Wahrheit ist komplex, nie einfach. Die Moral am Kreuz (2).

Letztlich ist sie unausdenkbar. Das macht einen Menschen, der moralisch handeln will, dazu unfähig; er müßte denn annehmen, es geschehe irgend etwas ohne Grund. Deshalb sagt Voltaire: „Alles zu verstehen, heißt, alles zu entschuldigen.“
Am Anfang der moralischen Handlung steht deshalb immer ein Gewaltakt, letztlich ein Verbrechen; nämlich dasjenige, das ein Stärkeres dem Schwächeren antut. Nicht anders übernimmt eine Nation nach dem Krieg die Besiegten und zwingt sie, wie den Vasallen, in i h r Gesetz. Wobei das Interesse dieses Gesetzes will, daß der begründende Sachverhalt – gewaltsame Übernahme – vergessen werde. Nur so ist ein ständig schwärender Widerstand gegen die Besatzer ausgeschlossen. Deshalb war es für jede Missionierung so maßgeblich, die neuen Werte sich internalisieren zu lassen; daher auch Übernahme und ‚Besatzung’ fremder heiliger Feste durch neue Glaubensinhalte; so wurde aus dem Julfest Weihnachten und die Wintersonnwende zu Christi Geburt, die vor der Christianisierung des Nordens auf den 6. Januar bestimmt war.
Zum Gründungsakt von Moral gehört deshalb auch stets das Tabu: Bis hierher darfst du denken, darüber hinaus nicht mehr weiter. Beruhigt kann darüber nur der sein, der nicht nachfragt; jedem anderen, sofern er Moralist ist, ist in ständiger Schärfe bewußt, daß gerade er, a l s Moralist, unentwegte Verbrechen begeht. Daher die Schuld, die in nahezu jeder Kultur, vornehmlich in religiös fundierten, eine solche Rolle spielt. Erbschuld hat r e c h t, aber eben i n s o f e r n. Man macht sich am Verbrecher schuldig, weil er von allem Anfang an, weil er von Geburt an bereits ein Verurteilter war. Weil man das nicht sehen w i l l. Soll Moral funktionieren, d a r f man das nicht sehen.
Verglichen mit diesem nicht-wissen-W o l l e n ist jeder Racheakt, dem es nicht auf Gründe, sondern auf Ausgleich ankommt, von höherer Moral als der Rechtsstaat.

(In der kriegerischen modernen Auseinandersetzung mit dem fundamentalen Islam wird das Problem überdeutlich: Wer hat moralisch recht? Beide Seiten ziehen sich auf ihre Glaubenssätze zurück, hinter die nicht weitergefragt werden kann: das Menschenrecht ist eine Proklamation und keine naturgegebene Größe; es ist unser – wahrscheinlich wichtigstes – Kulturprodukt. Aber u n s e r e s eben. W i r sagen: Wir glauben daran und stehn dafür ein. Der Gegner sagt anderes, für ihn ist – mit logisch ganz demselben Recht – G o t t die kulturhaltende Proklamation und etwa eine Trennung von Kirche und Staat ganz entsetzlich. Gottesfürchtigkeit gilt dem Gläubigen höher als das Individualrecht. Sie genau hält s e i n e Moral zusammen, aber genau sie wird von dem permanent sich und s e i n e Werte globalisierenden Westen unterlaufen. Wer schließlich „auf der richtigen Seite“ stand, wird sich deshalb erst dann erwiesen haben, hat eine Seite g e s i e g t. Ist also die je andere Moral gewaltsam niedergedrückt worden und die eigene an deren Stelle gesetzt.)

[Moral. „Praktische Vernunft“.
ICE Bamberg-Berlin.]

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17 Kommentare zu Wahrheit ist komplex, nie einfach. Die Moral am Kreuz (2).

  1. ausgleich ist dem rächenden auch eine „begründung“. persönliche rache – als impuls – ist ein wesentlicher aspekt in der bewältigung eines erlittenen (empfundenen) unrechts. der rechtsstaat versucht lediglich dieses unrecht zu klassifizieren und in ein meta-gerüst zu erheben. das ist kein akt der moralität, aber eine gesellschaftliche schutzfunktion, die ihren ursprung in wirtschaftlichen – und nicht kulturellen – begründungen hat.

    die idee der erbschuld ist schon ein geistiger gewaltakt, dem jede moral fehlt.

    • „…die ihren ursprung in wirtschaftlichen – und nicht kulturellen – begründungen hat“ Das überlappt sich in rechtsstaatlichen Ordnungen und ist kaum voneinander zu trennen.
      Dennoch bleibt die moralische und eben – als gewaltsame unmoralische Konstittution – auch bei Schutzfunktionen (einer Sicht, der ich zustimme) erhalten: es wird nämlich von „Strafe“ gesprochen. Die Rechtsprechung unterscheidet ja expressis verbis von Schutzhaft usw. und Strafhaft. Einer Strafe m u ß eine S c h u l d vorhergehen; andernfalls ginge es nicht um Strafhaft, sondern um Sicherheitsverwahrung. Den Verbrecher wegzuschließen, um eine Gesellschaft vor ihm zu schützen, ist etwas anderes, als ihn mit strafender Q u a l zu belegen. Er soll b ü ß e n. Genau da liegt die – im allgemeinen – unbegriffene Schulds-Religiosität jedes noch so aufgeklärten Rechtssystems. Der ‚Vater‘ richtet.

    • der strafvollzug hat auch in seinem namen dieses wort und die schuld als ursache, die eben gerichtet werden muss.
      der präventivcharakter im strafvollzug ist jedoch in jedem fall jeglicher moralisch-religiöser sichtweise als moderner und fortschrittlicher entgegenzustellen, da die gesellschaft mit einer metaebene (strafrechtsbehörde im auftrag) hier auch die verantwortung für die ursachen von verbrechen übernimmt und bereit ist, aktiv etwas dagegen zu unternehmen (im strafvollzug ist die ursachenforschung (nämlich für die ursachen in der gesellschaft) ein wesentlicher aktivpart, der doch auch etwas selbstreinigendes (und dadurch vaginal-mütterliches) und die gesellschaft näher an utopien heranführendes hat).
      und gerade bei den angesprochenen missbrauchsthemen ist die gesellschaft – als ungeformte, selbstaktive meute – niemals in der lage, an den eigenen ursachen zu arbeiten. ich will nicht behaupten, dass das die gerichtsbarkeit vermag, aber ein versuch ist es, und er scheint vernünftig.

      selbstverständlich überlappt sich in einem staat alles mit allem – aber der ursprung der gerichtsbarkeit liegt in der wirtschaftlichen schwäche, die einem staat erwächst, wenn die blutrache ganze sippen (die ja in endgültiger konsequenz ganze landstriche bedecken und wirtschaftlich versorgen) auslöscht. die formen und ausprägungen dieser umsetzung sind dann kulturell unterschiedlich, absolut richtig.

    • @david ramirer. Selbstverständlich ist es vernünftig, gerade im Fall der Blutrache. Das entbindet aber nicht davon, daß jedes Strafen, wenn man den Gründen eines begangenen Unrechts nachspürt, ebenfalls ein Unrecht und man selber ein Täter ist, der sich nur deshalb durchsetzen kann, weil er mehr Macht als der andere Täter hat. In den Gewaltzirkel b l e i b t man geschlossen, auch wenn man die Verfügung über Gewalt an Institutionen abgetreten hat. Wer Fleisch ißt, muß nicht selber schlachten, um Schächter zu sein; er ist es, auch wenn er davon nichts mehr bemerkt.
      Darauf zielt meine sich langsam formende Kulturtheorie ab. Ihr geht es nicht darum, demokratisch-moralische Modelle zu Fall zu bringen, sondern die Sicherheit zu attackieren, mit der man sich selbstverständlich und beruhigt für einen moralischen Menschen hält, obwohl man doch selber eigenes Interesse mit Gewalt an etwas durchsetzt, das für das, was es tat, letztlich nicht verantwortlich ist. Alles hier hängt an der Frage, ob es einen freien Willen g i b t, der es dem Subjekt erlaubt, sich tatsächlich unabhängig von Gründen für oder gegen etwas zu entscheiden.
      Eine mich dabei besonders beschäftigende Frage, ist also die nach dem Grundgefühl gerechten moralischen Handelns, das im Falle der Auseinandersetzung mit dem Fundamentalislam b e i d e Seiten haben, und zwar beide mit ganz demselben Recht. Mich treibt, noch einmal grundsätzlich über Moral nachzudenken, gerade der sich aus den gegenwärtigen Konflikten ergebende Aufeinanderprall völlig verschieden codierter Kulturen. Dieses hat in den ANDERSWELT-Romanen einen ganz entschiedenen Stellenwert; es ist für mich eine brennende Frage.

      Ein anderes ist’s, daß ich die Vermutung habe, etwa Mißbrauch sei unserer Kultur als Bewegungsrichtung-selbst eingeschrieben, und sie könne ihre gewaltsame Herunft auf Dauer nicht verleugnen, selbst wenn die Sublimierungsformen immer ausgefeilter werden; im Sinn von Freuds Wiederkehr des Verdrängten breche die usprüngliche Gewalt nämlich mmer wieder neu durch. Darüber werde ich weiter nachdenken. Was ich dann aber gerade n i c h t glaube, ist, daß ein gesellschaftliches Interesse daran besteht, die tatsächlichen Gründe von Mißbrauchs-Geschehen aufzudecken; im Gegenteil wird alles dazu getan werden, sie zu verschleiern. Nämlich u m die subjektives Rechts-Gefühl gewordene Moral nicht zu gefährden. Insofern ist, was Sie über den Strafvollzug schreiben, eine angenehme, menschliche Wunschvorstellung, >>>> die Realität aber eine komplett andere und noch im gemilderten Strafverfahren von für alle Betroffenen entsetzlicher Ausweglosigkeit. Auch hier kommt mir „Rache“ als letztlich menschlicher vor: der, dessen Kind geschändet wurde, schießt in einem völlig verständlichen A f f e k t den Mißbraucher nieder. Das hat sämtliche Rechtfertigung, die sich denken läßt. Nicht aber, wenn der Mißbraucher dann in einen Vollzug von seiner eigenen Tat abgeschnitten und von gänzlich anderen Leuten gequält wird. Hier findet, könnte man sagen, selbst noch eine Entfremdung von der Schuld und also von der Strafe statt. Wie Entfremdung überhaupt nicht nur Kennzeichen unserer Produktion und unserer Ernährung, sondern gerade auch unserer Moral ist.
      (Mir ist klar, in welch ungesichertes und heikles Feld ich hier hineinrede und welche Problematiken sich daraus ergeben. Es ist deshalb erst einmal nichts als ein paar Steinchen, die versuchshalber in den Boden gelegt werden. und bei denen man schaut, ob sie halten.)

    • danke für ihre ausführliche antwort. ihre hier verlinkten eigenen erfahrungen aus einer lesung in einer haftanstalt machen recht drastisch deutlich, wie schwierig es im strafvollzug zu geht. wie schon ausgeführt: viel einfacher – und bei manchen verbrechen ja sogar oberflächlich leicht nachvollziehbar – wäre ja der ge-echote schuß nach hinten: abmurksen, weg damit.
      obwohl die probleme für täter nach einer haft bisweilen enorm sind (was eine art „zweiter strafe“ nach der „strafe“ bedeutet), wird doch auch in der haftzeit viel unternommen, um die ursachen zu erkennen. das hilft dann dem staatsgebäude allgemein bei der veränderung bestimmter faktoren, oder besser „hülfe“.
      ich kann ihnen durchaus folgen, wenn sie schreiben, dass missbrauch unserer kultur eingeschrieben ist. das beginnt schon beim besitzdenken eigenen kindern gegenüber (und bereits die sprache bietet hier kaum missbrauchsalternativen). schon die aussage „mein sohn“ oder „meine tochter“ ist die wurzel des missbrauches, weil so viele das dann nicht mehr als genetische fortsetzung sondern als wirtschaftliches eigentum betrachten, mit allen verfügungsrechten, die man ja über sein eigentum – auch so eine staatsdoktrin – hat. der missbrauch geht aber auch da weiter – und setzt sich dann wie ein virus fort – wenn mann/frau das eigene kind, das von jemandem anderen missbraucht wurde (sie sehen sicher schon, worauf ich hinauswill) per tötung des täters rächen will. „der/die da hat mein eigentum geschändet, also muss er/sie sterben… “ … das ist zwar vielleicht nachvollziehbar, aber auch eine folge von in der gesellschaft verwurzeltem missbrauch, der wie eine spirale alles nach unten zieht.
      das töten – und missbrauchen – von individuen der eigenen gattung ist – und da bin ich zu keiner diskussion bereit – keine kulturelle leistung, nein, es ist ein rückschritt gegenüber dem tierreich, den nur der mensch „vollbracht“ hat. und er kann es sich schenken, darauf stolz zu sein.

      wir leben in einer von missbrauch schon bis zur langeweile durchsetzten welt, und es ist gerade dieser nicht mehr (oder noch nicht) als solcher erkannte missbrauch, der den anderen, offensichtlichen wuchern lässt.

    • @ david ramirer: „per tötung des täters rächen will“ . Sie sind in diesem Fall nicht genau. Ich schrieb von einem A f f e k t, nicht von Planung. Planhaftes Handeln unterläge in diesem Fall derselben moralischen Problematik, die auch den Rechtsstaat und überhaupt moralisch ‚begründetes‘ Strafen als Widergänger anhaftet, sich darin festgekrallt hat und nicht abzuschütteln ist. „Mein“ übrigens m u ß kein Eigentumsrecht ausdrücken, sondern kann durchaus nur sagen: „Du gehörst zu mir, ich gehöre zu dir“ – im Sinne des platonischen Kugelmythos‘, also der Liebe. Ohne diese hätten wir die größten Kunstwerke nicht, was Lieder, Romane, Bilder – überhaupt den – ich sag bewußt – edelsten Teil der Kultur geformt hat. All das ist a u c h ‚mein‘.
      Man kann es auch mythisch wenden. Dann hätten wir eine Formklammer zur Blutrache. Als im Lager Laurences of Arabia ein Blutrachestreit entbrennt, übernimmt e r – der Sippenfremde – den Racheakt, so daß die unheilsame Kette unterbrochen wird. Tragisch daran ist, daß Lawrence eben den, den er jetzt erschießen muß, unter Einsatz des eigenen Lebens aus der brennenden Wüste kurz zuvor gerettet hatte. Dazu der Berberfürst Auda Ibu Tayi: „Wer Leben gibt, darf es auch nehmen.“ Ein hochgradig mütterrechtlicher Satz, dem es n i c h t um Eigentum, sondern ein ganz anderes – n i c h t entfremdetes – Beziehungsverhältnis geht, das sich noch heute, patriarchal gewendet, in nahezu jedem christlichen Beerdigungsritus wiederholt.

    • meine mangelnde genauigkeit wird von ihnen leider erwidert: denn auch ich schrieb davon, dass die sprache kaum alternativen anbietet – dass es natürlicherweise alternativen zur sichtweise auf „mein“ in form des eigentumsrechtes gibt, habe ich nicht bestritten; mir ging es nur darum, dass die sprache manches in der gesellschaft unbewältigte durch formgebrechen zu fördern imstande ist.
      ich sagte ja: die form, in der „mein“ verwendet wird, ist ein missbrauch – auch dieses wortes. dass dieses wort durchaus auch ätherische quellen hat und mysthische bedeutungen vermitteln kann, und dass verschmelzung durchaus ein ziel sein mag – das auszudrücken ist wohl aufgabe der kunst (und damit ihre). aber sie wissen es auch: die sprache gehört nicht allein den dichtern und nicht alle wissen um das wesentliche der wörter.
      meine wahrnehmung war die geschilderte – in meiner beobachtung der gesellschaft, in der ich lebe. „mein“ steht leider auch in beziehungen kaumest für verschmelzung und mythen, sondern meist für starrstes klammern. sehr froh bin ich, wenn menschen wie sie hier auf die ursprünglichen bedeutungen (und auch andere, utopische möglichkeiten) hinweisen. ach, wären sie doch mehr gehört und rezipiert. ich wünschte es der welt.

      auch in der geschichte von laurence von arabien steckt ein fehler: niemand „gibt“ leben, daher ist auch ein „nehmen“ undenkbar. leben ist da, und das ist so numinos, so mythisch, dass es keine menschliche einmischung benötigt. wir haben da lediglich teil. aber auch das ist: nur meine sicht der dinge. verzeihen sie auch hier bitte meine mangelnde präzision, wahrscheinlich fehlt es mir an sprachgewandtheit und bildung, um mich für sie verständlich auszudrücken.

    • @ ramirer: „Leben geben“. Sprachkritisch bin ich in vielem mit Ihnen einig, deshalb mag ich diese Kommentarlinie gern erst einmal so stehenlassen.

      Beim „Leben geben“ habe ich eine andere Perspektive. „Niemand gibt Leben“ halte ich für einen falschen Satz. M ü t t e r geben Leben, daran ist – vorerst, bis die Retortentechnologie ausgereift sein wird in wenigen Jahrzehnten – nicht zu rütteln. Sie nähren sogar mit sich selbst. Männern ist das prinzipiell versagt.
      Aber selbst wenn der Akt von Entwicklung im Leib der Mutter und der Geburt technologisch ersetzt sein wird, werden es w i e d e r definite Personen sein, die Leben geben; die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß man dann wird sagen müssen: Männer haben Frauen um die Empfängnis und den Geburtsakt enteignet, und nicht wenige Frauen haben an dieser Entwicklung mitgetan. Bis dahin geben Frauen, gibt das W e i b l i c h e Leben, indes männlicher Part weitgehend Zerstörung ist. (Daß Männer ‚zeugen‘, ist ein zwar notwendiger, aber doch sehr vorübergehender Akt, an den sich Verantwortlichkeit rein aus sozialen Gründen bindet; natürlicherseits ist ‚Mann‘ nach dem kurzen Moment der Zeugung überflüssig für das Entstehen von Leben. Das ist bei Müttern, jedenfalls bei Säugetieren, anders. – Nebenbei, in Audas Satz wittert genau das Ausschließende mit, das möglicherweise zum Patriarchat geführt hat: männliche Emanzipation aus Notwehr gegens vollumgreifende mütterliche Prinzip. Aber das ist, zumal in diesem Zusammenhang, eine mythische Spekulation.)

    • doch noch eine anmerkung, und danke, dass sie mir in der sprachkritik auf halbem wege entgegenkommen.

      was oft bei der biologischen komponente an der mutterschaft übersehen wird: das leben, das in „müttern“ entsteht ist von der ersten sekunde an eine eigene entität und enthält einen – zwar abhängigen, aber doch auch bereits in diesem frühen stadium bereits emanzipierten – genetischen bausatz, der sich von dem der mutter (und auch von der des vaters) unterscheidet, also quasi von der ersten sekunde an (also von der befruchtung an) etwas neues ist. das gebende bezieht sich lediglich auf materielle güter: wärme, nahrung, blut (aber nicht das selbe blut! es besteht schon in der ersten zellverdichtung ein getrenntes imunsystem), zeit. und so betrachtet ist das väterliche genau so bedeutend wie das mütterliche (auch in der zeitqualität). „geben“ von leben hat auch eine männliche komponente, und beide prinzipien sind dafür verantwortlich, in ständiger vermählung, sonst gäbs gar nix (wenn der mythologische hintergrund neben dem biologischen dazugenommen wird).
      sie scheinen mir in ihren betrachtungen den männlichen part kleinzureden – der mann ist nicht überflüssig bei der entstehung des lebens (diese perspektive scheint mir eine zu männlich-intelektuelle zu sein), die frau hat hier auch nur kurzen anteil. die schwangerschaft ist eine auch von den frauen nur ausgeübte, aber nicht „erfundene“ angelegenheit, denke ich, und neun monate sind zwar im vergleich zur zeugung lange, aber was ist das gegenüber der dauer eines lebens – und gegenüber dem phänomen des lebens, das ja so viele, auch andere, zeugungsformen, kennt? die natur hat es so eingerichtet, und es ist gut so.

      gleichzeitig sind „die mütter“ schon ein faszinierendes gebiet, und eine wunderliche sache auch schon für faust:
      – – –
      FAUST.
      Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich
      MEPHISTOPHELES.
      Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
      Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
      Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;
      Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.
      – – –
      auch der mann ist m.a. nach nur eine matrize im schöpfungstheater, seine rolle ist wesentlich und nicht radierbar, wenn auch weniger „greifbar“, aber gerade das ist teil seines wesens. und sein beitrag (schöpferisch betrachtet).

      im übrigen sind männliche und weibliche prinzipien geschlechtsüberschreitend wirksam und nicht an biologischen differenzen interessiert. das sind matrizen, mehr nicht, projektionsflächen.

    • *lacht zu ramirer. Ich denke umgekehrt, Sie reden den männlichen Teil zu hoch – was einer sehr, würde Paglia schreiben, apollinen Disposition entspricht. Tatsächlich sind diese „nur“ neun Monate e n t s c h e i d e n d e sowohl für das Kind, als auch für die Mutter. Ich erlebe das derzeit ja wieder direkt mit und gleich, sozsuagen, doppelt. Die ‚Übernahme von Innen‘ hat einen ausgesprochen prägenden, auch das weitere Leben prägenden Einfluß; ich spreche nicht nur von den hormonellen Umstellungen während der Schwangerschaft, sondern von einer Persönlichkeitsumstellung, die sich aufs ganze spätere Leben ausweitet und es bestimmt. Auch die Mutterbindung des Kindes hält oft lebenslang an, auf jeden Fall für nach der Schwangerschaft weitere mindestens zehn bis dreizehn Jahre, bis zur einsetzenden Pubertät also. Diese Mutterbindung ist eine physiologische, nicht nur soziale wie die Bindung zum Vater. Vaterbindung ist eine Fiktion, da nicht-körperlicher, bzw.kaum-körperlicher Art. Man weiß zum Beispiel unterdessen, daß vornehmlich Säuglinge auch noch lange nach der Geburt vor allem auf den speziellen Herzrhythmus alleine der leiblichen Mutter reagieren; ähnliches gilt für Gerüche.

      Was die Matrices anbelangt, so stimmt das nur mythisch: also wenn von „Erde“ etc. gesprochen wird, die nicht von ungefähr mütterlch gefaßt ist, und zwar quer durch die Kulturen. Konstruktionen wie „Vaterland“ – durchweg militärisch und also prinzipiell auf Destruktion, bzw. Erstarrung aus – sind nationaler, nicht kultureller Natur. Ich halte ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ ganz im Gegensatz zu den Hauptvertrete(rinne)n der geläufigen gender-Positionierungen n i c h t für ausschließliche Projektionsflächen, sondern für von der Natur ‚gegebene‘ Geschlechtsfakten. An denen, freilich, arbeitet die Gegenwart hart modifzierend in Richtung auf Geschlechterindifferenz und Androgynität. Mein Denken und meine Arbeit verwahrt sich dagegen entschieden. Marxistisch argumentiert, verwahre ich mich dagegen, daß auch die Geschlechter und Geschlechterverhältnisse in die Äquivalenzform überführt, also tausch- und handelbar werden. Unbenommen ist freilich, daß es Ausstrahlungen auch weiblicher Anteile in Männern wie männlicher Anteile in Frauen gibt. Immer ist indes die Stärke solcher Ausstrahlung von hormonellen Gegebenheiten abhängig, bei Männern vornehmlich von der Testosteron-Produktion, die innerhalb dieses Geschlechts enorm differiert. Neue empirische Untersuchungen haben gezeigt, daß es einen etwa 30 % umfassenden Anteil im Westen lebender Männer mit signifikant hoher Testosteronausschüttung gibt, und zwar quer durch die Bildungsschichten. ‚Männlichkeit‘ ist wie ‚Weiblichkeit‘ n i c h t sozial norm- und modifizierbar.
      Ich habe A c h t u n g davor. Achtung vor dem Primat des Körpers. Seit ich Vater bin, ist diese Achtung unermeßlich geworden.

    • lieber werdender vater herbst, das persönliche erleben überlagert eben immer jegliche intellektuelle durchleuchtung und lässt uns männer ja auf mehreren ebenen „blind“ bzw. „sehend“ werden.

      es liegt wohl auf meiner seite daran, dass ich eines dieser ausnahmekinder bin; bereits im alter von einem jahr von der mutter als nicht wesentlich definiert und links bei den großeltern liegengelassen; im laufe der kindheit lediglich vom vater zuspruch, wärme, interesse und liebe empfangend. aus dieser persönlichen erfahrung heraus kann ich das männliche nur erheben, und nicht dulden, dass es im sumpf der statistischen gleichgültigkeit versinkt.
      wenn die mutter versagt, dann kann der vater da sein, wenn er kann. und das geschieht auch bisweilen. ich bin ein beispiel.

      meine mystischen bezugsquellen gehen davon aus, dass jegliche schöpfung aus einer vermählung der männlichen und weiblichen prinzipien entsteht, und ich kann das in der kunst, beim schöpfen von zeichnungen oder von musik, sehr vital beobachten.
      dass sie aus ihrer erfahrung heraus die weibliche seite so auf das – auch argumentative – podest hieven, ist für mich nachvollziehbar: lieben bedeutet erheben des anderen, und ihr podest für die mütter sei hiermit von mir stehengelassen und verstanden.

      mein podest für meinen vater (und für unzählige andere mögliche väter) aber – das nichts militärisches hat, nichts zerstörerisches, nichts destruktives, aber etwas überlebensnotwendiges – sei mir auch gestattet.

    • @ramirer. Ich kann Sie verstehen und hätte mir, wie >>>> hier deutlich genug wurde, rundweg einen ähnlichen Vater gewünscht, gerade weil auch in meinem Fall eine Mutter nicht mütterlich war, allerdings anders nicht-mütterlich als wohl die Ihre, sondern in Kälte. Die allerdings ganz sicher Gründe hatte, unter der die Frau selbst sehr gelitten haben dürfte und wohl auch immer noch leidet, alles verdrängend bis über den frühen Tod des anderen Sohnes hinaus. Wie Sie >>>> hier weiter sehen, stehe ich, was Väter angeht, ganz gewiß nicht im Sumpf der statistischen Gleichgültigkeit. Anders wäre schon meine eigene, tief angenommene Vaterschaft gar nicht möglich. Alldies enthebt dennoch nicht von der – für mich -Tatsache, daß Vaterschaft recht eigentlich eine soziale Errungenschaft (sozial internalisierte Bindung) ist, keine natürlich-physiologische. Damit ist sie nicht-schöpferisch, jedenfalls nicht anders schöpferisch als Kunst; wie diese schaut sie bei der Physis – sagen wir: beim Bios – ab. Und stemmt sich ihm entgegen.
      Mütter, die ihr Kind verneinen, haben entweder eine so deutliche psychische Störung, daß von Krankheit gesprochen werden muß (bei Vätern ist das anders), oder es schlägt etwas frühes Irdisches, Grausames, in ihnen durch, so graumsam, daß es mythisch ist: Sie haben das Gefühl, dieses von ihnen gegebene Leben sei nicht lebenswert, womit – ganz fürchterlich, ich weiß – lebens’unwert‘ gemeint, nein, gefühlt ist. Damit wären wir dann wieder bei Auda Ibu Tayis oben zitierter Aussage. – Dies ist eine mystische Spekulation, ich weiß, die allerdings Ihrer vitalen Erfahrung einer Vermählung von männlichen und weiblichen Prinzipien in jeder Schöpfung überhaupt nicht entgegensteht. Vielleicht sogar im Gegenteil. Nur faßt sich diese Vermählung bei mir niemals oder selten harmonisch, sondern ihre Grundlage ist der Kampf, auch und – vermute ich – vor allem einer der Geschlechter.

    • schöner sonntagmorgen, wenn ein gegenseitiges verstehen leuchtet neben dem horizonte.

      ja, die vermählung in schöpfungsmystherien ist ein kampf der männlich-weiblichen prinzipien und das weibliche prinzip hat hier – wie sie sicher wissen – auch sehr destruktiv-brutale aufgaben (selektion und konkretisierung).

      ihre elegien gefallen mir übrigens sehr. sehe der angekündigten veröffentlichung in buchform mit vorfreude entgegen, und werde diese als „tor“ in ihr werk benutzen.
      schöne grüße aus wien!

    • @ramirer: „sehr destruktiv-brutale aufgaben“… Die meinte ich und verstehe ich unter der immer wieder in meinen Focus genommenen speziellen weiblichen Grausamkeit – Mütter v e r s c h l i n g e n eben auch -; zu dieser Grausamkeit gehört ein ganz bestimmter Pragmatismus, der den meisten Männern fast wesensfremd ist. Er ist – in der zivilen Gesellschaft – möglicherweise ihr deutlichster Ausdruck. Unterdessen befremdet er mich nicht mehr, und ich werde ihn – wie früher oft – auch nicht wieder beklagen, sondern verstehe ihn nunmehr als den Reflex einer, sagen wir, Allegorie weiblicher Grundkräfte, die immer auch Notwendigkeiten sind.

      (Sollte mein Sohn eines Tages über seinen Vater sprechen wie Sie über den Ihren, wäre das ein großes Glück. Auch dann, wenn ich es nicht mehr erlebte; es wäre eine wirklich-männliche Errungenschaft und in g u t e m Sinn patriarchal. Er könnte sie dann als ein psychisches Erbe an s e i n e Kinder weitergeben, ohne das, wie ich, als einen Kampf erleben zu müssen. Das ist m e i n e Utopie, eine ganz persönliche, ohne die Notwendigkeit allgemeiner Aussagekraft.)

    • ConAlma sagt:

      erfahrungswerte Das Gespräch zweier Männer über Bedingungen und Befindlichkeiten von Müttern hat mich sehr beschäftigt. Ich kann keine Theorien anbieten, nur Erfahrungswerte. Die erste Schwangerschaft, der eine lange, wenig rühmliche und auch traurige Geschichte vorausgeht, war von großem Stolz getragen: der Stolz, nun doch auch auserwählt zu sein, ein Kind austragen zu dürfen, „es“ geschafft zu haben. Allerdings war ich da auch mehr oder weniger allein. Es war alles „meins“: geradezu auch meine Schöpfung!

      Die beiden folgenden Schwangerschaften standen unter ganz anderen Voraussetzungen: es gab einen anwesenden Vater, wo ich allerdings im Zusammenleben das Gefühl entwickelte, mir sei mein eigener Lebensraum genommen. Und sosehr die Kinder gewollt waren: es kam, beim zweiten noch nicht so extrem, beim dritten dann sofort, ein Gefühl von Usurpation meines Leibes auf, eine Inbesitznahme, eine Einschränkung meines eigenen Lebens, die erst im Augenblick der Geburt (immer rasch, unkompliziert) mit großer Erleichterung vorbei war: und ich wieder ins stolze Muttersein zurückkehren konnte. Rückblickend kann ich mich in dieser Zeit maximal als Gastgeberin begreifen, Nahrung zur Verfügung stellend, aber die Einheit, wie sie in der ersten Schwangerschaft erfahren worden war, gab es bei beiden anderen nicht.

      Jetzt, wo ich der Gebärfähigkeit langsam entschwinde, erwacht manchmal der Gedanke, einmal noch eine solche Zeit erleben zu dürfen, im heutigen Bewusstsein. Ich denke, das ist verständlich.

    • S e h r verständlich. Ich erlebe die neue Schwangerschaft, unter welch schwierigen Konstellationen auch immer, wiederum als ein Wunder. Etwas, an das ich nicht heranreiche, noch heranreichen könnte. Auch wenn ich zugleich beobachte, wie sehr sie tatsächlich eine Usurpation ist, wie e i n g e n o m m e n der weibliche Körper wird und mit welchem Maß an Autonomieverlust das verbunden ist. Die das Patriarchat ‚auszeichnende‘ Ablösungsbewegung des Geistes von seinen Grundlagen wird nahezu gänzlich zurückgenommen und läuft auch bisweilen in „Launen“ bisweilen fehl. Ich verstehe diese Launen als einen – meist unbewußten – Protest des autonomen weiblichen Ichs, das zugleich aber w i l l. Hier ist männlich, das zu tragen und zu versuchen, es mit aufzufangen. Dem Wunder an sich nimmt das nichts.
      Übrigens erlebe ich den Prozeß völlig neidlos. Wie einer, der etwas Heiligem zusieht, das sich in ihm so oder so nicht verkörpern k ö n n t e. Das hat etwas davon, daß ich einer lesbischen Beziehung gegenüber niemals eifersüchtig würde. Sie ist etwas anderes.

  2. elsa_fin sagt:

    heidnisch fiel mir heute auf – und ich verstand es als heißt ungläubig sein und n a c h zu fragen. das stört meist: gewohnheiten, bequemlickeit, strukturen, systeme – den satz: das ist halt so.

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