Donnerstag, der 9. März 2006.

5.55 Uhr:
[Händel, Orlando.]
Eben erst auf, also abermals etwas mehr als eine Stunde zu spät; aber das ist nicht schlimm, da die Arbeit ja läuft. Auch ist das Gespräch gestern abend nach der Oper die Verspätung wert. Meine Begleiterin und ich waren noch „auf ein Bier“ in einer sog. Alt-Berliner Kneipe eingekehrt, aus dem einen Bier wurden dann drei. „Und die Frauen?“ fragte die junge Dame, nachdem ich etwas über meine Arbeit erzählt hatte. „Wie ergeht es ihnen mit denen?“ „Na ja, es sind, wenn ich will, immer welche um mich. Aber ich kann mich nicht verlieren… (welch interessanter Verschreiber, ‚verlieben’ hab ich natürlich gesagt!)“ Darauf sie: „Sie machen sich etwas vor. Sie w o l l e n sich nicht verlieben. Eine Partnerin kostet Zeit, und die wollen Sie nicht aufbringen, weil es Ihre Arbeit einschränken würde.“ Selbstverständlich hab ich widersprochen, aber jetzt, so morgens, den Händel im Ohr, den Ratz auf mir rumkletternd und den latte macchiato neben sowie ARGO und VERBEEN vor mir, kommt mir der Gedanke, es könne zumindest ein w e n i g daransein. Sogar fügte die junge Dame noch hinzu: „Eigentlich ist das doch praktisch für Sie mit Ihrer ewigen Liebe zu der Einen. Sie bewahren sich das Gefühl, und können dennoch ohne jede Einschränkung an Ihrem Werk arbeiten.“ Das sagte sie ganz ohne jedenfalls merklichen Spott, sondern aus einer eigenartigen, sanft-eindrucksvollen Sicherheit heraus.
Wir trennten uns nach 24 Uhr. Ich hatte noch sieben Euro insgesamt, „ich kann Sie aber nicht einladen“, mußte ich ihr nach der Oper sagen. Vor noch einem Jahr wäre mir sowas nicht über die Lippen gekommen, sondern ich hätte mir vorher irgendwo was gepumpt. Nun zahlte jeder zwei Bier für sich, die beiden dritten übernahm s i e. Sie hätte gern noch weitergesprochen und zwei vierte geordert, aber da schlug bei mir denn doch das Arbeitsgewissen durch und zog mich aufs Fahrrad.
Über die Inszenierung, die mir ausgesprochen gefallen hat, aus logischen und vor allem politischen Gründen, schreib ich für Opernnetz nachher, wenn der heutige ARGO-Part erledigt ist; ich mag Ihnen hier nichts vorwegnehmen.

9.58 Uhr:
[Immer noch, also wieder, Händels Orlando.]
Bis eben an ARGO geschrieben, um drei Seiten und eine wichtige Idee weitergekommen. Zwischendurch ein etwas ärgerlicher Briefwechsel mit der >>>> Villa Concordia in Bamberg. Es geht dabei um meine Anreise im April. Der Jahresaufenthalt ist eigentlich ab Anfang April vorgesehen; aus (einsichtigen) hausinternen Gründen kann sie jedoch erst zum 10.4. erfolgen, am 11. 4. soll dann der erste jour fixe mit allen Stipendiaten sein. Nun hab ich für den 11. aber hier >>>> in der Kulturbrauerei eine Lesung bekommen, die ich schon aus Kostengründen annehmen mußte. Da zudem ab dem 14. bereits das Osterwochenende ist, das ich mit meinem Jungen verbringen will, dessen Mama Karfreitag bis Ostersonntag obendrein arbeiten muß, will ich nun erst zum 18. nach Bamberg reisen. Eine Mail von dort will mich nun aber verpflichten, zu einer „persönlichen Einführung“ schon am 12. zu kommen. Das wäre allein aus Kostengründen Unfug, da ich wegen des Jungen ja bereits am 13. wieder abreisen müßte.
Ich habe eben entsprechend zurückgeschrieben. Jedenfalls braut sich dort schon etwas zusammen. Ich hab das deutliche Gefühl, daß man mich bestimmen will; auf so etwas reagiere ich grundsätzlich ungehalten. Bereits auf meine Idee, ich wolle in Bamberg eine Antrittslesung geben (um die ich mich selber kümmern wollte), wurde ablehnend, ja sanktionierend reagiert: In Bamberg seien zwei Lesungen ein- und desselben Autors erfahrungsgemäß zuviel; wenn ich also eine eigene Lesung organisierte, werde man mich bei der traditionellen Herbst-Veranstaltung des Hauses nicht mehr berücksichtigen. Das war überaus deutlich und hat a u c h schon bei mir für eine kleine Verstimmung gesorgt. Na ja, gugge mer ma’.

21.55 Uhr:
[Bloch, Cello-Suiten.]
>>>> June ist zurück; wir führen ein Gespräch nebenbei, während sie sich immer wieder im Bad pflegt und ich begonnen habe, Lunar Park von Brett Easton Ellis zu lesen, das ich für http://literaturkritik.de rezensieren soll – und auf den ersten Seiten von dem ganze Schickimicki- und Pop-Gedöns schrecklich angeödet bin, bis ich begreife, daß hier ein besonderer Trick vorliegt: Ellis macht sich selbst zur Figur, steigt darüber nämlich in die Geschichte ein und kann, das jetzt mein Verdacht, nunmehr berechtigt in seiner Yuppie-Szenerie verbleiben. Mal sehen, wie das weitergeht. Dann, plötzlich, der Impuls, dieses hier ins Tagebuch zu schreiben. Dabei trinke ich einen Wein, den Eisenhauer bei mir vergaß und den ich ihm irgendwie ersetzen will. Vorhin kam ein nächster Impuls dazu: nämlich das Rauchen wieder aufzugeben, weil ich einen widerwärtigen Hustenanfall hatte. Außerdem hatte ich gestern das Gefühl, daß meine Hände stinken; nach Nikotin. Durchgehalten hab ich den impulsiven Entschluß aber nicht. Dabei hat mich ein GrippeAnfall auf der Hinterhand erwischt, ich blöke und schnupfe und ziehe die Nase hoch wie ein Schwein. Obendrein hab ich jetzt bloß noch 40 Cents im Portomonnaie und werde morgen wieder irgendwie tricksen müssen. Ah, June ist aus dem Bad zurück und meldet sich… – nein, meldet sich a b, weil, wie ich gerade lese, sich eine Freundin zu Besuch angemeldet hat, die ihr Herz ausschütten möchte. So kann ich denn den Ellis weiterlesen.
VERBEEN liegt in Erster Fassung bereits durchkorrigiert neben mir, es ist ganz gewiß viel zu lang, zumal das Interview mit Markwart (Verbeens literarischem Nachlaßverwalter in Zürich) ja nur aufgrund unserer Telefonate skizziert worden ist ; morgen geht dennoch das Typoskript an die Freunde und den SWR-Redakteur zur ersten Kritik hinaus, außerdem an Markwart selbst, für das endgültige Interview. Er kann dann schon mal seine Einwände geltend machen. Besser vorher als später, wenn produziert wird.

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