Paul Reichenbachs Donnerstag, der 26. April 2007. Quadratur des Kreises.

„Haben sie niemals irgendwo geheiratet, Pietro? „Nein“,sagte Pietro. „Man darf mit den Mädchen nie mehr als zweimal tanzen. Man muss die Versuchung fliehen.“ Er lachte. „Ich meine wegen Kindern. Sie wären ein guter Vater. Sie sehen doch, wie sie Sie mögen.“ „Wäre ich der Vater würden sie mich nicht mögen. Ich würde sie zum Arbeiten antreiben. Je früher sie lernen, dass lustig sein und selbst mit allem zurechtkommen das einzig Wahre ist, umso besser.
Für ihren auch.“ Cesare Pavese, Der Einsiedler

Diese Zeilen habe ich vor Jahren einmal unterstrichen, als es schien, dass unser Sohn keinen Bock mehr auf Lernen und Schule hatte. Ich war ihm damals, auch aus Mangel an Erfahrung, zu sehr Vater und wäre doch lieber Freund gewesen. Das bin ich ihm übrigens heute noch nicht. Der Unterschied zu damals ist nur, dass ich heute den Vater in mir akzeptiere. Es kann Zuneigung zwischen Vater und Sohn geben, ich sonne mich manchmal in ihr, aber Freundschaft, dies scheint mir zwischen (familiären) Generationen unmöglich, verlangt Waffengleichheit, die sich einfach nicht herstellen lässt. Zur Zeit, und er ist lange aus der Pubertät, erlebe ich unser Verhältnis wieder schmerzlich. Alles was ich sage, ob es um literarische Quellen für seine Arbeiten geht, oder um unsren unterschiedlichen Musikgeschmack oder um meine eher eigentlich avantgardistischen Auffassungen zur Kunst, alles wird von ihm mit den Worten, das verstehst Du nicht, da bist du zu alt usw., ziemlich von oben herab abgetan. Dabei bin ich sicher, dass er konservativer in manchen Fragen denkt als ich. Gestern z.B. hatten wir einen kleinen Streit am Telefon über Musik. Steve Reich findet er ätzend und Debussy öde. Es will mir einfach nicht gelingen ihn davon zu überzeugen, dass alle Künste Fenster zur Welt sind, die unseren Intellekt, unseren Blick und unser Gehör für ihre Schönheiten öffnen und für ihre Kalamitäten schärfen können. Er ist so schrecklich vernünftig. So altklug und wenig neugierig, glaube ich. Und versteckt mich vor seinen Freunden, schämt er sich doch, dass sein Vater, angefangen von den Klamotten und endend mit meinen Interessen, so ganz aus dem Rahmen fällt. Er hält mich für einen liebenswerten Spinner, dem die Realität abhanden kam. Du sollst Dir kein Bildnis machen! Das geht an mich, aber auch an ihn. Reagiere ich doch mit meinen Vorurteilen, ich hasse mich dafür, fast zwanghaft auf seine.

Väter und Söhne, ihr Miteinander – eine Quadratur des Kreises ? Einzig in der Liebe zum Theater, bei ihm ist es das Schauspiel, treffen wir uns manchmal.

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3 Kommentare zu Paul Reichenbachs Donnerstag, der 26. April 2007. Quadratur des Kreises.

  1. @reichenbach. Könnte es nicht sein. Daß gerade die von Ihnen angedeutete, langbeständige Schwierigkeit, den V a t e r in sich zu akzeptieren, es war, was den F r e u n d bis heute verhindert hat? So daß er jetzt, da Sie Frieden mit dem Vater-in-sich machen, überhaupt erst nachkommen kann?

    • Paul Reichenbach sagt:

      Lieber ANH, Sie haben vermutlich recht und ich muss nur warten lernen.

      Es gibt übrigens noch zwei Interessen, die Sohn und Vater teilen. Ich habe, weiß der Teufel warum, vergessen sie zu erwähnen. Das sind die europäische Aufklärung und ihre politischen Konsequenzen zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Rheinbund, Dalberg, Bayerns Reformära etc.), wo wir einig werden und Sören Kierkegaard über dessen theologische und ästh. Positionen wir wunderbar streiten können.

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