B.L.’s 26.4. – … daß ich meine eigene Sprache nicht sprach

13.50
Wieder mal blätternd in alten Heften und Notizbüchern, finde ich einen Zeitungsausschnitt aus dem Corriere della Sera vom 21.9.1987 mit dem Titel „1949, das Jahr der Selbstmorde“, jedenfalls soll es in dem Jahr mehr als tausend Selbstmorde in Rom gegeben haben. Der Artikel beschreibt einige Fälle und besonders einen habe ich damals mit dem Kugelschreiber hervorgehoben:
„In der Via del Corso 92 fand mit einem Sprung aus dem Fenster einer Pension das absurde italienische Abenteuer eines jungen finnischen Ingenieurs, Rauni Ralto, 32 Jahre alt, sein Ende. Der Selbstmord des jungen Technikers ist besonders heute in der Zeit des simultanen Dolmetschens und der für Alle erlernbaren Sprachen nur schwer zu begreifen. Denn die Ursache dieser Tragödie lag außer in einer infantilen Persönlichkeit und ausgeprägten Nervenschwäche darin, daß Ingenieur Ralto sich nur in seiner Sprache auszudrücken vermochte. Denn er kannte kein Wort Englisch, kein Wort Deutsch, kein Wort Französisch und um so weniger konnte er Italienisch. Die finnische Firma „Nort Imex“ hatte ihn nach Italien geschickt, um mit einem Betrieb in Pavia Kontakt aufzunehmen, der seit kurzem Motoren für kleine Wasserfahrzeuge herstellte. Ralto fuhr in die lombardische Stadt und quartierte sich in einer Pension ein, doch gelang es ihm nicht, das Unternehmen zu kontaktieren, für das sich seine Firma interessierte. Er war einfach nicht imstande zu kommunizieren. Als die Geldmittel anfingen, knapp zu werden, fuhr er nach Mailand, doch im Konsulat befand sich kein Landsmann, der Konsul war ein Deutscher und sprach kein Finnisch. In Pavia trieben die Besitzer der Pension einen Seemann aus Genua auf, der ein wenig die Sprache des Ingenieurs kannte. Dieser improvisierte Dolmetscher meinte, es sei besser, nach Rom zu fahren und sich dort an die Botschaft zu wenden. Ralto gelangte nach Rom und verwechselte die afghanische Botschaft in der Via Nomentana 120 mit derjenigen seines Landes. Da es Sonntag war und folglich auch die Büros geschlossen, beschloß der Ingenieur, das Gitter zu überklettern, und verletzte sich ein Bein. Er wurde ins Krankenhaus gebracht und dann zum Polizeipräsidium, wo man ihn schließlich entließ, weil der Fall nicht zu klären war. Doch das Maß war nunmehr voll, das psychische Gleichgewicht hoffnungslos dahin: Ralto kam zu dem Schluß, daß das Leben zu kompliziert sei, um akzeptiert zu werden.“
Lassen wir die schlaksige Schlußfolgerung des Journalisten (Patrizio Fusar). Der Zeitungsausschnitt findet sich in einem schwarzen Notizbuch mit rotem Rücken, und wie immer in diesen Büchern und Heften, sind meistens nur die ersten Seiten beschrieben. Auf der entsprechenden Doppelseite findet sich die Parenthese: „(’ne Menge Suizidgedanken)“. Und immer ist von Konflikten die Rede. Schon 1987, und auch schon, bevor ich hierher zog. Ich glaube, ich brauchte das damals, diesen entschiedenen Charakter, um meine eigene Unentschlossenheit auszugleichen, um dann aber auch darunter zu leiden, aber dennoch auch wieder aufgehoben mich zu fühlen. Mit all den Kommunikationsstörungen (siehe oben), die aber nicht an der Sprachkenntnis lagen, sondern daran, daß ich meine eigene Sprache nicht sprach, und ich meine nicht das Deutsche. Ich glaube, darin ist der Grund zu suchen, weshalb ich es ausgeschnitten und angestrichen habe. Und meine Frau kommt mir fast wie die afghanische Botschaft in der Via Nomentana vor, an der ich tatsächlich sehr oft vorbeigefahren mit dem Bus 36.

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu B.L.’s 26.4. – … daß ich meine eigene Sprache nicht sprach

  1. Paul Reichenbach sagt:

    Cesare Pavese, auch er sprachlos geworden, nahm sich einen Sommer später, am 26. August 1950, in einem Hotelzimmer in Turin das Leben. Man muss kein Ausländer sein um sich in Botschaften zu irren.

    • Bruno Lampe sagt:

      Schade, daß das meiste, was ich von Pavese habe, immer noch bei meiner Schwester in Deutschland liegt: Ich hätte angesichts Deiner, Pauls, Beschäftigung mit Pavese gern wieder in „Handwerk des Lebens“ geblättert, nämlich seinen Tagebuchaufzeichnungen. Vorgestern kaufte ich mir einen Band Gedichte von ihm: „Lavorare stanca“ – Arbeiten macht müde, was ein hübscher Kontrast zu Arbeit macht frei ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.