Die politische Korrektheits-Suppe ODER Der kämpfende Dichter und das Primat der Introvertiertheit. Zur Gewalt. Zum Kriegs- und Kampfbegriff. Briefwechsel mit dem Verleger.

DIELMANN(…) Als ich vor paar Jahren >>>> das {4.55 Uhr, zweiter Absatz ff.} einmal jemandem zu erklären versuchte, und auf wüste Ablehnung stieß…ANH Wie sah diese Ablehnung denn aus, zumal wüst? Und Ablehnung wovon? Daß meine ‚Martialität‘ Vorteile habe? Interessant in diesem Zusammenhang eine Erzählung LH’s: Er habe mit den XYZ-Leuten zusammengesessen, meinen Namen genannt – und folgendes dann zu hören bekommen: „Der Herbst ist ein verdammt guter Mann. Aber er macht zuviel Entertainment, er stellt sich zu sehr in die Öffentlichkeit.“ Es habe sich dann ein kleines Streitgespräch entfacht, worin Hesse darauf aufmerksam gemacht habe, welche Bedeutung meine Netzpräsenz habe und sie, die XYZ-Leute, hätten ja bei meiner Einlassung >>>> zu der Kafka-Angelegenheit deutlich zu merken bekommen, welche Kreise das a u c h wegen des Dschungelbeitrages gezogen habe. Hier spiele jemand auf den Saiten einer neuen Literatur-Strategie; das sei mir wohl kaum zu verübeln. Was bleibt: 1) Die haben offenbar vor meiner Literatur selbst hohe Achtung. 2) Es stört sie, daß ein Autor s e l b s t seine Literaturauffassung durchkämpft. Autoren sollten die Zurückhaltung Kurzecks und Genazinos zeigen. Das heißt, den Leuten ist ein nicht-introvertierter Autor verdächtig – vielleicht, weil er unbequem ist. DIELMANNDie Ablehnung zum Stichwort »martialisch« war zunächst eine Ablehnung der Sache: Vor diesem Kämpferisch-Sein, vor der, sagen wir: Kampf-Lust (wo es um was Entscheidendes geht), ist Angst. Ist ja nach wie vor verbreitet wie Milben, daß Leute sich in einer öffentlichen Veranstaltung mit regelrecht nassen Hosen fürchten, aufzustehen und etwas zu sagen, geschweige denn die Hand mal zur Faust zu rollen, wenns denn sein muß, die würden glatt den Daumen in die Hand einrollen und ihn sich brechen, boxten sie. Daumenhalten statt Faust (wenigstens) zeigen. – Das andere ist, daß bei denjenigen im Betrieb, die Deine Familiengeschichte kennen, gleich die Kette aufspringt: Kampf = Krieg = Faschisten – schwup, bist Du in der braunsten Schublade. Daß die Leute keine kalibrierten Begrifflichkeiten (und handhabbaren Vorstellungen) von Meinungsverschiedenheit – Auseinandersetzung – Streit – Kampf – Schlacht – Krieg (etc. und zig Zwischenstadien) haben, ist einerseits »natürlich« ideologisch bedingt, weil unisono an Gewalt gekoppelt, und inzwischen ist bei etlichen die Mitteilung einer Meinungsverschiedenheit bereits psychische Gewaltmaßnahme einem andern gegenüber … Ich überzeichne (geringfügig), aber der Kern gilt.
Jetzt kommt folgendes dazu: Sicher hat man (nicht nur bei den XYZlern) viel Achtung vor Deiner Arbeit und schätzt Deine Literatur. Und sicher stört es viele Leute des Betriebes, daß ein Autor s e l b s t seine Literaturauffassung durchkämpft – den Leuten IST ein nicht-introvertierter Autor verdächtig, aber nicht, weil er unbequem im landläufigen Sinne ist. Sondern, weil er sie selbst darauf verweist, was sie eigentlich tun müßten: Antreten! Nun ist das bei einem wie Z. sicher kein Problem, der tritt ja gerne, an und aus und überhaupt (ich halte ihn da nachgerade für ein Vorbild), aber er weiß dabei auch, daß ein selbst-antretender Autor ALLE darauf verweist, daß sie antreten müßten. Es aber nicht tun: die Lektoren, die Verleger, die Feuilletonisten, die Buchhändler, ja, letztlich dann sogar die Leser, beim Weiterempfehlen nämlich dessen, was wichtig ist, Wucht hat, eben: die Auseinandersetzung lohnte. Und damit forderst Du implizit alle heraus, eintreterisch, bewußt, entschieden zu sein. Was sie eben nicht sind, sich nicht trauen, oft einfach zu müde sind, obwohl das sicher zu den meisten Selbstbildern dazugehört: sich zu trauen, entschieden aufzutreten, bewußt zu sein – und damit bist Du / ist der selbst-durchkämpfende Autor / Künstler / Mensch dann generell eine doppelte Provokation.
ANHDie spinnen, mit ihrem „Braun“… hat nicht das demokratische Deutschland jetzt selbst Soldaten im Krieg? Also solch ein Unfug. Außerdem sollten die alle mal Bloch lesen, dessen Aufsatzsammlung „Kampf, nicht Krieg“ es wahrlich lohnt. Und darüber hinaus: was ist das für ein unrealistisches Weltbild… als w ü r d e nicht das meiste eben durch Kampf entschieden…
Impotenz, wohin man blickt…
Und natürlich, wenn keiner selbst für die eigene Sache kämpft, dann m u ß man’s doch tun, selber. Oder man geht unter. So einfach ist das.
P.S.: Diesen Briefwechsel, vor allem die Kriegs-Partien, stellte ich gern in Die Dschungel ein… entsprechend zurechtformuliert. Einverstanden?
DIELMANN… ja, Du hast völlig recht, und ja, stelle das ruhig in den Blog ein. – Ich glaube übrigens, daß diese »Braun«-Vorwürfe mehr eine fadenscheinige Ausrede sind, meistens jedenfalls, weil’s angenehmer ist, auf die Nazi-Gräuel anzuspielen, als sich einzugestehen, daß man lieber die Klappe hält, wo man sie auftun müßte. Persönlich will ich da aber auch nicht den ersten Stein … in beiderlei Sinn – weiß nämlich, welcher bittere Lehrstoff das ist, sich aus den zugeklebten und vernähten Mäulern rauszustottern und mählich in geraden Gang zu kommen, wenn Du’s nie und nirgends zu sehen bekommen hast! – – Herrn Z. rausnehmen, bitte.

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3 Kommentare zu Die politische Korrektheits-Suppe ODER Der kämpfende Dichter und das Primat der Introvertiertheit. Zur Gewalt. Zum Kriegs- und Kampfbegriff. Briefwechsel mit dem Verleger.

  1. Lutz Hesse sagt:

    „Zurückhaltung Kurzecks und Genazinos“ …das klingt wie ein Vorwurf . Beide Autoren sind „introvertiert“dem Wesen und nicht dem Betrieb nach. Sie tun in der Stille ihre großartige Arbeit . Auf den neuen Kurzeck im nächsten Jahr bin ich schon ganz gespannt

    • Vollkommen einverstanden. Beide Autoren schätze ich. Meine Attacke richtete sich nicht gegen sie – und insgesamt nicht gegen introvertierte Dichter -, sondern gegen die Bevorzugung des introvertierten Characters durch den Betrieb. Das ist ein Unterschied von eminenter Natur. Es geht dabei um latente Macht-Strukturen.

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