Bamberger Elegien (56). Die Erste Elegie in der Zweiten Fassung.

Wo aber bleibt das bleibende Tier? Ein gebliebenes ist es?
Wie das Ozon, gewesenes, das uns davonging? Erblindend
sehen wir noch firmamentweit, dann wird es dunkel. So floh es?
Und es kauert, die Bindehäute verkrustet, zum Sterben?
Wo denn? Wo b l e i b t Welt, wenn uns der Geist von den Körpern ganz ablöst?
Zweiwertig ist er und kennt keine Schatten, die lichten, noch, daß
leidenschaftlich er irrte, sondern will recht und immer
völlig korrekt sein. Harmonisch, doch lau sein befriedeter Atem,
in dem das bleibende Tier nichts mehr reißt. Vegetarisch verhungert‘s.
Er aber weht, verblasene Abstraktionen, durch Häuser,
gittergleichen Koordinaten von Ordnung, in denen
leiblich die Schwester in sich das Weib nicht erkennt und den Bruder
nicht, und er küßt nicht leiblich den Vater mehr, noch erkennt er
in ihr, der Mutter, die, die ihn b l u t e n d gebar und empfing ihn
naß, ach so voller Geilheit. S c h ö n werden davon die Kinder.
Geist aber, rein binär, ist aseptisch und will Retorten
gegen das Tier. Ach Correctness! U m b r i n g e n ist sie in ihrer
zivilisierten Demokratenmoral. So verkriecht‘s sich
kraftlos. Entbeint der Instinkt. Welch sekretloser Jammer, wenn wir
präservativ der Paarungen schäumende, spritzende Säfte
fernhalten sollen von uns – aus Furcht nicht vor Empfängnis,
sondern weil wir hygienisch sind und die Ansteckung fürchten.
Diskriminierung des Tieres. Verkitscht jede Wiese. Verniedlicht,
was das tobende Milchmeer war, und als Vergiftung
abgewehrt die Flüssigkeiten des Geliebten;
weggerückt beide einander vom Nahsten, dem Tier, im Intimsten.
War denn Schöpfung nicht i m m e r auch Tod? War essen nicht töten
stets und zeugen also: überheben? Und blieb‘s das
nicht, bis heute? Ist das derart vergessen? Weggedrängt ist es.
Aber wir fühlen‘s als im Geschlechtsrausch Entichte w i e d e r:
D a s ist‘s, was wir da fühlen! Jeder Orgasmus ist Heimkehr.
Die soll nicht sein, ihrer erwehrt sich, des Tieres, die Krankheit.
Wo denn bleibt es, wenn schon mein Kuß bösblütig prall wird
und erblüht so schmerzhaft entzündet auf Deiner Lippe?
Inkompatibel – allein schon das Wort! – wurden Flora und Flora,
die sich glichen und obsessiv aufeinanderstrebten.
Samen diffundiert zu Nullen, spermatozoen
funktional, der einzigen Eins Membran zu durchstoßen.
Seele? Wo denn? Praktikable Biomechanik.
Zwischen Organ und Gedanke nistet die Menschheit und r e i n i g t
sich von allem Organ, bereits vom Tod fast entkeimt schon,
fast befreit schon von Liebe. Distinktion gilt‘s, nicht Heimkehr
(sie nur als Schein, ein heronanierter, und letztlich monadisch).
Jedes Sekret wird zum Zahlenpaar, sich hoflos zu rechnen
ohne spitze Gerüche, die es einst formten. Wir wollen,
e i n glatter Stein unter Steinen, fensterlos rein in uns selber
stehen, emanzipiert, insektizid unberührbar,
offen allenfalls Kindern, die uns mit dem Tier noch verbinden.
Ach wie vergessen der fette Geschmack auf den Weiden und so
ganz verloren mein schmutziger Fuß! Der pulsierende Schweiß, der
salzen uns, Meeresströme, von den Schläfen floß! Und
Hand ist vergangen und jeder Finger. Dein Ohr, meine Zunge,
die es an seine Spiraldämmchen lockte, auf daß das Tier sie
leckend entgrenzte, und, Anahit, ihren spins verborgne
Welten in ein Bewußtes entbebten, die nicht ein Ich fühlt,
sondern alleine das Uns – Physiologie und Metapher,
alles in einem, das nicht mehr trennt, noch will es trennen,
noch, daß es trennen k ö n n t e, bevor es dann ruht.




Ruht‘s nun für immer? – Wie weit ich entfernt bin, eingerichtet
in meinem kargen Künstlerluxus, dem grundfinanzierten,
der mich vor diese Fensterfront setzte! Kiesterrasse,
Bänke und Langtisch, die Rücken steinerner Allegorien,
stehender; namenlos verwittern sie auf ihrer
langen Balustrade, hinter der es zum Garten
abfällt zu Rosen und Rasen, den vor der Regnitz die Mauer
und ein schmiedeeisernes Gatter wie vor Deinen,
Anahits, meiner Geliebten, verlorenen Blicken beschließen.
Du aber, wie dieser Fluß, blickst hindurch. Es ist ein Rufen.
Es ist ein fließendes Klagen. Und fließt, als ob es blutet.
So erschöpft ruht das Schwertpaar auf einer erkaltenden Asche.
So ist der Himmel. So ist der Garten. Wie, wenn er wartet.
Denn es ruht n i c h t, auch wenn Liebe, so sagt ihr, bedingt sei und ende:
eine Funktion von Funktionen, sentimentaler Restzweck
biologischer Zwecke. So pragmatisch verkleinern
wir unsre Hoffnung und richten uns kleinlich drin ein. Wir wissen‘s,
daß wir bestimmt sind – ja! kein Raum ist fürs freie Entscheiden.
Aber, Geliebte, was tut es? Es macht uns s c h ö n, wenn wir glauben:
auch, wenn‘s nicht wahr ist und wir es nur meinen. Liebe, gewiß, ist
nichts als archicortisches Blitzen, ein leuchtendes Feuern
der Synapsen, Signale der Evolution aus dem Großhirn –
aber F e u e r n doch – F e u e r! Wenn wir das spüren, dann i s t es!
Wenn wir‘s nicht löschen mit Physiologie, dann macht es, Geliebte,
höre!: d i c h schön, die Mutter, dich schön, den Sohn, und mich Vater,
der dir die Schultern vererbte, die Illusionen zu t r a g e n,
Illusion von Nähe und Haut, die wir jedes Mal riechen,
wenn uns der Schlaf umfängt, erkräftend, der die Morganen
pflegende gute. Sie, nicht pragmatische Wahrheit, nährt uns.
Alle sind wir aus Stoffen des Irrtums gemacht. So ist Seele.
Wahrheit, das ist ein zu früher Krebs, der verbitternden Frauen
aus dem Gehäuse niemals empfangener Früchte den Saft preßt:
wo Plazenta wäre geworden, verkümmert ein Drahtspan.
Nun, statt zu weinen, keift eine Frau. Keift aus Trauer. Um Würde.
Braucht doch Erbarmen. So schenke es ihr! Von ungewesnen
Göttern erzähl ihr und glaube, mein Junge, was du erfindest!
Nimm ihre Hände, beide, halte sie auseinander,
rechts halt sie links, ihre Linke mit rechts, so daß offen der Körper,
und dann erzähl, wie wir Mehrere sind, immer, doch Eines,
herrlich menschlich, im Irrtum. Barmherzigsein geht so. (Sie lächelt;
siehst du‘s?)





Ihr sagt, das sei Pathos? Ja, es ist Pathos: das wahre


Teil von uns Männern, wenn wir‘s denn s i n d, und gewidmet den Frauen,
weil ihnen Sorge ums Nest eine letzte Ergebung versagt hat,
weil das sie zwingt, verhalten zu werden. Ach und verlangten
derart nach Einheit! Wollten sich hingeben ganz, doch zu früh von
Männern und ihren Kindern verlassen, entblühn sie früh schon,
früher als wir, zu frühe reifende Menschen ergreift sie
ihr Klimakterium und spricht ein Vorbei, wenn, mein Junge, Männer
immer noch reifen und zeugen können und nehmen sich jüngere
Frauen, die‘s auch schon, ganz wie die älteren, sehen. Ach, daß
wir sie achteten drum! Denn dennoch, s i e leben länger,
und sie pflegen uns noch, kaum daß ein Infarkt uns greis macht.
Hätten umgekehrt w i r eine Kraft, die derart gefaßt ist?
Ist sie nicht bitter genug? – Eine Lehrerin, als du klein warst,
hatte Angst davon in den Augen. Häßlich war sie.
Lieblos, verloren in Vorschrift und Ordnung, kommandierte
sie euch Kinder durch ihre Klasse und über den Schulhof.
Da erzählte ich ihr von der Schönheit und was dich deine
Eltern gelehrt: daß Sterne hoch überm Meer stehn, nichts andres
als das Blinken von etwas, das nicht mehr ist. Doch wir f ü l l e n‘s.
Daß auch Wiesen nicht sind, was sie sind: sekündliches Morden,
sondern Friede, Gesummse und sirrender Laut von Böen,
die sich in an ihnen ziehenden Halmen verfangen,
Harfen des Windes, die jede Bedrohung eines Geschöpfes
mit einem Wohllaut entgelten. Ob man‘s auch reißt, jetzt ist‘s
glückhaft befriedet. Das sei, sagte ich, kein Betrug, sondern feiern
müßten wir das und daß wir s i n d und es teilen dürfen.
Das erzählte ich ihr, und momentlang standen Tränen
hinter den Brillengläsern der Frau, ein sehnsuchtsvolles
feuchtes Schimmern. Die trockenen Wangen röteten sich fast
kindlich, als ich weitererzählte, so sei auch zu lernen:
d a s noch, jede Zahl, jede Letter wollten Kinder verwandeln,
Halden aus Schutt zu Wäldern voll Elfen und Wölfen mit Goldblick.
Jeder Tisch wird zum Raumschiff. Alles dieselbe Bewegung.
So sei der Blick von Liebhabern, Künstlern. So, nicht anders,
sehn wir die Sterne, sehn wir die Wiese. Das, Frau G., ist
wahrer als Wahrheit. So, Anahit, küßt ein Mensch.

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