BDSM als mainstream. Aus einem Briefwechsel.

>>>> June.

generell jedoch scheint es einen boom zu geben hin zu masochismus und
submission, der mir in seiner inflationären allgegenwärtigkeit beinahe schon wieder lähmend langweilig erscheint.
ANH.Seien Sie gnädig. Diese Tendenz hat erst begonnen, sich auszuleben. Ich habe in einigen Texten >>>> klarzustellen versucht, weshalb, und übernehme das gegenwärtig radikal in meine Poetik. Das fängt überhaupt erst an. Die emanzipierten Geschlechterbilder sind ins Rutschen gekommen.Das schlägt Funken, Funken des sich-Sperrens, nicht-Wollens, Funkenstrahlen des Widerstands und Kampfes. Der wegspringende, immer neu daraus hervorspringende Funkenkranz umkränzt die Wahrheiten, macht sie überhaupt erst sichtbar. Er hat etwas von einem Heiligenschein; dessen Strahlen – – – D o r n e n sind, indes.

[Perversionstheorie.
Poetik/Poetologie.]

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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21 Antworten zu BDSM als mainstream. Aus einem Briefwechsel.

  1. walhalladada sagt:

    BDSM geht mir am Arsch vorbei! Es ist allerdings mein Bewusstsein, was mich genau so formulieren lässt.
    Sie könnens aber gern als ‚Widerstand‘ interpretieren und daraus ‚Funken‘ schlagen…

    • @walhalladada. Nichts dagegen. Stelln Sie sich mal vor, alle wollten Nono hören – es wär kein Reinkommen mehr, und was es sonst noch so gibt, das stürbe.

      [Daß mich das Bewußtsein sehr viel weniger interessiert als die unbewußten Prozesse, ist, denke ich, kein Geheimnis mehr. Nicht ich tu’s, sondern Ihr Ausrufezeichen schlug grad die Funken. *lacht, aber freundlich und Ihnen sehr gewogen.]

    • walhalladada sagt:

      Schön! Ich sehe auch keinerlei Anlass, mir Ihre Gewogenheit leichtfertig zu verscherzen.
      Aber auch das Ausrufezeichen entsprang nicht dem Unterbewussten.
      Seien Sie, werter Herr Herbst, aber versichert: auch ich habe eines 🙂

    • „Aber auch das Ausrufezeichen entsprang nicht dem Unterbewussten.“ D a n n ist Ihr Unbewußtes von besonders geschicktem Selbstbewußtsein. *grinst.

    • walhalladada sagt:

      Ich grinse sofort mit!

  2. svarupa sagt:

    Masochismus und auch die Devotion hat es schon immer gegeben, aber fast immer nur im Hintergrund. Und man muss unterscheiden, es gibt die Menschen, die anfangen so etwas leben zu wollen, weil andere es machen, weil es „In“ ist, eben modern, sie probieren es aus, viele von ihnen springen auf diesen Zug, um an der nächsten Haltestelle gleich wieder abzuspringen. Dann gibt es Menschen, die es zu einem Bestandteil ihres Sexuallebens machen, auch, weil sie es wollen… aber nicht nur, weil es andere machen, sondern weil sie dieses Bedürfnis in sich verspüren, weil sie Lust an der Devotion und auch am Schmerz haben. Die Gründe hierfür muss man auch wieder differenzieren, es hat ja hier in der Dschungel schon genug zu diesem Thema gegeben. Nur… die Publikation in den Medien in Bezug auf diese Thematik wird eine andere, es wird mehr darüber geschrieben, gesagt und auch verfilmt (Siehe den Film 24/7… Link folgt später), wiewohl die Präsenz des Themas BDSM im Netz schon immer wesentlich dichter war, als im realen Leben… im realen Leben findet es immer noch hinter verschlossenen Türen statt. Aber langweilig wird dieses Thema eben aus diesem Grunde nicht, ganz im Gegenteil. Es sprüht Funken, wenn man den Freudschen Ansatz der angeborenen weiblichen Passivität auf den Tisch legt, ihr den Hintern versohlt, und sie auch noch freiwillig still hält, extreme Lust daran empfindet, und um die Schläge auch noch bittet.

    Auweia… jetzt krieg’ ich Haue… aber ich halte freiwillig still, wenn’s gut gemacht wird. 🙂

  3. sho-shan-nah sagt:

    seit langem schon beobachte ich den zusammenhang submission/bequemlichkeit.

    • sirenomele sagt:

      och, nööö

      submission und bequemlichkeit sind doch zwei völlig verschiedene dinge, wie auch passivität und devotion. wer passiv ist, muss noch lange nicht das bedürfnis haben oder bereit dazu sein, sich herabsetzen zu lassen. – sicherlich kann es realiter leicht dazu kommen; aber in den meisten fällen, wird doch der, der einfach nur passiv ist, tatsächliche demütigungen oder gewalt gegen sich nur (!) als schmerzhaft erfahren! (und er wird sich früh genug oder zu spät gewehrt haben.)

      wer passiv ist, ist doch gerade einer, der gewalt scheut. gerade submissiv zu sein, setzt aber ein aggressives potential voraus – und, was dann das libidinöse angeht, das ist nochmal eine g a n z andere, zusätzliche sache.

      ich glaube mit dieser allgemeinen in-welle und lapidarisierung, wie sie hier zur darstellung kommt, kommen soll – und ich aber noch nicht bemerkt habe – geht ein missverständnis einher (zumindest eben hier, meine ich). das v e r s t ä n d n i s ist lapidar, modisch-verweichlicht möglicherweise – weil vielleicht eben jeder mitreden möchte.

    • sho-shan-nah sagt:

      Gut, sagen wir halt anstatt bequem „empfangend“. Um bei der „allgemeinen in-welle“ zu bleiben: Wer gibt noch gerne, ohne dass er nicht mindestens das doppelte dafür empfängt, wenn er nicht weiß, dass es sich auf lange Sicht lohnt (gerade bei schnell wechselnden Kontakten)? Und gerade BDSM bietet (auch wenn jetzt die vertrauten praktizierenden Paare ausgeklammert werden) eine Menge Möglichkeiten, dem direkten Hautkontakt auszuweichen.

    • sirenomele sagt:

      mh, hab ich da was falsch verstanden? („BDSM als mainstream“?)

      reden wir über freud? das empfangende, passive, weibliche prinzip. irrational, destruktiv, aber nur mythologisch. – sowas hat gott nicht nur den frauen – wie männern nicht allein den verstand – gegeben, das ist nur ein urtypus.

      reden wir von BDSM – das hat in jedem fall mit physischer und/oder psychischer gewalt zu tun – in verbindung mit sexueller erregung.

      „submissiv“ – das kann man jetzt in den einen oder den anderen topf werfen und möglicherweise kommt etwas unterschiedliches heraus. im kontext von BDSM geht es nicht nur um unterwerfung, das ist in der tat etwas weichlich. (nicht zuletzt deswegen glaube ich auch, nicht, dass jemand da aus „modischen“ gründen mitmachen kann (wo jetzt konkret eigentlich?). nein. bestimmt nicht, wenn dann lägen andere gründe vor. (ausgenommen eben das spiel zwischen paaren, aber das ist nicht „BDSM“ – wenn ich nicht irre, ist der name eben deshalb vom mainstream-„SM“ (und dem klischee) auf „BDSM“ geändert worden – : um sich angemessen (differenziert) vom vanilla-diskurs zu unterscheiden ))

  4. ferromonte sagt:

    der gegenwärtige „boom zum masochismus und zur submission“ hat meiner meinung nach sehr viel mit der rapide steigenden gewalt und der unfreiheit zu tun, in der wir alle leben. die „gebundenheit“ in der arbeitswelt, die lieblosigkeit der zwischenmenschlichen beziehungen. und der einsamkeit der aufgeblähten egos.
    da versuchen viele, auf dem weg der sexuellen perversionen wieder ein gefühl der lebendigkeit zu beziehen (neben wirklich schwer kranken menschen, die keine andere empfindungs- und ausdrucksmöglichkeit finden können.)

    • sirenomele sagt:

      wenn wir alle aus dem gewaltsamen das gefühl für – oder einen rausch der lebendigkeit beziehen müssten, dann wären wir alle schwer krank, das wäre sogar fast so etwas wie eine definition von kranksein. – obwohl ich diese these an sich schön finde, weil sie, wenn auch recht ausgedünnt, an adorno erinnert, seh ich immer noch keinen „boom zum masochismus und zur submission“.

      meinetwegen „submission“. – soziologisch, lösgelöst vom titel „BDSM…“

    • Zu „BDSM als mainstream“ und Ihrer aller Diskussion. Nur um klarzustellen, in welche Bezüge ich meinen Beitrag setze, und um noch etwas Zündstoff hinters Pulver zu halten:

      1) Unter „BDSM“ befasse ich – ohne Wertung und Wichtung – Neigungen, das Sexualleben bewußt sowohl mit submissiven und devoten wie masochistischen und sadistischen Komponenten auszustatten und zu ritualisieren (in Spuren spielen sie ohnedies in j e d e r Sexualbeziehung eine Rolle).
      2) Daß Sie, sirenomele, von einem Boom nichts merken, mag an der Provinz liegen; in Berlin und überhaupt in den großen Städten des Westens läßt es sich sehr wohl von einer Mode sprechen. Aber selbstverständlich ist das nicht n u r Mode, denn es kommt ja etwas darin zum Ausdruck, das ans Innerste geht. Aber es kann Ihnen hier passieren, wie am vergangenen Sonntag mir, daß man mit seiner Familie auf dem Weihnachtsmarkt steht und neben einem steht eine Gruppe deutlich angesetzter Hausfrauen, die sich über ihre eigenen BDSM-Praktiken lautstark unterhalten, und dann fällt der Satz: „Also meinem Ulli gebe ich lieber einen Rohrstock in die Hand, als daß er mich mit ihr schlägt.“ Oder, noch profaner: „Seit ich mich hauen lassen, habe ich überhaupt keinen kalten Hintern mehr. Das war früher ganz anders.“
      Man mag das so lächerlich finden, wie es ist; es ist dennoch Indiz.
      3) Mit der „Mode“ BDSM geht notwendigerweise Profanierung einher, ja es bekommt etwas Abgeschmacktes, Peinliches (aber nicht aus den „eigentlichen“ Gründen), auch deutlich Ordinäres. Das liegt aber nicht an BDSM-„an-sich“, sondern ist ein Prozeß, der alles ergreift, das demokratisiert und Volksgut wird, egal, ob es sich um einen Sport, um gutes Essen oder halt um BDSM handelt. Es liegt in der Logik der Demokratie, daß die Dinge ihr Niveau verlieren, einfach deshalb, weil etwas, wenn es allgemein ausgetragen wird, nur auf dem Niveau derer ausgetragen werden kann, d i e es austragen. Da der Großteil unserer Bevölkerung nicht aus Intellektuellen besteht, auch nicht aus Hochsensiblen, wäre es unangemessen, einer solchen Bewegung Stil abzuverlangen. Freilich kann man für sich selbst diesen Stil erhalten, auch wenn die Verallgemeinerung es einem durchaus sauer macht.
      4) Ich weigere mich, von Kranksein zu sprechen, weil das einen organischen oder psychischen Ausfall bedeutete, der Lebensfunktionen gefährdet oder doch beeinträchtigt. Begreift man wie ich BDSM als eine Verarbeitungsform, geschieht aber genau das Gegenteil: Traumata werden nunmehr dazu verwendet, das Leben geradezu zu erleichtern. Das ist jetzt ein wenig grob gesprochen, ich weiß, aber ich habe mich hier in Der Dschungel ja schon detaillierter geäußert. Letztlich gehört BDSM für mich in die Kunsttheorie.
      5) Gewaltsamkeit ist eine Grundlage jeglichen Lebens. Es scheint mir eher so zu sein, daß von Kranksein eben dort gesprochen werden müßte, wo sie fehlt, bzw. nicht ausgetragen wird oder nicht ausgetragen werden darf. Leben funktioniert und pflanzt sich fort durch Verdrängung anderen Lebens, Kampf ist eines seiner wesentlichen Elemente. Die Pervertierung von Kampf, allerdings, ist der Krieg – Pervertierung diesmal n i c h t als Bearbeitungsmodus gemeint.
      6) „Urtypus“: Ja. Aber er bricht wieder durch, wie er immer schon immer mal wieder durchgebrochen ist. Parallel dazu haben wir die auffällige und psychologisch nicht rundweg heilsame Erscheinung der Geschlechtsindifferenz, gut ablesbar in den Gender-Forschungen, unterdessen als formulierten Anspruch. Daß solches Geschlechts-Morphing gut mit den Bedürfnissen der humanen Gen-Forschung übereinszukriegen ist, darauf haben andere und ich mehrmals hingewiesen. Die Geschlechtsindifferenz ruft nun, quasi ausgleichend, ein Beharren auf Geschlechtsidentität auf den Plan – und damit auf Urtypen -, wie ich selbst es immer wieder hartnäckig und gegen alle Correctness vorführe; ich laß mich ja unterdessen g e r n e einen Macho nennen. Wie etwa >>>> Svarupa hierüber g e r n e ein Bekenntnis zur erotischen Passivität abgegeben hat. Ich kenn sie ein wenig; mancher Mann hat schon von ihr fausthart eins auf die Nase bekommen oder lag unversehens hilflos wie ein Baby am Boden, weil er ihr unangemessen querkam. Eine harte Kampfsportlerin. Zugleich mit sehr viel Bildung.
      Die Dinge suchen ihren Ausgleich, so einfach ist das.
      7) Zu Sho-shan-nah: Ich habe ihre ironische Bemerkung zu BDSM und Bequemlichkeit beim zweiten Lesen nicht mehr ironisch lesen mögen und möchte sie immer noch für faktisch nehmen. Dann wär ich aber darauf angewiesen, konkrete Daten zu erfahren, die Sie aus Ihrer Beobachtung gewonnen haben. Was die Vermeidung direkten Hautkontaktes anbelangt, so ist das (etwa in den Latex-Szenen) tatsächlich eine Erscheinung; da ich den Reiz daran nicht nachempfinden kann, buch ich das immer unter „Fetisch“ weg und mache desinteressiert zu, allein wenn der Begriff fällt. Es langweilt mich einfach. Nicht aber BDSM-an sich; da ist nach wie vor meine Aufmerksamkeit hellwach. Trotz der Banalisierungstendenzen, die einem, hätte Nietzsche gesagt, „feinen Geist“ auf den, sage ich jetzt, Sack gehen, um vom Geschmack ganz zu schweigen.

    • svarupa sagt:

      Lieber ANH,

      wäre es möglich, dass Sie dem Thema BDSM eine eigene Rubrik gäben?. Ich kann sehr viel von dem, was Sie darüber zu sagen haben, für mich verwerten, bei mir ist es definitiv ein Modus der Verarbeitung. Versteckt findet man das Thema immer wieder mal aufflackernd in den verschiedensten Bereichen hier in der Dschungel innerhalb von Diskussionen. Aber ich muss immer über den Suchbegriff gehen, mir selbst die Links als Favoriten, oder die Texte kopieren und auf meinem Rechner abspeichern. Manches möchte ich gern mehrmals lesen, reflektieren, „wider- und wiederlesen“. Das Thema gehört für Sie zu Ihrer Grundlage Ihrer Kunsttheorie… aber ich muss es immer suchen.

      Sie ANH, sind der einzige Mensch, den ich kenne, der den Modus der Verarbeitung nicht mit der Begrifflichkeit „Pathologisch“ belegt. Ich war vor einiger Zeit hier in unserer Stadt bei einem Szene-Stammtisch und stellte eine Frage in den Raum: „Warum BDSM?“. „Du, da bist du falsch hier, wir BDSM’ler wollen nicht pathologisiert werden“ bekam ich zur Antwort, welche mich schockierte, hatte ich doch lediglich gefragt: „Warum BDSM?“… von einer Krankheit sprach ich nicht. Meine eigene Intention erwähnte ich dann nicht mehr, es hätte niemand, der an diesem Tisch saß, verstanden. Also muss man tatsächlich, wie Sie schon schon einmal sagten, seinen eigenen Weg gehen… dieser geht definitiv am Mainstream vorbei, es definiert sich ein sehr eigener sehr hoher Anspruch an sich selbst, der sich erfüllt sehen will. Dieser Anspruch ist notwendig, die Dichte der einzelnen Differenzierungen ist manchmal kaum zu verkraften. Das, was da ins Innen geht, öffnet – das heißt, man steht sich selbst gegenüber.

    • sirenomele sagt:

      „Ich weigere mich, von Kranksein zu sprechen, weil das einen organischen oder psychischen Ausfall bedeutete, der Lebensfunktionen gefährdet oder doch beeinträchtigt. „

      (gewalt führt doch immer zu kleinerem oder größerem organischem oder psychischen ausfall – sicherlich gehört gewalt auch in diese feier, diese feier des lebens – aber wir reden hier doch von einem lustempfinden am ausfälligen, die eben lust am destruktiven ist. bejahung am verneinenden, das nenne ich krank. vielleicht ist das B,D,S und M eben tatsächlich so eine art wiederholung von zwang und des lebensverneinenden an der rationalisierung, der disziplinierung –

      die lust an der gewalt entspricht nicht unbedingt jenem darwinistischen

      „Gewaltsamkeit ist eine Grundlage jeglichen Lebens. Es scheint mir eher so zu sein, daß von Kranksein eben dort gesprochen werden müßte, wo sie fehlt, bzw. nicht ausgetragen wird oder nicht ausgetragen werden darf.“

      gewaltsamkeit gehört mit zum leben, ja, irgendwo vom standpunkt einer beschreibung. indem sie aber als solche, hier quasi als l’art pour l’art, gefordert wird, ist sie eben keine grundlage mehr, sondern lust, perverse lust.

      „Leben funktioniert und pflanzt sich fort durch Verdrängung anderen Lebens…“

      die verdrängung also nicht mehr psychisch, poetologisch, möchte man meinen, sondern in einem geforderten sinn animalisch… – ich klammere die moral da mal ausdrücklich aus: (………..) – ich weiß nicht, ob die traumata damit gelöst werden, eher noch findet eine retraumatisierung statt. und wenn es jetzt einen allgemeinen boom gibt – fein, sage ich und nicht mein theoretischer geist – , dann soll man aber auch die krankheit daran wahrnehmen in einer immer impliziten, letzten, leisen, weil schon ferngerückten instanz von menschenliebe.)

    • @sirenomele. „ich weiß nicht, ob die traumata damit gelöst werden, eher noch findet eine retraumatisierung statt. und wenn es jetzt einen allgemeinen boom gibt – fein, sage ich und nicht mein theoretischer geist – , dann soll man aber auch die krankheit daran wahrnehmen in einer immer impliziten, letzten, leisen, weil schon ferngerückten instanz von menschenliebe.) „

      Ich möchte darauf gerne eingehen, aber nicht vor meiner Vorlesung am Donnerstag, weil solche Fragen dort auch eine Rolle spielen. Diskutierte ich dies bereits hier, wäre das Pulverfaß oder meinethalben auch nur -fäßchen möglicherweise verfrüht leer.

      Prinzipiell haben wir das Problem, daß wir Begrifflichkeiten wie Krankheit, besonders psychische, aus der Sicht der Kultur definieren, aus Sicht einer Humanität, für die es möglicherweise gar keine natürlichen Grundlagen gibt, sondern die sich – je verschieden nach Kulturen und Zivilisationsbedürfnissen und -notwendigkeiten – entwickelt hat. Darüber hat Bataille in den Tränen des Eros einiges geschrieben. Ich glaube auch nicht an Re-Traumatisierung, es sei denn, es wird etwas gegen den Willen eines Subjektes diesem Subjekt zwanghaft angetan. Für reale BDSM-Settings glaube ich vielmehr, und lege dafür gerne Belege vor, daß einem ursprünglich gewaltsamen Angetanen, das sich anders nicht verarbeiten läßt, dieses Angetane noch einmal folgt, aber als Willentliches. Es handelt sich um eine Art Selbstbemächtigung des Leides. Selbstverständlich nur, insoweit keine weitere objektive Gefährdung des Subjekts davon ausgeht. Ich weiß natürlich, wie randunscharf „objektive Gefährdung“ ist.

      Ich habe Gewaltsamkeit übrigens nicht gefordert, sondern als immer-schon-Existentes benannt; w i e existent, davon machen sich die westlichen Wohlstandsgesellschaften überhaupt keinen Begriff, wiewohl man sagen kann, daß sie in dem Maß, in dem sie direkte Gewalt in ihrer eigenen Gesellschaft zu sublimieren verstehen – und eben n u r sublimieren, nicht etwa abschaffen – sie genau diese Gewalt auf von ihnen abhängige Völker übertragen. Und da tauchen sie dann auf und tun an denjenigen Humanitäres, deren Humanes sie zuvor weggesogen und weggebombt haben. Aus diesem Gewalt-Zusammenhang hat Kunst i m m e r Lust pervertiert, und wenn es eine an der Trauer darüber ist. Jedes Requiem legt davon Zeugnis ab, um von katholischer Heiligenmalerei einmal zu schweigen. Wer sich auf Kunst einläßt, läßt sich auf d a s ein. Wer sich auf körperliche Lust einläßt, ganz ebenfalls. Noch Adorno mußte dem Tribut zollen: „EROS UND ERKENNTNIS“.

    • @Svarupa. Nein, das werde ich nicht tun. Es widerstrebte aller Struktur Der Dschungel und schüfe wieder eine Nische, eine Schmuddelecke, ein Spezielles. Sämtliche Themen sind ineinander verschachtelt, die Pflanzen wachsen mit-, unter-, neben- und übereinander, manches wird verdrängt, anderes drängt sich vor. Tatsächlich lassen sich die BDSM-Segmente über die Search-Funktion finden, und dann findet man eben, in wie vielen verschiedenen Zusammenhängen sie stehen und wirken. Genau das bewußtzuhalten, intendieren Die Dschungel und schaffen Die Dschungel.
      Das gilt nicht nur für BDSM, sondern imgrunde für jeden anderen Bereich, auf den hier ein Schatten oder das Licht fällt. Wer eine Dschungel durchquert, kommt nicht umhin, die Machete zu nehmen. Führte eine ausgebaute asphaltierte Straße zu diesem, eine andere zu jenem Dorf, es wäre von Dschungel schon nicht mehr zu sprechen – auch wenn sie immer da ist. Man täuscht sich dann aber über die Gewalt ihres Zusammenhangs. Wer wissen will, muß sich Arbeit machen; wer unentdeckte Tierarten entdecken oder scheue Tierarten beobachten will, auch.

      Ach ja, ein Abschluß, wenn auch nur in Dingen,
      die zeitlich sind, besiegelbar durch Korn:
      Hier ist ein Endentschluß, hier ist Gelingen,
      sie saugen tief das Glas, sie liegen vorn:

      mir steht ein Meer vor Augen, oben Bläue,
      doch in der Tiefe waberndes Getier,
      verfratzte Kolben, Glasiges, – ich scheue
      mich, mehr zu sagen und zu deuten hier.
      Benn.

    • svarupa sagt:

      @ANH Das Prinzip der Dschungel habe ich verstanden, deshalb lese ich hier ja so gern, auch eben weil man sich die Zusammenhänge erarbeiten muss. Dass ich seit je nicht auf ausgebauten Straßen gehe, und meine Machete immer geschärft ist, wissen Sie. Aber Sie haben Recht, an die Gefahr einer „Schmuddelecke“ dachte ich nicht – so kann die Thematik immer im jeweiligen Kontext einer Diskussion wachsen und diese Wurzeln können dann wuchern.

      Das Gedicht von Benn trifft’s gut.

  5. Von Ferromonte zur Gewalt. Wo >>>> er Diskutables schreibt, stelle ich das hier wieder ein. Sein persönliches Gegeifer habe ich gelöscht und nach >>>> dahin verschoben. Weil aber einer ein Geiferer ist, muß er nicht in allem Unrecht haben; deshalb reagiere ich hier auf ferromontes Argumente:

    leben entsteht und hält sich nur aufgrund enorm kreativer, intelligenter vorgänge und abläufe, die wir nicht wirklich verstehen (bis heute)
    Das will ich gar nicht bestreiten, auch wenn Sie das selber indirekt und unwillentlich tun. Wenn wir etwas nicht wirklich verstehen, läßt es sich nicht ausschließen, daß gerade auch Gewalt ein Teil der enorm kreativen, intelligenten Vorgänge und Abläufe ist. Im übrigen geht Intelligenz im Tierreich sehr auffällig mit Aggressivität übereins. Dummerweise sind auch Menschen Tiere.gewalt hat darin überhaupt keinen platz.Sicher nicht, denn es ist deutlich k e i n Akt von Gewalt, wenn ein Löwe einen Springbock reißt; vielmehr ist das ein Ausdruck animalischer Nächstenliebe.gewalt ist immer ein ausdruck von großer angst.Des Löwen vor dem Springbock. (Es ist das „immer“, das hier fehlgeht. Einverstanden wäre ich, schrieben Sie: Gewalt k a n n ein Ausdruck großer Angst sein.) und angst ist eine menschliche eigenschaft, Eine Eigenschaft kaum. Und auch Tiere kennen Angst. Aber zu dem Tier:Mensch-Komplex siehe oben.und nicht eine grundlage des lebens.Insoweit Reaktionsformen zu Lebensgrundlagen gehören, etwa um ein eigenes Überleben zu sichern (deshalb läuft der Springbock vor dem Löwen ja weg), i s t Angst eine – und zwar heilsame – Grundlage des Lebens, nämlich des Überlebens. (beachte dazu dieserGrammatik! widerliche mythos des „krieges als dem vater aller dinge“. ein anachronistischer satz aus vergangenen jahrhunderten, dem noch immer erschütternd viele „menschen“ anhängen.) Ich hänge dem übrigens n i c h t an. Der Satz selbst stammt von Nietzsche.als menschliche eigenschaft ist die angst die ursache für gewalt und krieg; In solcher Normation ist das höchst fraglich. Die Ursache für Kriege sind oft auch Überlebens-Notwendigkeiten, etwa einer Industrienation, die auf Rohöl angewiesen ist.

    • ferromonte sagt:

      – menschen sind keine tiere, sondern menschen.

      – gewalt hat darin keinen platz. wenn ein tier das andere frisst, hat das genau nichts mit gewalt zu tun. wie etwa sie sich mir gegenüber verhalten oder ein mensch, der einen anderen schlägt, hat dagegen sehr viel mit gewalt zu tun. 🙂

      – gewalt ist immer ein ausdruck von angst, genau. was tiere empfinden hat nichts mit der angst zu tun, die wir menschen empfinden. sie sehen das viel zu oberflächlich, weil sie selbst so ängstlich sind. entspannen sie sich und gehen sie ihren eigenen gefühlen nach, schritt für schritt rückwärts, ausgehenden von der wut, die sie empfinden, wenn sie einen beitrag von mir lesen, in dem ich sie persönlich verletze (oft ohne es zu wollen). was kommt vor der wut? und was davor?

      – der krieg ums öl: von wem wird er angezettelt? (rufen sie sich die persönlichkeit der kriegstreiber in erinnerung). von wem wird er durchgeführt? (wie und warum kommen die US-soldaten in ein fremdes land, warum wehren sich die einheimischen dort … ) – sie sehen: angst, überall die pure angst. und die gier, die die rückseite der medaille ist.

      – ich habe fertig. (grammatik!)

    • @ferromonte. Menschen s i n d Tiere, ihre gesamte Organik ist animalisch. Selbst ihr Geist ist organisch fundiert.

      „wenn ein tier das andere frisst, hat das genau nichts mit gewalt zu tun. „
      Das ist einfach nur absurd.

      „was tiere empfinden hat nichts mit der angst zu tun, die wir menschen empfinden. „
      Woher wissen Sie das?

      „ausgehenden von der wut, die sie empfinden, wenn sie einen beitrag von mir lesen, in dem ich sie persönlich verletze „
      Das ist keine Wut, sondern ich bin amüsiert. Sie rühren mich, ferromonte. Ärgerlich finde ich nur, daß Sie mit Ihren Ausfällen die Ästhetik Der Dschungel stören wollen. Deshalb lösche ich das. Ansonsten, auf >>>>> Ihrem eigenen Blog, dürfen Sie über mich schreiben, was immer Ihnen einfällt. Das darf auch unter die Gürtellinie gehen, das dürfen Falschbehauptungen sein, das darf böse Nachrede sein, das dürfen Projektionen sein; es ist mir einfach wurscht. Nur meine Familie bitte ich, in Ruhe zu lassen; andernfalls müßte ich tätig werden und würde das dann auch.

      Krieg ums Öl: Da geht es auch um Existenzfragen, so wie es bei vielen antiken Kriegen um die Kornkammern auch um existentielle Fragen ging. Daß sich dahinein immer auch und besonders persönliche Machtinteressen mischen, ist eine kaum verwunderliche Angelegenheit.

      Insgesamt, ferromonte, sind Sie mir zu naiv, ich möchte eigentlich nicht mehr argumentativ auf Sie reagieren. Lassen Sie uns doch einfach brav voneinander scheiden. Sie bleiben in Ihrem Blog, ich in meinem, und wir lassen uns fürderhin in Ruhe. Niemand m u ß bei mir lesen. – Einverstanden?

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