B.L.’s 15.12. – Etwas Weißes

20.57
Es war zu der Zeit und lange ist’s her und die Rede ist vom Noch-Volksschüler, als Bruno anfing zu merken, daß ihm etwas wachse unter bestimmten Umständen, und daß unter bestimmten Umständen ihn etwas durchzitterte und sich in einem weißen Etwas zum Ausdruck brachte, das dem entsprechend gereizten Gewachsenen stoßartig entwich. Das erste Mal geschah es, als er aus dem Nachttisch des Vaters heimlich eine Ausgabe der Wochenend vor sich und die Matratze seines Bettes unter sich hatte. Und all das Weiße ging in die Matratze. Ausschlaggebend war das Bild einer Kirgisin. Nachts mußte er seinen Körper dann so betten, daß er nicht mit dem Feuchten dieser weißen Flüssigkeit in Berührung kam, die etwas unangenehm kühl war. Bald gefiel es ihm, nackt zu schlafen in direkter Berührung mit der Matratze. Und manches Weiße ging dabei in sie hinein. Eines morgens überraschte ihn seine Mutter mit der Zeitung in der Hand. Sie sagte aber nichts darüber, daß ich sie mich da nackt liegen sah. Auch sagte sie nie etwas über die nunmehr etwas fleckige Matratze, obwohl sie doch hätte merken müssen beim Bettenmachen. Sie also mit der Zeitung in der Hand: Darin ein kurzer Artikel über ihren Bruder H., meinen Onkel mithin, der ein paar Jahre vorher in den Westen geflohen war und dann in einem weiter weg gelegenen Dorf bei irgendeinem Bauern als Knecht gefunden hatte, der mit einer Bauernfamilie aus unserem Dorf verwandt war. Der Onkel, hieß es in dem Artikel, habe versucht, sich an einem kleinen Mädchen zu vergehen. Was genau geschehen ist, habe ich nie erfahren. Nur lag ich da nackt mit meiner eigenen Sexualität und erfuhr, daß Sexualität nichts Unproblematisches sei. Mehr noch, man kann verhaftet werden. Natürlich gab es am nächsten Tag ein paar dumme Sprüche, als ich wie immer mit der Bahn zur Mittelpunktschule fuhr. Was ich meiner Mutter erzählte. Die dann energisch bei der Mutter des Hauptsprüchemachers vorstellig wurde. Danach sagte mir keiner mehr etwas. Der Onkel landete im Knast für etliche Jahre. Wie er später sinngemäß sagte: Die Schuld für die langen Jahre hätte der in seinem Fall katholische Richter auf dem Kerbholz. Manchmal kamen Fotos aus dem Knast. Einmal ein von ihm gebasteltes Briefmarkenalbum für mich. Aber das hatte alles nichts mehr mit jenem Morgen zu tun. Für einen simple mind und deshalb langweilig mit seinen ewig gleichen Sprüchen hielt ich ihn schon vorher. Später landete er im Emsland, heiratete eine Übergewichtige und hatte (glaub’ ich) auch einen Sohn. Vor etlichen Jahren schon ist er gestorben. Ohne, daß das bei mir irgendeine tiefer gehende Trauer ausgelöst hätte. Es gab auch weitere Asoziale in meinem weiteren Familienkreis, hauptsächlich in dem meiner Mutter, die aus einem nahen Dorf in der „Ostzone“ stammte und ich weiß nicht mehr wieviel Geschwister hatte. Wieso meine? War nicht die Rede von Bruno?

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.