Auf der Matildenhöhe. 30.06. 2008. Paul Reichenbach hört Stockhausen und sieht Gursky & Ottersbach.

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„Die Zeit ist aufgehoben. Man horcht ins Innere
des Klanges, ins Innere des harmonischen Spektrums, ins
Innere eines Vokales, ins Innere. Feinste Schwebungen –
kaum Ausbrüche – alle Sinne sind wach und ruhig.
In der Schönheit des Sinnlichen leuchtet die Schönheit
des Ewigen.“ Karlheinz Stockhausen über „Stimmung“

Samstag. Im Wasserreservoir der >>>>Mathildenhöhe Darmstadt
Eine Klangsinstallation von Stockhausen mit dem Titel „Stimmung“.
Nötig, um die Klänge in der etwas morbiden Höhlenatmosphäre zu hören, sind Gummistiefel, die wir am Eingang zu dem Gewölbe anziehen müssen, ist doch die Wasserstandshöhe ca 20 – 30 cm. Kaum Licht. Das wechselblütige Herz eines Olm, das ist anzunehmen, schlägt in solchen Grotten höher. Einem Menschen, der, das Gespräch mit der Kunst auf allen Ebenen zu führen gewohnt ist, beginnt, angesichts einer Wasserfläche, aus der statische Säulen mit Rundbögen ragen, zu frieren. Stockhausens vokales, wundervolles Klangwerk schwebt gleichsam über den Wassern. Und doch gerät der Dialog von patschenden, schlurfenden Stiefeln und fast gregorianischen, äonenhaften Gesängen bei diesem konstruierten Ambiente, das einst den Wasserhaushalt garantierte, zu einer einzigen humoresken Farce. Hehre Gefühle, die Anbindung von Klängen an das „ Höhere“, will sich nicht einstellen. Ein kommunikatives Hören, das dem durchs Wasser watenden Besucher am Eingang versprochen wird, findet nicht statt. In einem Raum, wie dem Wasserreservoir, lässt sich, meiner Meinung nach, keine Verbindung zum Ewigen, zum All klanglich hervorrufen. Stockhausen wäre nie, davon bin ich überzeugt, niemals auf die Idee gekommen seine „Stimmung“ in einem Keller, in dem Ratten gut ihre Heimstatt hätten finden können, aufführen zu lassen. Den Zeitaufwand hätte ich mir sparen können. Wer niemals kommuniziert, beklagt auch keine Verluste!
Für die 30 Minuten Verlust, die mich die verunglückte Kommunikation mit Stockhausen kosteten, wurde ich aber dann ausreichend durch 2 Ausstellungen, >>>> Gursky und >>>> Ottersbach, entschädigt. Beim Gang durch die Räume auf der Jugendstilhöhe verlor ich jedes Zeitgefühl. Gurskys digital bearbeitete monumentale Architekturfotografien konterkarieren Leni Riefenstahls Bilderwelten auf einprägsame Weise. Da wird, obwohl es auf dem ersten oberflächlichen Blick so scheint, nix geschönt. Der totalitäre Blick des weiten Winkels erweist sich beim näheren Hinschauen als eine Summe mikroskopischer Details von Wirklichkeit, die zur steten Auseinandersetzung auffordert. Dann waren da noch die Bilder von Ottersbach, dazu an anderer Stelle einmal mehr…

>>>>Bildquelle: Gursky , Kamiokande.

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