Notizen aus der Provinz 1. Aus dem freecity-Altblog. Grimmelshausentreff 2003.

[Erstellt am: Freitag, 17. Oktober 2003, 13:16]

Manches bleibt erstaunlich in seiner Peinlichkeit. Ein höflich-freundschaftlicher Empfang, Menasse winkt am Bahnhof von Achern, wo er und Renchens Bürgermeister mich erwarten, der uns ins Hotel fahren wird. Adolf Muschg ist schon da, auf seinem Zimmer, nach unserem Einchequen stößt er im Beisl zu uns. Alles überaus freundlich, die Moderatorin des Abends kommt hinzu; sie hat so wenig eine Ahnung wie wir, „was das nachher werden“ soll. Wieder der sehr junge, sehr alerte Bürgermeister, ab nach Renchen, Begrüßungsworte in der zur Aula umgestalteten Sporthalle. Das Gespräch beginnt, entzündet sich sogar etwas. Menasse schafft es, nahezu jeder seiner Einlassungen einen Witz, wenigstens Kalauer abzuringen, der ihm das Publikum geneigt macht, auch für marxsche Theorie. Ich, nicht müde, halte dagegen. Das Gespräch wird mitunter fetzig, ausgleichend dazwischen der kluge Muschg, der mir dann an einer Stelle beispringt, an der ich es nicht vermutet hätte: Ich warf Menasse Eurozentrismus vor, kurz berührt die hübsche Auseinandersetzung den Sturz der World Trade Towers, schon sind wir in asiatischer, von meiner Seite aus: orientalischer Mentalität. Typische Frage der aristotelischen Ich-Konstruktion; Menasse immer ganz linker Hegel: aufs Fukussierbare konzentriert, hingegen mich ja gerade das Ungefähre interessiert. Die Auseinandersetzung wirkt aufs Publikum heftiger, als sie ist… imgrunde bleibt alles Pingpong. „Wir wissen“, sagt Menasse dazu, „was wir dem Auditorium schuldig sind.“ Auch das eine feine Sottise.
Und dann geschieht’s: Es aufsteht der Herr König vom Marbacher Literaturarchiv und institutet genau das, wonach er aussieht: – vergibt Noten. Ja, formuliert sie expressis verbis vom Goertzschuh bis zur Pomade, wenn auch die gelackte, nicht die außen verstaubte Version.
Die schlechteste „Note“ bekomme ich, weil ich angeblich in Schablonen geredet hätte. Daß der Einzug von Sadomaso in den Chic ein Reflex sich verlierender Körper sei, scheint ihm eine so vorgestanzte Erkenntnis zu sein, wie daß die Prozesse vorgeblich in ihrem Persönlichkeitsrecht Geschädigter einen Reflex auf die zunehmende Entprivatisierung von Welt spiegelten. Der Herr König hat das schon tausendfach woanders gelesen, scheint’s. Ich war ganz erstaunt. Vor allem aber – o Germanistenschreck! – hätte ich das Wort „spannend“ verwendet.
Die mittlere Note bekommt der Herr Muschg, nämlich offenbar deshalb, weil auch er über intime Kenntnisse von außereuropäischem Ausland verfügt.
Die beste denn Menasse, der munter meint, nun müßten ihm die anderen beiden eigentlich von ihrem Grimmelshausen-Preisgeld abgeben. Der Witz verhallt in des Herrn Königs Ohren rein reflexlos. Peinlichkeit ist eh kein Begriff, den er mit Inhalt füllen kann: Abends, bei Tisch, besitzt er die Kleinbürgerchuzpe, sich seines Jacketts zu entledigen, so daß das gestärkte weiße Hemd vollendet konfirmandisch strahlt.
Wer besetzt solche Ämter? fragt‘ ich mich dauernd. Der Mann taugte allenfalls, allerdings xxxxxxxxx (zensiert: auf US-Scheiben der 50er und 60er ertönt an solchen Stellen ein langes PIIIIEP), zum Licher Sängerknaben. Doch scheint mir xxxxxxxxx gar nicht mehr nötig zu sein. Denn es machte dies alles den Eindruck, er habe an mir eine alte Rechnung zu begleichen gehabt; ich kann nur ahnen, welche, nicht aber sie nennen. Es wäre, hätte ich recht, allzu banal.

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