Arbeitsjournal. Donnerstag, der 21. Dezember 2006.

5.47 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Mit dem Profi bis nach ein Uhr nachts zusammengesessen, vor allem den Privatkonkurs durchgesprochen, die Gläubiger ‚zusammengestellt’ (sieben braucht man, was in meinem Fall nicht schwer ist); er nannte mir einen Anwalt, der solche Dinge gut regelt. Es wird eine harte Zeit werden, zumal die Suche nach einem Job. Meine Idee, mich auf dem Bau zu verdingen, zog mir der Profi gleich wie einen maroden Zahn: „Hast du eine Ahnung, wie viele arbeitslose Bauarbeiter es gibt! jüngere, stärkere…“ Aber in d e r Hinsicht trägt mich Zuversicht a u c h. Zuversicht hab ich nur keine in Hinsicht auf den Literaturbetrieb. Meine Arbeit muß ohne ihn gehen (fast ohne, denn es g i b t ja ein paar mir gewogene Leute darin, aber sie haben nicht viel Macht). Sie muß auch, wie in der Vergangenheit meine Verkaufszahlen zeigten, ohne große Lesermengen gehen. Wobei mich das von vielen Kollegen, auch von berühmten, nicht unterscheidet; auch sie kommen oft kaum über 2000 bis 4000 verkaufte Exemplare hinaus; in der Lyrik sowieso nicht. Aber sie sind halt beliebter, und man sorgt (nicht selten mit Recht) dafür, daß sie existieren können. Einige sind allerdings bescheidener in ihrer Lebenshaltung als ich, das ist wahr, – wobei, im Vergleich, meine Ansprüche an Luxus ja eigentlich kaum welche sind; ich muß ja nicht einmal mehr meine Operngänge bezahlen, weil ich den Eintritt gegen ‚Naturalien’ tausche, nämlich mit Rezensionen, die ich schreibe. Bleiben: mal Kino, sehr selten Essengehen, ich muß jetzt richtig überlegen. Das Teuerste, das ich brauche, hängt mit wiederum direkt meiner Arbeit zusammen; meist sind es Geräte, der DAT-Recorder für die Hörstücke etwa. Einen Urlaub, der nicht gleichzeitig Fundament für ein Hörstück gewesen wäre oder den – direkt – ein anderer Auftrag finanzierte, habe ich seit Jahren nicht gemacht. Oder die Kollegen haben eine Frau, die mitverdient, oft sind es Lehrerinnen. Viele haben keine Kinder zu versorgen. Und die wenigsten sitzen an solchen Riesenprojekten wie ich. Vor allem ist ihre Erzählästhetik eine andere als die meine und w i l l einen Umbruch gar nicht wie ich, sondern bedient die Lesererwartung mit ‚einfachen’ Geschichten: Identifikations-Modell.
Das ist halt so, ich komm schon damit klar. Und >>>> denk mir: Meine Zeit wird kommen!
(Ich war immer – wenn’s nicht grade um meine Literatur ging – ein guter Verkäufer; vielleicht, denk ich mir gerade, wäre d o c h wieder Börse eine Option, Warentermine, currencies und Schweinehälften? Aber ich bin so lange raus… Und habe Angst vor der Buchhaltung, die da nötig ist: darin versagte ich immer vollkommen. Soll ich abends auch nur eine Stunde Buchhaltung machen, gerate ich in Depression und bin dann für den nächsten Tag unfähig, irgendwas zu tun: Da wirkt ein ganz auffälliger Widerstand in mir, der den Character einer fast irrationalen Abwehr hat und bis zu starken Ekelanfällen reicht. So geht, was rein kommt, immer raus; zu sparen hab ich nie gelernt, es ist mir wirklich zuwider, etwas zu ‚horten’ oder, milder ausgedrückt, ‚Rücklagen zu bilden’; eine gefährliche Disposition für einen Freiberufler, der möglicherweise auch noch ‚Gewerbler’ ist für das Finanzamt. Davon kann ich L i e d e r singen.)
Maue Gedanken in den Morgen. Klar ist meine Grundbewegung: Realitätsverleugnung. Die hat mein literarisches Schaffen angetrieben von allem Anfang an. Es ist geradezu das Gegenteil eines lebensfähigen Pragmatismus: anti-normativ, anti-regulativ, anti-hierarchisch, phantastisch und querköpfig, das alles logischerweise mit anti-sozialer Note. Dabei, wenn ich mir die Produktion der letzten zweieinhalb Jahrzehnte anschau, mit einem enormen Durchsetzungs-und Schöpfungswillen ausgestattet und immer die Machete wehrhaft in der Hand. Denn auch dieser jetzt projektierte Privatkonkurs ist ja, s o betrachtet, nichts als eine neuerliche Volte, mich eben n i c h t anzupassen. (Ich weiß, daß auch das immer noch der erbitterte Kampf mit meiner Mutter ist, die sich „Anpassung“ ins Poesiealbum ihrer Karriere geschrieben hatte und sie mit eisernem Leistungswillen kombinierte und von uns zwei Jungen ganz dasselbe verlangte; den Leistungswillen hat sie auf mich erfolgreich übertragen; was die Anpassung anbelangt, wurde ich zum ETA-Aktivisten.) >>>> Dielmanns Brief vom 30. November kommt mir dazu in den Sinn, habe eben noch mal nachgelesen:… aber klar sehend, daß Du immer dann und da in mächtigstem Schwung und in ausschweifendster Kreation bist, wenn und wo Du – Du selbst nanntest das mal so – „vor die Tjost treten“ mußt oder zu müssen empfindest. Sorry, das ist Psychologistik, aber ich fand das immer sehr beeindruckend, und (ich) kenne letztlich niemanden, der das derart konsequent lebt, schon gar als Künstler, dieses „Je-heftiger-die-Gegnerschaft,-desto-mächtiger-die-eigene-Positionierung“.Letztlich ist meine ganze Arbeit ein einziger Dichtung gewordener Protest. Nein, ich hab kein friedliches Verhältnis gegenüber der Welt. Alles ist immer Kräftemessen und – ja, wie pure ausschließende — Evolution.

8.11 Uhr:
Längere Verklebearbeit weiterer Tasten mit Tesafilm. Sieht jetzt ziemlich absurd aus, der Laptop, ist aber einigermaßen praktikabel. Herausgesprungen und nicht mehr anders als mit Klebefilm sind jetzt festzukriegen: die Umstelltaste (sie fehlt unterdessen ganz, aber, wie ich bereits schrieb, ich hab einen Trick raus, sie dennoch betätigen zu können); das U, das I, das E ist n o c h nur locker, sowie das N. Der Bildschirm hat unterdessen drei senkrechte, über die ganze Fläche ziehende Streifen in leuchtendem Weiß, Neongrün und etwas matterem Blau. Außerdem, aber den schon lange, den dunkelgrauen, blinden Fleck mittig im oberen Drittel. Je lädierter das Gerät ist, desto unerbittlicher mein Wille, es auf drei Jahre Lebenszeit zu bringen. Das krieg ich auch hin, selbst wenn zum Schluß a l l e s nur noch provisorisch geklebt sein sollte und das Ding insgesamt wie ein Kriegsveteran auf dem langen Marsch heim nur noch hinkt; allerdings darf die Festplatte keinen Schlag kriegen. Ich mache nahezu täglich Backups deshalb. Jetzt gleich läuft wieder einer.

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