Paul Reichenbachs Sonntag, der 18. Februar 2007. Die Narbe.

„J’ai vu l’enfer des femmes là-bas…“

(Rimbaud)

Alle Wege zum Paradies führen in die Hölle.
Sie war schwarz, d.h. ihre Haare, ihre Augen waren schwarz. Ungefähr 20 Jahre älter muss sie sein, dachte er. Ihr Kleid, rouge et noir, langärmlig und nach unten hin weit, fiel ihr bis zu den Knöcheln.

Es ist Herbst 1970 in Cesky Krumlov. Noch atmet das Land, zwar leise, aber es atmet. Der Altweibersommer dauert heuer besonders lang, sagt sein Freund, ein Prager Maler, der ihn zu seiner Vernissage, der ersten, seit dem Frühling 1968, eingeladen hatte. Ein kleines Kellerlokal. An den Wänden die Bilder von Mirek. Große dunkelrote Leinwände. Auf ihnen, in spitzen und ovalen Formen, Vaginas, mit Zähnen wie Fledermäuse sie haben. Im Hintergrund ein Kasettenrecorder. Mick Jagger and The Rolling Stones: I can get no, satisfaction.

Er sieht, wie sie stampft, tanzt und wie sie, bis er die Augen niederschlägt, ihn anblickt. Sie dreht sich auf ihn zu. Ich bin Anna, die meisten hier nennen mich Hanka. Sie schlingt die Arme um seinen Hals, er umfasst sie an den Hüften und sie tanzen, eng, ohne, dass die Füße sich auch nur einen Millimeter bewegen. Der Rhythmus ist ihnen in die Hände gefahren. Er schiebt seine Arme unter ihre langen weiten Ärmel, will ihrer Haut nah sein und spürt mit seiner Linken an der Innenseite ihres rechten Unterarms eine lange Narbe beginnen, die erst an der Achsel enden wird. Lass das, sagt sie. Und auf seine Frage, woher hast du das, antwortet sie, komm, wir gehen.

Vor ihrer Wohnung muss er warten. Bis Hanka come in ruft. Er öffnet die Tür, kein Mond scheint ins Fenster, seine Hand sucht den Lichtschalter. Nein, kein Licht kommt es, fast befehlend, flüsternd scharf aus dem Raum. Ich will es dunkel.

„Car je cherche le vide, et le noir, et la nu !“

(Baudelaire)

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