Der Zehnte Hausacher Leselenz. Juni 2007. Arbeitsjournal (2).



Da stellt einer, belächelt noch zu Anfang, in einem kleinen Ort im Schwarzwald – einem florierenden freilich, in dem sich denken läßt, es fänden sich schon Sponsoren – und besser noch: Mäzene – über die Jahre ein Festival nicht nur deutschsprachiger Hoch-Literatur auf die Beine, nein sogar eines, daß internationale Blicke wirft… selber schließlich entstammt er dem Migrationsfeld, das sowohl die deutsche Wirtschaft insgesamt characterisiert, als auch – und ganz besonders – immer eines d e r Einflußhöfe deutscher Kultur gewesen ist, und zwar seit je. Und beginnt klein, es wächst sich aus, schließlich ist der ganze Ort, zehn Jahre später, in einer Art literarischen Fiebers, von dem sich manche Großstadt würde hie und da Filetstückchen abschneiden mögen… und die Dichter, na sicher, sie bekommen schließlich ein Honorar, reisen an. Dabei kann man nicht sagen, daß sie einander unbedingt mögen, ästhetisch differieren sie teils extrem – mit dem „gemeinsam etwas aufführen“, „gemeinsam etwas veranstalten“ schwingen selbstverständlich auch die gegenseitigen Vorbehalte durch die eine „Haupt“straße des Orts. Zumal dann, wenn diesmal auch eine der deutschsprachigen Großkritikerinnen, >>>>> Sigrid Löffler, dabei ist und aus dem strengen Blicken gar nicht herauskommt, das nicht weniges von Studienräten hat, die Klausuren abnehmen wollen (aber sie schwärmt auch, zugegebenermaßen im ihr physiogomisch möglichen Ausmaß, also verbal; toll freilich ihr unbedingter Satz: „Wir (die Kritiker) übersehen k e i n e n, der’s wert ist“; da spiralt dichterseiner vor Freude, gibt aber auch unumwunden gerne zu, daß die Frau elegant zu formulieren versteht – und ist insofern sofort versöhnt). So reden denn tatsächlich intensiv die Freunde, auch die gemeinsam in eine Richtung schwimmen, mal ausgreifend paddelnd, mal eher vorsichtig und mit dem spitzbübischen Lächeln einer Reserviertheit, die mehr in den Formulierungen lebt als im Leben… oder lieber sich g a r nicht erst einläßt. Ich meine, man ist ja auch nicht im Stadion und begeistert sich an Weltmeisterschaften (Sie wissen schon: in der Germanistik hat der Fußball die Ironie als Fetisch fast schon eingeholt). Hier und da gegenseitige Versicherungen, wie gerne hätte man einander gehört, aber die Umstände, die Parallelitäten der Auftritte usw. Einige stören außerdem, weil sie eine Ästhetik vertreten, die nun g a r keiner will, andere lächeln nur und lächeln und lesen dann leise, wieder andere bringen lächelnd die ganze Welt mit – oder streng und wissend aus dem diplomatischen Dienst; viel viel Eigenes war, viel viel Biografie der Kleinen Familie, manches Weite voller Atem, aber doch auch, nicht ohne daß man zeigt, daß man M a c h t hat… dazwischen Freundesgruppen, auch mal Pärchen; wenig Überheblichkeit (eigentlich schade), wenig Hyperchondrie (erst recht schade, eigentlich); aufgefüllt dies alles von Hörern, die ein Interesse nicht heucheln, sondern es haben, die auch viel Befremden haben, manches gar nicht verstehen mögen, einiges nicht verstehen können und, Hand aufs Herz, auch gar nicht sollten… es gab, davon bekamen nur Umsitzende etwas mit, einen bezahlten Anschlag auf die Kritikerin vermittels Weines und Wassers, die kippten… man fragte sich sofort, wo sitzt der Auftraggebeber… natürlich war der Anschlag als Unfall fingiert, aber die Kritikerin selbst begriff sofort… wie sie aufsprang, ohne etwas zu rufen, nein, stumm in der Strenge empört… und auf ihr dunkles Gewand hinab sah, wo es, feuchtigkeitshalber, wirklich dunkel wurde… dann noch, was besonders heikel ist, jemand, die >>>> Thelen nicht mag und vom großen >>>> Niebelschütz behauptet, er könne kein Deutsch, so daß sie so masochistisch ist, >>>> das Irrsinnsbuch bereits nach zwanzig Seiten wegzulegen… nun ja, denkt man sich, so sind sie halt, die Germanisten… mein Begriff vom Germanistoiden machte ziemlich schnell eine Runde, die zu acht Siebteln aus lachender Empörung bestand… ei ei, ich bin halt w i r k l i c h der Meinung, daß die Germanistik den Dichter verdirbt… um wie viel mehr verdirbt sie aber die Lektore/i(!!!!!!)n! die sollen was Vernünftiges lernen, bevor sie sich einen Text anschauen, Physik, Chemie, Jura meinetwegen, selbst BWL ginge hin, auch ein Handwerk, Sattler, Tischler, sowas… aber Germanistik ist so ziemlich des festeste Strick, den sich ein Lektor um den Hals legen kann, bevor er dann in den Text springt… heikel ist das aber dann, wenn sich das Germanistoide nun ausgerechnet im besten Freund des besten Freundes materialisiert… und so hörten wir denn auch das Provinzielle nach wie vor die Urständ in der Dichtung feiern und nur sehr sehr wenig, eigentlich gar nichts, von der >>>> Anthropologischen Kehre, die das Internet dem Unbewußten gebracht und der Welt insgesamt… na heissa, egal… dann wieder Texte, die vor Bildung und Witz nur so strampeln (und zuhaun: >>>> Gert Jonke), aber die Leute merken einfach nicht, daß sie selbst es sind, die den Boden verlieren, weil ihnen die Bildung fehlt, auch zu begreifen… oder es wird einem mitunter schlagartig klar, wie gern in der Literatur Erleben für Recherche genommen wird und, besonders fälschlicherweise, umgekehrt… und d a n n wieder kriegen wir mit, was für Bürgerlein wir eigentlich alle selber sind und wollen doch a u c h nur nett in den Mauern eigner Häuschen leben, eine ziemliche Anzahl Krögers, Tanias und Tonios, liefen da im Schwarzwald herum und sehnten sich nach innerer Bescheidenheit… Dazu die kluge, sensible, immer ein wenig fremd in der Luft stehende >>>> Elke Erb, der durchaus machtbewußte >>>> Ranjit Hoskoté, für mich eine d e r Entdeckungen des Treffens, vielleicht d i e Entdeckung… ein paar wundervolle Zeilen Joachim Sartorius‘ über den Verzehr von Austern und seiner sexual-metaphysischen Implikationen, trocken-böser Witz bei Elias Schneitter, wirklich herrliche Verse >>>> Ilija Trojanows, dem aber wohl meine kybernetische Wollust einigermaßen fremd ist… macht nix, nur weiter… die Burg dann, mein Junge, wie ein Wikinger gewandet, dazwischen… beim Abschluß der Langen Nacht der Poesie ward’s ziemlich kühl auf dem Bergfried, weshalb Sartorius, nicht unautoritär, die Losung auszugeben versuchte: „Wir lesen jetzt jeder noch zwei Gedichte, dann isses gut“, was wiederum ich nicht einsah und deshalb und nun erst recht ins Volle abschwirrte
, woraufhin er, der nach mir drankam und also knirschend, bzw. bibbernd warten mußte (ihm war wirklich kalt, ich seh das ja ein), nach seiner Partie nicht unentrüstet den Bergfried hinabstieg… ach fein war’s. Und zusammengehalten dies alles, alle diese Charactere, alle diese Widersprücke von José Oliver, dessen Herz eine solche Weite hat, ohne doch an scharfem Verstehen Mangel zu haben (selten selten ist diese Kombination; ich darf das sagen, da ich selbst sie viel weniger… nein, eigentlich g a r nicht habe, und erst recht nicht Toleranz)… daß er dies alles allein durch seine Person und Sensibilität zusammenzuhalten versteht, ohne zugleich die eigene ästhetische Position aufzugeben… hinreißend, sag ich Ihnen. Und ihm und seinen guten Geistern einen großen Dank. Hausach, sein >>>> andalusisches Schwarzwalddorf, tat recht, ihn zu ehren. Und wenn ich nun noch jemanden, der mich beeindruckt hat (>>>> Christoph Simon etwa), vergessen haben sollte, sehe er’s mir nach. Und >>>> sie mir auch. Ich konnt sie ja nicht hören.

Bild: Klaus Ef Schneider

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