Kein… ähm, nun d o c h ein Arbeitsjournal. Freitag, der 29. Dezember 2006.

7.57 Uhr:
[Berlin. Küchentisch.]
Seit Monaten das erste Mal 7 ½ Stunden durchgeschlafen. Auch heute wird kaum gearbeitet werden, sondern zwischen Kinder- und Geliebenwohnung immer wieder hin- und herzuswitchen, vor allem wieder und wieder in die Charité zu fahren sein. Dazwischen werd ich unbedingt auch was mit meinem Jungen spielen müssen, damit er sich nicht aus der Aufmerksamkeit geschoben fühlt. Mich juckt’s in der Seele, ein Gedicht über Geburten zu schreiben, aber ich hab noch keinen Ansatz, mir fällt nix als (neu)expressionistisches Zeug ein. >>>> Dielmann, der die Fahnen für die >>>> Liebesgedichte geschickt hat, schreibt zu den >>>> Bamberger Elegien etwas, das mich sehr stolz macht, und – meine umstrittene „Arbeit an der Öffentlichkeit“ betreffend – etwas z u d e m, das bestärkt: In den Bamberger Elegien bin ich ständig wieder unterwegs. Groß! Ich lese noch eine Weile, will mich noch ein bißchen drinnen treiben lassen, bevor ich dies oder das dazu sage. (…)
Mir geht nicht aus dem Kopf die interessante Verkoppelung der Spannung Gesellschaft – Öffentlichkeit – Person mit dem Komplex persönlich – privat – öffentlich, den Du ja in letzter Zeit gelegentlich auch ansprochen hattest im Blog. Es schält sich mir kräftig heraus, daß die Art des Umgangs mit dem Begriff »Öffentlichkeit« erheblichsten Einfluß auf Ästhetiken hat, und vice versa, und daß bei Deinen ästhetischen Ansätzen in dieser Richtung vieles Grundlegende geschieht. (…)
drinnen treiben lassen, ja, das ist e i n e der Wünsche dieser Elegien: daß das mit ihnen g e h e. So möchte ich das Buch denn auch haben: daß Leser es immer wieder vornehmen, hier hineinschauen, da hineinschauen, daß sie es vielleicht gar nicht ‚am Stück’ lesen, daß so etwas ganz überflüssig ist; ich hätte den Text gern verstanden wie eine Dichtung, die begleitet – das ist völlig anders als bei den Romanen, deren Konstruktion eine genaue Aufmerksamkeit erfordert, damit sich der Handlung folgen läßt. Denk ich mir grad so.

Mein Weihnachtstext, den ich mit der Mißbrauchsthematik zusammen dachte und formulierte, ist jetzt eigenartig überflüssig geworden; als wäre ‚es’ vorbei. Ich werd ihn abspeichern und später einmal in andere Zusammenhänge, zusammennehmende, einbauen, vielleicht in einen der Essays. Aber das hat Zeit. ARGO ist eh vordringlich. Aber auch daran komm ich sicher erst wieder im neuen Jahr, wenn familiär einiges konsolidiert ist. (Wegen der Miete der Arbeitswohnung erreicht mich gestern die Androhung einer fristlosen Kündigung. Dabei geht es um 190 Euro. Lächerlich. Immerhin brachte der Profi gestern abend etwas Geld mit, und auch mein Freund DB überweist 1000 Euro; so kann ich – und muß es dringend – heute die am bedrohlichsten klaffenden Löcher zustopfen.)

Im übrigen: Geliebte – Sohn – Zwillinge – Haushalt. So sehen die Tage dieser >>>> Rauhnächte aus. Zwischendurch lese ich mit großem Gewinn >>>> Helmut Kraussers Roman „Eros“; etwa die Hälfte kenn ich nun schon. Welch ein E r z ä h l e r! Nur, ob nicht der Titel ein wenig ‚verschossen’ ist, nur er, ist mir noch etwas unklar. Eros verlangt a u c h etwas Über-Distinktes, etwas, das über einen Einzel’fall’ hinausgeht; bei Krausser vernüpft sich (bislang) vergebliche Leidenschaft mit einem im Buch so genannten ‚Eros der Macht’, der eigentlich ein Eros des Kontrollierens ist. Das scheint mit, um ein Buch insgesamt-so zu nennen, zu wenig zu sein; anders als MEERE, das immer einen Zugriff auf Überpersönliches hat, immer auch allegorisch Obsession-an-sich beschreibt, ganz unabhängig von den handelnde Personen, bleibt „Eros“ an die handelnden Personen gebunden; das Buch transzendiert also nicht. Aber als Einwand gegen diesen Roman, der erzählerisch großartig ist, ist mein Einwand schwach; nur als Einwand… sagen wir: idealer Objektivität, also mythisch, ist er stark.

9.11 Uhr:
Die heutigen referrers verweisen stark auf >>>> Telepolis. Nun mußte ich d o c h eben >>>> in Der Dschungel reagieren, damit der Zustrom reflektiert wird und auch ein Bömbchen plaziert wird. Eine klitzeleine Provokation; wir Fiktionäre wärn ja nicht wir, unterließen wir das. Nu’ aber rasieren und duschen.

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