Paul Reichenbachs Montag, der 4. Dezember 2006. Karowelt.

Sächsisch ist quasi demilitarisiertes Deutsch, das von den Preussen aufgehalten wurde, Französisch zu werden. Ich wiederhole das gern, weil einige sächsische Regimenter in der Völkerschlacht bei Leipzig sich weigerten an der Seite der Preußen gegen das napoleonische Heer zu kämpfen und weil Bruno Waterloo erwähnt. Niederlagen und Siege. Und damit sind wir beim Rauchen. In meinen Regalen, ich suchte für das heutige Tagebuch einen kernigen Spruch, der mich als Nichtraucher feiert, und fand statt dessen in der zweiten Reihe, hinter Büchern versteckt, eine Schachtel, die sich mit dem Duft der großen weiten Welt schmückt. Big Pack. Die Anfechtung war riesengroß und widerstehen konnte ich nur, indem ich die Packung kurzerhand in den Müll warf. Es ist schwer nicht zu rauchen, wenn das Qualmen mit Dingen einhergeht, die bei mir positiv besetzt sind. In Kneipen, bei konzentriertem erfolgreichen Nachdenken, lobenden Selbstgesprächen oder der Wiederentdeckung eines zusammenhängenden Sachverhaltes, zündete ich mir in aller Regel ein Zigarillo oder ein Stäbchen an. Gestern war es das Wort EXPATRIIERT, das Bruno uns Beiden und ANH zuordnete. Der Assoziationsblaster begann sofort zu arbeiten und die Lunge fiepte, wollte Tabak. Denn zwischen Kenty/Karo und Gauloise lagen Welten, deren Kontrast nicht gemildert wird, wenn sie gefiltert F6 oder Stuyvesant heißen.
Karowelt, das sind Kinderwagen, die früh , zwischen 6.00 – 7.00 Uhr, Zug- und Straßenbahngänge verstopften, um dann von Müttern durch die Straßen der Städte gejagt, in Kinderkrippen hastig, da noch ein Schnürchen binden, dort noch ein Mützchen gerade rücken, entleert zu werden. Sirenengebrüll aus allen Richtungen verkündete Schichtbeginn. Karowelt, das war der sexuelle Humor, den viele Frauen selbstbewusst praktizierten. Mann wusste immer woran er war, und wusste es dann doch nicht. Stolz und versorgungsgewiss standen sie hochschwanger geduldig an Einkaufsschlangen (die schweren Taschen, trug ich oft) und Bahnsteigen und nahmen gern die fremde Männerhand, die sich ihnen hilfreich, ohne Hintergedanken, beim Ein – und Aussteigen, entgegen streckte. Es gab einfach keine Zicken in der DDR, möglich ist auch, dass ich nie welche getroffen habe. Karowelt, das waren jeden Donnerstag zwei Flaschen Radeberger für unsren Haushalt/ Person,da wir einen Säugling hatten machte das summa summarum 6 Flaschen die Woche. Karowelt oder F6-Kosmos, das war EINE Thomas-Mann-Werke – Ausgabe bei „Buch –und Kunst“ für eine Stadt mit 30000 Einwohnern. Ach – und dann gab es noch die Sorte Club, ihre Kippen lagen in Vielzahl vor montgelas Haustür. Geraucht hatten sie die grauen Herren, die am Morgen, wenn er zur Schicht fuhr, freundlich grüßten.

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