WERTE BRAUCHEN GOTT. Erkenntnis & Moral.

Daß etwas nicht weiter befragbar sei, sondern als moralisches A x i o m feststehe und verwurzelt sei in den Überzeugungen einer Gesellschaft (daher das Tabu), sichert die Handlungsfähigkeit und Selbstbehauptung jeder Kultur. Darin sind moderne demokratische Systeme von religiösen und/oder totalitären nicht verschieden. Wer über solche Grundsätze hinausfragt, ist bei diesen wie bei jenen – ein Feind. Die Systeme unterscheiden sich ausschließlich in den Maßnahmen, die sie gegen ihre Apostaten ergreifen – also in den M i t t e l n, sie mundtot zu machen. Dabei gilt: je komplexer das Gesellschaftssystem, um so feiner, ‚sublimierter’ und versteckter, offenbart sich die Gewalt. Gewalt aber bleibt es – und muß es auch bleiben; denn schon die Befragung von Tabus beweist die Schwächung eines moralischen Systems: es hat sich nicht restlos internalisieren lassen. Werden Tabus befragt, beginnt die Zersetzung – Profanierung – moralischer Werte, und zwar eben darum, weil sie sich nicht logisch begründen l a s s e n. Daher Kants, eines Skeptikers, notwendige Proklamation Gottes. Der ‚Gesellschaftsvertrag’ ist dagegen eine ausgesprochen fahle Konstruktion: denn diesen Vertrag müssen Menschen ‚freiwillig’ unterzeichnen. Er wird in den westlichen Demokratien aber gleichsam vererbt und unterscheidet sich strukturell darin nicht von der jüdisch-christlichen Erbschuldslehre. Darum haben auch die Kirchen recht, die in den letzten zwei Monaten die normative Aussage haben plakatieren lassen:

>>>>WERTE BRAUCHEN GOTT

Deutlicher und ‚wahrer’ ist das Grundproblem nicht zu benennen. Interessanterweise sind hier ausgerechnet sie, die Kirchen, und nicht etwa die Befürworter eines konfessionslosen Ethik-Unterrichts auf der erkenntnistheoretisch richtigen Seite. Zugleich sind sie damit auf der Seite des Krieges. Ob sie das wissen, weiß ich nicht. Die >>>> Jesuiten allerdings wissen’s ganz sicher.

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6 Kommentare zu WERTE BRAUCHEN GOTT. Erkenntnis & Moral.

  1. fabe sagt:

    „gott“ ist ein denkmodel und jede religion, ob sie nun einen oder viele götter kennt, nur welterklärung. das unfassbare fassbar machen, es „in worte fassen“. gefangen nehmen. das ist, angesicht der diversen unerklärlichkeiten, die den menschen seit je her begleiten, nur verständlich. in der negierung einer höheren instanz löst sich die moral, das „gute“ aber nur scheinbar in wohlgefallen auf. weil, und da kommt der kant und seine befehlsform wieder ins spiel, wir (ich) keinen zürnenden, richtenden, wie auch immer sich verhaltenden gott brauchen. ich persönlich habe überhaupt garkeinen gott nötig. ich weiss für mich selber, was für meine weggefährten gut ist, und was nicht.

    das die meißten meiner mitmenschen das offenbar nicht wissen erfüllt mich mit bitterkeit. the trick is to keep breathing. weitermachen.

    • @fabe. Das Probem l i e g t eben im subjektiven „Wissen“ für sich selbst, was gut sei. Das nämlich weiß der im mittleren Westen lebende US-Amerikaner, der auf Schwarze losgeht, auch. Auch er handelt, für seine subjektive Überzeugung, moralisch. Dasselbe gilt für den Fundamentalislami, der Flugzeuge in Türme jagen läßt: gerade e r handelt mralisch, innerhalb eben s e i n e s Wertesystems. Wir haben deshalb, moralphilosophisch, ein sogenanntes Letztbegründungs-Problem: seit Kant hat es die Philosophen immer wieder umgetrieben:: Wie begründet sich eine allgemeinverbindliche Moral? ‚Allgemeinverbindlich‘ bedeutet: für sämtliche Völker, gleich, welchen Glaubens, gleich, welcher Kultur. D a s war Kants Frage. Und das Problem seiner Lösung war ihr Formales (gegen das sich schon Schiller gewendet hat). Wenn Kant von Gott spricht (ihn in der Kritik der praktischen Vernunft ‚proklamiert‘), dann eben, weil sich Gott so wenig beweisen läßt wie die Richtigkeit eines moralischen Grundsatzes. Hieran aber scheitert die Realität völlig. Übigens ist schon sein kategorischer Imperativ gegenüber einem Märtyrer vollkommen hilflos, denn er besagt, logisch angewendet, auf den genau: Du darfst dem Nächsten den Tod antun, den du dir selbst antust- da er, der Märtyrer, ja will, daß er ihm, sich selber, angetan werde. >>>> „(…) handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte“ . Exakt das ist der Wille eines auch zu seinem Tod entschlossenen Gotteskriegers.
      Die Probematik liegt in der offenbaren Unmöglichkeit, nicht, ein allgemeines Sittengesetz zu formulieren und durchzudrücken, sondern es jenseits bloßer Machtverhältnisse beweisbar zu begründen. So lange diese Begründung nicht funktioniert, wird es Glaubenskriege und Völkermorde geben, und sämtliche Kämpfer werden sich auf ihr subjektiv Moralisches mit vollem Recht berufen können. Die Menschenrechte, zumal sie längst noch nicht von allen Völker unterzeichnet worden sind, werden keine Kraft haben und mit Gewalt durchgesetzt werden müssen, also mit Kriegen oder ähnlichen Maßnahmen. Wie prekär das ist, kann man am Beispiel der USA sehen, also einer aufgeklärten Nation, die sich aus reiner Machtüberlegenheit weigern kann und nicht nur tatsächlich weigert, sich einem Internationalen Gerichtshof zu unterstellen, sondern die paradoxer- und perfiderweise zugleich die Rolle einer ‚Weltpolizei‘ praktisch übernommen hat, ohne auf ihre ‚Polizisten‘ die Nationengerichtsbarkeit anwenden lassen zu müssen. Die ‚Welt-Polizisten‘ stehen mithin ü b e r dem Gesetz. Und sie können da auch stehen, solange ein allgemeines Moralgesetz nicht begründet, sondern lediglich proklamiert worden ist. Was „gut“ sei und was „böse“, entscheidet nach wie vor nur Macht. Gut ist die Moral des Siegers, böse die des Besiegten. Das ist reiner, in Werte sublimierter Naturzusammenhang.

  2. pausenbrot sagt:

    Soziale Aufsteiger… …brauchen einen Gott, damit sie nicht die Frau schlagen, nicht das Haushaltsgeld versaufen usw. Der Rest ergibt sich.

    • montgelas sagt:

      Soziale Aufsteiger und Gott ? Muss es nicht eher Soziale Absteiger brauchen Gott heißen ? In ihrem Kommentar schwingt eine Art „atheistischer Hochmut“, der mir rätselhaft ist.

    • An pausenbrots Kommentar stört mich nicht der ‚atheistische Hochmut‘. Den nämlich teile ich. Sondern daß er (sie?) offenbar gar nicht begreift, um welche Frage es geht. Vielleicht w i l l er (sie) das auch gar nicht begreifen. Dann fragt’s sich freilich, weshalb er (sie) hier kommentiert. Hochmut, den ein, sagen wir, prometheischer Stolz begründet, entbindet nicht von Ernsthaftigkeit und Klarheit gegenüber objektiven Problemen. Es ist nicht hochmütig, flappsig auf sie zu reagieren, sondern dumm.

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