Defizite. 03.06. 2009. Paul Reichenbach liest „New York“

„überquellend von Lebendigkeit…. wie Pynchon erledigt Herbst die Verknüpfungen seiner Personen untereinander oder mit den Dingen und dem Fortgang der Handlung allein mit der Kraft der kreativen Behauptung und völliger Leichtigkeit… „

Ich weiß, die Leser hier kennen das Zitat und trotzdem stelle ich es ein. Einfach deshalb, weil es stimmt. Jeden Tag, seit Erscheinen des Romans im Netz, lese ich mit und lass mich von ANH aus meiner derzeitigen Tristesse in die Welt >>>>New Yorks entführen. Es ist lange her, dass ich Dos Passos’ Roman Manhattan Transfer gelesen habe. Die Erinnerung daran ist schwach. Aber eins weiß ich noch, mitgerissen hatte mich das Buch nicht. Mag sein, dass ich damals zu jung für diese Art Lektüre war. Meine damalige Dos Passos Abwehr hatte sicherlich auch damit zu tun, dass mir die kapitalistischen Erfahrungswelten fehlten, die ein Verständnis erleichtert hätten. Das ist heute anders. Obwohl ich noch nie in New York, noch nie in Amerika gewesen bin, setzt ANHs Roman in mir Empfindungen und Gedanken frei, die mich den lebendigen rauschenden Organismus der Stadt erahnen lassen. Dabei macht es mir, im Unterschied zur frühen Manhattan Transfer – Lektüre, nichts aus, dass ich manche Anspielung, manchen Begriff nicht verstehe. So kann ich mir zum Beispiel nicht wirklich eine Waterfall http://Lounge.in einer Bar oder „Wasserbehälter auf den groben Dächern wie außerirdische Wachsoldaten“ vorstellen. Aber das sind Kleinigkeiten, die nur meine kulturellen Defizite, die ihren Grund in meiner Sozialisation haben, offenbaren.
Ähnliches hat montgelas vor Jahren, dessen Defizite zwar nicht so groß wie die meinen sind, mit dem Text >>>>„Dam Dog“ von >>>Sabine Scho erlebt. Um ihn zu begreifen, „Wessies“ fiel das sicher viel leichter, musste er sich, neben anderen (amerikanische Mythenbildung etc.) die frühe amerikanische Filmgeschichte zu Eigen machen. Filme überhaupt, so viel können wir gar nicht gucken, um da mit im Westen Großgewordenen gleich zu ziehen.
Zurück nach New York. Spannend finde ich es, bisher jeden Tag, Herbst’ Figuren und deren Handlungen, alle irgendwie „undercover“, zu verfolgen. Das mag auch daran liegen, dass der geografische Background dampft, pulsiert. Dschungelvegetation, Häuser, Strassen, alles Biologie, Flora und Fauna. In ihr, aufgesogen und doch kenntlich, die Menschen, Talisker u.v.m.….

>>>>Bildquelle: Edward Hopper, „New York Movie“ 1939.

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