PP78, zum vierten Mal aus Amelia. Matthäus und einfach nur dasein. Die tätige Ruhe.

(13.12 Uhr.)
Der Freund treibt mit anderen Schiffbrüchigen auf einem Floß noch Hunderte von Kilometern von Neu-Guinera entfernt dahin. Ich aber habe heute nicht mal in der Niemandsbucht, worin das Floß ja auch dümpeln könnte, gelesen, wenn man ein wenig den Kopf dreht, um die Perspektive zu wechseln; morgens war es zu kalt auf den Stufen. Jetzt allerdings, mit der Sonne, hat der Winter erneut ein wärmendes Ansehn bekommen, vor allem, nachdem wir einkaufen waren, ein Stückchen Zappalà al pistacchio vor allem, auch dolce Gorgonzola und einen schwer getrüffelten Olivenpatè. Dazu das helle, großporige italienische Brot, das man in Deutschland nicht oder nur um horrende Summen bekommt; ein halbes werde ich morgen noch erstehen, um es mit heimzunehmen.
Im übrigen nicht viel getan, wozu die Löwin, gestern abend am Telefon, sagte: „Ihre Stimme klingt wieder gut. Und ich mag einfach nicht immer in einem Bleisee baden, wenn ich Sie lese.“ Handke aber folgt noch gleich, hundertfünfzig Seiten waren es gestern – s e h r locker gesetzte, allerdings, in Suhrkamps Halbblindenschrift; ich hab mal behauptet, ich schriebe dort allein in den Durchschuß drei weitere Romane.

Aber etwas anderes.
Ich >>>> schrieb schon einmal darüber, nein, mehrmals : Sellars‘ „Ritualization“ der bachschen Matthäuspassion. Gestern abend, nachdem wir – der Freund wegen >>>> Chamber Music – einige Zeit lang Purcell gehört (und angeguckt, bei Youtube, eine hübsche Inszenierung der Fairy Queen, William Christie), wollte ich dann unbedingt, daß auch >>>> Parallalie endlich diese Aufzeichnung sieht, der erst ein wenig skeptisch war, bevor sie dann lief. „Gucken wir doch einfach mal rein, ist aber gefährlich: man bleibt hängen.“ Gefährlich ist grad eines meiner Lieblingswörter, jedenfalls gebrauch ich es momentan oft, halb, um zu locken, halb, um wirklich ein bißchen zu warnen – egal. Also die Digitale Konzerthalle der Deutschen Philharmoniker.
Um auch Sie zu überzeugen, muß ich nun nichts weiter tun, als die folgenden drei Bilder zu zeigen, des Dichters, wie er hört und s i e h t (zu sehen, ja!, ist bisweilen ein Akt der Erkenntnis und Bekehrung):







Wir erlaubten uns nur den ersten Teil der Passion, es wäre sonst zu spät geworden; der zweite wird heute abend folgen.
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Nun aber will ich endlich lesen; mit Zugfahrt und Wartezeit morgen am Aeroporto Fiumicino sollte ich >>>> den Handke durchbekommen haben. Und wieder an die Gedichte danach, nach den einhundert vorgenommenen Seiten. Es ist ja gerade erst mittags. Zumal es darum geht, einfach noch etwas hierzusein. Dann habe ich den Donnerstag, Freitag, Sonnabend und den Sonntag vormittag, um die geschätzten ZweiKiloZuviel wieder loszuwerden und meine >>>> Kjærstad-Besprechung zu schreiben, bevor es nach Österreich, erst nach Innsbruck, dann nach Wien geht, wo ich am 16. abends >>>> in der Alten Schmiede aus >>> Argo lesen und mit Andreas Puff-Trojahn über das Buch sprechen werde und über die Trilogie wohl insgesamt. Ich annoncier das aber noch mal gesondert.
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Einfach nur da sein: Handkes Unternehmung, die ihm, seinem Erzähler, offensichtlich leichter fällt als mir; ein quasibuddhistisches Vorhaben, das einer Distanz bedarf, die mir fehlt, auch wenn ich zugeben muß, daß diese Art von Distanz angefüllt mit Nähe ist. Schon, weil sie sich nicht mehr bewegen möchte. Deshalb spielt in aus dieser Haltung geschriebenen Bücher Handlung nicht wirklich mehr eine Rolle. Mich dagegen würde, fällt mir dazu ein, interessieren, Handlung-selbst („Geschehen“) als einen meditativen Akt zu gestalten, etwa den Sexualakt: als religiöses Ritual. Deshalb wohl meine Neigung zur „Über“höhung und meine Abwehr pragmatischer Lebensvollzüge. >>>> Aufladung ist das Geheimnis:

Die meisten Menschen, aber, ist mein Eindruck, wollen, sind sie aus der Jugend einmal heraus, entladen. Auch deshalb mein Gefühl der Fremdheit, da jetzt aber warm, ja sättigend ist: eine seltsame, weil höchst tätige Ruhe verheißend.
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(18.29 Uhr.)

Nun haben wir also doch schon >>>> begonnen; plötzlich, ohne eine Zeile Handke gelesen zu haben, heute, überkam es mich, und ich nahm den Band her. Fing mit einem ganz anderen, der Nummer 5, an, die, >>>> die mich geärgert hatte, warf die Nachdichtung quasi aus der Linken Hand hin, und weil ich dann schon einmal dabeiwar… wobei wir, der Freund und ich, momentan uneins wurden, wie vorzugehen, generell, ob, so er, nach Joyces Reihenfolge, ob, so ich, nach Liebesneigung. Im Interesse Der Dschungel sah ich seine Argumente freilich ein.
Die Entwürfe der Übersetzungen werden, wie schon beim Giacomo Joyce, jeweils unter den Originaltexten in den Kommentaren stehen und können auch, und sollten, diskutiert werden. Wie entscheidend sich die Fassungen verändern, können Sie sehen, wenn Sie >>>> Giacomos Dschungelrubrik mit >>>> dem schließlich erschienenen Buch vergleichen; in einigen Fällen haben – auch pseudonyme – Kommentator:inn:en entscheidende Anstöße gegeben.

Gleich aber wird gekocht: Spaghetti carbonara. Der Wein ist freilich schon geöffnet. Und auch die, quasi, Abschiedsflasche Grappe duftet, nachdem wir sie, ein nächstes Quasi, ent„kork“t:

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