Arbeitsjournal. Dienstag, der 12. Dezember 2006.

5.35 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Gestern also g a r nichts getan… nein, stimmt nicht, zwar immer mal wieder an den liegengebliebenen Gedichten herumgebastelt, aber selbst das uninspiriert. Statt dessen tobte sich der Chat-Anfall weiter aus, in den ‚einschlägigen’ Chats, versteht sich, nicht in den Plauderchats. Die interessieren mich nicht. Sondern es ist s c h o n die zielgerichtete Aufnahme eines sexuellen Geschlechterkampfes, der zugleich Sexualität losläßt, also die in einem gebundenen Fantasien – vor denen man, kultiviert, nicht selten erschreckt, bzw. die man nahezu wie ein anderer beobachtet, ohne in sie einzugreifen: sondern erschreckt, ja, aber auch fasziniert ist zu sehen – zu fühlen -, wie sie sich aus einem Bahn schlagen und realisieren wollen. Spielpartnerinnen finden sich schnell, man versteht ja, mit dem Wort umzugehen, weiß es als Reiz einzusetzen und weiß, wie man das andre Reizende (den anderen, den nicht-eigenen Stimulus) bei den Geschlechtskämpferinnen, denn das sind sie, herauslocken kann; aber da steht dann selbstverständlich immer, daß ich gebunden bin und das auch sein will, daraus mache ich niemals einen Hehl – und wenn das vollkommen klar, wenn das unantastbar in der Arena sich aufrichtet, geben viele den Kampf auf und ziehen sich zurück. (Hätte man es n i c h t gesagt, es wäre ein leichtes, sie im Kampf zu überwinden; zu erobern, ist das alte Wort dafür. Und die – ein matriarchales Symbol: – Zinnen werden geschleift.) Andere aber – wenige, doch starke und/oder stark getriebene – ziehen sich n i c h t zurück; und in denen wirkt weniger Pragmatismus, als anzunehmen wäre; oder aber es wirkt ein, sagen wir, Pragmatismus des Sexualtriebs, der sich hinter den gesamten Kulturmasken der erotischen Inszenierung verbirgt. Ich bin mir klar darüber, daß das für mich ganz genauso gilt. Die am stärksten allgemein fundierte Kulturmaske ist die der monogamen Partnerschaft; sie hat so viel Kraft nicht nur aus Gründen der sozialen Internalisierung, sondern, ahne ich, weil sie mit dem vorweggenommenen Instinkt des Nestschutzes, also wiederum einer natürlichen Handlungsfunktion koaliert ist. Und zwar ganz unabhängig davon, ob Kinder überhaupt gewollt sind; der Körper, immer (auch das Gehirn ist Körper), zieht in ihre Richtung.
Darüber habe ich dann lange mit dem Profi gesprochen, nachts, im AN EINEM SCHÖNEN SONNTAG IM AUGUST. Auch darüber, daß ich mich in erotischen Inszenierungen w o h l fühle, bei denen man achthaben muß, nicht die Übersicht zu verlieren, weil sie ein Messen von Kräften sind, die man zugleich in ihnen überhaupt erst entbindet: die Löwin, die der Löwe in der Mähne nicht zu packen kriegt, verprügelt ihn einfach; Du bist es nicht wert, sagt das, Deine Gene will ich nicht in mir. Hier ist entbindet ein ziemlich treffendes Wort; gebunden hat sie die zivilisierende Sozialisation. Kultur-Bondage. Heut morgen, direkt beim Aufwachen, jagten darüber in mir die Gedanken. Dazu werd ich nachher eine Überlegung schreiben, eine Spekulation nach Art der >>>>> Paglia, aber aus männlicher Perspektive und vor allem ohne ihren Ekel und ohne ihre Idealisierung von Apoll. Und zum ersten Mal kam mir die Idee, ein B u c h zu veröffentlichen, das die Zwischenergebnisse meiner Gedanken zu Sexualität und Erotik in ihren verschiedenen Spielarten bis hin zu BDSM formuliert, ein, wenn Sie so wollen, theoretisch-spekulatives Pendant der beiden erotischen Romane, die hier in ihren Dateien darauf warten, daß ich mit ARGO fertigbin: >>>> MELUSINE WALSER und >>>> DLZI.
Sehr schnell kamen der Profi und ich dann auch wieder auf meine >>>> Überlegungen zum Mißbrauch zu sprechen, der sich, wie ich meine, in BDSM-Settings psychisch erlösen möchte, zugleich aber eben dadurch die Tendenz hat, sich zu perpetuieren. Meist geschieht das genau Umgekehrte: Verleugnung nämlich. Sie hat, aus dem erlittenen Mißbrauch erzwungen, ganz genau dieselbe riesige Kraft der Verleugnung wie Sexualität, die ja, als zivilisiert unterdrückte, eine ungeheuere, sich in enorme Kulturleistungen sublimierende Verschiebungs-Macht hat; insbesondere Kunst ist voll davon. Der Kunstleistung an Intensität völlig gleich ist die Harmonisierungsleistung ehemals mißbrauchter Menschen: es soll nicht sein, was war, also ist es auch nie gewesen, und man trinkt lieber freundschaftlich Kaffee mit dem ehemaligen Mißbraucher, als daß man ihn öffentlich zur Rede stellte. Hier funktioniert sicher auch m i t das ‚Modell’ der Identifikation mit dem Bedroher, die aber ja auch schon eine Verschiebung ist, eine aus der Not erzwungene >>>> Perversion („Umkehrung“). So daß, was einen mißbrauchte und erniedrigt, ja am Leben bedroht hat, zum Lustgrund wird. In der Kunst wiederum wird, in mancher (zum Beispiel in religiöser), was einen kastrierte und was einem Lebenstriebe coupierte, zum Samen neuer Schöpfung. Raffiniert im übrigen, wie hier wiederum Naurkraft durchbricht: alles, wirklich alles wird zu Humus umgewälzt, gärt, brodelt, schafft abermals Lebensformen. Man kann diesen Schrecken zugleich nur bewundern.
Und ich dachte vorhin, man müsse doch nur sehr genau sich selber beobachten und sich selber nachspüren, um zu begreifen, daß immer dort, wo die Umwälzung in Kultur n i c h t gelingt, der unterdrückte Trieb sich als losrasender Amoklauf freimachen und rigoros um sich schlagen wird. Das erklärt Greuel wie My Lai, das erklärt die Greuel des Balkan-Schlachtens, das erklärt insgesamt den so häufig zu beobachtenden geradezu spontanen Rückfall höchster Kulturnationen in wütende Bestialität. Man müßte längst wissen, daß wir alle, auch hier im demokratischsten Westen, permanent davon bedroht sind. Zugleich sollte endlich begriffen sein, welch erlösende Funktion der Orgasmus hat, welche kathartische. Er wird um so heftiger ausfallen, je weitergehend man den Trieb losläßt in sich; nur müssen b e i d e (oder, je nach Neigung, mehrere) Partner von der gleichen Bewußtheit sein, müssen wissen, was sich da aus ihnen entbindet – sie brauchen dazu Selbstbewußtsein und Gleichheit… also das Wagnis, die Löwin in der Mähne zu packen, i h r Wagnis, sich packen zu lassen, s e i n e s, weggehauen zu werden. Und danach geht man in die Oper oder ins Theater oder auf eine Vernissage, ohne daß man dort aktiv verschwiege, was man n o c h ist, sondern trägt es stolz auf der Stirn.
Im übrigen ist, auch das machen sich wahrscheinlich nicht viele klar, der Orgasmus ein Ausdruck reiner Naturkraft: so ist Natur a u c h: Gefühl, herzschlagrasende Emotion und Erschauern, Durchschauern der gesamten Physis, das ist völlig Biologie, lustvoll erfahrene Auflösung von Ichgrenzen, schon das wiederum Fortpflanzung: Hineindrängen, neu-Hineindrängen in Welt, ein sich drin Aufrichten, ein durch die Pflaster Brechen von Pflanzen, die von der Dschungel überwachsene, rückgeholte verfallene indische Stadt bei Kipling. Daß nicht jede Pflanze es schafft, sondern einige, bevor sie auch nur Bäumchen wurden, wieder zertrampelt werden, gehört völlig in diesen Prozeß mit hinein. Und auch, daß wir alle, wenn uns der Sexualrausch wieder losgelassen, völlig andere Menschen sind als i n ihm – manchmal geekelte, manchmal traurige, manchmal nur müde, jedenfalls wieder bewußte -, sollte ebenfalls zu denken geben, welch eine Macht hier vorherrscht und wie sehr ergriffen wir immer wieder von Natur sind; ergriffen ist ein religiöser Terminus, der Finger Gottes, wird über Johanaan gesagt, habe ihn berührt. Das, selbstverständlich symbolisch gesprochen, geschieht in jedem Orgasmus; manchmal legt sich einem sogar die ganze Hand auf; man kann aber nicht sagen, daß sie schützt. Sondern sie öffnet.

[Sexualität. BDSM.]

Jetzt hab ich schon einiges vorformuliert, unverbunden assoziativ. (Ich gebe solchen Partien kleingeschriebene, rubrikhafte Unterschriften bei, damit ich sie später wiederfinde, wenn es an die etwaige zusammenhängende Ausarbeitung geht.)

Eine weitere Bedrohung übrigens wurde gestern abend auch noch klar; ich muß ja die Bahncard100 abstottern, bin aber schon jetzt mit dem gegen die Lebenshaltungskosten gerechneten Stipendiengeld in den Miesen. Ab Januar wäre insofern überhaupt kein Einkommen mehr da. Dazu kommen die Steuerschulden, die zu bezahlen dringend ansteht, die von mir unmöglich zu begleichende Forderung der Dresdner Bank, die der Amex-Bank, die alten Gewerbesteuerschulden noch aus der Frankfurter Zeit, die BAFÖG-Rückzahlungsschulden, „kleinere“ Forderungen anderer Unternehmen; in Anbetracht der laufenden Kosten, in Anbetracht der neuen Familiensituation usw. usw. scheint es mir unumgänglich zu sein, mich auf einen Privatkonkurs einzulassen. Das sprach ich mit dem Profi ebenfalls an. „Du solltest eine reiche Frau heiraten“, scherzte er, „eigentlich bleibt dir gar nichts anderes mehr übrig.“ Die Möglichkeiten, Geld genug „normal“ zu verdienen, da meine Kunst ja kaum mehr was einbringt (zudem werden zwei meiner wichtigsten Hörfunk-Redakteure im nächsten Jahr pensioniert; da werden Einnahmequellen eher noch versiegen als hinzukommen)… also da ich offensichtlich mit meinen Büchern in absehbarer Zeit nichts rechtes verdienen werde, ich aber mittlerweile als für diesen Arbeitsmarkt für zu alt gelte und ja obendrein gar nichts „Vernünftiges“ gelernt habe, nicht einmal ein bleibender Lehrauftrag könnte mir erteilt werden, da mein Studium formal nicht abgeschlossen worden ist… da allesdies so ist, ist der Privatkonkurs die einzige noch gangbare Möglichkeit. Ich hätte dann sieben Jahre zu darben, aber nach sieben Jahren wäre ich alles, was jetzt so belastet, los. Und in sieben Jahren kann meine literarische Sozialstellung durchaus eine völlig andere als heute sein; ich muß nur konsequent genug weiterarbeiten; nicht weniges deutet darauf hin. Dann käme auch Geld herein. Diese sieben Jahre sind noch ein Puffer, aus der Vatersicht gesprochen. Mein Junge ist jetzt in der zweiten Klasse, in sieben Jahren wird er in der neunten sein. Dann werden die Kosten für seine Ausbildung sich blähen, schließlich explodieren: das muß und will ich finanzieren können. Bleibt die basale Schuldlast so, wie sie jetzt ist, dann wächst sie über Zins und Zinseszins nur noch weiter und weiter an. Bei einem Privatkonkurs wäre das alles erledigt, wenn mein Junge in die kostenintensive Phase kommt; ich könnte mich dann darauf konzentrieren, sie dann auch zu füttern, ohne daß ich Gefahr liefe, daß meine Einkunft gepfändet und also die Zukunft des Jungen grob gefährdet würde. Deshalb werde ich sehr wahrscheinlich diesen zugegebenermaßen etwas erniedrigende Weg g e h e n. Wenn man mich fiskalisch schon als Unternehmer ansieht und auch so behandelt, dann bin ich eh Privatfirma, bin ein sozusagen personalunion-künstlerisches, quasi einzelhändlerisches Kaufmannsunternehmen, und als Unternehmen – sozialmoralisch gesprochen – wäre mein Konkurs ganz im Sinne des Systems und also überhaupt kein Grund, mich zu schämen.
Es hätte noch einen weiteren Vorteil, einen künstlerischen. Ich brauchte mich nicht mehr darum zu scheren, mit einem Großverlag zusammenzukommen, der mir Vorschüsse zahlen kann. Sondern ich könnte mich etwa mit Dielmann, der genau das eben n i c h t kann, s o f o r t verständigen: was er editorisch mit ANDERSWELT vorhat, das bietet mir s o kein anderer Verlag. Ganz sicher nicht. Ich könnte mich einfach auf diese Arbeit konzentrieren, ohne noch um Existenzsicherung nach links und rechts zu schauen; alles, was über das gesellschaftlich definierte Einkommens-Minimum hinausginge, wanderte in diesen sieben Jahren ja sowieso zum Konkursverwalter ab. Danach freilich wäre es wieder etwas anderes, aber dann wäre es, eben wegen meines Sohnes, auch wichtig.
Daneben stellt sich immer noch die Aussicht auf mäzenatische Förderung; irgend eine Person, irgend ein Unternehmen, das Gift leckt an meinem Werk und das dafür einsteht, daß ich es weiterschaffen kann. Wir werden sehen.

An ARGO werde ich nachher im ICE arbeiten; ich will hier um 10 Uhr aus dem Haus, dann werd ich um 14.45 Uhr in Bamberg sein. Bis dahin schau ich mal, ob ich wenigstens noch eines der Gedichte fertigbekomme und ob ich die Sexual-Überlegungen, die ich eben anskizzierte, in einem Notat für die Hauptseite Der Dschungel formuliert bekomme.
Meine Güte, welch langer Journaleintrag heute morgen! Letztlich ist auch er und ist das Rasen der Gedanken und Pläne testosterongedankt. Das niemals vergessen!

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.