Arbeitsjournal. Freitag, der 1 Dezember 2006.

4.55 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
War so müde gestern abend, daß ich bereits um halb elf im Bett lag und auch sofort wegschlief. Irgendwas so Nettes träumte ich heut morgen dann (Belohnung fürs viele Schlafen?), daß ich erst zehn vor fünf hochbin. Nun geht’s gleich an die BUENOS-AIRES-Lektüre; der Kaffee läuft soeben durch.
Um halb acht muß der Junge zur Schule gebracht sein; wahrscheinlich übernehme ich dort dann zwei Stunden „Konfetti-Papa“ (nach dem Namen der Lehrhefte): ein paar Kinder werden aus der Klasse für fördernden Unterricht herausgenommen, so daß man auf die Einzelnen besser eingehen und ihnen bei den in den Lehrheften anstehenden Aufgaben helfen kann. Ich selber bin ein eher lernschwaches Kind gewesen, jedenfalls hieß es so; es wurde sogar erwogen, mich in eine Sonderschule zu geben (meine Großmutter, mit erbitterter Kraft, wehrte das ab). Und nun seh ich diese im Lernstand so sehr verschiedenen Kinder an und helfe sehr sehr gern und bin jedesmal betrübt und auch verständnislos über Eltern, die ganz offensichtlich ihre Kinder nicht fördern. Daß mein Junge so sehr weit ist in der Schule, daß er eine ganz andere Erfahrung, nämlich eine von Erfolg hat, hat a u c h mit dieser meiner Kindheitserfahrung zu tun; zweidrei Freunde haben mir, als er zweidrei Jahre alt war, nicht selten vorgeworfen, ich überbeanspruchte das Kind (mit ihm schon in die Oper gehen, mit ihm schon zu lesen üben, ihn mit vier in die Musikschule geben usw.); nun erweist sich, wie richtig das war. Ich erwiderte… na ja, ‚damals’: Wenn er in die Schule kommt, soll er von Anfang an kein Leistungsproblem haben, sondern zu lernen soll ihm leichtfallen; dann wird seine Schulzeit eine des Erfolgserlebnisses werden, und dann wird sie nicht quälende Leidenszeit sein. Es ist schön, so als Konfettipapa, die L u s t am Lernen – also am W i s s e n – zu vermitteln. Die Störung meines eigenen Arbeitsprozesses, die das bedeutet, macht mir wohl genau deshalb gar nichts aus. Immer wieder, zwischendurch, wenn es sich aus einer Lehrheft-Frage ergibt, scher ich dann aus und schwärme den Kindern vor, indem ich zugleich erkläre: vom Weltall, von den Sternenbildern, von Naturschönheiten und ihren Ursachen. Dieses Schwärmen ist wichtig, diese Huldigung ist wichtig: Begeisterung zeigen.
Wegen der Bamberger Elegien hat sich jetzt deutlich >>>> Dielmann geäußert. Ich werde zweigleisig fahren. Sollte der Direktor der Villa Concordia dieses Buch n i c h t in seiner hauseigenen Reihe machen wollen, werd ich einen offiziellen Projektantrag an die Concordia stellen, so daß Dielmann zumindest einen Zuschuß für die Produktionskosten bekommt. Man kann sich dann überlegen, also die Direktion der Concordia, ob man im Buch genannt sein will oder nicht, ob als Herausgeber, ob als Mit-Editor, ganz egal. Jedenfalls soll es, ob nun als Hausedition oder als Buch ‚nur’ von Dielmann, im Herbst 2008 d a sein. Ich werd ihm heute das Gesamt-Typoskript mailen; er lese, schrieb er mir gestern, … mit vielen Überraschtheiten, aber auch mit heftiger Neugier immer wieder in den >>>> Auszügen Deiner Elegien – die wichtigste und letztlich lange fällige Positionen formulieren, an denen ich nicht das geringste Antiquierte finden kann… herum. Viel zu sprechen wäre freilich über das im Hintergrund immer auftretende »reine« in Deinen Arbeiten, mehr noch in Deinen Reflektionen dazu, und über dieses angesprochene Moment Deiner Unruhe, Deines Umtriebes, Deiner Kampforientierung, der ich persönlich, ganz für mich, schon vor langer Zeit einmal einen klaren Begriff entnommen hatte, den ich »martialisch« nannte, ganz naiv damals, was das Wort angeht, aber klar sehend, daß Du immer dann und da in mächtigstem Schwung und in ausschweifendster Kreation bist, wenn und wo Du – Du selbst nanntest das mal so – »vor die Tjost treten« mußt oder zu müssen empfindest.
Sorry, das ist Psychologistik, aber ich fand das immer sehr beeindruckend, und kenne letztlich niemanden, der das derart konsequent lebt, schon gar als Künstler, dieses Je-heftiger-die-Gegnerschaft,-desto-mächtiger-die-eigene-Positionierung«.
Diese seine sehr klare Sicht macht mich ihm zunehmend wieder geneigt. (Wir hatten nach dem Sizilienbuch starke Differenzen bezüglich editorischer Professionalität; letztlich wechselte ich damals deshalb zu Rowohlt. Zumal dort auch Geld bezahlt wurde.) Hübsch ist, was Dielmann d a n n noch fand:Als ich vor paar Jahren das einmal jemandem versuchte zu erklären, und auf wüste Ablehnung stieß, schlug ich den »Mars« nach, dem ich für mich, wie gesagt ganz naiv, das »martialisch« als Begriff entnommen hatte, und fand das ganz hübsch – und jetzt im Hinblick auf die Elegien und Deine / Eure Einlassungen zu »Zeugenschaft« und Schöpfung ist es das endgültig: »Gott des Krieges, aber auch Schützer der Fluren und ihres Wachstums, dem in besonderer Not ein „hl. Frühling“ (ver sacrum) geweiht wurde.«In der Tat, das hat einiges mit den Elegien zu tun, mit der Haltung zu tun, aus der heraus sie, i n der sie verfaßt sind.

So, jetzt den Kopf wenden und das Herz – und an BUENOS AIRES gehen.

6.21 Uhr:
Hab aber erstmal wegen der Elegien weitere Korrespondenz erledigt.

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