Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

_____________
>>>> Béart 55 (folgt)
Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

Entrettung: Die Brüste der Béart XXXIII (erste Fortsetzung des Entwurfs). Die Brüste der Béart, 53.

(…)

Ein letzter Speichelfaden bebt allein
aus daß-wir-Leib-mal-waren nach
und ein Marienarm, der uns nicht hält,

da wir als ‘rein’ die Göttin zu entkräften
und ziehn sie mit uns aus der Welt,
der es an ihr, nicht uns gebrach,

und legen Dir, Béart, aus unsers Ave
Himmeslehr in Erdensprach
das brave Joch der zweiten Eva um den Hals,

der schon als eines Mannes Teil, Béart, gefallnen Frau
und ach für deren Willen mild,
da sie zu schwach für Lilith war:

Es löse sie die Ketten nun
und geb uns Blinden, bitten wir,
das Augenlicht zurück; so führ
an ihrer Hand die Göttin uns,

wie wir es meinen, heim,
die so durch beinah eine Jede
ewiggleich dem Mann gewinkt,

daß er sich ihr zum Opfer bracht’
und versinkt in ihr, wenn er
den feigen Cato nicht geschickt

bedacht zur rechten Zeit | und
hält in der Geschlechterfehde
in ihrem ganzen Frauensein

sie derart klein und unerblickt,
daß er die eigne Not, als Mann,
daran nicht merkt, Béart,

die uns von Dir entfernt hat
und Dich, die fast schon nur noch war,
von uns ( – ein unberechtigt Wort für „ich“?),

und sollst uns nie mehr werden
(für „mich“ ein unberechtigt’ Wort?) —
ach, sie entretten, Béart, Dich

(…) Bild (©: → Wikipedia
(Creative Commons)

>>>> Béart 54
Béart 52 <<<<

Abbitte. Mahler IX. Für Leonard Bernstein. Am Mittwoch, den 27. Mai 2020, notiert als kleines akustisches Arbeitsjournal.

 

[Arbeitswohnung, 14.38 Uhr
Krebstag 29/Chemotag 8 | beschwerdefrei, 71,5 kg]
 

Mit großem Dank an Albert Meier

Mahler, Symphonie No 9
Berliner Philharmoniker, Leonard Bernstein
Aufnahme des RIAS Berlin anläßlich der Berliner Festwochen 1979 zugunsten Amnesty International.

 

Ganz meine Skepsis ab– und die CD einlegen, starten, zuhören (unabgelenkt; auf dem Musikstuhl, der zwar geräumig, doch dessen Sitz zu hart ist, um eines Sessels, also zu kommod zu sein).

Und es nicht fassen können: “Das ist dir bislang entgangen?!”

Allein die Aufschreie in den hohen Streichern, das graunzende Grummen der tiefen sowie der Pauke unschönes, weil zu helles Pochen und insgesamt die oft unvermittelten, quasi, Tempiwechsel! Genau, wie ich mir diese Neunte immer vorgestellt habe, daß sie so klingt, durcheinanderrasend, wild, wieder gefaßt und im erneuten Absturz schon. Es ist völlig richtig, was mir, siehe drunten, Albert Meier schrieb: Bernstein holte dies aus einem Orchester heraus, das 1979 völlig anders, von nämlich ausgerechnet Karajan geprägt war — und vielleicht ließ es sich eben genau deshalb, alleine deshalb aus ihm herausholen. Es ist der Aufnahme keinen Moment lang ein sentimentales Nachlassen der Spannungskraft anzumerken, wie ich’s bei Bernstein mit Mahler monieren zu müssen immer wieder Anlaß fand, das er sich hier aber hätte, den Kopf ins klaffende Maul des diktatorischen Löwen gelegt, auf keinen Fall erlauben dürfen. Gar nichts davon! Im Gegenteil, die hohe Nervosität Georg Soltis und Wyn Morris´ scheint sich vor den Berliner Philharmonikern mit Barbirollis dunkel glühendem, zugleich brummend insistierendem Temperament verbunden zu haben, ja sogar der Eindruck entsteht, es atme dieses Orchester unter Bernstein derart auf, weil es zum ersten Mal seit Jahren  wirklich eine Sau herauslassen darf, die bürgerliche Anstandregeln und sonstige Einschränkungen der Ausdrucksfreiheit rebellierend ein- und umreißt. Und wir geraten in die rasende Ekstase sich aus den Bindungen befreiender, nämlich aufbegehrender Klänge — ohne die, wie Mahlers IX oft interpretiert wird, schießliche Resignation. Bei Bernstein verklingt die Sinfonie eher als gutes, sanftes Entschlafen nach einem ziemlich harten Tag, der bis beinah ganz zuletzt noch in brodelndstem Saft stand. Und ebenfalls zurecht spricht Meier von seiner, Mahlers, “Gewalttätigkeit der Komposition”, die freilich nicht ihre (also deren), sondern die nichtverdrängte, nichtgeschönte dieser Welt ist.


Bestellen!    Sie haut um”!

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Aus der vorhergegangenen Korrespondenz:

Ihre kürzlichen → Bemerkungen zu Mahler unter Inbal, Solti usw. bringen mich – in Verbindung mit Ihrer Freude an Shostakovitschs Streichquartetten– zu der Frage, ob Sie Mahlers Neunte unter Leonard Bernstein mit den Berliner Philharmonikern kennen (live 1979). Ich habe die Einspielung erst kürzlich entdeckt – sie haut um.

Oh, diese Aufnahme kenne ich tatsächlich noch diese! (Ich hatte mit Bernstein und Mahler immer ein bißchen Probleme, weil es mir oft zu sein schien, als glitten ihm die kompositorischen Zusammenhänge vor lauter Ergriffenheit wie zu lockere Zügel aus dem Griff, manchmal gingen die Bögen tatsächlich momentlang auseinander – was etwas anderes ist, als es bei Barbirolli die harten Risse sind oder bei Tennstedt sogar Schnitte; Bernstein, den ich nach wie vor liebe, wenn er Neue Musik dirigierte (es gibt für mich keinen Vergleich zu seiner Einspielung von Bergs Violinkonzert mit Isaac Stern und dem NY Philh), war mir bei Mahler immer zu sentimental; er weinte halt auch immer schnell (und hielt, was ich ihm schwer verüble, die Beatles für ernstzunehmende Musiker) – ähnlich ist sein Tristan, etwa gegenüber Soltis oder noch moderneren Auffassungen wie Naganos, Metzmachers u.a.
Doch wenn Sie jetzt derart ausholen für diese Neunte unter Bernstein, dann will ich sie unbedingt hören und werde mal schauen, sie zu besorgen.
Dann geht die CD am Montag auf den Weg zu Ihnen (Dunckerstraße, nicht wahr?). Ihre Einwände gegen Bernsteins Mahler würde ich ohnehin nicht so einfach gelten lassen. Immerhin ist Mahler wohl derjenige Komponist, der den schlechten Geschmack in der guten Musik sinnvoll gemacht hat (hierin vermute ich derzeit den Grund, warum Thielemann mit Mahler nicht zurechtkommt). Und doch ja: auch die Beatles …
Der schlechte Geschmack in der Musik, darüber ließe sich lange streiten. Ich kann ihn bei Mahler nicht sehen,  nur, daß er sich Musiken bedient hat, die sehr wohl dazugehören, sie aber eben gewandelt hat … überhaupt nicht anders, im Prinzip, als es das Kunstlied mit Volksweisen getan, auch mit schlechten… und ich gebe zu, auch aus einem noch so entsetzlichen Beatles-Song läßt sich mit Gewißheit großartige Musik machen, grad im Jazz ist das immer wieder geschehen, selbst durch Jarrett. Da ist der Beatles-Song aber nur Anlaß – für sich selbst bleibt er unanhörbar, oder man muß sich übergeben. Das hört sofort auf, wenn Form ins Spiel kommt. Nur deshalb funktioniert der Kitsch bei Mahler, ohne es zu sein, also Kitsch.
Ich gebe des weiteren zu, daß wir, damit es zu solchen Prozessen kommen kann, das Mindere dringend brauchen, also den Kitsch, die Banalität usw. – alle, was die sogenannten einfachen Menschen halt bewegt. Um aber Kunst zu werden, braucht es den Transformationsprozeß. Nie und nimmer also würde ich die Beatles (oder den Pop, den Mainstream usw.) abschaffen, verbieten oder sonstwas wollen. Nein, das Schlechte muß da sein, die Welt wäre ohne es arm. Dennoch bleibt es schlecht und für elaboriertere Geister unerträglich (deshalb Beethovens Wutausbrüche über Rossinis Erfolge) […]
Eben: Kitsch ist etwa bei Mahler nicht mehr ‘Kitsch’, obwohl er zu den Bestandteilen der Komposition gehört (Kuhglocken!). Wie grässlich ist auch die Idee, das “Veni, creator spiritus” mit dem Schluss von “Faust II” zu kombinieren – in jeder Hinsicht abwegig, bloß dass es musikalisch/emotional nun mal umwerfend funktioniert. Aber gerade deshalb sind meines Erachtens auch Bernsteins Formlosigkeiten mehr als bloß legitim, weil sie dieser Brüchigkeit des musikalischen “Materials” (bei Adorno-Zitaten wird mir seit Jahrzehnten zwar übel, weil ich mich einst daran so überfressen habe, aber manchmal müssen sie halt doch noch sein) gerecht werden bzw. sie hörbar machen – in aller Gewalttätigkeit der Komposition wie der Interpretation. Gefallen resp. überzeugen muss das freilich nicht in jedem Fall. Für mich selbst kann ich ja auch auf die leichte Muse nun mal nicht verzichten.
Ich bin gespannt auf Ihre Meinung zu Bernsteins Berliner Neunten, bei der er immerhin ein Orchester auf seine Linie hat bringen müssen, das unter Karajan ganz und gar anders gepolt war. Er hat das dann ja auch nur einmal machen dürfen.

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[Poetologie zur Musik]

NACHBEMERKUNG
Nicht ganz ohne Witz, übrigens, wie physiognomisch ähnlich Bernstein auf dem Coverbild seinem dirigentischen Gegenspieler ist: Lenny Herbert Karastein.

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