„Schöne Literatur muß grausam sein“, Essays. Covergestaltung. Brief an tisch7.

(…)
Ich habe aber jetzt, nach einer überschlafenen Nacht, ein starkes Bedenken mit der Guillotine als Lock-Motiv – nicht wegen ihrer Gewaltsamkeit, die ist mir ja nahe ist, sondern weil speziell dieses Hinrichtungsinstrument unabhängig von der bizarr-humanistischen Motivation seiner Entwicklung für eine Gewalt steht, die von den Massen aus- und schließlich in die Verfügung eines diktatorischen Apparats des Staatsterrors überging. Damit nun hat speziell meine Arbeit wenig zu tun, und es findet meine Nähe so wenig wie ein elektrischer Stuhl. Im Gegenteil steht dem mein Denken – Literatur als Widerstand, davon bin ich nie abgerückt – geradezu diametral entgegen. So wäre mir die Abbildung eines Maschinengewehres als der Waffe revolutionärer, freilich auch schein-revolutionärer oder sich schließlich ihrerseits diktatorisierender Widerstandsgruppen sehr viel näher.
Nun ist es mit dem Maschinengewehr, beziehungsweise der MP, so eine Sache. Ikonographisch wird es in deutschem Zusammenhang ganz sicher sofort mit der RAF assoziiert – da müßte dann etwas gefunden werden, daß dies bricht.Mir fiel analog – eben nur als ein Beispiel – etwas ein, das sich collagiert wie die beiden gekreuzten Piratenschwerter unter einem Totenschädel verhält: .
Ähnlich gingen ikonographisch die Kreuzritter vor, etwa vermittels eines „Schwertkreuzes“:


Das ist strukturell ganz dieselbe Symbolsprache. Genau so etwas müßte aufs Buch, gerade auf ein T h e o r i e -Buch. Sympathisch wäre mir, nähmen wir das Symbol wieder auf, das das Heft-Layout des ersten Jahrgangs der >>>> Dschungelblätter absatztechnisch strukturiert hat (im zweiten Jahrgang war es ein Saurierkopf, im dritten die Anopheles-Fliege): nämlich die Machete, die ja für b e i d e s steht, für Gewalt und Gegengewalt und zugleich für eine Gerätschaft im erntenden Umgang mit überreicher Natur. Schön ist in diesem Zusammenhang >>>> d a s hier. Es drückt die gesamte Ambivalenz aus, um die es eben a u c h geht.
(…)

[Die Bilder stammen von folgenden Links:
>>>> RAF,
>>>> Piraten,
>>>> Schwertkreuz 1,
>>>> Schwertkreuz 2,
>>>> Machete.]
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2 Kommentare zu „Schöne Literatur muß grausam sein“, Essays. Covergestaltung. Brief an tisch7.

  1. parallalie sagt:

    grausam ist das leben. und schöne literatur muß dem rechnung tragen. die köpfe fallen. die glieder werden weg bombardiert. ich selbst träumte (oder wachträumte : gleichviel) gestern, bei einem bombenangriff sei mir der unterkiefer weggerissen worden, ich merkte es und war nicht mehr ich selbst, was mich springen ließ in eine tiefe, tief genug, um zu zerschellen, aber nicht tief genug, um dort anzukommen in der vorstellung, die ich davon hatte. ich stoße mich an dem „muß“ des titels: „schöne literatur muß grausam sein“. ich begreife das provozierende. aber ich wehre mich gegen die symbolik : ein allemal schneidendes und stechendes. es erinnert an schlachtbeschreibungen. dischingis khan ist eine schöne literatur. attila nicht minder. ganz zu schweigen von tamerlan. Roland sonnait du cor. (Obaldia: „Tamerlan des coeurs“). warum ich dieses gefühl habe, und warum ich meine, dem mich opponieren zu müssen: wo bleibt da die liebe? zum sein? denn es ist auch ein sein, ein unverstümmeltes, das es zu gewinnen gilt. neben dem zorn, den ein jeder hat auf das niedrige, das ihm begegnet. grausam muß schöne literatur sein nicht im zeichen der waffen, des tötens, sondern im zeichen einer desavouierten maske : masken abreißen. bloßstellen. sich selbst. die anderen. das ist die guillotine. da wird das überschüssige ich kastriert. und in ein anderes verwölbt. nein, schöne literatur muß nicht grausam sein, sie kann das schöne auch aus dem grauen erstehen lassen, ohne schwert und knarre. die waffe bleibt immer das wort. verletzen die worte, um so besser. zu wünschen bleibt, daß wiederum worte heilen. unheilvoll und reißerisch hingegen die umschlagsentwürfe. warum nicht ein herz jesu, das konterfei eines mätyrers?

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