Arbeitsjournal. Sonntag, der 25. Februar 2007.

5.07 Uhr:
[Berlin, Küchentisch.]
Nach knapp vier Stunden Schlaf um halb fünf auf und hier herübergeradelt, wo der Laptop am offenen Netz geblieben war, weil ich vorgehabt hatte, nach 22 Uhr noch etwas zu tun; das kam dann anders, ich blieb mit der Familie, bis nach Mitternacht >>>> siedlerspielend; da wäre es sinnlos gewesen, nachts noch von dort aufzubrechen. Auch für die Arbeit war dieses Gestern nicht eigentlich gemacht. Anders als früher gerate ich indes solcher Tage wegen nicht mehr gleich in Panik; immerhin kam eine ganze Reihe neuer Ideen ins Skizzenbücherl (manches davon war nur Titel), außerdem skizzierte ich weitere Überlegungen zu >>>> diesem, die Gemüter offenbar erregenden Thema, das dann auch nicht ohne böse Emotionen abgeht. Aber das gehört dazu und zeigt, wie virulent es tatsächlich ist, schließlich hängt die gesamte, moralphilosophische und dann eben auch rechtspraktische Frage nach der persönlichen Autonomie und der Willensfreiheit-an-sich daran. Daß ich ein Vertreter derer bin, die an eine solche Willensfreiheit mit einigen Gründen nicht mehr glauben, ist dabei längst bekannt. Wer an Willensfreiheit glaubt, kann letztlich auch an Geister glauben, und die Art, in der der, sagen wir‘s mal so, ‚Glaube‘ an die Naturwissenschaft devouiert wird, läßt mich immer wieder darüber wundern, mit welcher Hoffnung, Hilfe zu bekommen, die Leute zu Ärzten und Zahnärzten rennen. Dann nämlich, das ist ziemlich entscheidend, wenn ihnen ein Leiden ist, wollen sie, daß ihnen die Naturwissenschaft hilft. Wieso wird dann nicht gleich ein Wunderheiler oder etwa ein Priester bemüht? (Dahin gehen die Leute auch, aber in der Regel immer erst dann, wenn die naturwissenschaftlich begründbare Hoffnung auf Heilung versagt – letztlich lassen sich aber selbst Heilungen durch Handauflegen als Prozesse erklären, die ihrerseits in hirnphysiologischen Prozessen begründet sind.)
Jedenfalls höchst eigenartig.
Heut früh vor allem Dritte Elegie. Ich will über den Tag gern ins Nationalmuseum, um mir den Standort der >>>> Amphitrite noch einmal genau einzuprägen; ich hatte ja nur die Figur fotografiert; nunmehr will ich auch ihren genauen Standort in die Elegie mit hineinbekommen und durch seine Beschreibung >>>> die epilogischen Verse der Elegie revidieren. Die Figur hat unterdessen einen höheren, einen geradezu basalen Rang für die Dichtung bekommen, als das ursprünglich von mir beabsichtigt war. Doch führen zu viele Spuren, sowohl mythisch-seelische als auch kunstgechichtliche, in die Themen der Elegien insgesamt, als daß ich das links liegenlassen wollte. Auch hier mein Hang zum Determinismus: Ich kann nicht mehr annehmen, meine Idee, die Schönheits-Elegie der Amphitrite zu widmen, verdanke sich allein dem Umstand, >>>> daß mir die Skulptur seinerzeit so gefiel; vielmehr spüre ich umgekehrt, daß mir die Skulptur so gefiel, weil es innere Zusammenhänge zwischen ihr und mir gibt (=der Gesamtheit meiner inneren, d.h. cerebralen Prozesse); so daß mir die Vorstellung, hier sei etwas ‚zufällig‘ so und so geschehen und habe ‚zufällig‘ so und so gewirkt, absurd vorkommt. Indem ich dann sage, es gebe keinen Zufall, behaupte ich nicht etwa Über-Natürliches, sondern wiederum einen Zusammenhang von Determinanten, bei denen nun freilich so etwas wie Wechselwirkung ins Spiel kommt, so daß sich ein relativ einfach zu denkendes (wenngleich unüberschaubares, weil wie in Computer-Prozessen mit Milliarden Determinanten operierendes) Ursache-Wirkung-Prinzip auf ein matrisches verschiebt; in der Matrix könnte Zeit, die an sich irreversibel zu sein scheint, eine der Determinanten sein. Irgendwo hier liegt auch ein Erklärungsmodell für die mich nun schon derart lange umtreibende Idee der Allegorie. – Freilich führt der Gedanke, Sie haben ganz recht, über dieses Arbeitsjournal sehr hinaus und sollte einen eigenen Beitrag bekommen. Verzeihung, ich philosophier hier jetzt mal nicht weiter.
Guten Morgen, Leser.

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