Arbeitsnotat. Argo. Anderswelt. (136).

[Ives, Zweite Sinfonie.]

Einige Zeit mit „Spurenlegen nach vorne“ verbracht, um der Bekanntschaft Brogliers mit Kignčrs ein Fundament zu legen: Nun sind die beiden nicht nur über den Verlust ihrer Frauen miteinander verbunden, sondern das wird ihnen aufgrund einer Gemeinsamkeit bewußt, die ich bislang noch gar nicht angelegt hatte, in diesem Fall über Ungaretti, den Kignčrs so oft für sich liest; das aber hatte Dorata Spinnen nach ihrer schweren Erkrankung bis zu ihrem Ende ebenfalls getan.
Wer in der Prosa engmaschig arbeiten möchte, kommt auch nach Fertigstellung der Roh-, und sogar Ersten Fassung um ein solches, oft tagelanges Spurenlegen nicht herum. In sehr umfangreichen Romanen ist das sowieso nötig, damit die einzelnen Szenen nicht auseinanderfallen, sondern leitmotivisch miteinander verklammert sind. Ist ein Signal deutlich genug, dann vermag seine Leuchtkraft durchaus 100 Buchseiten oder mehr zu überspannen, ohne daß später – bei Wiederaufnahme des Erzählstranges oder scheinbar plötzlicher Zusammenführung mit einem gänzlich neuen – redundant wiederholt werden muß. Zugleich bedürfen solche Signale des Fingerspitzengefühls, sie müssen vornehm gesetzt sein, will man nicht, daß bei sensitiven Lesern – die Nietzsche „feinere Charactere“ genannt hat – der Eindruck entsteht, den Adorno an Wagners Leitmotivik so boshaft rügte: man habe das Gefühl, ständig am Ärmel gezupft zu werden.
Ich verwende hier ganz bewußt musikalische Vergleiche, weil ich von Kompositionstechniken weitaus mehr geprägt bin als von irgend einer grammatisch und/oder semantisch orientierten Literatur-Ästhetik. Der Begriff der Modulation (also der Kunst des Übergangs von einer Tonart in eine andere, oft entfernte) spielt in den gebräuchlichen Poetologien bislang eigentlich gar keine Rolle, wenngleich nicht wenige große Autoren sehr wohl zu modulieren w u ß t e n.* Aber was s i n d, analog gedacht, ‚Tonarten’ in der Dichtung? Man spürt sie durchaus, aber woran lassen sie sich definieren? Das ist eine Handwerksfrage, die mich immer wieder beschäftigt.

[Poetologie.]

[*) Über jemanden, der die Kunst der poetischen Modulation exquisit beherrscht, werde ich morgen einen kleinen Beitrag auf die fiktionäre Website stellen: >>>> Wolfgang Held, Geschichte der abgeschnittenen Hand.]

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