Sherlock Holmes.

Hält sich, der typische Hochbegabte, nicht an soziale Usancen. Nirgendwo wird das deutlicher als >>>> in den Granada-TV-Verfilmungen mit dem kongenialen Jeremy Brett. Wie der Mann da ausflippt, welche Ausbrüche er hat, wenn es nichts zu denken gibt, wie er sich den Leerlauf durch selbstgespritzte Kokaingaben erträglich machen muß – nicht um besser denken zu können oder weniger schlafen zu müssen, nicht um das Selbstbewußtsein aufzupuschen, wie das bei gewöhnlichen Koksern der Fall ist – also nicht aus Mangel an Begabung -, sondern des Übermaßes wegen, das eben in diesen Zeiten nichts zu kauen bekommt: all dieses zeigt gleichfalls an, daß Holmes ein sekundäres Genie ist, ein reproduzierender Künstler. Dem primären widerführe solcher Leerlauf nicht: Der nämlich e r s c h a f f t seine Gegenstände. Holmes hingegen bedarf der bereits geschriebenen Musik. Wäre er – bei seinem „Sujet“ – primär genial gewesen, er hätte seine Fälle e r z e u g t und wäre deshalb – Verbrecher geworden. Der ihm nun die Partituren erst vorlegen muß, an deren Interpretation sich seine Meisterschaft erweist.

(CCCLXXXXI).

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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6 Antworten zu Sherlock Holmes.

  1. jethro sagt:

    primar-sekundär Sieht man es so streng wie Martin Pätzold, dürfte selbst Homer nur schwerlich als primäres Genie durchgehen, obwohl wir ihn an den Beginn der abendländischen Dichtung setzen: Aber was hat er getan (so es ihn als Person gegeben hat): Mythen und Volksdichtung der Rhapsoden zusammengetragen, die wahrscheinlich jahrhundertelang mit ihren Gesängen von Königshof zu Königshof gezogen sind. Also Vorhandenes „geknetet“. Ja, aber wie! Daß etwas ganz Eigenständiges daraus wurde.

    Heute hat man dafür den etwas lächerlichen Begriff „Originalgenie“…

  2. china-blue sagt:

    der berufsstatus unter dem künstlergesichtspunkt? es wird die bäckerinnung sicher sehr freuen,das sich dann jeder der eine neue rezeptur und eine nie da gewesene gestaltung demnächst als primärkünstler feiern darf.
    was sagt uns denn die schubladenkiste über die qualität von kunst?

    • Es sind N ä h e r u n g e n, china-blue. (Weiters zu Sherlock Holmes). Es sind Versuche, ein Thema (mehrere Themen) von sehr verschiedenen Perspektiven aus zu betrachten zu wenden irgendwie zu fassen. So etwas ergibt selbstverständlich immer bedingte Aussagen, die etwas >>>> Flirrendes Fließendes haben und untereinander in einer, glaube ich, nicht-systematisierbaren Beziehung stehen. Denn die Erscheinung der behandelten Themen, ihr Inhalt: das Konkrete, ist selber nicht fest, sondern unterliegt der Wandlung. Von Aussagen, die für jede Hinsicht stimmen, denke ich, daß sie nicht wahr sind, sondern verdinglichen (ökonomisch: zur handelbaren Ware machen). Demzufolge entspricht auch Die Dschungel keiner Systematik, sie will sie auch gar nicht, sondern es geht vielmehr um ein nicht-stabiles Gefüge von wechselwirkenden Phänomenen.

      Was die Bäckerinnung anbelangt, so möge der Hinweis auf den Unterschied von Kunst und Kunsthandwerk genügen. {Es gehört zur Eigenart Der Dschungel, auch ganz offenbar polemische Äußerungen für ernstgemeinte zu nehmen: Insofern kann ich hier keinerlei Schublade sehen. Die baut vielmehr I h r Kopf gerade zusammen. Obwohl gar kein Tisch da ist, in den man sie hineinschieben könnte. Aber Sie müssen bloß „Beruf“, wie i c h das tue, immer auf „Berufung“ zurückführen, um auch dem Bäcker sein Recht zukommen zu lassen. Ein in diesem Sinn verstandener Beruf ist immer mit Leidenschaft verknüpft – man will i h n und keinen anderen -; insofern könnte es freilich s e i n, daß ein Bäcker Kunst gestaltet – nicht aber die Innung. Immerhin sprach ich anfangs nicht von „d e n Detektiven“, sondern von einem sehr speziellen Detektiv. Genau d a s – daß er so konstituiert ist – hat i h n, nicht etwa (den literarästhetisch viel überzeugenderen) Dupin zum Prototypen gemacht und Conan Doyle’s Kriminalerzählungen prototypisch zu Weltliteratur: sie stehen für eine ganze A r t, zu der etwa der große Poe nur Beiträge geliefert hat: Exempel.}

  3. jethro sagt:

    Qualität von Kunst … dann gäbe es Kunst größerer Qualität und kleinerer Qualität. Ist beim „Zauberberg“ aufgrund vielleicht längerer handwerklicher Erfahrung die Qualität höher als bei den „Buddenbrooks“? Wie bemißt sich die Größe der Kunst? Und was will man – gesetzt es gäbe ein solches – mit diesem Maß anfangen?

    Gerade das zeichnet ja ein Kunstwerk aus: seine qualitative Eigenständigkeit. Woher die Zutaten kommen (um mal als Bäcker zu reden), ist wurscht. Oder ist der „Ulysses“ nur Sekundärkunst, weil er mit der „Primärkunst“ (die ja auch keine ist) von Homer spielt?

    • china-blue sagt:

      genau… ich dachte immer qualität wäre qualität,beinhaltet das wort nicht den wert an sich?aber natürlich gibt es auch mindere qualität…worauf ich nur hinauswollte,ist …diese abstufungen haben immer etwas hierarchisches,konkurrierendes…und natürlich kann man künstler unterscheiden,nämlich auch noch ,ob es sich um erfolgreiche künstler in b-qualität handelt oder mittelmässig erfolgreiche in a-qualität…aber geht es denn darum?es ist für das objekt der kunst im eigentlichen nicht massgeblich oder bereichernd von welcher art künstler es geschaffen wurde,denn es steht in seiner qualtät doch für sich..jedenfalls künstlerisch gesehen…monetär gelten da ganz andere regeln..insofern befremden mich solche gedanken schon…da gerade oft künstler,die sich selbst so nennen,andere genau dort diskriminieren..da fällt mir ein anderer vergleich zu ein…es gibt einen unterschied,ob sich jemand selbst künstler oder maler,schriftsteller ,bildhauer nennt…interessanterweise sieht man den dann wirklich in der qualität..dagegen empfinden aussenstehende den bildhauer usw. als künstler spricht das für seine arbeit…denn um künstler zu sein,bedarf es einer erkenntlichen arbeit …
      trotzdem fand ich das bild sherlock holmes betreffend schön,nur bei mir drängt er sich gedanklich als meister seines faches(als figur)auf…
      diese unterscheidung zwischen kunst und kunsthandwerk finde ich auch immer wieder interessant,nur ich würde ihn eher als gewichtung benennen,denn auch als künstler sollte man sein „handwerk“ können(materialkunde,techniken)erst was dann wirklich entsteht,gibt den unterschied….
      niemand weiss,was sekundär oder primärkunst ist,denn auch wenn ich meine, primärkunst geschaffen zu haben,weiss ich nicht ,ob nicht irgendwo oder irgendwann jemand das gleiche schon ausgedrückt hat…

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