Freitag, der 23. Juni 2006. Bamberg – Berlin – Jena – Rattelsdorf – Bamberg.

5.36 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
In einer Stunde muß ich los. Will vorher noch etwas Ordnung schaffen hier, der Schreibtisch ist völlig verascht, und auch sonst sieht’s bei mir wie bei Hempels unterm Sofa aus. >>>> Titania Carthaga will ja kommen; ich werde den Kleinen aus Berlin abholen, dann gleich mit ihm zum Zug, in Jena aus- und in Titanias Wagen umsteigen, und dann fahren wir gemeinsam zu der >>>> Kunstmühle Mürsbach weiter, wohin wir Concordia-Stipendiaten, die ich von nun an Concordisten nennen will, für heute abend geladen sind. Es wäre Unfug, erst direkt nach Bamberg mit dem Zug zu fahren, auf Titanias Ankunft zu warten und dann von hieraus zu starten.

Bin spätabends dann noch in die Depression gerutscht, die übliche, kann man sagen, libidinöse Trauer, die immerhin kurzfristig starke Wut wurde, was ein Zeichen von Leben ist. Wenn ich auch >>>> June gegenüber diese Trauer bis zum „ich mag nicht mehr“ hochsteigerte. Es ist so eine Mischung aus Hilflosigkeit und Ekel, die mich da am Wickel hatte und latent immer noch etwas im Griff hat. Vielleicht krieg ich genau darüber noch ein Gedicht hin: Wie Sehnsucht in Verachtung kippt. Wär ein netter Schlenker am Ende des >>>> Lyrikbändchens. Ich finde es entehrend, als Lockmittel für einen anderen herzuhalten; allerdings habe ich, als ich von dem Parfum abfüllte und es versandte, mir den Unrat selbst in die Suppe gebröckelt. Ich habe halt nicht geglaubt, daß solch ein Stilbruch möglich ist – schon gar nicht einer aus Kalkül. Dieses vergeß ich bei Frauen immer. In allem, was sie tun, sind sie letzten Grundes Strateginnen und niemals vollauf eigentlich. Das freilich auf je verschiedenem Niveau. „Können Sie das nicht verstehen, Alban?“ fragte mich June gestern nacht. Und ich hab gesagt: „Nein.“ Wobei mir jetzt auffällt, daß das keine Frage des Verstehens ist, sondern eine des Gefühls. (Liebte sie jemanden anderes, dann wär das was völlig anderes, übrigens. Dann hätt ich mich längst zurückgezogen und sicher nicht mein Parfum geschickt. Aber das wird ja gerade bestritten.) Sich einzulassen also. Sich nicht einzulassen. Ich möchte so gern diese Verachtung wieder loswerden, möchte nicht zynisch werden. Und ich möchte nicht meine Lebenslust verlieren, dieses vorbehaltlose Ja zum Dasein. Meinen Glauben an die Wahrheit des Momentes, wenn etwas d a ist, völlig fraglos, und wenn man dann zufassen muß, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich will keine Vorbehalte bekommen. Mit anderen Worten, ich will nicht das werden, was die bürgerliche Entfremdetheit s o nennt: vernünftig.
Draußen singen Vögel, ein gedrücktes Schmettern unter einem tiefen Himmel, hinter dem die Sonne spielt, der sie aber abhält, so daß er es hat kühl werden lassen.

8.28 Uhr:
[ICE Bamberg-Berlin.]
In einem Anfall trotziger Lebenswut >>>> mein Credo geschrieben.

9.47 Uhr:
[ICE-Halt Leipzig. Pettersson, Siebte Sinfonie.]
Voll wird’s grad. Wahrscheinlich gibt s heute wieder ein Fußballspiel in Berlin. Ich schau konzentriert auf den Laptop, so setzt man sich zwar mir gegenüber, nicht aber neben mich, und ich kann die Arbeitsmaterialien liegenlassen, die ausgedruckten Gedichte, das an den Computer angeschlossene Mobilchen, die kleinen Zigarren, die Zigaretten, und mein geöffnetes Arbeitsrucksäckchen auf dem Nebensitz.

Bin in ARGO gefallen, diese Musik hat mich hineinfallen lassen, bin selbst halb in Trance und tippe an den letzten Sätzen des vierten Teils, der das Buch eigentlich abschließt. Vielleicht noch zwanzig/dreißig Zeilen, vielleicht fünfzig, dann war’s das. Denn der fünfte Teil wird ja nur noch Fantasie sein, rhapsodisch, denk ich mir: ein homersches Fließen Zerfließen von nicht mehr als allenfalls zehn/fünfzehn Seiten. Die Auflösung. Ich brauch jetzt einen weiten weiten Ton.

10.51 Uhr:
[ICE kurz vor Berlin Südkreuz. Pettersson, Achte Sinfonie.]
Soeben den letzten Satz an roh ARGO, IV, geschrieben. Er ist unvollständig und leitet in den Titel des Nachspiels über: taucht’ in die Woge des Meers (Homer, Odyssee). Und die Sinfonie geht zuende, und ich muß zusammenpacken.

12.06 Uhr:
[Berlin, Kinderwohnung.]
Bin kurz am Küchentisch, nur um Die Dschungel nachzutragen. Und schieße jetzt sofort los, meinen Jungen holen. Um 13.53 geht’s ab Hauptbahnhof wieder zurück. Stimmung ist besser, durchs Arbeiten und sowieso, wenn mein Sohn kommt.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.