Arbeitsjournal. Freitag, der 8. Dezember 2006.

5.58 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Hübsch. Beklemmend. Die Lesung gestern in der >>>> JVA Ebrach. Ich hatte dreivier Stellen aus dem >>>> New-York-Buch ausgesucht. Es war eine gute Wahl: die erste Begegnung mit Olsen, der Besuch von LEGZ DIAMOND’S (ein realer Stripschuppen in Manhatten, den ich mit dem BOUDOIR aus ANDERSWELT zusammenfantasiere, worin im Hinterrraum die Kommandozentrale der holomorfen Rebellen situiert ist); eine Szene der Legenden; schließlich der Beginn des unterirdischen Konzertes… aber da mußte ich abbrechen, da Unruhe aufkam. 30 Minuten sei die Zeit, für die sich die meisten Gefangenen konzentrieren vermöchten, von denen nicht viele lesen und schreiben könnten; das war mir schon vorher gesagt worden. Ich war nun auf 40 Minuten gekommen. Frau W., die Co-Direktorin der Concordia, hinterher: „Das hab ich so bei den Lesungen hier noch nicht erlebt: wie still alle waren und wie sie zuhörten!“ Ein Gespräch mit den Gefangenen hinterher entwickelte sich aber nur schleppend bis gar nicht; einige wirkten von Text und Vortrag etwas benommen, jedenfalls hatte ich sie gekriegt. Ein Gefangener: „Wer hat dieses Buch denn geschrieben?“ „Ich.“ „Oh. Geil.“ Die angeblich üblichen Fragen bleiben nahezu aus: Weshalb schreiben Sie? Wieviel verdienen Sie im Monat? Usw. Davon wirklich so gut wie nichts. Statt dessen: Wie kommt man auf so eine Idee, daß Manhattan umfallen könnte? daß jemand noch einmal ein Manhattan nach unten baut, als Gegengewicht?
Eine Stunde später standen wir wieder draußen vor den Mauern dieses ehemaligen Klosters, eines höchst eigenwilligen Gefängnisses, voll hoher Gänge, voller Predigerfiguren im Stuck – ich bin mir absolut sicher, daß das in mir wirken, daß ich eine Erzählung schreiben werde, worin dieser Bau eine Rolle spielt.
Und die Menschen. Jugendliche zwischen 16 und 24, sämtliche Strafarten, vom Marihuana-Dealer (einer habe vier Jahre bekommen – er habe ein furchtbares Schicksal, weil er so weich sei; insgesam fürchteten sich Gefangene vor nichts so sehr wie vor den Mitgefangenen; zudem sei das Gefängnis, ein gesamtdeutsches Problem, überbelegt: in den Viererzellen sechs, statt vier Menschen), über den Gauner bis zum Totschläger und Mörder. Ich sprach mit einem Lehrer dieser Menschen: „Einige machen eine Ausbildung hier; aber man kann ihnen auch wieder keine Hoffnung machen, daß sie dann draußen einen Job bekommen; es gibt da ja Arbeitslose genug o h n e Vorstrafe; also sagen sie von vornherein: Wenn ich wieder draußen bin, mache ich weiter; was soll ich mit 350 Euro Hartz IV? niemand kann von sowas leben!“ Und er erzählt von einem jetzt 17jährigen, der für Totschlag acht oder zehn Jahre bekommen habe. „Der hat eine Odyssee vor sich. Hier bleibt er, bis er 24 ist, dann wird man ihn in ein anderes Gefängnis, n i c h t Jugendstrafvollzug verlegen, wahrscheinlich nach Soundso, Bayerns Hochsicherheitstrakt.“ Und sowas: „Ja, wir haben auch einen Sicherheitstrakt, aber wissen Sie, das ist eher für diejenigen Gefangenen, die vor ihren Mithäftlingen geschützt werden müssen, die zu schwach sind, um sich durchzusetzen, die gequält werden, weil sie anders sind.“ Traurige Hoffnungslosigkeit in seinen Worten. „Es gibt manchmal Gefangene, von denen… bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber im Gefängnis habe ich gelernt, an das Böse zu glauben.“
Mir geht das nach und nach; heute morgen wirkt es noch viel mehr als gestern abend unmittelbar nach der Veranstaltung. Ich werde nach Ebrach ein Exemplar des New-York-Buchs schicken; ich bin mir sicher, man wird es weiterlesen wollen.

Erstmals übrigens eine Anspielung darauf, daß die Concordia-Leitung, jedenfalls bisweilen, in Der Dschungel mitliest: Draußen vor dem Klostergefängnis waren an der Reihe Parkbuchten einfache Reserviert-Schilder angebracht, u.a. eines, auf dem ANSTALTSLEITUNG stand. Ich wollte es fotografieren, aber die Batterie im Gerätchen war leer. „Schade“, sag ich. Und Frau W.: „Wie ‚Heimleitung’, nicht wahr, Herr Herbst?“ Ich nahm das sofort auf: „Nein, nein, Heimleitung ist was andres. Aber so ein Schild vor unserer Tür…“ „Sie finden, das paßte?“ So ging das ein wenig ironisch hin und her. Nachdem wir wieder in Bamberg waren, lud Frau W. zum Essen ein. Zschorsch war mitgekommen, der zunehmend klug wirkende Praktikant – bedächtig, bedenkend, voll guter Argumente, die etwas sozial Ausgleichendes haben – ebenfalls. Zschorsch klinkte sich allerdings zum Essen dann aus, er habe noch eine Verabredung; ich dachte aber: er will nicht sprechen. Also aßen wir zu dritt. Vorher hatte es bereits im Wagen eine kleine Diskussion gegeben über meine Art, Normen nicht zu akzeptieren, vor allem nicht die Exekutive, ob das nun ein Bademeister oder ein Polizist ist. „Nicht jeder Mensch k a n n von sich aus entscheiden, nicht jeder w i l l das; deshalb sind Normen nötig.“ Ich kenne die Argumentationskette, sie ist auch schlüssig; und dennoch bringt mich mein, ja, Instinkt immer wieder gewaltig gegen autoritäre Macht auf, egal, wo sie erscheint, ob als Verkäuferin bei HL, ob als Saalordner, ob als Polizist. Allein die Tatsache, daß einige Menschen über andere qua Gesetz und Vorschrift Gewalt ausüben können, und sei es ordnende, läßt mich immer wieder die Decke hochgehen. (Entsprechend aggressiv war ich auch gegenüber den Beamten, als wir das Gefängnis betraten und ich mein Handy abgeben sollte: „Weshalb?“ „Weil es Vorschrift ist.“ „Ich will eine Erklärung, sonst lasse ich die Lesung ausfallen und gehe wieder.“ „Ich muß keine Erklärung abgeben, ich tue nur meine Pflicht und verlange, was Vorschrift ist.“ – Das löste sich dann allerdings schnell in Wohlgefallen auf, weil ein Gefängnisangestellter und Frau W. sich um eine Erklärung für mich bemühten.) – Jedenfalls lief dann der Abend in Gänsebraten und Salat mit gebratenen Champignons aus, in Urbacher Helles und Vogelbeerschnaps; nur ein- zweimal sagte ich, weil es beklommen in mir grub: „Die armen Schweine da im Gefängnis… was machen die jetzt?“ „Die Einsamkeit ist das Schlimmste“, hatte der Lehrer noch erzählt, „die Wochenenden sind das Schlimmste… wenn hier nur eingeschränkter Dienst ist, die Angebote wegfallen, wenn die Gefangenen mit sich allein sind Wenn sie allein sind.“

Ich werd mir was zu rauchen holen, Zigarette sind alle, dann an die ARGO-Überarbeitung gehen. >>>> Dielmann will, wenn er den Zuschlag für die Publikation kriegt, nicht nur ARGO machen, sondern die ersten beiden ANDERSWELT-Bücher ganz neu setzen; ich kann also revidieren, wie ich will. Auch das spricht dafür, mich für i h n zu entscheiden. Es gibt dann zwar keinen Vorschuß, aber es kann dann ein Romanwerk hergestellt werden, aus dem alle Fehler verschwunden sind… na ja, aslaam… also, Pardon: aus dem die meisten verschwunden sind… die, die ich jetzt fand. Und was den Vorschuß anbelangt: Wenn ich mich tatsächlich für einen Privatkonkurs entschiede, wäre ein solches Geld ja ohnedies weg. Also kommt’s nicht so drauf an. Wenn ich für meinen Sohn die Ausbildung sichern will, muß ja vielleicht auch ich gesetzesbrüchig werden; ein Gedanke, der mir nur insoweit etwas ausmacht, als ich an die Gefangenen der JVA Ebrach denken muß. Na, bösen Spaß beiseite.
Und Dielmann hat >>>> eine ganz ganz schöne Bestellseite für die Vorzugausgabe der Gedichte ins Netz gestellt.

7.10 Uhr:

Lara.

u>11.04 Uhr:
[Händel, s c h m e t t e r n d: Alcina. Christie.]

Neue Ordnung.
Und nun ein Kaffee.
Sowie das Typoskript.
Atto 3, Szena 4: Aria. All’Alma Fedel.

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