Journalisten. Oder. Die neue Liebe zur Recherche. Heute: Claudia Aigner, Wien. [Romanfiguren versteigern. (10).]

1.
sehr geehrter hr. herbst!
der beigefügte Text >>>> <% file name="2006-02-27-portraet-EAR-fuer-die-WZ" %> basiert auf einem gespräch mit hrn. richter, das ich mit ihm am 25.2.2006 geführt habe.
mit freundlichen grüßen
claudia aigner

2.
Das ist sehr hübsch. Und Ihre Vorschläge werd ich unterm Gaumen wenden. Lacht. Ah so, konnten Sie nicht wissen: Der erste (logisch,unveröffentlichte) Roman, den ich je schrieb, da war ich 15, hieß: „Judex“. Nö, das ist k e i n e Erfindung.
Unbekannterweise herzlich
ANH

3.

Wien, am Donnerstag, den 23. März 2006

Sehr geehrter Hr. Herbst!
Vorausschicken möchte ich, daß ich (außer dem monatlichen Porträt) für die Wiener Zeitung wöchentlich zwei Glossen schreibe: Denkfalten; und Kunstsinnig. Aus diesem Grund wäre es naheliegend, wenn das EAR-Porträt darin ab und zu eine kleine Fortsetzung erfahren könnte.

Wie Sie dem Porträt entnehmen konnten, hatte ich meine Zweifel an den technischen Möglichkeiten, EAR als Figur in diesem fortgeschrittenen ARGO-Stadium einzubauen: „Soll da in einem komplett ausgebuchten Roman, 600 Seiten nachdem er abgelegt hat, noch gschwind ein Fahrgast in die Passagierliste hineingestopft werden?“
Dazu muß ich noch anmerken, daß in mir, als ich vom Ergebnis der ebay-Aktion erfahren habe, der Verdacht aufgetaucht ist, Sie würden darüber enttäuscht sein. Dazu gäbe mindestens zwei Gründe 1. die niedrige Summe; 2. die Tatsache, daß es sich beim Ersteigerer um einen Kollegen handelt. Ich weiß natürlich nicht, was Sie sich tatsächlich erwartet hatten – einen echten Bülcha (=Gauner), einen Owezahra (=Nichtstuer), einen Owagscheidn (besonders Gescheiten) oder einen Dauermäzen?

Ich möchte an meinen Satz: „Anscheinend tut sich im Moment also gar nix“ eine Frage anschließen: Warum haben Sie denn nicht die ersten Wochen des Kontakts genützt, um mehr über EAR zu erfahren, also um aktiv die Möglichkeiten zu erforschen, an dieser realen Person für Ihre „liebevoll“ zu gestaltende neue Figur Maß zu nehmen? (Nicht umsonst habe ich: der „Extra-Argonautische“ geschrieben – ich denke, daß Ihnen die Doppeldeutigkeit nicht entgangen ist.)

Leider kennt EAR die Matrix-Trilogie nicht. Bei mir haben jedenfalls die Glocken geklingelt, als ich einige Ihrer ARGO-Fragmente gelesen habe. Entspringen die Anleihen der Be-Geisterung oder nur dem Kalkül? Kennen Sie Matrix III?

Ich hoffe, ich bin Ihnen mit meinen Fragen nicht nahegetreten und verbleibe mit den besten Grüßen
Claudia Aigner
PS: „unterm Gaumen wenden“??

4.
Sehr geehrte Frau Aigner,

kurz zu einigen Ihrer Fragen:

1) Als ich THETIS. ANDERSWELT schrieb (1993-1998, erschienen 1998), den ersten Band der Trilogie und seinerseits Fortsetzung des sich schon ebenfalls mit dem Simulativen beschäftigenden WOLPERTINGER ODER DAS BLAU (1993 erschienen, geschrieben seit 1983), war an The Matrix noch nicht zu denken; ich war also e h e r, und zwar erheblich. Aber darauf kommt es nicht an. Denn The Matrix, alle d r e i Filme (selbstverständlich kenne ich sie), arbeitet letztendlich mit einwertiger, also dualistischer Logik – etwa durch Restitution einer eineindeutigen Erlöserfigur, sozusagen einen mythisch-heroisch-kämpferischen Christus. Das ist völlig antimatrisch und versteht die Bewegung nicht, wie ich sie in meinen Notaten zu einer ‚MöglichkeitenPoetik‘ derzeit skizziere – und s o l l sie wohl auch gar nicht verstehen. Dennoch ist The Matrix für mich ein vor allem technisch interessanter Film, der allerdings von Cronenbergs eXistenCe um Längen ästhetisch übertroffen wird – der nämlich auf so etwas wie Erlösung verzichtet und auch seine Figuren, ovidsch-metamorphotisch, Wandlungen unterzieht. Will sagen: In der Psychologie ist The Matrix reiner Straßberg, bzw. schillersch-humanistisch gedacht, mit einiger mythischer Garnierung. Interessanter sind da die Ideen William Gibsons, auch sehr viel früher entstanden, wenn eben auch leider nicht auf hochlitarischem Formniveau. Soweit dazu. Ich habe in Den Dschungeln über The Matrix publiziert, über die Search-Funktion werden Sie das leicht finden.

2.
Woher nehmen Sie Ihre Behauptung, ich hätte die „Monate“ nicht „genützt“? (Sie sind Utilitaristin; ein bißchen komisch, oder? Geht es um einen Wettbewerb in Privatfunk oder BoulevardPresse, was sich da in Ihrem Kopf kräuselt?) Ich werde dazu also nichts sagen, was nicht schon EAR gesagt und vielleicht auch, weil er von Witz ist, Ihnen vorgeflunkert hat. Warten Sie doch das Ergebnis ab, Sie werden dann früh genug sehen.

3.
Ich habe mir g a r nichts erwartet, sondern ein Spiel gespielt, zu dem ich mich ebenfalls oft genug in Der Dschungel geäußert habe. Das läßt sich nachlesen. Und als Journalistin oder angehende Journalistin – übrigens auch als Wissenschaftlerin – ist, ein wenig sich in Recherche zu üben, in den allerseltensten Fällen von Nachteil.

Seien Sie nicht gram über meinen leicht angeödeten Spott, – aber wenn Sie ein ernsthaftes Gespräch führen wollen oder ernsthafte Fragen haben, über denen nicht gleich der Schatten des mainstreamigen Vorurteils hängt, dann stellen Sie sie auf angemessenem Niveau.

Ich behalte mir vor, diesen unseren kurzen Briefwechsel zu veröffentlichen.
Es grüßt
ANH
P.S.: Unterm Gaumen des Geistes. Gewiß.






Sowie an EA Richter:





5a.
Lieber EAR,
ich vergaß, Ihnen vor dem CC meiner Antwort an Aigner auch ihren absurden, uninformierten und außerdem schlecht formulierten Brief zu schicken, der sie erfordert hat. Hier ist er.
Herzlich
Ihr
ANH
P.S.: Krieg ich noch eine Antwort, ob ein literarisches Kind Ihnen genehm ist? Lacht.

5b.
Ich vergaß: Was mich an Aigners Brief vor allem ärgerte, war die aus dem ersten Absatz hervorgehende Vermutung, man könne mich korrumpieren – durch Aussicht auf ein Portrait in der Wiener Zeitung. Erstens, was für ein lachhaftes Angebot, zweitens: sowieso. Die Frau scheint trotz ihrer Dschungel-Lektüre nicht zu begreifen, daß ich nicht korrumpierbar b i n und daß mir solch ein Artikel kreuzwurscht ist. Wenn sie ihn schreiben will, soll sie es tun – aber weil s i e überzeugt ist. Dann, und n u r dann, freute ich mich darüber. Und dann auch vollen Herzens.
Sagen Sie mal, hat man in Wien ganz auf den Karl Kraus vergessen?
Ihr
ANH

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