Die immer wi(e)derkehrende Frage.

Wie → der Prozeß auch ausgehen möge, er stellt eines klar: Wie verunsichert die (Selbst-) → Anthropologie ist. Unser Ich-Bild entstammt, ganz wie das Persönlichkeitsrecht, dem 19., ja späten 18. Jahrhundert, als die Welle der Bildung von Nationalstaaten anhub und sich die Bürger als autonome Subjekte definierten und empfanden. Das war – nach der Zerschmetterung des mittelalterlichen Weltbildes, worin jeder einen ihm angestammten Platz unter Gott und seinen Statthaltern einnahm – ein geschichtslogisches Ergebnis, das auch zu sehr konsequenten Fortschritten führte, die schließlich in der Demokratie mündeten. Nach wie vor gehen wir von einem „Volkswillen“ aus, der per Abstimmung von autonom definierten Subjekten, den Persönlichkeiten, kundgetan und nach Mehrheiten gemessen wird. Daß diese Mehrheiten in den Zeiten der globalen Medienmanipulation fragwürdig sind, vor allem unter der Ägide des Pops, findet – und kann auch nicht finden – eine juristische Würdigung nicht. Dasselbe gilt selbstverständlich für das Subjekt, das nun vor den Kadi zieht. Ich habe dafür erkenntnistheoretisches Verständnis – wenn auch von Mitleid grundiert -, denn Subjektpsychen halten mit der tatsächlich wirkenden Realität nicht mit; die in der Kindheit, spätestens Jugend das Selbstbild gestaltenden Dynamiken sind ja abgeschlossen und später nur gegen die größten Schwierigkeiten der inneren Widerstände reversibel. Gleichwohl ging die Entwicklung längst darüber hin oder, besser, unterlief sie. Das haben zuerst die Künste gespürt, als sie begannen, Objekte in Oberflächen aufzulösen und das Ich in die (fiktiven) Ich-Splitter, die es konstituierten. Das Intimste, Sexualität, wurde spätestens mit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts veröffentlicht und ist heute einer der Grundpfeiler des Warenumsatzes. Der feudal strukturierte Islam spürt das sehr genau und will sich dagegen wehren. Das wird ihm langfristig ebenso wenig gelingen wie dem abendländischen Persönlichkeitsrecht. Jeder Prozeß, der jetzt gegen ein vorgeblich dieses Recht verletzende Kunsterzeugnis geführt wird, ist imgrunde, um mit Kafka zu sprechen, „eine Erfindung, die bereits im Absturz gemacht wird“, und zwar unhabhängig davon, ob der Gegner des Kunstwerks gewinnt oder verliert. Das ist das Tragische daran: Noch ein vermeintlicher Sieg ist – abgesehen von den katastrophalen privaten Implikationen – regressiv, weil er die Wirklichkeit verleugnet. Darüber hinaus ist er repressiv, weil er Künstler zu Einschränkungen zwingt, die zum einen der Markt sowieso nicht mehr mitmacht und die zum anderen die Künste ganz besonders explodieren lassen werden. Einschränkung wird zu Schwarzdrucken führen, zu Raubdrucken, zu „Bückbüchern“ (solchen, die man unterm Ladentisch handelt); in der Moderne heißt das: zu einem enormen Schwarzen Markt im Internet. Man muß ja die inkriminierten Bücher nur einscannen und dann über unzugängliche Server verteilen, sagen wir: über solche in Usbekistan. Dasselbe ist etwa aus Rumänien längst mit verbotener, krimineller und kriminalisierter Pornographie zu beobachten, und zwar nicht nur über fttp-Adressen. Der Dichtung, die ihn in demokratischen, industriekulturellen Nationen längst verlor, wird eine alte mythische Kraft rein übers Verbot wiedererstattet.

Mit der modernen Literatur, etwa ab Grimmelshausen – aber imgrunde schon bei Cervantes – wurde der autonomen Persönlichkeit ein Prozeß gemacht, den erst das Bürgertum auf dem Umweg der Klassik vergessen ließ, der aber – gegen das Bürgertum – in der Romantik wieder aufbrach, die vom Expressionismus einerseits (etwa in der Prosa Gottfried Benns und Alfred Döblins), von Dada und Surrealismus andererseits beerbt wurde. In Deutschland, das quasi ein neues Mittelalter wiederherstellen wollte, mit dem Diktator inmitten und allerlei verkitschter antiker Garnitur, folgte auf den Zusammenbruch eine neue Phase bürgerlicher Selbstvergewisserung: ihr Gerüst blieb indessen Hitlerdeutschland als negativer, ständig präsenter barbarischer Schatten, der ein neues gesellschaftliches Verständnis von Ich nur negativ definieren ließ. Diese Definition mußte von allem Anfang an regredieren, insofern sie sich in ihrem historischen Realismus nur auf die Vormoderne beziehen konnte, denn die Moderne, lautete der Vorwurf, habe ja zu Hitler geführt, etwa der Futurismus. Selbstverständlich ist das, wenn überhaupt, nur bedingt richtig. Das vom Realismus „neu“ zusammengebastelte Ich ist nichts als eine rekursive Behauptung, gegen die längst die Wissenschaften intrigierten. Literatur, die dieen Vorgang beobachtete und sich daran maß, trieb hingegen die alten Zersplitterungstechniken voran, etwa bereits bei Gaddis in Die Fälschung der Welt, schließlich bei Pynchon und ähnlichen Autoren. Das war der Beginn der literarischen Postmoderne, die die Substanzen in Erscheinungen aufgelöst hat und der es darum so schwerfällt, moralische Aussagen zu formulieren. Ganz modern wurde die Darstellung der Persönlichkeit zu einem Element der Werbung: personality ist gefragt, und zwar als Label. Sehr schön, sehr bitter zu beobachten bei Esterhazy, dessen harmonia caelestis fast nur von Kritikern bejubelt wurde, die den Aristokraten auf seinen verlorenen Schlössern besuchen durften und dort dann interviewten. Wie sie sich (fast) alle drum rissen, vom überkommenen Aristokratenkuchen zu naschen! Ein echter „autonomer“ Kleinbürgerreflex. Daß Esterhazy in Wirklichkeit – nach der leninistischen Enteignung ja sowieso – in einer kleinen Wohnung lebt, spielte überhaupt keine Rolle, und eine tatsächlich literarische Auseinandersetzung mit dem Werk fand nur als Nebenerscheinung statt. In Zeiten, da das Ich objektiv zerfällt, wird es – wie ein Automotor, der kurz vor dem Kollaps noch einmal so richtig aufdreht – allüberall beschworen und schließlich zu einem Fetisch, dessen Tabucharakter seine Hohlheit verdeckt.

Diese Hohlheit sollen nun die Prozesse verdecken, wofür ihnen beispringt, daß das normative Recht selbstverständlich nicht auf der Höhe der Zeit sein kann; seine Grundlagen sind notwendigerweise so gestrig wie die Persönlichkeit: Was längst schon Preisschild wurde, nimmt das Recht noch lange danach für Substanz.

[Poetologie]

ERSTER NACHSATZ
In drei Monaten acht Kilogramm abgenommen; das ist für einen, der so gut wie kein Fett, sondern Muskeln am Leibe hatte, wohl durchaus eine Leistung. Manchmal denke ich: Ich habe für den Notfall trainiert, so, wie ein Bär sich die wärmende Schicht für den langen Winter anfrißt.
Ulkiger Gedanke.

ZWEITER NACHSATZ
Gedanke, bzw. Frage meines Mitbewohners eben: Hat es eigentlich je einen Mann gegeben, der gegen ein Werk der Kunst vorging? Nehmen Frauen Sachverhalte anders wahr? Mir fällt dazu Camille Paglia, die mehr als beachtliche, ein: Der männliche und der weibliche Striptease unterschieden sich dadurch, daß die Frau immer eine letzte Verborgenheit mit sich nehme. Das stimmt sogar dort, wo die Tänzerin (oder Pornodarstellerin) sich aufs Weiteste öffnet: Hinter den Gebärmutterhals reicht nichts. Versuche, darüber hinauszugehen, also da hindurchzukommen – ja, das gibt es, etwa im Netz -, haben eine peinigende Komik, die an (männliche) Verzweiflung grenzt.
Übrigens tendieren Frauen meiner Beobachtung nach dazu, sexuelle Vorgänge zu metaphorisieren, und zwar ohne notwendigerweise kitschig zu werden wie ein Mann, der es tut. Ihm bleibt nur der gerichtete, „direkte“ Blick. Auch das hat Paglia formuliert in ihrer Anrufung des Apollinischen, das sie als Kulturleistung gegen das …. nein, nicht Dionysische, sondern Chthonische stellt.

Darüber weiter nachdenken.

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