Bamberger Elegien (58). Die zweite Elegie in der zweiten Fassung.

Glauben, ja, schrieb ich. Doch er reicht nicht. Wir müssen auch wissen.
Darin liegt unsere Kraft: das Unvereinbare e i n e n,
Widersprüche leben zu können, objektive;
jedes Gerät würf sie als mathematischen Fehler,
als einen Bruch des natürlichen Schließens, hinaus. Wir aber
schaffen Kunst draus, Neues, das zuvor nicht in der Welt war.
Nie auch wär es hineingekommen, so sperrig ist es
dem natürlichen Ablauf, den Ökonomie sublimierend
nachahmt und Recht und Sozialität, die ihn zwar kultivieren,
doch stehn auch sie auf dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten.
Nicht die Kunst ist mimetisch, das ist seit je solch ein Irrtum!
Sondern vereinbart Darwin sinnlich mit Anrufungen
lichter und sehr dunkler Geister. Chemische Formeln von Farben
werden eines mit Sehnsucht in partisanen Gesängen.
Mathematik, ganz präzise, ist von Stimmen umschlungen,
mächtigen aus dir selber, doch sind es nicht deine. U n s r e
sind es – Amalgame, die wir deshalb verstehen;
chemische Gründe haben wir aber auch hier nur so wenig,
wie, daß wir glauben, die Sonne geht auf. Sondern w i r drehn uns drunter!
So jetzt der Bamberger Garten, der Kies, den die Nacht auf den Kopf stellt,
und er fällt nicht hinunter ins All, sondern, wie die
Regnitz, haftet; dennoch strömt sie, durchströmt einen Kreislauf,
der, was s i e ist, sich gänzlich verliern läßt und ist in jeder
Zehntelsekunde schon anders. Wandlung ist ihre Not; daß
Not es aber s e i, stammt von uns. Denn sie merkt‘s nicht. Wir sind‘s,
die es merken und ihr diesen Ausdruck geben,
menschlichen Ausdruck, der sich von Gründen, sie beseelend,
abkehrt und dafür mit Abgründen zahlt – abgründig schauernd
deshalb, gehen wir nachts durch Ungefähres und lauschen
auf nicht vorhandene Schritte, erschrecken, wenn ein Gebüsch rauscht
n a hbei, und Wind heult auf in den Wipfeln. So m y t h i s c h-schreckhaft
sind wir, die Aufgeklärten, noch immer. Und meinen, Mörder,
lauernde, fürchten zu müssen, konkret, die sich hinter Bäumen
ducken, wo ein Mensch gar nicht ist oder selten hinkommt,
abseits jeder Siedlung, waldtief, in Wüsten, in Dschungeln.
Selbst in Städten ist‘s n i c h t der Mörder, den wir im Mörder
fürchten, sondern ein Andres, ein Etwas, das tief ins Innre
langt, herauslangt wie die Urangst der Tiere, die sich
nachts verkriechen und kauern. Wie sie zittern, daß keiner
sie erwittere und sie, um sie zu töten, aus Bau und
Unterholz zerre! Doch Tiere wissen nicht, was sie fürchten.
Sondern fühlen es instinktiv, wie w i r etwas ahnen;
Doch etwas anderes ahnen wir. Etwas von früher.
Daß es sich rächen will, was wir verrieten. Daß es uns furchtbar,
was wir aus dem Dasein drängten, zurückholt. Als lägen
Erlkönigs Hände uns auf den Lappen des Großhirns, ist es.
Davon der Schauer – doch auch.Gedichte, die das fassen
möchten, wo Tiere zwar lauschen, aber – denn sie lauschen
alle wie Opfer – nicht hinschaun. Menschenart s c h a u t hin, will wissen,
Menschenstolz. Nur in bösen Träumen, wenn etwas wartet
hinter der Tür und kein Wille bewußt ist, sind wir Tieren
ganz wieder gleich. Da läßt der Instinkt uns fliehen, anstelle
daß wir uns stellen, wie wenn wir wach und bewußt sind, und s t e l l e n,
was da hinter der Tür ist. Oh Stolz! Hybrid überhobner,
der uns den Wert gibt – grundloser Stolz grundlosen Wert! Was
ist er denn? Ein Reflex, der, wie überhaupt Emotionen,
physiologisch Irrtümer ausdrückt. Anders Empfindung,
die von Schmerzen, objektiv biologischen, rührt und
körperlich ist, von Hitze, Wärme und Kälte, von Hunger.
Nur in Geschlechtslust, das macht sie groß, fallen Empfindung
und Emotionen zusammen, ins Ungeschiedne verschmelzend.
Bilder v o r dem Ich zieht das heraus, bevor es geformt war
gegen die Ängste. An die Dämonen festgebunden,
sind sie uns in den Cortex gestanzt, palimpsestisch, und werden
nur von Frauen gebannt, von ungefähr geahnten,
nicht-sexuellen, vorgeburtlich dunklen Müttern,
weiten, warmen, die Frau gar nicht sind, Person nicht, sondern
schlickhafte Fassung: eine organische Fruchtwasser-Matrix,
die uns genährt hat, in der wir schwammen, Teilkörper e i n e s
Körpers, umleibt, und doch eines andren, der uns fremd ist.
Ach, wie ein fernes Echo hallt das in uns weiter!
In das Gewölbe unseres Kopfes gesperrt, ruft es
unter der Schädeldecke, unbestattet, und irrt von
Schädelwand zu Schädelwand, ein lebendig Begrabnes,
das doch nie stirbt, sondern hinausreicht und tiefreicht.
Noch im Geschlecht der Männer klingt‘s nach und zuckt matt im Skrotum:
eine gepflügte Erde, die austrocknend springt.

Wie aus der wolkenzerissenen Bamberger Nacht die Sonne,
Anahit, also aufsteigt (wir drehn uns drunter; all die
schlummernden Dächer, alle die Wipfel, die über dem Hainpark
rotgelb erwachen), so kenne, mein Sohn, die Astonomie; die
innere Astronomie aber auch. Und halte, sie ehrend,
an dem Sonnengang fest als der G ö t t i n n e n Inkarnationen.
S i e sind das Nahe, nicht ist‘s ihre profane Erklärung.
Trotzdem gilt sie. Beides ist, sich ausschließend, wirklich.
Beides nämlich wirkt. Analysen jedoch erschaffen
nicht, was sich selbst übersteigt und schöpft aus fiebrigen Teichen
Licht; in die Syrinx blasen sie n i c h t, noch daß sie aus Bäumen
Basiliken bögen. Sondern schneiden nach 気*mit Skalpellen.
Gott zwar ist nicht, das stimmt, noch sind es Götter, nicht leiten
Geister das Schicksal (Jobsuche, Rente und ob ich schwimmen
gehe im Hainbad) und Erde (ob‘s regnet, der Klimawechselwandel,
Dürre, Zunamis und Gezeiten). Doch S c h ö n h e i t, Deine,
Anahits, werfen sie uns über und hüllen die Welt in
Farben – prächtige Mäntel, die uns vergrößern und erst
schaffen, was w i r sind. Ohne das, wie wärn wir erkargt! und
wärn auf dem Teller ein eingetrockneter Rest vom Vortag,
als wir gefeiert hatten. So geschmückt waren die Tische!
Wie die Gläser blitzten! Wie prall und geil die Gebinde
rankten und wucherten fett von Farben! – Aber verkatert
wachen wir auf und speien und nehmen geekelt Tabletten.
Sind wir nicht längst so, post coitem triste – im dauernden Argwohn?
Und zerflocken selbst die uns vorbehaltshalber sauer
werdende Milch? So abgestoßen die Hörner? Feixend
jubeln wir Blödlern zu, die sich am Elend die Hände reiben.
Was wir auch tun, wir setzen‘s, ironisch, in Häkchen, belustigt
drüber, wie klein alles sei. Ein nüchterner, ernüchterter
Unernst ist das, der witzelnd die Verluste rechnet
und eine Seele unter Kollateralschaden abbucht,
die sich selbst profaniert hat. Und streicht sie ganz aus dem Haben.
Nebenkosten unserer Emanzipation.

Wie denn kam das? Was läßt uns spotten, wenn einer die Sonne
n i c h t chemophysisch nimmt und n i c h t den Mond für ein Lager
nutzbaren Rohstoffs, der auf seinen Abbau wartet,
sondern dem S c h e in glaubt, dem Scheinen? Scheint er denn n i c h t, und bluten
Frauen n i c h t mehr nach Regeln, in die sein Hof ein Geheimnis
flößte, von dem man flüsterte, achtungsvoll scheuend, sondern
zweckgerichtet, und wir v e r f ü g e n zweckhaft darüber?
Aus Gehalt wurden Gehälter. Nutzbarkeit blieb uns.
Abstimmberechtigt stimmen wir über Natur ab, als hätten
wir sie von uns abgestreift und wären selber
nicht mehr vegetativ. Es geht um Herkunft, wir wollen
nicht von ihr wissen- ja wollen nicht einmal wissen, daß mit
G ö t t e r n unser Anstieg, Natur in sie und schließlich
uns in ihnen selbst überhöhend, begann. Sie erlagen.
Seitdem schrumpft, was wir sehen und berühren, zu toten
Sachen ein. Es geht dem Vieh wie dem Menschen: wie er stirbt,
lebt es auch, das Untertane. Bis wir nicht länger
lieben, sondern Beziehungen haben, distanzierte
schon im W o r t.

(Mein Sohn, ich erzähle dir von unsrer
Evolution, der des Geistes: Sagen, Legenden, Epen,
Märchen – Geschichten, die kein Darwin erfaßt, noch daß er‘s
hätte gewollt.)
Wie also kam das? Weil wir den Schmerz scheun,
der in aller Lust als Potenz steckt, ihr unbedingt folgend?
In deinem Blick, Anahit, ist k e i n Haus mehr fest. Flammend
ging sie, Semele, auf in des Göttlichen Anblick. Veraschte.
Da sagten w i r: ihre Asche ward Weinstock. Und wurden Prometheus,
stahlen das Feuer und ließen, bevor man u n s an die Kette
legte, von ihr den Mann. Der stürzte tief, um das Licht in
unsere Tiefen zu bringen, in deren Erzen Engel
Semeles Asche begruben. Wir gaben von unseren Tränen
alle dazu. Deshalb kommt der Weinstock in Wahrheit
nicht aus der Asche, sondern vom Weinen. – Plötzlich schlug hell, dem
Paradies entzogen, über das nun Schatten
fielen, das Licht der Aufklärung ein. Und mit ihm erhob sich,
selbstbewußt, der subtrahierende Aufstand, der das
Ganze sezierte, um sich distinkt herauszulösen.
Daher kam die Technik, die, unsre Knochen aus der
Algebra klammernd** (und, dachten wir, die des bleibenden Tieres),
Naphtha und Polypropylene synthetisierte.
Bis in die Augen das Antlitz verschmiert, zerren wir zähes
Schwarzes aus den durchbohrten Wüsten, in die es aus guten
Gründen gesperrt war: infertile Utren schlossen
es für Jahrtausende weg. Nun strömt es und raffiniert dem
achten Tattoo der Apokalypse barrel um barrel
Tinte. Rebellisch die Stirnen gesenkt, penetrieren wir den
Himmel, der Stratosphäre drohend, wie um es ihm, dem
Einen, zu zeigen. Ziehen künstliche Frucht und pfeifen
auf den Atem und Lehm. Führen Krieg um die Herkunft, Vater
gegen den Sohn, Männer gegen die Mütter, in denen
es noch nachwirkt, das Tier. Aus dem Schenkel der Logos,
kopf- und mundgeboren Athene, so knallt sie vor meinem
Studio auf die Terrasse – so klopft sie sich, wobei sie
sich erhebt, den Ruß ab – so nimmt sie ihren Wurfspeer
und zeigt auf mich, die bindungslose Parthenos. Schon ist‘s
später Mittag, und die Sonne steht hoch. Kein Wölkchen kündet
von dem gehenden Sommer. Die Bänke, der Tisch. Zur Regnitz
wartet das Gatter. Und die Erscheinung vergeht.

(Einer frug mich, wie es, das bleibende Tier, gemeint sei.
Indem es bleibend ist, sagt’ ich, ist’s schon gegangen, aber
v e rgangen nicht. Und ich beschwör es, um es zu halten.
Wir opponieren stolz und mit Recht, doch ohne die Herkunft
gehn wir zugrunde wie Wesen, denen die heilende Zunge
eines nahen Geschöpfes fehlt, das sie leckt.)
[*) >>>> Ki (Kanji für „Lebensenergie“).
**) Al-Jabr: „das Zusammenfügen gebrochener (Knochen-)Teile“.]
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