Heimwärts. Was für ein Wort. Gerd-Peter Eigners „Die italienische Begeisterung“, zwei Rezensionen (1).

 

[Geschrieben für den WDR;
ausgestrahlt von WDR 3, „Gutenbergs Welt“ am 31. August 2008.]

Letztendlich ist man nirgendwo bei sich“, sagt er. „Man ist auf der Flucht. Zeitlebens. Sogar, wenn man in alles hineinflüchtet und vor nichts und niemandem wegläuft.So steht das in Gerd-Peter Eigners neuem Roman „Die italienische Begeisterung“. So beginnt Theo Bronken die Erzählung einer Lebensgeschichte, einer seiner Lebensgeschichten, nachdem ihn sein alter Freund Rolf Boddensiek in dem mittelitalienischen Bergflecken, auf den er sich zurückgezogen hat, aufgespürt hat, um ihm von seiner Lebensgeschichte, die nur eine ist, zu erzählen; über sie sind die beiden Männer verbunden. Beide haben sie Kinder von Frauen, die ihre Männer nicht liebten. Damit ist die Tragik, um die Eigners Buch a u c h geht, eingefaßt. Denn ihre Kinder lieben die Männer wie Frauen. Bronken liebt seines nahezu abgöttisch. Weshalb dieses Buch, neben einer grandiosen Obsessionsgeschichte, in seinem Herzen auch eines über Väter und Töchter ist. Ich sehe das Kind im Gras, es krabbelt. Ich sehe, wie ich mit eigener Hand eine um ein Vielfaches größere Nische in den Hang treibe, ich sehe mich bereits Kreuzhacke, Brecheisen und Schaufel schwingen. Den Aushub, den ich oben gewinne, schütte ich unten auf. Ich schaffe einen Auslauf fürs Kind. Ich bin der tiefen Überzeugung, daß das Kind recht daran getan hat, gegen alle prognostische Unfehlbarkeit der Medizin und meiner klugen Kollegen sein eigenes Erscheinen anzustreben. Ich schließe hinter mir ab und folge der Drenger nach Zürich.Daß daran ein Unheil hängt, das sich bloß versteckt, ist Bronken, diesem tragödischen Wilden, nie ganz unbewußt, der Roman läßt keinen Zweifel; Bronken flüchtet tatsächlich hinein, er sucht die Tragodien an ihren Ursprüngen auf..Sie blickt durch mich hindurch. Und legt nun ihre ermüdeten schlanken Hände schwer an meinen Hals, während ich meine auf ihre Hüften lege und die mir binnen weniger Minuten wieder einmal zur Fremden und Unerreichbar Gewordene halte wie eine, die aus einer mir nicht zugänglichen Dimension, einer Dunkelheit, zu der ich keinen Zutritt habe, hervorgebrochen ist, um sich wer weiß wovor, vielleicht dem Unsäglichen, ihrem Unsäglichen, in meine Arme zu flüchten und in Sicherheit zu bringen. – und es ist, wie wenn sich Derartiges vererbte, Familienstrukturen, Familiendynamiken gleich, und immer wieder etwas, das später auch Tochter und Vater einander auf diese schweigend verzweifelte Weise suchen lassen wird. Auch das streift Obsessives.Was habe ich gesagt?“ sagt Bronken, der sich nun seine erdschweren Mokassins von den nackten Füßen streift und, den Rücken talwärts kehrend, die Füße ins eiskalte Quellwasser streckt. „Habe ich gesagt, ich wolle meine Feindschaftsgeschichte dazwischenschalten? Oder habe ich gesagt, daß ich sie vorschalte? Letztlich läuft es auf dasselbe hinaus.Das Baby, Valentina genannt, trinkt nicht, die Säuglingsschwester sagt zu Drenger, der Mutter, der Mund sei zum Saugen zu klein. Der Nabel will nicht verheilen, die Wunde wird schwarz, man fährt ins Spital. Es ist beeindruckend zu lesen, wie Eigner die Hilflosigkeit der Eltern, die zunehmend zu Planlosigkeit und Panik wird, in den Staccato seiner realistischen Erzählform hineintreibt und zugleich darin eine andere, eine ursächliche Hilflosigkeit spiegelt und sich austragen läßt: nämlich diejenige der Partner gegenüber einander. Und d avor steht eine ganz andere Hilflosigkeit, eine, auf die eine Drenger nur hilflos reagieren k a n n: die Obsession für eine Frau, die gar nicht ist, die längst verschwand, die kaum noch im Bewußtsein ist, die dennoch weiter wirkt und deren Stelle schon gar eine Tochter nicht einnehmen kann. Das scheint Valentina zu ahnen, früh schon zu ahnen. Oder ist es nur ein Instinkt, der die andere Frau aus dem Vater vertreiben will?:Schon seit dem Augenblick, da sie beim gemeinsamen Plantschen in der Badewanne Interesse an dem Unterschied gefunden hat, den ich zur Mutter aufweise (…), ist sie mit um so entschiedenerem Interesse hinter dem sich ihr nun Verbergenden her. Sie will mir den Gürtel öffnen. Ich schiebe ihre Hand beiseite. Sie zieht den Reißverschluß auf. Ich schlage ihr sanft, aber entschieden auf die kleinen Finger, die bald fast so lang und schlank sind wie die der Mutter.Daß Eigners Roman solche Analogien… nein, nicht aufzeigt, aber nahelegt und wirken läßt, und daß er das in aller Schönheit schildert, die eben ein wirklich Entsetzliches h a t, macht ihn groß. Denn selbstverständlich sind solche Vergleiche konstruiert: so unauffällig, ja, kann man sagen, „normal“ sie daherzukommen scheinen. Sie legen Identität nahe und weisen damit auf eine Dynamik hin, die jenseits des Willens der Beteiligten wirkt:aber ich wollte ja,“ sagt dieser Vater, „eigentlich auf die Mutter zu sprechen kommen – Eben. Und kommt auf eine Geschichte der Kleinlichkeiten, Streitigkeiten, Mißverständnisse, eines erst verdeckten, dann bis zur Brutalität offenen Kampfes zu sprechen, diesen furchtbar banalen Niedergang einer Ehe, die noch lange von der rasenden Vaterliebe zu dem Kind zusammengehalten wird, bis dann doch alles zusammen- und mit dem Erscheinen des Freundes jene Frau wieder in das Leben Bronkens durchbricht, die es, so abwesend sie auch war, letztlich bestimmt hat. Die er nun endgültig verloren hat, denn sie ist ja gestorben. Sie habe, erzählt der Freund, ihm, ihrem Ehemann, auf dem Totenbett gestanden, daß sie nur immer ihn, den Freund dieses Ehemannes, daß sie immer nur Bronken geliebt habe. Das möchte er, ihr Ehemann, dem sagen. So daß Brinken vor dem doppelten Verlust steht: Den schweren der Tochter, die ihm nach der Trennung von der Mutter entzogen wird, macht den der einst obsessiv geliebten Frau fast ein wenig leichter, weil er ihn mit-entrückt.Nur in der Nacht dann, oben auf meinem Dach über der Cantina, die ich einmal zu ihrem persönlichen Refugium habe ausbauen und von dem ich ja dank des Geländers, das ich später für die Valentina habe anbringen lassen, nicht herunterkippen konnte, habe ich geheult, ich sage dir, über das Geländer hinweg zu Tal geheult wie keine ostfriesische Marschkuh pißt, nur damit du es weißt. Es glaubt mir ja sonst sowieso niemand.So wird dieses Buch, das als die Erzählung einer großen Jugendlichen-Liebe beginnt, die der reifende Mann allmählich vergißt, zu der Erzählung über eine zunehmend verzweifelnde Liebe des Vaters zur Tochter, die er schließlich verliert, um sich dann noch erinnern zu müssen, wen er davor schon verlor. Daß diese beiden Verluste zueinandergehören, man aber gar nicht sagen kann, wie, diese Ahnung leuchtet wie die Hintergrundstrahlung eines Erzählkosmos, der es von Anfang an auf Begeisterung angelegt hat und deshalb wissend auf Verhängnis. Denn jede Sucht will ihre Katastrophe.

>>>> Gerd-Peter Eigner, Die italienische Begeisterung, Roman, geb., 412 Seiten, 19,95 EUR, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Rezensionen abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Heimwärts. Was für ein Wort. Gerd-Peter Eigners „Die italienische Begeisterung“, zwei Rezensionen (1).

  1. g.emiks sagt:

    „Denn jede Sucht will ihre Katastophe.“ nicht, daß es eine katastrophe wäre, das „r“ zu vergessen, ihr ist ohnehin nur durch die list der poesie zu entkommen. oder durch den transzendenten ausguck eines schlingernden segelschiffes: die liebe und die rohheit, zwei schiffe, sie fahren auf dem ozean der zeit. die liebe kommt abhanden mit den jahren, die rohheit bleibt in ewigkeit. oder war’s umgekehrt, sailor?

    maritime perlen auch hier: http://anjaodra.twoday.net/stories/5184404

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .