B.L.’s 11.12./12.12. – Cape Canaveral

17.47
Zwar standen da ein paar Zeilen gestern in meinem Off-Dokument, dann aber klopfte es unten an der Küchentür und ich begann, für zwei zu kochen und mir erzählen zu lassen von der „kulturellen Reise“ nach Padua und Mantua (Mantegna-Ausstellung). Schon in Berlin mußte ich an Mantua denken, ohne zu wissen, daß sie dann dorthin fahren würde. Denn ich überlegte, was genau an der Labyrinth-Decke in einem der Räume des Herzogspalastes steht bzw. stand, als ich zweimal schon dort war. Es hatte mit der Unentschiedenheit zu tun. Erst als ich zurück war, fiel’s mir wieder ein: „Forse che sì forse che no“, das Motto von Vincenzo Gonzaga, das an der Decke ständig wiederholt wird, wobei es je nach dem Verlauf des Labyrinths Haken schlägt. (Vergessen hatte ich, daß so auch ein Roman von D’Annunzio heißt. Vollständiger Text auf Italienisch: http://www.intratext.com/X/ITA1309.HTM ).

Danach hatte ich dann keine Lust mehr weiterzuschreiben: der Faden war weg. Ich glaube, ich war stehengeblieben im Warteraum des Dorfarztes (nun muß man sich keinen „Herr Doktor“ vorstellen mit Honoratioren-Aura: ein junger Mann, der auch noch aus dem Dorf selbst stammt, der sich mit meiner Frau bei ihren Besuchen über Kunst unterhält, selber malt (in der hiesigen Apotheke hängen einige seiner gar nicht dilettantischen Landschaftsimpressionen), und von dem es hinter vorgehaltener Hand heißt, er sei homosexuell). Das war ein langes Warten. Meinen Blick zog am häufigsten eine slawische junge Frau mit einem hoch gewachsenen schlanken Körper auf sich, die mit ihrem blonden Jungen da war. Ansonsten eine schwarz gekleidete Frau, die wahrscheinlich gar nicht so alt war, wie sie aussah oder sich gab. Auch sie mit dem Sohn. Einheimische Rentner. Einer mit Husten. Später ein „Großvater“ mit Frau, Tochter und 2 Enkelinnen (eine erklärte dann einem Eintretenden: „Opa ist heute hingefallen“). Zwei Pharma-Vertreter mit Aktentasche. Als ich endlich dran war, sagte ich nur: „Bitte ein Rezept für Viagra.“ …
Forse che sì forse che no. Immer gehe ich in beide Richtungen. Kompromisse finden… jein. Derzeit denke ich an eine Wohnung in der nächstgelegenen Stadt, also nicht weit von ihr, also erreichbar. Sie zieht mich ja immer noch an. Sie hat ja ein gewisses Etwas, das mich reizt, das mich phantasieren läßt, das mich an-zieht. Aber die Vorstellungen für unsere jeweilige Zukunft gehen auseinander wie eine Schere, bevor sie das Band auseinander schneidet. Völlig unvereinbar. Dagegen wäre nichts einzuwenden, würden ihre Vorstellungen nicht auch mich unfreiwillig mit einbeziehen, und diese Vorstellungen betreffen alle das Haus: Sie würde gern noch mehr Tiere haben, sie würde gern noch mehr Gäste haben, sie träumt davon, aus diesem eine B&B zu machen. Alles Vorstellungen, die sich mir und meinen Schreibtisch-Projekten in den Weg legen. Denn all das kann nicht ohne meine Miteinbeziehung vonstatten gehen. Zwangsläufig wird dann meine Hand vonnöten sein. Und die Unzufriedenheit über die so verlorene Zeit wird sich unweigerlich breit machen bei mir. Verzichtet hingegen sie, wird bei ihr genau derselbe Prozeß stattfinden. Es scheint, mit 50 ff. beginnt das Leben, sich auf sich selbst zu besinnen und die früher vielleicht akzeptierten Kompromisse nur noch als Nötigungen zu empfinden. Weil der Eindruck entsteht, mit 50 ff. beginne tatsächlich schon der Countdown für den Start in den Tod, den man aufrecht stehend wie eine Rakete in Cape Canaveral erreichen möchte: Phallisch und weithin sichtbar. Weil mit 50 ff. gerade auch die sexuellen Funktionen plötzlich eine Wende andeuten. Um so größer wird aber die Leidenschaft, der Eifer, der Geifer, der Schaft… Was rede ich? Ich rede mich.

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