Brett Easton Ellis. Lunar Park (1). (Literaturkritik.de).

Lieber Herr Süselbeck,


bitte seien Sie mir nicht gram, aber ich möchte „Lunar Park“ nicht besprechen. Ich habe jetzt 100 Seiten gelesen und merke, daß Ellis ein geschickter, auch pfifiger Autor ist, der spannend erzählen kann usw. ABER: Dieses ganze Setting von Schickimicki, Popgemotze und Weltschmerzigkeiten bei Millioneneinkommen, dieses Gekokse, Geschniefe, seelenlose Gevögel, die öden Parties, deren Kosten ganze Dörfer der sog. Dritten Welt jahrelang die Existenz sichern könnten – all das, was seine eigene Sinnleere zwar bedauert und drunter leidet, aber eben halt d o c h wieder zur Grundschablone einer Erzählung macht, kotzt mich einfach nur an. Ich empfinde ein solches ‚Leid‘ als ausgesprochen erheuchelt: „Ich will aus diesem Leben hinaus“, versichert mir dauernd der negative Held – zugleich wird aber eben dieses Leben abermals zum Motor des Erzählten. Das ist einfach nicht mein Ding, und ich will die Lektüre abbrechen. Sie macht mich obendrein depressiv, was zu einem Teil sicher an meiner eigenen katastrophalen ökonomischen Situation liegt. Vielleicht ist meine Perspektive also sehr ungerecht; für einen Verriß wäre das zum einen keine diskutable Basis, zum anderen schreibt Ellis für einen Verriß auch zu gut. Sein Handwerk ist besser als das vieler anderer.

Hinzu kommt noch etwas weiteres Persönliches: Verrisse ich das Buch, würde schnell gesagt, ich hielte mich indirekt dafür schadlos, daß mich Olaf Petersenn von Kiepenheuer & Witsch mit ARGO. ANDERSWELT abgelehnt hat. So etwas mag ich mir nicht nachsagen lassen.

Also haben Sie bitte Verständnis.

Ich grüße Sie

ANH

P.S.: Tatsächlich finde ich etwa deLillo, der ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, hinreißend.

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5 Kommentare zu Brett Easton Ellis. Lunar Park (1). (Literaturkritik.de).

  1. TheSource sagt:

    Spannenderweise sind wir ja häufig nicht einer Meinung. In obigem Falle aber schon bis hin zur Anerkennung eines wirklich guten Handwerks. Zweifelhaftes Surrogat ersetzt jedoch schwerlich Tragödie und die neo-liberalistische Ausstattung der Protagonistencharaktere kommt nicht einmal an einen glaubwürdigen Hedonismus heran, der gäbe wenigstens mehr her beim Lesen als diese seltsame, schale Öde. Was tatsächlich wenig mit dem Stil des Buches zu tun hat, dafür aber umso mehr mit dem Gefüge der Story.

  2. hweblog sagt:

    Jaja, das Heuchlertum all dieser Yuppie-Autoren und Lektoren. Ich würd ja zu und zu gern mal wissen, ob die wissen, wie es sich anfühlt, wochenlang 14 Stunden pro Tag, die Pausen abgerechnet, am PC zu sitzen und um jede Formulierung und jedes Satzzeichen zu ringen, der Sprache zuliebe, ohne Aussicht auf nur 1 Cent Haben aufm Konto, ohne Aussicht auf nur 3 Tage Erholung abseits vom Schreibtisch, aber mit so’m Scheiß wie der Arbeitsagentur im Nacken.

    Und das Handwerk von Bret Easton Ellis? Ach! dahinter steckt vielleicht auch bloß so’n Malocher wie ich …

    • TheSource sagt:

      Die Idee ist nicht abwegig, aber vielleicht doch ein wenig zu bitter argumentiert. Das Handwerk von Ellis einem Ghostwriter zu verdanken? Vielleicht einfach nur einem guten Lektor.
      In jedem Falle aber berechtigt, Ihre Anmerkungen. Wenngleich: Aus aus Fülle lässt sich edel Handwerk schaffen, nicht nur aus dem Ringen.

    • hweblog sagt:

      Das Ringen und die Fülle widersprechen einander nicht; denn: je größer die Fülle, um so größer die Notwendigkeit, ihr durch das Ringen Form zu geben.

      Und, hihi! ein Lektor kann unversehens zum Ghostwriter werden; habs schon mehrfach erlebt. Der ‚Autor‘ liefert den Stoff, der ‚Lektor‘ die Form; und das wars. Gehalt? Phh! Der’ss ja schon lange der Unterhaltung gewichen …

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