzulande übelbeleumdete Pathos – etwa und gerade auch des Dichters, der Prosa schreibt. Wo hingegen ein deutschgermanistisch fetischisiertes Ironisches sich allzu sehr vorschiebt, steht immer etwas dahinter, das verdrängt werden soll. Ironie ist schriftstellerisch, nicht poetisch, und zwar nahezu durchweg, außer sie dient wie bei Heine als ein Stil- und Schmiermittelmittel, vermittels welchem das Feuer immer wieder neu geschürt oder bewacht wird. Pathos also, weil der Gouvernanten zuviele sind und weil es sich ihrer nur mit Feuer erwehren läßt. Insofern gehöre, schreibt Niebelschütz, um es als Dichter zu wagen, eine Portion Mut dazu, Mut oder Hochmut, Naivität, Verblendung, wie immer Sie es nennen wollen; es gehört Blindheit dazu gegenüber dem Wirklichen, gegenüber dem Kampf nämlich, den er da auf sich nimmt, einen so gut wie aussichtslosen Kampf, bei welchem von zehntausend Kandidaten vielleicht einer dem Schicksal entrinnt, vergessen zu werden.

Niebelschütz spricht hier durchaus pro domo – und durchaus ancient régime. Wer aber untergeht, nach dem fragt ohnehin niemand mehr. Selbstverständlich ist das romantisch, man kann sogar von Geniekult sprechen, aber an Niebelschütz ist es, dazu auf das arroganteste „Ja“ zu sagen. Das Genie wirkt heutzutage skandalös. Das ist der Stachel, auf den sich, weil er wehtut, Mehrheiten nicht einigen werden. Diese sind – in der Kunst, nicht im politischen Tagesgeschäft – immer mediok. – Nein, während der Zweite Weltkrieg nach Hunderttausenden Tote fordert und in Auschwitz nach Millionen Völkermord begangen wird, schreibt der wegen einer Sichtbehinderung dienstbefreite Feldwebel Niebelschütz die folgenden Zeilen, und nicht ihret- sondern ihres Zusammenhangs wegen ist der Dichter bis heute verfemt, wegen seiner poetischen Könnerschaft indes Geheimtip unter Conaisseurs geblieben:

Die alten Götter waren tot, jene heiteren, deutlichen und liebenswerten Götter, die man so gern verehrt hatte, weil man wußte, auch in ihren Seelen wohnten der Regungen einige, die den Menschen zu einem Gott und den Gott zum Menschen machten. Sie waren tot, die Popen sagten es… Aber es war keine Freude bei ih­rem Wissen, denn sie sahen (…), daß ein Geist der Weltlichkeit die Inseln der Ägäis durchzog, und mit düsterer Hingabe wühlten die Prediger in den Herzen der Gläubigen, ihnen ein Sünden-Babel zu malen.

Das klingt fast wie ein Kommentar zur Bewältigungsliteratur nach 45. Tatsächlich diagnostiziert Detlef Schöttker im Kritischen Lexikon der deutschen Gegenwartsliteratur: Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gibt es hier ebensowenig wie eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Statt sprachlicher Er­neuerung, Wirklichkeitsbezug und intellektueller Besinnung, die die Literatur nach 1945 geprägt haben und in den Begriffen „Kahlschlag“ und „Trümmerliteratur“ zusammengefaßt werden, findet man hier das Gegenteil: Heiterkeit…

Wenn Ihnen der Ton, in welchem dieses „Heiterkeit“ daherkommt, so wehtut wie mir, dann ahnen Sie, was die deutsche Literatur an den Rand des Weltmeeres verschlagen hat, von dem hinabzustürzen sie sehr in Gefahr war und vielleicht immer noch ist, weshalb sie also in grosso modo uninteressant wurde – uninteressant nämlich im Chor der Völkerdichtungen. Sie war bis etwa 1989 rein auf sich selbst und stets peinvoll-höchstpersönlich auf den eigenen bösen Vater bezogen, nämlich imgrunde – ich weiß, das ist politisch inkorrekt – immer auf Hitler. Der böse Vater hingegen in García Marquez’ Herbst des Patriarchen ist ein anderer, unpersönliche, allegorischer. Die Crux der deutschen Literatur ist, daß Hitler nicht zur Allegorie taugt und niemand es wagt, ihn dazu zu machen. Doch, einer, im Film: Syberberg nämlich. Was hat man da geschrien! Unheilvolle Personen zu allegorischen zu poetisieren, ist aber eine Funktion der Kunst; sie reinigt dadurch sich und die Leser. Katharsis. Im Falle Hitlers ist uns das nicht erlaubt, nicht einmal heute, und erst recht war es damals Tabu, als Niebelschütz seine „heitere Mythologie“ schrieb. Er hat mit Ausgrenzung dafür büßen müssen. Allerdings hat dieser Aristokrat die Menge auch nicht gerade gesucht. Ich zitiere Ihnen den Abschnitt, es ist der Anfang der Romanes, einmal ganz:

Die alten Götter waren tot, jene heiteren, deutlichen und liebenswerten Götter, die man so gern verehrt hatte, weil man wußte, auch in ihren Seelen wohnten der Regungen einige, die den Menschen zu einem Gott und den Gott zum Menschen machen. Sie waren tot, die Popen sagten es… Aber es war keine Freude bei ihrem Wissen, denn sie sahen, zu ihrem Kummer, daß ein Geist der Weltlichkeit die Inseln der Agäis durchzog, und mit düsterer Hingabe wühlten die Prediger in den Herzen der Gläubigen, ihnen ein Sünden-Babel zu malen. Hatte nicht Delphis Pythia, welche noch immer, allen christlichen Bannflüchen zum Trotz, ihre unerwünschten Weissagungen in leider allzu sehr nach Zukunft gierigen Ohren raunte, dem Modisten Poaretes prophezeit, es werde ein Schneider kommen, vor dem die Könige des Erdballes sich erniedrigen würden? Und Herr Poaretes, uneingedenk der Taufe, die er empfangen, hatte die Luft angehalten, hatte ein leises Schauern in seiner so diesseitigen Brust verspürt und beschlossen, fortan die Kleider seiner Vorführdamen mit einem großen, silbernen, gekrönten P zu zieren. So weltlich ging es zu unter dem ewig blauen Firmament des Südens, das die Menschen verleitete, sich des Lebens zu erfreuen, anstatt es in Zerknirschung als ein Tal der Buße und der Tränen zu nehmen, welches uns läutern soll, bis wir gen Himmel fahren.
Dieser Himmel war von so vollkommener Bläue, so sündig schön und obendrein so durchaus windstill, daß die Barke, auf der Venedigs Gesandter nach Myrrha segelte, tatenlos auf der leicht atmenden See schaukelte. Der Morgen begann schon zu glühen, aber dem Diplomaten eilte es nicht. Sein Frühstück war beendigt, sein Geist heiter und frei; und beflügelt von dem kostbaren Arom eines Moccas, den sein türkischer Koch ihm, nach den starken Sitten dieses östlichen Landes, täglich zu schaumgeschlagenen Möwen-Eiern bereitete, begann er, spazierender Weise, einige der Sätze zu formen, die er hernach, in einem seiner berühmten, weil unvergleichlich anschaulichen Berichte, der Serenissima zu vermelden gedachte.
Man lag vor Myrrha, jener seltsamen, länglichen und ziemlich ausgedehnten Insel, die eben jetzt zum Mittelpunct der Agäis aufrückte, vermöge keines anderen oder absonderlicheren Umstandes, als daß eine heiratsfähige Prinzessin – Erbprinzessin! – die Blicke der Nachbarn auf sich zog. Was waren das für begehrliche, eifersüchtige, neiderfüllte Blicke! Handelte es sich doch, menschlicher Voraussicht nach, um das endgültig einzige Kind des regierenden Paares. Ein Monarch, der sichtlich alterte, eine Königin, welcher die Schmerzen der Niederkunft, die schamlose Intimität der Arzte, die eigenen Schreie, vor Allem die vorangehende, so wenig kleidsame Leibesfülle allzu unköniglich erschienen, um sie aus freien Stücken zu wiederholen – nein, es stand kaum zu erwarten, daß etwa ein Kronprinz, ein kleiner Nachzügler… Und selbst wenn Dame Olympia, in ihrer zweifelhaften Conduite, bereit gewesen wäre, sich der Marter ein zweites Mal zu unterziehen – hätte nicht König Alphanios Grund gehabt, voll tiefen Mißtrauens die Ehelichkeit des Kindes anzufechten? Legitimität .. Souveränität .. es waren schwerwiegende Worte, die der Herrscher liebte, und Don Giovanni wußte es, denn sein spähendes Diplomatenhirn arbeitete so unermüdlich wie der rastlos tätige Vulcan, der dort am nahen Horizonte von Zeit zu Zeit puffende Feuerwolken in den Azur des Morgens spie. Eine lavaschwarze Steilküste, ein elfenbeinern schimmernder Strand, mattgrüne Wälder von Cedern, Pinien, Lorbeer und Oliven, dazu eine Hauptstadt, die mit schneeweißen, fast fensterlosen Häuserwürfeln über der tiefblauen See lagerte, endlich die rosig behauchte Wolke, zu beiden Seiten des Götterberges wie ein Strich in der Luft stehend, rundeten das Bild dieses kleinen und doch so umworbenen Reiches zu einem Tableau von hoher Farbenpracht. Und Alles atmete vollendeten Frieden.

Dazu abermals Schöttker: Die Problematik seiner schriftstellerischen Existenz (…) wird deutlich, wenn man den Blick auf jene Arbeiten erweitert, die der Autor nach 1945 noch veröffentlicht hat. Schöttker meint damit nicht den zweiten großen Roman des Dichters, das gegen den „hellen“ „Kammerherrn“ von mir so genannte „dunkle Buch“, „Die Kinder der Finsternis“ von 1959, sondern die Vorträge, mit denen Niebelschütz den Lebensunterhalt für seine siebenköpfige Familie bestritt. Dabei zeigt sich, daß Niebelschütz den intellektuellen und literarischen Wandlungsprozeß, den die meisten anderen Autoren der „jungen Generation“ wie Bobrowski, Eich, Huchel, Krolow etc. vollzogen haben, nicht mitgemacht hat. (…) Auch in seinen Essays und Vorträgen hat Niebelschütz die höfische Lebenshaltung verherrlicht, an einer undifferenzierten Massenverachtung und einem rigiden Elitedenken, die den ersten Roman prägen, festgehalten (…).

Nun konnte Schöttker wohl nicht sehen – man sollte deshalb literarhistorische Nachsicht üben, den genannten Lexikonartikel allerdings schnellstens revidieren -, daß sich in Niebelschützens Dichtung ganz im Gegenteil etwas enorm Modernes bildete, etwas, das heute erst, da uns die von Schöttker genannten Autoren mit halbem Recht den scheinrealistischen Staub des 19. Jahrhunderts husten lassen, virulent geworden ist, wenn auch nicht in der deutschsprachigen Literatur selbst, sondern aus dem Ausland, namentlich von Frankreich und den USA hergenommen. Aber es lag hierzulande wie ein Korn, das auf den Regen wartet: Das Wiedererstarken mystischer oder myhischer Erklärungsmuster aufgrund der vorgeschrittenen kybernetischen Technologie. Ich habe das an anderer Stelle bereits ausgeführt. Ob Niebelschütz um so etwas wußte, ist zu bezweifeln, aber Dichtung hüpft oft Ellipsen hinterm Kopf ihres Autors. Schöttker hingegen fordert von Niebelschütz genau das, was die übrige Literatur hat so verquast und lehmfüßig werden lassen, hingegen der „Blaue Kammerherr“ alles, was sonst noch so veröffentlicht wurde „mit einer Armbewegung vom Tisch wischt“. Nicht mein Satz übrigens, sondern einer des großen Alten der bundesrepublikanischen Literaturbewertung, nämlich Walter Boehlichs. Der hat sich gewiß monarchistischer Tendenzen nie verdächtig gemacht.

Was er bei Niebelschütz goutiert und was den vielen Schöttkers fehlt – der Mann steht stellvertretend, ja idiomatisch für eine deutsche, politisch ideologisierte und ideologisierende Literaturhaltung -, das ist neben dem Pathos vor allem Humor, aber auch Witz. Letztren hat erst die Postmoderne der deutschsprachigen Dichtung wiedergeschenkt. In Deutschland steht an ihrem Anfang signifikant Wolf v. Niebelschütz.

Hören Sie sich folgendes an und vergleichen Sie es mit dem Ton des vorherigen „Kammerherrn“-Zitats:

Seine Hüfte blitzte von Messern; Schenkel und Fuß schimmerten in der Luft. Ein gigantischer Schritt, und er schwebte voran; ein zweiter, und er stieg durch das Geröll talwärts; beim fünften sah sie, daß er auf Stelzen daherfuhr; mit dem achten sprang er geschmeidig zu Boden, stach die Tiere ab, trat an den Wagen, das Fangmesser gezückt, tastete nach Dom Firmians Halswirbel, neigte das Ohr, um den Atem zu prüfen, und blickte, indem er horchte, der Lebendigen, die sich tot stellte, in das Mark. Nun hob er den mächtigen Rücken, seidig von Haut, und streckte ihn waagrecht. Ihre Lungen schmerzten. Ein mißtrauisches Knabenlächeln begleitete das Emporstreifen der Dolchhand an ihrer Schulter. Die Berührung durchflammte sie, während er pantherhaft jäh die Linke um ihre im Schoß verkrampften Hände schlug, deren Finger der Schreck spreizte; wild atmend, fühlte sie seine Gewalt errichtet. Noch tat er ihr nichts. Sie rang um Luft. Rätselhaft wurde das Lächeln. Als er sie losließ, löste sie sich und schmiegte den Nacken zitternd in seinen Griff. Da überlief ein Leuchten den ganzen goldbraunen Körper, er drückte ihren Kopf nieder, stieß den Bischof hinaus, schnitt ihr das Kleid vom Rückgrat und ging zu ihr ein, ohne Wort.
Ohne Wort lud er sie über die Schultern, trug sie, den Messergurt in der Hand, wie ein Lamm zur Bergweide empor, die voll Herden war, und warf sie aufs Lager. Ohne Wort, im Rausche der Zeugung, schöne, leise und schlanke Tiere, verlangten sie einander, Geflechte der Zärtlichkeit, immer aufs Neue, bis aus den Lustgewittern die schwarze Windstille der Schwermut brach.

Eine Vergewaltigung also, gegen deren vermeintliche Ästhetisierung vorzugehen der demokratische Moralwächter einigen Grund finden könnte. Tatsächlich konnte diese der Sprache bis in die Schönheit eingeschriebene Gewalt, die in der Wiederaufnahme expressionistischer Prosaformen mitspült, 1959 nicht gefallen, ja mußte erschrecken. Denken Sie daran, daß sich – von Döblin abgesehen – die deutschen spätexpressionistischen Dichter fast durchweg an Hitler den Geist beschmutzt hatten. Allenfalls Gottfried Benns Prosa, vielleicht weil derart abstrakt, fand eine umstrittene Akzeptanz. Doch genau so virtuos und jederzeit Herr seiner Mittel, wie Niebelschütz mimetisch und zugleich poetisch überhöht im „Kammerherrn“ mit Sprachformen des Rokokos spielte, spielt er nun, in den „Kindern der Finsternis“ das tabuisierte Feuer aus, von dem ich oben schon sprach. Zum Spielbegriff, der ebenfalls modern ist, sage ich später noch etwas. Auch er unterliegt einem undurchdachten Mißverständnis. Jedenfalls besaß Niebelschütz den Mut, sich dort im Eigenen umzusehen, wo vergleichbare Kaliber sich am avantgardistischen Ausland orientierten – etwa Arno Schmidt an der irisch-triestischen Moderne, die er dazu verführt hat, sich auf eine in mehrfachem Sinn komische Mesalliance mit dem deutschen Kleinbürgertum einzulassen. Niebelschütz ignorierte politische Implikationen, weil sie ideologisch, nicht poetisch waren. Ob er dies aus konservativer Gesinnung tat oder ob ihn „reine“ ästhetische Motive dazu veranlaßten, spielt für die Betrachtung des Werkes, also für die Werkimmanenz, keine Rolle. Niebelschütz ist postmodern nicht nur in der Mischung des Materials, sondern vor allem in den von ihm gewählten und aufeinanderbezogenen Formen.

Hören Sie diesen Satz, ebenfalls aus „Die Kinder der Finsternis“: Er brachte sie, statt unter die Haube, unter die kühle Erde des Gottesackers im Weiler Sankt Paul, verstorben am Bauchfieber. Der Satz ist strikt durchrhythmisiert wie fast jeder in dem Buch, dazu der Nachsatz kunstvoll mit einer Synkope im sozusagen halben Auftakt. Vermittels des darin aufscheinenden semantischen Spiels, das auf ersten Blick zu kalauern scheint, wird etwas überaus Ernstes klar: Es geht um letzte Dinge, um erste Dinge, der Realismus des genau darum synkopierten Nachsatzes widerlegt den Kalauer nämlich. Es geht hier um eine mit sechzehn Jahren versterbende Frau; der nächste Satz lautet fast zwingenderweise: Marisa – das ist die Mutter – nahm den Verlust schwerer, als sie den Verlust anderer Kinder genommen hatte. Da ist für das gernhardsche Grienen, das einen ankam, plötzlich kein Raum mehr. Weil es einen aber ankam, bekommt Trauer überhaupt erst den empathischen Grund. So etwas meint „Spiel“ nämlich auch, und es ist nahezu tragisch, wenn man sich die deutschen Debatten um die Postmoderne einmal vergegenwärtig, worin bis heute von „Beliebigkeit“, mangelnder „Existentialität“, ja „Uneigentlichkeit“ die Rede ist. Immer noch wittert das ideologische Vorurteil nach, das Niebelschützens Werk nach wie sanktioniert und vergessen machen will, jedenfalls für das, was man die breite Leserschaft nennt. Daß ein literarisches Spiel möglicherweise den Boden überhaupt erst bereitet, auf dem unsere Existenz poetisch gestaltet werden kann, machen bezüglich der üblichen Vorwürfe unangetastete Bücher wie Pynchons „V.“ und „Die Enden der Parabel“, Gaddis’ „Die Fälschung der Welt“, Ishiguros „Die Ungetrösteten“ mehr als nur deutlich. Aber alledie stammen aus dem Ausland; wer sich hierzulande an solchen Formen versucht, verbrennt sich nach wie vor Finger und Ruf. Das Verdikt gegen Niebelschütz greift also weiter, ganz ähnlich dem Tabu, das sich an Botho Strauss, Peter Handke oder Martin Walser ganz unabhängig vom ästhetischen Wert ihrer Bücher hysterisiert.

Man schaut aufs Intentionale, mit Benjamin gesprochen: auf die Funktion eines Wortes, nicht auf seine sei es poetologische, sei es semantische Valenz. Nur so ist verständlich, daß Autoren wie Julia Franck oder Judith Hermann solch einen Zuspruch auch von Fachleuten genießen. Südamerikaner, auch Südeuropäer würden den als peinlich empfinden. Der deutschen Kritik ist Peinlichkeit seit Hitler Hekuba. Um dagegen klarzustellen, über welche poetische Fähigkeit Niebelschütz verfügt, habe ich die kleine Satzanalyse vorgenommen, denn manchmal genügt es, einem Leser nur ein wenig den Kopf zu drehen, auf daß er etwas anderes in den Fokus bekommt.

Übrigens gilt dasselbe für Manierismen, ob bei Pynchon, ob bei Niebelschütz, ob bei mir. Viele, die als solche aufgefaßt werden, sind nämlich nichts als Betonungsanweisungen, deren Befolgung einen Satz oder eine ganze Sentenz unmittelbar und gänzlich unmanieriert leuchten lassen. In der Kompositionstechnik ist eine solche „semantische Notation“ gang und gäbe, in der Literatur, weil sie fast immer am Intentionalen aufgehängt wird, nicht.

Hören Sie dazu noch dies:

Die Kupferwoge fing Feuer. Jetzt brannten die Hände, im Schoß verkrampft, jetzt schmorte die Haut, die Brust tropfte glühend zu Boden. schwarze Pranken krallten sich um die rauchenden Schultern. Sie bog sich erstickend. Aus dem Schmelz ihrer Zähne fuhr ihre Seele, unsichtbar dem Versucher, durch die Decke des Gemaches auf. „Gott sei ihrer Seele gnädig. Der Herr öffne ihr liebreich sein Paradies. (…)

Es handelt sich hier um einen prophetischen Traum, Anfang des letzten Drittels des Buchs. Barral, der Held des Romans, reitet sofort los und findet die sterbend Erträumte vergiftet. Das ist barocker Manierismus, von uns Heutigen aus gesehen, aber zugleich eine der wenigen Weisen, auf welche solch ein Traum mit Kraft erzählt werden kann. Zum Vergleich möchte ich Ihnen aus García Lorcas wunderbarem Nachruf auf Góngora vorlesen, dem vorgeblich dunkelsten unter den Barockdichtern; ich glaube, die Stelle atmet dieselbe, wenn auch – weil der Tod verklärt und nicht wie in Barrals Traum schockhaft erlebt wird – eine milder gewordene Luft, eine, die sich… nein, „abgekühlt“ zu sagen, wäre grundfalsch, vielmehr: die sich „abgewärmt“ hat:

Am Morgen des 23. Mai 1627 fragt der Dichter fortwährend nach der Zeit. Er blickt vom Balkon hinaus und sieht statt der Landschaft einen großen blauen Flecken. Über den Malmuerta-Turm legt sich eine lange, leuchtende Wolke. Góngora schlägt das Zeichen des Kreuzes und streckt sich wieder auf sein nach Quitten und trockenen Orangeblüten duftendes Lager. Bald darauf schwebt seine Seele – so gezeichnet und so wunderschön wie ein Erzengel von Mantegna, goldene Sandalen an den Füßen – mit wehender amaranthener Tunica zur Straße auf der Suche nach der senkrechten Leiter, die er nun gelassen hinaufklettern wird. Während die alten Freunde bei ihm eintreffen, erkalten langsam seine Hände. Don Luis’ schöne strenge Hände ohne Schmuck, befriedigt, das erstaunliche, wunderbare, barocke Retabel der „Soledades“ ausgearbeitet zu haben. Die Freunde denken, daß man einen Mann wie Góngora nicht zu beweinen braucht und setzen sich philosophisch auf den Balkon, um das dahinschleichende Leben der Stadt zu betrachten.

Das ist nun ganz der Ton des „Blauen Kammerherrn“, auch kaum später, allerdings in Spanien geschrieben, ist Rokoko fast, welchem Wolf v. Niebelschütz attestiert, er sei das Alter des Barocks und deshalb Verklärung des manieristischen Ansatzes. Georges Bataille sagte, der Manierismus wolle das Fieber; für mich ein anderes Wort für Feuer. Erinnert das nicht auch schon wieder an Lezama Lima? Die Früchte auf dem Schranktisch, runzlige Schale des Mamey, Schuppen der Ananas, das Violett und Gelb der Mangos, trugen das ihre zur Schlankheit des Morgens bei, der getragen schien von den Füßchen der Spottdrossel, die zitternd ihren Jubelstrahl versprühte.

Wenn man bei Niebelschütz liest Mit Weltfreude, Flitter und Oberflächenglanz, die man dem Barock nachsagt, ist nur seine Erscheinung als solche gekennzeichnet, nicht sein Ethos, nicht sein Sieg und sein Triumph, so wäre das gleiche gegen so gut wie alle in Deutschland geführten Attacken auf die Postmoderne einzuwenden, die im Barock ihre Herkunft hat, in einem modernen Barock: in Südamerika einem tropischen, in den Nationen des Westens einem, der aus den Wissenschaften herausgärt. Denken Sie an den Siegeszug des Begriffes und Inhalts Cyberspace.

Insoweit die Postmoderne den defaitistischen Pessimismus nicht mehr mitmacht, der u.a. von Beckett auf der einen und Anton v. Webern auf der anderen Seite herrührt und selbstverständlich aus den Katastrophen der Genozide und des Zweiten Weltkriegs, sowie neuerlicher Ausbrüche von Barbarei, sondern aufgrund einer affirmierten Zersplitterung des Ichs Gegenmodelle zu erschaffen und auch zu feiern versucht, gilt ebenfalls ein niebelschützscher Satz:

Ob man es weiß oder nicht: alles in uns, was anbetet, jubelt, verehrt, glaubt und im Schmerz wie in der Erschütterung edel bleibt, alles Positive, alles Bejahende ist letztlich barock.

Dazu noch einmal über Südamerika, nämlich Carlos Fuentes:

Das Barock ist einer unserer Gründungsnamen.

Genau das spürte die hoffnungslos gewordene europäische Seele, als unter anderem über García Marquez die südamerikanische Literatur ihren Siegeszug in der Alten Welt antrat: Erneuerung durch etwas, das überschäumt, aber dennoch in der Form, einer magischen, gehalten wird. Ebendas setzt sich in der westlichen Postmoderne fort.

Lezama Lima wieder: Das langsame Zurückfluten der Brandung löste seine Verkrampfung und löschte das Bild, das sich dehnte und auf dem Rücken der Schaumwidder zerfloß. Diese Lösung einer Verkrampfung hat Niebelschütz in seinem „Blauen Kammerherrn“ sehr früh für die deutsche Literatur vorweggenommen: durch spielerische Wiedereinführung antiker Mythen, durch Kombination verschiedener Stiltypen, vermittels seines hochgradig vornehmen Verfahrens, geradezu goethesch Heiteres auf Dunkles zu legen.

Stilmischung“ nennt er es selbst: Wesentlich ist, daß wir uns eingestehen, wie gering fundiert unser Horror vor der vermeintlichen Stilvermischung zwischen dem Ernsten und dem Heiteren, zwischen dem Schweren und dem Leichten ist. Und er zitiert Hofmannsthal:

Er kroch von einer Larve in die andre,
Sprang aus des Vaters in des Sohnes Leib
Und tauschte wie Gewänder die Gestalten.

Womit wir bei Ovid sind, bzw. der ovidschen Nacherzählung, die uns durch Ransmayer wiedererreicht hat. Es geht nicht um den eskapistischen Rückgriff, sondern um die durch die Zeiten hinweg beobachtbare Erscheinung, daß, wie Günter Steffens schrieb, manche Einfälle schon bei ihrer Erfindung Zitat sind, also hochwertige Klischees, die man Allegorie nennt. Die sogenannte Postmoderne wimmelt davon, sie ist, wie bei Ransmayer, zugleich klassizistisch, ja Renaissance, wie, im Fall Pynchons, avantgardistisch. Man hat den Eindruck, die vom Allgemeinverstand völlig akzeptierte zeitlich-historische Sukzession höre mit einem Mal auf, wahr zu sein. Zwar bleibt sie wahr, zugleich aber ist sie es nicht. Mit diesem gegen Aristoteles gerichteten Gedanken spielt die Postmoderne herum, hilflos bisweilen, bisweilen esoterisch, bisweilen ästhetizistisch und erschreckend. Imgrunde sucht sie nach anderen Verknüpfungen oder stellt sie her, weil die gewohnten, der klassischen Physik angeschmiegten – also die eineindeutig kausalen – Katastrophen herbeigeführt haben.

Dazu noch einmal Lezama Lima:

Nur Mütter verstehen zu blicken, nur sie besitzen die Weisheit des Blicks, sie blicken nicht, um dem Unbeständigen einer Gestalt in der Zeit, den Ortsveränderungen des Mobilen auf den Gleisen der Bewegung zu folgen. Sie blicken, um Geburt und Tod zu sehen, etwas, das ein großes tiefes Leiden mit der Erscheinung des Geschöpfs zur Einheit verbindet. – Genau das versucht Kunst.

Niebelschütz, wenige Jahre vorher: Es kommt alles noch einmal wieder, bevor ich gehe. Nur der Flamingo nicht. Aber das Nachtpfauenauge. Vor sechzig Jahren setzte sich ein Nachtpfauenauge dem Vater der mir Erkorenen in das Haar, ein Falter so groß wie meine Hand. Der Aberglaube trügt nicht, Helena. Hellgrau und schwarz gezeichnete Flügeldecken, Dämmerung und Tod. Dabei fürchte ich mehr das Licht als die Finsternis. Wie mache ich dem Schöpfer meinen Aberglauben klar und meine Lust an der Erde?

Man ist bei solchen Zitaten versucht, an Ernst Bloch zu denken: Gut das, ins Trübe der anderen zu gehen und selbst darin zu fischen. Nicht nur Verbre­chern ist ja das Dun­kel tauglich, auch Liebende wissen mit ihm etwas anzufangen. Eine Dialektik, die dem Realisten so fremd ist wie dem klassizistischen Autor und dem von Drehbüchern sowieso.

Verstehen Sie mich bitte recht: Der Realist ist einer, der mit einem bestimmten Ziel schreibt, das immer – so oder so – pädagogisch ist. Realität ist aber unklar geworden und es vielleicht immer gewesen. Daraus hilft nur das Modell der Allegorie, das Sternbildern gleich fiktive Zusammenhänge schafft und diese in der Imagination des Lesers auf dessen Wirklichkeit losläßt. Unter dieser Perspektive ist jede Einwand, jemand verwende sich fürs Reaktionäre, ohne Boden.

Worum nun geht es in den beiden großen Romanen dieses eigenartigen Wolf v. Niebelschütz? Das spätere von 1959, „Die Kinder der Finsternis“, erzählt unter anderem die Geschichte des Schäfers Barral, der als gräflicher Nachkomme zu Macht kommt, sie wieder hingibt und, wie Niebelschütz selber schreibt, „in der Sage entschwindet“: Angesiedelt ist der Roman in der Provence des 12. Jahrhunderts, allerdings einer ihrerseits eher sagenhaften; wäre der Begriff nicht derart belastet, man könnte von „Fantasy“ sprechen. Es prallen die drei großen Bruderreligionen aufeinander, es wird sehr viel gemordet, ebenso so viel geliebt, die Menschen treiben schicksalsgepeitscht dahin; es ist in dem Buch, als wäre der große quasi-kosmische Welttanz, den Döblin so ausgesprochen unpersönlich in seinem 1924 erschienenen „Berge, Meere und Giganten“ über Jahrhunderte gestaltet hat, von Niebelschütz auf 55 Jahre zusammengepreßt worden. Ebenso gepreßt und darum ständig in Gefahr zu explodieren, ist darum die Sprache:

Bevor noch die Wendung ausgeführt war, herrschte Kreischen und Flügelschlagen rings um das Lustschiff. Dom Peregrin setzte sich auf. Glasig starrte er auf die Vögel, die sich Gewandfetzen und Fleischklumpen aus Kindern, Frauen und gegürteten Rittern hackten. Oder: Das Schiff, achtern von einer Bö gepackt, flog den Strom abwärts.

Dieses „Fliegen“ ist eine rasende, rasante Metapher; Niebelschützens Kunst besteht darin, die Metapher selbst in den Taumel des Vorangetriebenwerdens zu peitschen. Da ist keine andere als die fliegende Zeit. Metaphern aber brauchen eigentlich ein Innehalten, damit man ihrer gewahr wird. Logischerweise heißt es drei Sätze später:

Barral stand auf. Seine braune Haut, während er ins Hemd fuhr – eben: „fuhr“ -, zog sich zu Frieseln zusammen. Ein Schweißausbruch über den ganzen Körper folgte. Graf Peregrin und Domna Barbosa, die Gesichter voll roter Bläschen, rangen nach Atem. Hechelnd wie Hunde stierten sie teilnahmslos vor sich hin. Barral befahl ihnen, in die ortaffanische Lastschute zu gehen. Sie taumelten hinüber.

Sogar, wenn die Menschen dieses Romans etwas selbst in Gang gesetzt haben, geschieht es ihnen doch, und zwar erschreckend unpersönlich. Zugleich hat sie der Leser als lebendige, atmende Personen deutlich vor Auge. Deshalb geschieht also ihm das: Er selbst empfindet sich als Allegorie. So etwas habe ich außer hier nur noch in Döblins genanntem „Berge, Meere und Giganten“ und in Pynchons „Die Enden der Parabel“ erlebt. „Die Kinder der Finsternis“ ist ein überzeitlicher Totentanz, doch wie jeder solche, der es ernst meint, wimmelt permanent neues Leben daraus. Ganz wie in den Tropen, meine Damen und Herren. Für die steht im „Blauen Kammerherrn“, dem hellen Buch, ein Vulkan. Hören Sie den Grafen Godoitis – ich komme gleich noch prägnanter auf ihn:

“Wissen Sie,“ sagte er, „(…) die ganze Welt… ja, das Leben überhaupt, ist vulkanisch und kein einziger Augenblick ohne Gefahr. Aber wir sind geneigt, das zu vergessen. Weil sie so schön ist, diese Erde… Schönheit, denken wir, kann nicht daemonisch sein. Das widerspricht, denken wir, ihrem Charakter. Oh: sie kann. Jeden Augenblick kann sich die Erde öffnen, nur um zu beweisen, daß sie nicht so liebenswürdig ist, wie sie uns glauben macht (…). Man muß mit der Gefahr leben, man muß sie nicht fürchten, auch wenn man ein wenig praeventive Vorsicht übt. (…) ich bin überzeugt, eines Tages gebe ich irgend einem Tod, den ich nicht eingerechnet habe, ganz ahnungslos die Hand, glaube vielleicht, es ist nur ein Minister oder ein Botschafter, es ist aber der Tod, und er sagt zu mir: Excellenz, sagt er, es ist so weit, begleiten Sie mich, es tut gar nicht weh.“

Es gehört zu Niebelschützens Haltung, daß er nicht wertet, sondern noch die furchtbarste Grausamkeit und das herrlichste Glück einfach erzählt. Was aber heißt „einfach“? Niebelschütz ist Parteigänger seiner „bösen“ Protagonisten wie seiner „guten“. Barral, bevor die Kirche ihn auspeitscht, sagt: „Was jetzt kommt, überlebe ich nur durch ein Weib, das liebt.“ Und nun die Szene:

Auf! Sünder! gelobe Reue, Bußfertigkeit, Gehorsam und Demut!“ Barral gelobte nach dem Wortlaut, den er von Dom Aurel erlernt. Kardinal Fugardi nahm die Stola ab, legte sie um den Nacken des Knienden, der ihm liegend die Füße geküßt hatte, knitterte ihre Enden in die Fäuste und begann, ihn, Gesicht gegen Gesicht, in das Haus Gottes zu ziehen. Neunschwänzig um Nägel geknotete Geißeln zerfleischten Barrals Rücken, Schultern, Lenden und Schenkel, selbst die Füße. Es gelang nicht, ihn auf den Knien zu halten. Sechs quergestreckte Lanzen verhinderten, daß er den Kardinal umrannte. Eine eigens berufene Gemeinde kelgurischer und fränkischer Notabeln stand, wie befohlen, Spalier, um die vorgeschriebenen Wiederaufnahmebitten erfüllen zu können. „Verzeiht, Dom Pankraz. Verzeiht, Domna Loba. Nehmt mich wieder auf. Verzeiht, Dom Quirin.“ Seine Haut platzte, die nächsten Hiebe rauften sie zu Fetzen, ein wilder Schritt riß den jaulenden Hund auseinander. „Verzeiht, Dom Lonardo, verzeiht, Dom Rafael, Dom Gero, verzeiht!“

Noch hier rhythmisiert Niebelschütz. Noch immer nimmt nicht er, sondern nur seine Sprache Partei; aber wir wissen nicht, für wen. Ja, indem er von Barral als von einem jaulenden Hund spricht, mutet er dem sogar die Perspektive der Folterer zu. Im Mittelgang brach er zusammen. Prälaten schleppten ihn vor den Altar. Kardinal Dom Zölestin zelebrierte die Messe. Dom Aurel assistierte. Nach der Wandlung, als das blutige Bündel Leib und Blut Christi empfangen sollte, goß und schwemmte man Eiskies über die Wunden. Er erwachte mit einem Schrei, der Domna Loba in Ohnmacht senkte.

Diese erschreckende Engführung von Folter und Abendmahl greift mitten ins Herz der Inquisition. Und mitten in die bei Erscheinen der „Kinder der Finsternis“ kaum fünfzehn Jahre zurückliegende zwölfjährige Katastrophe. Achten Sie auch auf die Namen: Zölestin, Aurel, Rafael, Pankraz – alle klingen sie, als hätten wir sie schon gehört, von ihnen gehört: Loba, Gero, Lonardo… und alle sind doch analoge Kombinationen. Indem sie nicht genau stimmen, können sie lebendige Personen eines Romans sein; indem sie an genau stimmende anklingen, tragen sie historische, abstrakte Authentizität. Beides zusammen macht sie zur Allegorie. Das Verfahren ist von höchster Modernität und übersteigert den Barock noch. Es hat etwas von der wirklich auffälligen Beobachtung, daß Computerviren gern mit alten Dämonennamen bezeichnet werden. In der Zeit der kybernetisch-technischen Revolution kehrt der Drache ins Unbewußte zurück, kehrt – wiedererweckt, denn er schlief nur – aus dem Unbewußten heraus. Zurück kam die Zeit zum Säbelzahntiger schrieb ich im ersten Band meiner Anderswelt-Trilogie. So etwas findet sich übrigens auch in Nabokovs Spätwerk „Ada oder Das Verlangen“. Ich erwähnte das Buch bereits. Unvereinbare Zeitattribute, Werkzeuge etwa, einerseits Kutschen, andererseits das Flugzeug, werden ineinandergeschoben.

Und „Der Blaue Kammerherr“? — Ja, Sie haben ganz recht: Ins helle Buch nun und genug mit dem Höllenbreughel! Aber „Helle“/“Hölle“? Gewiß, das ist nun meinerseits ein Spiel mit der Analogie.

Im „Blauen Kammerherrn“ findet sich Niebelschützens wahrscheinlich gewagteste Kombination: Zeus höchstpersönlich, und zwar der lüsterne, wiederersteht in der Gestalt eines preußischen Ebers, dessen Beschreibung sich nicht nur einmal vor Homers Gewalt verbeugt:

Der Kammerherr selbst, als Graf Carlo es ihm auf den Kopf zusagte, brach statt praeciser Antwort in den Ruf „Ent-zückend!“ und in jenes schon berühmt gewordene Lachen aus, das auf der Welt nicht seinesgleichen hatte, so ungezwungen strömte es aus den Bronchien herauf, die Adern am Halse traten hervor, und das Einglas – denn er trug ein solches – funkelte starr.

Achten Sie bitte auf den Widerspruch von Starrheit und ungebrochener Vitalität, womit Niebelschütz seiner Figur dieses berstende Leben verleiht. Niebelschützens Zeus weiter:

Er war gegen Ende oder Mitte der Vierziger, jeder Zoll an ihm sprach von großen Verhältnissen. Cyclopische Schultern, ein gewaltiger Kopf, scharf das Profil und verwittert der Teint – ein Steinblock auf musculösem Nacken, und kein Zweifel, dieser Nacken hatte sich nie gebeugt. Wie das strotzte, wie das im Saft stand! ein exceptionell prachtvolles Tier aus den Wäldern Germaniens, ein Eber vom Spessart-Gebirge …

Und die erste Begegnung dieses in der Gestalt eines übrigens der Spionage verdächtigen gräflichen Ebers – wer dächte nicht an Hardenberg? – erscheinden Gottesbuhlers mit dem Objekt seiner Begierde geht so: „Soeben angekommen, teuerste Princeß“, sagte seine Erlaucht, der Blaue Kammerherr, er strahlte vor Lebenslust und Weltlichkeit, nur das Monocle funkelte starr.

Bitte Obacht! Was jetzt kommt, ist innigste Anagnorisis, und sei sie noch so beifällig formuliert, es ist Orest und Elektra, aber nicht vor dem Muttermord, sondern in Wissen einer soeben in Gedanken statthabenden fleischlichen Vereinigung:

Über das Gesicht der Prinzessin ging ein Zug melancholischer Wärme, sie schüttelte den Kopf, weiche, etwas widerspenstig sich scheitelnde Locken bewegten sich leicht im Winde, und Alles, was sie äußerte, war ein gewisses Erstaunen, das in ihren, wie erinnerlich, weißblauen Augen Einkehr hielt.

Eigentlich ist die Passage zu wundervoll, um sie zu analysieren; lassen Sie mich dennoch auf den reizvollen Einspruch hinweisen, den das widerspenstige Haar gegen den Verlust der Jungfräulichkeit vorzubringen scheint, und auf das Erstaunen darüber, daß sie, die Prinzessin, momentlang überwunden ist, ja, man darf bei der gerne im Pantherfell über die Insel reitenden Amazone durchaus von gezähmt sprechen. Nur sicher, hier befinden wir uns auf S. 84 des zweiten von vier Büchern, und es ist ein noch sehr langer Weg, bis die junge Dame sagen darf: „Dammi il paradiso!“
Nicht, daß wir uns mißverstehen: Zeus muß schließlich verzichten, denn Danae besiegt ihn. Da ist nämlich ein
anderer, und auch dieses, das Endergebnis deutet Niebelschützens poetische Grandezza am Ende des zweiten Buches bereits an:

Sie sah es, das Glas fiel zu Boden. Alles eilte, sie aufzufangen, und es war an der Brust der Dame Ehrenpreis, der durch ein vornehmes Leben geadelten Fülle, wo die Prinzessin, zur Bestürzung der Umwelt, diese zwei, nur eben wie Seufzer klingenden Worte flüsterte: „Don Giovanni…“
Der Blaue Kammerherr aber blickte unbewegt auf das Meer.

Ich möchte ungern denen unter Ihnen, die den Roman noch nicht kennen, die Fabel verpetzen; es nähme Ihnen mehrere Teile des Genusses: etwa den der Handlung, die nicht geringschätzen sollte, wer Literatur liebt, denn Raffinesse bleibt allemal die Form, ich möchte kulinarisch sagen: der Fonds von Substanz. Nicht diese selbst ist es, weil sie aus Tod, Leben, Lieben, Betrug und den übrigen Themen besteht, die auch Mindere pfiffig zu Papier und Markt bringen können. Es nähme Ihnen aber auch die Mehrdeutigkeiten, von denen der „Blaue Kammerherr“ strotzt, die An- und Bezüglichkeiten, über die Niebelschütz scheinbar aus dem Handgelenk heraus verfügt. Ja, Sie hörten es schon: Don Giovanni tritt auf, und zwar ohne den moralistischen Eingriff des Komturs, dazu ein Schneider, den Hans Christian Andersen hätte erfinden können; Midas, dem alles, was er faßt, Gold wird, und zwar ebenfalls als Brautwerber; die schneidige Amazone Danae sowieso, die Niebelschütz einem Fragment Hugo v. Hofmannsthals entnahm (nach welchem Joseph Gregor Richard Strauss eines seiner letzten Libretti schrieb); dazu wird Othello kombiniert… merken Sie’s?: Beliebigkeit, auf ein Neues, wir sind mitten in der Postmoderne; außerdem Zeus, der aus Zurückweisungskränkung den Vulkan zum Ausbruch bringt, dies wiederum allegorisch an eine Art Miniaturrevolution geknüpft, der Niebelschütz – dann vielleicht doch etwas zu sehr verklärend – ein absolutistisches Loblied entgegenziseliert… na gut, man verzeiht’s ihm, verzeiht es ihm gern, denn „Der Blaue Kammerherr“ ist, um noch einmal Walter Boehlich zu zitieren, ein Roman, der die gesamte Elendsliteratur durch seine Schönheit, Poesie und Kunstfertigkeit überragt; der die Welt verklärt, statt sie zu trüben, der skeptisch und ironisch ist statt tiefernst, voller Handlung statt voller Reflexion und traditionsgesättigt statt traditionsarm. Und es findet sich darin eine der größten Figuren, die die deutsche Literatur kennt. Nein, kein in unserem Sinn guter Mensch, sondern ein Macchiavellist, aber einer, der seine Mätresse liebt… und zwar liebt. Ich sag aber nicht, wer es ist. Doch kenne ich kaum eine literarische Paralle, die so human und humanistisch ins Innere einer an sich unsympathischen Figur gefaßt hat. Die Krönung der niebelschützenschen Kunst ist nämlich der Graf Godoitis. Nicht nur spricht er den unvergleichlichen Satz Dafür war man ja ein Herr, daß man Katastrophen mit sich selbst ausmachte, sondern er reflektiert geradezu mitleidend, halb zynisch, halb ergriffen, den Niedergang des Absolutismus folgendermaßen:

…es geht mir (…) nicht um mich, ich habe die Macht zu tief gekostet, und sie schmeckt bitter, es geht mir nicht um den König, er ist ein schwacher Mann und ein trauriger dazu, ein Melancholicus, den es friert, weil die Krone kalt ist, ja selbstverständlich ist die Krone kalt, ein eisiges Feuer, das entschlossene Herren will, nein! nein! es ist die Idee der Krone, die ich verteidige, ich bin der letzte Gandseigneur, der den Mut hat, feudal zu sein, mit allen Consequenzen feudal und hart zu sein in einer lauen Welt (…), ich bin ein Zeitalter, und nach mir kommen die Bürger, die Bequemen kommen nach mir, die dem Volke schön tun, statt es an die Candare zu nehmen (…). Nach mir kommen die Menschheitsbe­glücker, die auf dem Schafott enden, weil das Volk plötzlich entdeckt, daß man Angst hat vor ihm, Angst! aber ich, ich habe Angst, ich, Carlo Graf Godoitis, Angst vor der Zukunft, (…) es ist ja keiner da außer mir, romantische Memmen, und sie heulen, heulen, triefend von lauter Gutherzigkeit, (…) ich wasche meine Hände rein in den Tränen, die fließen werden, ich trockne sie an den Leichentü­chern, die man nähen soll (…).

Eingeführt und beschrieben wird er von Niebelschütz so:

…das Coupé (…) schwankte zur Torhalle hinein, (…) ward mit der zu­vorkommendsten Behutsamkeit niedergesetzt, man öffnete die höchst wohlgestal­tete, in flachen Curven sich bauchende Ledertür; ein rotseidener Schuh, von sil­berner Schnalle mit ausschweifend großen Brillanten besetzt, wurde sichtbar; eine schon welkende, vornehme Hand in weißer Spitzen-Manchette tastete, mit Hilfe eines goldgeknauften Stabes, wie gichtische Cavaliere ihn lieben, den Estrich der Einfahrt ab; eine zweite, von schönen Ringen beladene, faßte, ein wenig zitternd, nach dem geflochtenen Hängegriff; man hörte ein kleines Ächzen; die Sänfte schwankte; das Leder knirschte leicht; alle Lakaien verbeugten sich – und heraus schritt, von Alter an die fünf und fünfzig Jahre, auf dem Haupt eine pompöse Al­longe, die allmächtige Gestalt des Ministers Grafen Godoitis.

Schon sind wir, nicht wahr?, bei Peter Greenaway. Es ist rein erstaunlich.

Ich möchte das Schöttker-Zitat noch einmal wiederholen, damit Sie seinen poesietumben Irrsinn nun zur Gänze spüren: Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gibt es hier ebensowenig wie eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Statt sprachlicher Er­neuerung, Wirklichkeitsbezug und intellektueller Besinnung, die die Literatur nach 1945 geprägt haben und in den Begriffen „Kahlschlag“ und „Trümmerliteratur“ zusammengefaßt werden, findet man hier das Gegenteil: Heiterkeit…

Verzeihen Sie bitte: Worum geht es in Literatur?

Alles en bloc, Alles en gros, um des nebulosen Volkswohles willen,

sagt im Vierten Buch die zunehmend reifende Danae, als wollte sie unsere Gegenwart kommentieren.

Welch furchtbare Phrase! unter deren Fuchtel der entsetzlichste Gesin­nungs-Terror herankriecht, Lumperei, Denunziation, ein Spitzel-System (…): Die Revolution ist noch gar nicht da, sie kommt erst (…) Und was das Volk an sich betrifft… voilà: Übrigens würde es nie herrschen, immer nur zu herrschen glauben; denn ob Monarchie oder Anarchie, ob demo- oder aristocratisches Regime, Feudalis­mus, Terror, Dictatur – immer blieb da ein Oben, ein Unten, oben saßen die Oli­garchen, die Wenigen……sie stellten den Maschinisten, und das Volk jubelte ihnen zu, sobald es genug geseufzt, und seufzte, sobald es genug gejubelt hatte.

Genau diese Geschichtsskepsis, die ja auch eine anthropologische ist und von der Postmoderne geteilt wird, mußte und muß den politisch rechtschaffenen Schöttkers höchst skandalös sein. Um dem auf eine weniger persönliche, nämlich wieder die poetische Ebene zu helfen, singt uns ausgerechnet der Graf Godoitis ein allermodernstes, sozusagen ökologisches Lied:

Auch diese vortreffliche Erde hat ja, mysteriöser Weise, so etwas wie eine Seele, wie einen Geist, und der Geist, wie soll ich das sagen, ist Feuer, aber dermaßen choquierend, wenn es uns trifft, daß es geradezu eisig wirkt, ein eisiges Ereignis. (…) Wir erkennen nur den Leib der Erde an, und das ärgert sie, die Gute. Der Mensch hat sich nun einmal daran gewöhnt, der Herr der Erde zu sein (…). Er befiehlt ihr, was sie zu tun und zu lassen hat. Hier, sagt er, hat Mais zu wachsen, und wehe, wehe, wenn da Melonen stehen würden, plötzlich. Und an einer anderen Stelle, wo die Erde, die ja etwas von Landwirtschaft versteht, in ihrer Freude am Schönen eine Sonnenblume hervorbringt (…) in ih­rem ausgeprägten Sinn für Freiheit der Entschlüsse, so kommt der hohe Herr Mensch, verbietet ihr diese Sonnenblume und sagt: nein, hier wird jetzt mein Pa­lais gebaut. (…) Ein Palais ist schwer zu tragen, es wiegt so und so viele Millio­nen Unzen, und die Erde trägt es nicht gern, sie trägt es nicht gern, sie trägt es nur, weil sie es tragen muß… Aber das ärgert sie natürlich, und das frißt an ihr. Ganz dort innen frißt es, wo sie noch ganz göttlich ist, noch nicht vom Menschen prostituiert. Nun gibt es unbotmäßige Erdschollen (…) und (…) diese halten das schla­fende Feuer in den botmäßig gemachten und gebrochenen lebendig, und kurz und gut: es liegt etwas in der Luft. (…) Eine gewisse atmosphaerische Störung macht sich bemerkbar, man weiß nicht, um was es sich da handeln könnte, man sitzt in seinem Palais, versieht sich keines Übels – aber unter der Erde läuft das Feuer zu­sammen, das es nun satt ist, sich reglementieren zu lassen und Paläste zu tragen aus lauter Gutmütigkeit (…). Wissen Sie: ich habe solcher Erdbeben einige erlebt, es sind sozusagen große Stunden im Dasein des Menschen, wenn ihm die Erde unversehens zu beweisen beliebt, daß seine Macht über sie eine Fiktion ist, und wenn sie ihn unversehens zwingt, im Nachthemd auf die Straße zu rennen, weil es anfängt, im Gebälk zu knistern, und Sie werden zugeben, ma chère, daß ein Mann im Nachthemd eine etwas ridicule Erscheinung ist im Verhältnis zu seinem Herr­schafts-Anspruch über die Erde… Ja… es sind erhebende Stunden, und die gequälte Erde, die es satt ist, hat erhabene Mittel zur Hand; (…) sie rächt sich mit geradezu asiatischem Blutrausch, mit süßer Lust am Grausigen rächt sie sich für das, was der Mensch ihr angetan hat in seiner Manie, Lasten und immer neue Lasten auf sie zu häufen. Der Leib der Erde hält das aus, und dem Leib ist es gleichgültig, ob er Melonen trägt oder Disteln oder Futtermais oder meinethalben auch ein Palais. Aber die Seele: die hält es nicht aus auf die Dauer, und jedes Verbot, und jeder Befehl, und jedes Steinchen, das man auf sie legt (…), das erhält gewissermaßen ein Vielfaches seines eigentlichen und materiellen Gewichtes, denn der Druck, meine Teuerste, den wir ausüben, wächst und wächst ins Ungeheure, weil sich das Schweigen daran hängt, und die Pression des Schweigens wird schließlich so überwältigend, daß der Hunger nach Glück, den die Erde hat, in einem bestimm­ten Augenblick überschwemmt wird von der Raserei des Zornes. Natürlich will die Erde glücklich sein mit ihrer kleinen Sonnenblume – warum sollte sie nicht? – und sie weiß genau, wenn sie jetzt die Nerven verliert, so wird es ihr übel erge­hen, aber sie ist mit einem Male so weit, daß sie, wenn es sein muß, sogar den Unter­gang wünscht, daß sie Feuer und Lava speit und sie selbst und ihre Sonnen­blume… niederbrennt.

***

ANH, Oktober 2003
Berlin

Die Kampfansage
D s c h u n g e l  l o s!
Das erste Editorial, Ventôse 1985

[Siehe hierzu auch dort.]

 

 

DSCHUNGELBLÄTTER 1985 – 1989,
Nr. I/1,
Ventôse (Februar/März) 1985

 

 

 

Sie lag darnieder, die Satire, einige kurze Jährchen lang, – nun platzte sie auf zu neuer nicht roter, aber rötlicher Blüte: die Zeit – dies mindestens sei den neuen Mächtigen zugestanden, deren Odium ist, eigentlich wie das der alten zu sein; jene nannten das Parfüm nur anders —, diese Zeit also reibt den als solchen deklarierten Brüdern Tucholskys, freilich anders als diesem, die runden, meist gut gefüllten Bäuche, und nicht nur Lerryn atmet auf: Es ist doch schön, zwar in der Opposition, aber wieder vereint zu sein. Und ließen sich die Kameraden Lambsdorff, Geißler & Co. nicht bereits von andren prächtig bezahlen, unsere Satiriker würden schon arg in die Tasche greifen müssen (CDU–Regierungs–Erhaltungs–Fonds), um nur jenen Zustand wiederherzustellen, der ihnen allen bis 69 Brot und Obdach und Anhänger gab. Nirgends nämlich läßt es sich für den kritischen Feuilletonisten und Künstler so gut aushalten wie in der schlechtest regierten Welt mit dem Regenschirm der nicht ganz so schlechtesten Verfassung überm Kopf — aber doch wissen sie nicht recht, ob diese nun ist fish or meat. Welch ein Schlag war’s für die undogmatischen Freunde, das Berufsverbot, von dem nur DKPisten noch sprechen – und ausnahmsweise haben sie recht –, ausgerechnet von ihren Sympathisanten serviert bekommen zu haben. Aber nein, das war marginal, denn nun geht’s wieder aufwärts; die Bonner Wende machte mit der Arbeitsbeschaffung für Satiriker Ernst. Jetzt darf man sich getrost öffentlich mit den Genossen wieder duzen (privat tat man es eh). Werden die Zeiten schlecht, atmet die künstlerische Linke auf. Die öffentlich favorisierte Nabelbeschau der Literaturschickeria kippt in den politischen sentiment alternativer Gemüter, und nur der dünnblütige Grübler· – wie eine personifizierte literarische Bulle den Charakter bezeichnet –, Handke etwa, kann noch ernstgenommen werden. Und weil den niemand ernstnimmt, braucht keiner mehr zu differenzieren, denn die Zeiten, in denen das kleinere vom mittleren und dieses vom größeren Übel unterschieden werden mußte, die sind gottlob vorbei. Nun schlagen den kritischen Publizisten freudige Giftbläschen aus unterm Gaumen.

Ausgerechnet in einem solchen Augenblick satirischer Hochkonjunktur unternimmt es der Herausgeber, ein Blättchen zu kreieren, das nicht nur nicht nur satirisch, sondern auch ohne Bilder ist, also auf den bei weitem größten Teil der bundesdeutschen nicht Leser, aber doch Käufer verzichtet, – zudem sich noch dem Anzeigenmarkt, dem freien, sozialen, verweigert, weil er der zwar ehrenvollen, doch sicher anachronistischen Ansicht frönt, es sei ein Hochseilakt ohne Seil, zugleich die Werbung der Volksverdummung zu zeihen und sie trotzdem abzudrucken – unterm kaufmännischen Verweis auf gewisse Notwendigkeiten, etwa das freisoziale Netz, über welchem die Gedankenartisten ihre zynische Witzhoppserei ja schon deshalb nicht vorführen können, weil, wie gesagt, das Seil fehlt und sie also längst hinein- und hereingefallen sind – ins Netz nämlich und auf das System. Gleichwohl sind sie wendig, die Genossen, und die Kameraden raffiniert, wenn ihnen die Not das Säckel füllt. Sie schreien sehr moralisch, machen sich gleichzeitig lustig und ihren Zuhörern Freude. Der Rezipient genießt’s und geht befriedet nach Haus, der Kavalier schweigt – nämlich Wolfgang Hildesheimer. So legt sich über den Zustand Entspannung. Was ist, soll zwar nicht sein, aber man kann es goutieren. Von List der Geschichte bei allem kein Wort; zwar haßt man den Zustand, mit dem man paktiert, doch gilt es, konstruktiv zu sein: Man sucht Ausgleich, – und nur aus Pietät werden, wenn überhaupt, die Lustbarkeiten gemieden, die das abgelehnte, gleichwohl – unterm Gesichtspunkt der käuflichen Kunst – notwendige. deshalb auch akzeptierte und, wenn die Genossen ehrlich sind, auch ganz akzeptable, vielleicht sogar gute, es könnte sein treffliche, weil treffbare System von Zeit zu Zeit veranstalten muß. (Wobei es ein Diktat ist des Stils, die CDU des weiteren nicht zu erwähnen.)
Hier nun mögen die DSCHUNGELBLÄTTER ein wenig krude wirken: kein Hochglanz, sehr einfache Broschur, viel Inhalt und noch dazu überteuert. Kein Zweifel, Auflage und Chancen sind gering, denn es wird kritische Nestbeschmutzung betrieben. Das manus manum lavat beherrscht wie den Markt so die Literatur, die jenen geradezu signifikant signiert. ln den DSCHUNGELn weiß man’s und gibt es auch zu: Die Rede von Ästhetik ist Mystifikation. Hahn gilt gleichviel wie Roth (woran etwas ist), Roth gleichviel wie Weiss. Weiss wie Eco, der wie Ende usf. in gediegener Sublimation der Äquivalenz: Der Autor, aber vor allem die Autorin sollten gut vögeln können, dann sind ihm und ihr lebhafte Rezensionen sicher.
Nicht aber, der Herausgeber dieser Blätter hätte sich bislang dem Vorgang völlig verweigert; zwar hat er sich einige Male – und ist den Kollegen unangenehm aufgefallen dabei – aufzulehnen versucht, allein, es zog ihn denn auch um der Ästhetik willen in die contrainte par corps der Kulturindustrie, wo er zwar selbstbewußt kurbettierte, aber damit doch die Hohe Schule genoß. Nun bleibt ihm wie seinen Mitarbeitern wenig andres, als nach Lust und Willkür aus jener zu plaudern.

Der dies schreibt, ist – wird unserer aller Titanic gefolgt, namentlich dem dort nicht aus Gründen der Ehre, sondern des autoritären Charakters „Professor“ genannten Kähler – ein “stadtbekannter Sonderling, der nicht nur Schwierigkeiten hat, sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen“, sondern auch das aller anderen, weil er’s nämlich erstens nicht vorhat und zweitens es weder für Perlen noch Perlzwiebeln hält. Denn macht sich einer im Auge des andren zum Affen, so darum oft, weil grüne Kontaktlinsen mitnichten Rot sehen lassen oder doch nur in sehr metaphorischem Sinn.
Es ist schon ein Jammer, Tanszendenz und Immanenz verwechseln sich leicht. Zudem möchte unsere wie jede andere Zeit auf historische Kompromisse drängen, wenn nicht gar auf „globale“. Der Herausgeber hingegen bleibt stur beim konservativen NEIN, anstatt zum Papagei zu werden, der den Esel äfft. Erschüttert nun mußte er feststellen – zumal Adorno aus historischen wie persönlichen Motiven nicht mehr zur Gelegenheit finden konnte, sich beim Kollegen Kähler für dessen Vertraulichkeiten zu bedanken (zudem er auch unter geweihten Professoren mehr Schüler hat, als er sich erinnern würde) –, – mußte der Herausgeber also feststellen, daß um ihn herum zwar keine Wahrheit, umso mehr aber Klarheit in den Köpfen seiner Mitmenschen herrscht (in ihren Herzen geht beides, aber nur physiologisch), so daß er – und hart erarbeitet ist’s – sowohl die als auch nahe an der Verwirrung baute. Demzufolge leistet er hier wie in seinen anderen Publikationen auf einen herzeigbaren Sinn Verzicht, ist also keiner von denen, die mit ausgestrecktem Zeigefinger Da!Da! rufen und die Gehaltsabrechnung meinen. Es hat ja nicht nur Apel mit den Normen seine Not; doch sieht er das Problem schon recht, wenn er sich um die Grundlagendiskussion der Satire nicht drücken mag. Wie soll diese denn selbstbewußt leben, kann sie sich nicht – freilich nur negativ, weil’s erstens modern ist, und zweitens findet man hier stets einen sicheren rhetorischen Boden (das zumindest hat sie mit den DSCHUNGELn gemein, anders als diese mag sie aber die Frage nicht stellen) – auf irgendeinen wahren Wert, einen Warenwert oder das Dingsbums des Lebens beziehen? In den DSCHUNGELn hingegen trennt sich das Bums schnell vom Dings; insofern findet Literatur hier nicht statt. Und es ist eine Frage des „Es“, das „s“ noch zu kappen, um dem Leben unter die Soutane zu greifen, die sich modisch „Ökologie“ nennen läßt und also bereits im Begriff sich auf die rechte Seite des Kalküls geschlagen hat.
Weil nun Purismus sich allemal auf Normen bettet, die ihrerseits mehr Kumpanei finden, als zuträglich ist und deren späteste und stets verspätete Manifestation die Dudengrammatik schreibt, werden sich die DSCHUNGELBLÄTTER weniger puristisch denn elitär benehmen, – das ist noch ein KampfWort, wenn Kohl Haydn und Heino liebt und die Linke Biermann und Bots, vermutlich wegen des Stabreims. So wird hier sicher des öfteren die Meinung kund, die Natur – ob nun eine erste, zweite oder Ente — sei ein Greuel. Sterben die Bäume, macht dem Herausgeber das wenig Bedenken, und zwar aus kaltem Grund: Wer hinauszieht aufs Land, das es als Land nicht mehr gibt (man tut halt nur so), und sich zudem Sitting Bulls Portrait an die Rigipswände nagelt, denn neue Marterpfähle braucht das Land, ist unglaubwürdiger als ein Teilnehmer der Camel Tours. Der Herausgeber läßt lieber die Wüste wachsen und überprüft seine Naturneigung dann. Nur die Zweideutigkeit der gemäßigten Klima– und Geisteszonen setzt sich die Maske auf und singt „eiapopeia, was wackelt im Stroh?“ – derweil sie gleichzeitig denkt: “‘s ist das liebe Gänschen, das schlachten wir heut’“: Die Dschungel wächst, weh dem, der Dschungel birgt, – welch eine herrliche Ödnis also, welche Vielfalt der Gestalten. polymorph pervers, wenngleich –und weil! – das indische Wort ursprünglich die lichten Wälder meinte. Licht freilich ist, physikalisch gesehen, ambivalent: soviel zur Wahrheit.
Nein, die Vernunft wird nicht gefangen wie ein Zickzack laufender Hase, will sagen: Wer gefühliges Salz verstreut, verstreut zwar nicht seine Leser, aber die Wahrheit. Vergessen wurde. daß die Aufklärung ausgeträumt hat, und nur darum fällt sie in das zurück, woraus Marat, Babeuf und anfangs Robespierre sie herauszuschrauben hofften: ins für Reflektionsbemühungen tabuisierte Gefühl, das heutzutage – „Du, ich mag dich, du ...« – fröhliche Urständ’ feiert, ein Teil der bewegten Frauen immer munter voran.
Es ist zum Verzweifeln, und wer verzweifeln nicht mag, genießt es zynisch oder spottet verzweifelt: Das Selbstbewußtsein kann sich nicht fassen noch leiden. Da ist’s nur konsequent. wenn die Mensch–du–ich–find’–dich–echt–gut–du–Verfassung auch humoreske Humoreskisten, und zwar, wenn auch verschwiegenerweise, seit je, bei der Hand nimmt, damit Beethoven und Kleist in bedenkenloser Leichtigkeit zum Kumpel von nebenan stilisiert werden können, weil ja. daß Küsse und Bisse sich oft blutig bedingen, zuviel über den Zustand verrät. So geht die Satire Hand in Hand mit der empirischen Wissenschaft, die das Werk zum Produkt reduziert, einem gewissermaßen pawlowschen Reflex der Kultur.

Schlechtes Elternhaus
+ Narzißmusproblem
+ historisch/soziologisches Umfeld
= Neunte Sinfonie (abzügl. Skonto: Tátata–tá)

Zur Marschmusik der Bots nebst Ringelpiez mit Anfassen und einigen Friedenstauben ist’s dann, weil sowieso alles gleich ist, nicht mehr sehr weit. Die bewußten Tierchen kann man, wenn sie grau sind, übrigens nicht ausstehn, weil sie mit ihrer Kacke alles versauen: Vorsicht!, Mendel schlägt zu und schleppt ja nicht von ungefähr nationales Erbgut mit. Wie weiland gestalten sich Demonstrationen als Fackelzüge oder kippen doch in Volksfeste. Widerstand wird Nötigung und Stammheim zur Pension, in der die aus der DDR herüber– wie sehr wahrscheinlich auch heruntergekommene Schriftstellerin Julika Oldenburg gerne 15 Jahre absitzen würde. Anstatt ihrem Wunsch zu entsprechen – denn nicht darum, daß sie in Bautzen saß, geht es, sondern daß sie fröhlich den Teufel mit dem ßeelzebuben austreiben will, so daß die juristischen Extremisten aufheulen dürfen –, anstatt sie also, und sei’s nur studienhalber, endlich dort auch hinzuschicken, druckt die Presse es ab. Gleichzeitig affirmieren die protestierenden Linken, so sie nicht vom Opern– sondern Operettenbetrieb abhängig sind, den Todesschlag gegen die Kunst mit Rock–Pop–Gedudel. Unterm Stampfen der Rhythmen – funktional dem bayerischen Humptata verwandt – wird wienerisch klassische und klassisch wienerische Nekrophilie betrieben, zu Protestsongs in harmonischem Gefüge das Tanzbein geschüttelt und der Kopf nur, sofern er nicht denkt, – was bei dem Lärmen auch völlig unmöglich ist. Weil das Wahre also nicht und nicht gut ist und das Gute nicht und nicht wahr, soll füglich das Schöne zwar nicht nicht, mindestens aber gehörschädigend sein. Und weil in all dem Krawall und der Abart des Schunkelns, dem gemeinsamen Händeklatschen, überhaupt keiner mehr klarsieht, wirft sich die ganze marode Truppe auf das Gefühl und feiert ebendas Nabelsausen, das sie – literarisch – zu verabscheuen vorgibt oder zumindest vorgegeben hat.„Sauber“ bleibt nur die Satire – oder scheint es zu bleiben, denn die Situation läßt vermuten, es hätten all die Spötter heimlich selber die Wende gewählt. DIE DSCHUNGEL hingegen sind schmutzig, doch geben sie’s zu und lassen deshalb die Blätter fallen, die ihre Leser in jeder Hinsicht ent|täuschen werden müssen. Der Rücksicht, auch der auf „sich selbst“, bleibt ohnehin nichts, als sich zwischen den Zeilen zu verkriechen und auf bessere Leser zu hoffen.

Nun bringt der Weih die dunkle Nacht,
Und Mang, die Fledermaus erwacht.
Der Stall birgt alles Herdentier,
Denn bis zum Morgen herrschen wir!

Die Stunde stolzer Kraft hebt an
Für Prankenhieb und scharfen Zahn.
Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft:
Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft!

Kipling, Nachtgesang in der Dschungel

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