Arbeitsjournal. Mittwoch, der 25. Oktober 2006.

9.23 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Mit dickem Kopf erst um halb neun aufgestanden. Die >>>> Lesung gestern war, denk ich, gut; es waren viele junge Leute da, später fragte Direktor Goldmann: „Wo kamen die denn alle her? Ich hab die noch nie hier gesehen…“ Und die Co-Direktorin: „Die sind nur Ihretwegen gekommen, da bin ich sicher.“ Ich konnte dazu selbst nichts sagen. Es lag, nachdem die Vergana-Erzählung beendet war, eine deutliche Benommenheit im Raum, etwas Schweres war da in der Luft, etwas, das auch diese Erzählung bestimmt, etwas Unausweichliches, das über einen kommt, ohne daß man die Freiheit hätte, es abzuwehren; man ist sozusage a u fgerufen und gerufen. Und kann es nur hinnehmen. Oder, in Form von Kunst, Schönheit daraus machen. Etwas Schicksalhaftes ist es, mit dem ich ja tatsächlich, je älter ich werde, desto nachdrücklicher in der Dichtung beschäftigt bin. Nein nein, diese Lesung war gut. Dennoch bleibt ein Schmerz. Wie schon am San-Michele-Abend gab es von den Kollegen keinerlei Reaktion; Zschorsch verließ die Lesung sogar früher, sagte hinterher über sie kein Wort, und ich selbst sprach das dann a u c h nicht an. Aber deutlich ist spürbar, daß sich etwas zwischen uns geschlichen hat, auch zwischen die anderen und mich, eine neue Fremdheit – etwas, das, so spüre ich dringlich, mit meiner Arbeit, mit meinen Texten zu tun hat. Oberflächlich analysiert, hab ich den Eindruck, sie sind den anderen zu intensiv, sie lassen keinen Abstand zu. Denn an der formalen Gestaltung kann es nicht liegen, die ist zu perfekt. Aber vielleicht ist es gerade d a s, diese Perfektion, was die Kollegen (und, wie ich weiß, viele andere Leser ebenfalls) so reserviert werden läßt. Was ich dann aber wieder gar nicht verstehe; ich selbst bin ja jedesmal, wenn ich die Vergana vorgetragen habe, benommen, wie durchgekaut, wie durchgeschüttelt, und brauche dann immer ein wenig Zeit und wenigstens eine Zigarette, um mich wieder zurechtzurücken. Doch such ich solche Zustände a u f, ich brauche sie, will sie, sowohl in der Musik, g e r a d e in der Musik, als auch in der Dichtung. Ich w i l l angefaßt sein und von Kunst ver—rückt werden. Wie ich auch in der Liebe keine Distanz, sondern Besessenheit, Besetztheit will: Leidenschaft ist anders gar nicht praktikabel, es gibt keine h a l b e Leidenschaft, so wenig, wie keine Frau halbschwanger sein kann. In der Kunst und in der Liebe – deshalb sind beide verwandt und speisen sich beide wohl aus denselben Gründen – geht es um unbedingte Aufladung, um eine Exzessivität, die in den Rahmen einer scharfen Form gespannt ist und an diesem Rahmen ständig rüttelt, zieht, ihn ansengt. D a s, ist mein Eindruck, wird nicht verstanden… oder doch, verstanden sehr wohl… aber man scheut es.
So bleibt ein maues Gefühl von dem Abend zurück. Erst das Telefonat eben mit der Geliebten hat das wieder ausgleichen können. Ich bin nach derartigen Lesungs-Intensitäten immer ganz bloß, ganz nackt, tatsächlich wie hautlos. Vielleicht merkt man es mir nicht an; ich wirke ja offenbar immer arrogant. Dabei b r a u c h e ich es dann, daß mich jemand kurz auffängt, eine gute Bemerkung reicht, eine Berührung ist besser, ein kurzes in-den-Arm-Nehmen. Aber gestern abend standen die Kollegen dann, im KLOSTERBRÄU, auf und ließen mich sitzen – allerdings war Ulrich Bohnefeld noch da, der die Lesung mitgeschnitten hat -; ich sah auf meinen Teller, mochte auch nicht mehr weiteressen, außerdem machte die Gastwirtschaft zu. Hab dann noch länger in Skype mit Titania Carthaga gesprochen, ebenfalls über Kunst. Sie hat als Jungautorin in drei Wochen ihre erste Lesung und ist unsicher, sie hatte >>>> Ricarda Junges Roman „Kein fremdes Land“ – ein großartiges Buch – gelesen, nein verschlungen und war nun ihrerseits benommen. Typisch, daß dieses intensive Buch auch nicht von ungefähr den Erfolg hat wie Ricarda Junges vorhergegangenes, eher harmloses Erzähldebut „Silberfaden“. Darüber sprachen wir nun; ich formulierte dabei abermals meine Poetik der Intensität… aber „Aufladung“ – ein Begriff, der im Zusammenhang mit Allan Pettersson fiel – ist ein fast besseres Wort dafür. Jedenfalls leerte ich bei dem Gespräch am nächtlichen Schreibisch eine ganze Flasche Wein, was, nach dem Wein in der Sala terrena im Anschluß an die Lesung und nach dem Bier im KLOSTERBRÄU, meinen Kopfschmerzkater erklärt, der jetzt noch immer nicht ganz abgeklungen ist.
Ich will heute mit der Neunten Bamberger Elegie beginnen und nachmittags um vier schneiden Bohnefeld und ich aus dem Lesungsmitschnitt von gestern den O-Ton des Introitus’ heraus, den ich dann auf mp4 umformatieren und in das PETTERSSON-REQUIEM einmontieren werde, damit der hr die Endmischung des Stücks herstellen kann. Am 31. Oktober wird es um 21.30 Uhr von hr2 ausgestrahlt werden; ich stelle Ihnen an dem Tag aber noch einen eigenen Hinweis in Die Dschungel.
Gestern übrigens schnellten die Zugriffe wieder extrem in die Höhe, und Die Dschungel sind beim >>>> blogcounter wieder einmal unter den TOP100 gelandet. Was mich darin bestätigt, nicht nachzulassen in dieser meiner speziellen Form literarischer Netz-Ästhetik.

Buon giorno a tutti.

12.21 Uhr:
Der Kopfschmerz will heut nicht weggehn; leichte Übelkeit hat sich dazugetan. Deshalb verleg ich den Mittagsschlaf vor; vielleicht, daß es mir danach besser geht. Eben dachte ich, daß ich für meine Arbeiten gern einen neuen Begriff einführte, nämlich den eines tragödischen Bewußtseins. >>>> Solche Fragen beschäftigen mich sehr.

16.07 Uhr:
[Gluck, Paride ed Elena.]
Das war eine gute Idee: zu schlafen. Wie verweht ist seit dem Wiedererwachen der Kopfschmerz, und ohne den Schmerz will der Kopf sofort denken. Und denkt. Hab die neunte Elegie begonnen. Übers eigene mögliche Sterben. Hineingesurft in die Spätherbstsonne, die jenseits der Regnitz ein leuchtend buntes Gelaub in Pastellfärbungen filtert. Und immer wieder fällt mir auf, wie s c h n e l l dieser Fluß ist. Gestern sprach ich von der „Feldflasche Bamberg“, die ich für die Elegien mit nach Berlin heimnehme, um, wenn sie geleert ist, zurückkehren zu müssen, damit sie für die Arbeit an den Elegien neu gefüllt werden kann. Bezeichnend dabei, daß ich, völlig anders als Zschorsch, in Bamberg kaum spazierengehe, sondern alles läßt mich an diesem Schreibtisch sitzen und die Gedichte sich aus dem nur von Jahres- und Tageszeiten variierten Blick entstehen.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu Arbeitsjournal. Mittwoch, der 25. Oktober 2006.

  1. Prunier sagt:

    zu nah, lieber ANH, zu nah Zwischen mir und dem Text der Novelle besteht eine Distanz: vierzig Zentimeter Leere, damit ich lesen kann. Diese Distanz wird von einer positiven Gestalt ausgefüllt, Maigret oder Holmes. Die Gestalt hilft dem Leser, die Distanz zu behalten. Wenn aber der Held, der Erzähler und der Autor ist und wenn diese drei Personen in derselben Gestalt aufreten – die göttliche Dreieinigkeit ! – entsteht ein gewisses Unbehagen, weil die Katharsis nicht mehr zu funktionieren scheint. Die Erzählung ist zu gut gelungen, zu perfekt geschrieben. Der heutige Leser ist n oc h nicht reif genug, er ist zu sehr daran gewöhnt, dass man ihn bei der Hand führt (Dante und Vergil sind immer noch unsere Modelle in der „Hölle“ unseres Bewusstseins geblieben). Der Autor, der uns eine faszinierende Novelle vorliest, wo er sich als Mörder darstellt, ist dem normalen Zuhörer zuviel. Der Zuhörer, bzw. Leser, ist ein kultiviertes Kind, er braucht ein Märchen mit grossen Gestalten und hier stolpert er unerwartet gegen die Realität der Stimme, des Textes, der ihm plötzlich zu nah vorkommt… seine Realität, die seinen Unbewussten blossstellt.
    Die Nähe wird heutzutage immer mehr vermieden. Ein Symptom unter tausenden: das Rauchverbot. Pornographie beweist ihr Gegenteil: die Körper meiden sich; sogar in Frankreich hat man den Eindruck, dass die Menschen es nicht mehr so spontan wagen, sich die Hand zu drücken. Die Krankheit des Individualismus hat es soweit getrieben, dass jeder in einer gläsernen Zelle zu leben scheint.
    Die Vergana kann nicht zugehört werden, weil sie perfekt ist, sie uns tief berührt, kurz: sie ist ein Skandal. Wenn wir es bei Freud lesen, akzeptieren wir es, weil es zum Bereich der „Wissenschaft“ gehört. Ihr Text aber greift unser Schuldgefühl direkt an. Nicht nur die Ausbeutung der dritten Welt, sondern auch die Schuld, die wir empfinden, nachdem wir davon geträumt haben, einen Menschen getötet zu haben. Und wer hat diesen Traum nie gehabt? Die Krimi-Romane beschwichtigen diese Schuld, deshalb werden sie so gut verkauft. Ihre Novelle geht genau in die entgegengesetzte Richtung: Der Held-Erzähler-Autor wird nicht verhaftet, er lebt normal weiter, genauso wie wir, die nach diesem Albtraum ruhig durch die Strassen schlendern. Die Strafe kommt nicht, und der Leser ist frustriert. Kann Schuld ohne Sühne überhaupt existieren? fragt er sich. Ausserdem kann Ihnen unsere feminine Welt nicht verzeihen, eine Vergewaltigung „verübt“ zu haben, denn unsere Leserschaft kann nicht annehmen, dass ein solcher Albtraum erzählt wird. Sie will nichts davon hören, nicht daran erinnert werden: unsere Triebe dürfen nicht so dargestellt werden, denn das höchste Verbrechen beteht darin, dass Ihre Novelle einwandfrei ist, was die Musik, die Struktur, den Rhythmus betrifft. Weil sie sehr gut ist, ist sie für sie um so schlechter.

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