Arbeitsjournal. Donnerstag, der 11. Juni 2009. Mit Peter Hacks, Doktor Schnippschnipp, sowie mit Lost and Found my fucking destiny.

8.29 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
So sehr ich mich bislang, irrational, verweigert hab: jetzt lese ich mit äußerstem Genuß >>>> Peter Hacks‘ „Schöne Wirtschaft“, das mir nach einem >>>> hierauf losgegangenen Urheberrechtsdebattchen in einer Geste ironischer Grandezza Matthias Oehme, der Verleger des Eulenspiegel-Verlages, zugeschickt hat, und zwar mit einem handschriftlichen Billett doux, auf welchem zu lesen: „Prämie für Urheberrechtsverletzter“. Die Notiz ist jetzt an mein Wandareal für Kuriositäten mitgepinnt.Aus dem Buch werde ich ganz sicher bisweilen zitieren.
Anlaß weiterzulesen war mein Besuch beim Doktor Schnippschnipp heut früh; kein leichtes Rauskommen von unterm Schlafplaid, da ich erst gegen drei Uhr nachts war auf die Couch gekommen; >>>> LOST hielt mich ab. Momentan geb ich mir die Serien wie Heroin; zwei andere probierte ich vorher aus, n a c h ALIAS, aber die warn nix, das war nur Zeugs. Wo sowas k e i n Zeugs ist, spürt man, wie stilbildend Lynch gewesen ist; das mischt sich mit (post)moderner Mystery auf und mit Sitcom, weil es immer auch um die Kleinlichkeiten von Personen, Masken, d.h.: um Schauspieler geht. Überraschend, wer so abortiert: (Trennungs)Schmerz macht abhängig. Interessanterweise behielt Herr Oehme bezüglich der Hacksbriefe recht, mögen Sie von hacksscher Hand auch tausendfach persönlich montgelas zugeeignet worden sein. Das hatte mich verärgert, wie mich das Urheberrecht ja insgesamt verärgert – um noch mal >>>> diese Debatte in Ihre Köpfchen zu bringen. >>>> Immerhin steht mir Lars Gustafsson zur Seite bei meiner Neigung zur, würde Matthias Oehme schreiben, zu recht, wie ich lernte: Selbstausbeutung. Also Doktor Schnippschnipp; ich hatte gedacht, wenn ich eh schon in die Schmerzen komme – andere Menschen kommen „in die Jahre“, ich in die Schmerzen, was das in-die-Jahre-Kommen übrigens ziemlich aufschiebt – – also: wenn schon, dann könne er doch gleich noch was andres wegschnibbeln. War er auch bereit zu und tat er heute früh: so’n Labbergeschwürle inner Leistengegend. Spritze: „Das sticht jetzt, gell? So. Und jetzt brennt es, oder?“ Tat’s. „Nicht hingucken, bitte.“ „Ich muß aber hingucken, ich muß immer hingucken.“ „Das möchte ich aber nicht, mir sind schon Leute umgekippt…“ „Kann ich ja nicht, wenn ich liege.“ „Ich will aber nocht, daß Sie ohnmächtig werden.“ „Ich werde nicht ohnmächtig.“ „Das haben schon anderes gesagt. Ich übrigens auch. Ich bin selbst schon umgefallen bei sowas.“ Und er erzählt von einer OP. Ich laß ihn erzählen, da merkt er nicht, daß ich halt d o c h guck. Faszinierend, wenn genäht wird, so ein Nähtelchen, blauer Faden, ziemlich kräftiger Faden, der nach Nylon aussieht, genäht einseits mit derselben Schwere, die dann kappt, was Daumen und Zeigefinger festhalten und zuziehn. Spannende Nähtechnik. Dann noch was unter dem Schaft am Gonadenbeutel, da zwiebelt die Spritze besonders, was aber mehr an den sonstigen Schmerzen-sowieso liegt, mit denen ich derzeit rumlaborier. Schließlich möchte der Doktor, daß ich noch eine halbe Stunde im Wartezimmer sitze, weil ihm auch schon Leute auf der Straße umgefallen sind, n a c h so einer… na ja „OP“ ist viel zu viel gesagt, obwohl der Doktor das viel sagt, oder weil. Eine Viertelstunde halte ich’s aus, aber auch nur wegen Peter Hacksens ziemlich feinsinniger Ironie. Zum Beispiel, daß er Arno Schmidt, den „Sprachmeister unserer Jahrhunderthälfte“, einen an Bargfeld gefesselten Prometheus nennt, besser noch: „vernageltes“ Genie, also einen an Bargfeld – das variier i c h jetzt – genagelten Prometheus. Sowas. Das hat prometheische Größe, sowas zu sehen; ich geb ihm den „rustizierenden Kleinbürger“ aber zurück, da er ganz deutlich klug Abstand davon nimmt, den Menschen noch Feuer zu bringen. Das Feuer sieht er lieber in den Händen der Partei… Ejal. Denn er scheut sich doch nicht, mir mitzuteilen, Goethe habe vom „Hades der Societät“ geschrieben. Au ja. D e n Hades kenn ich; wenn er klingt, nennt man ihn Pop.

Jetzt mach ich mich mal >>>> an New York ff., außerdem sind für die Berliner Singakademie CDs zu brennen, und von >>>>> meinem Filips-Hörstück will ich ebenfalls CDs herstellen; falls jemand von Ihnen eine Kopie will, möge er sich bei Daniello melden (fiktionaere at gmx dot de); gegen 15 Euro Schutzgebühr, um gebührend den Künstler zu schützen, schick ich sie Ihnen dann.

Schließlich abends Ensemble-Celloprobe. Ich werd trotz meiner Läsiönchen nach Friedenau das Fahrrad nehmen; im übrigen fährt es sich tatsächlich besser, als es sich geht, weil eins dieser Dinge, jetzt schon tagelang offen, genau im Schritt sitzt. Ich bin zur Zeit unproduktiv und sehr faul; alles andere noch als ein Vorbild protestantischer Arbeitsmoralen. Das stört mich gar nicht, jedenfalls nicht so sehr, wie daß ich nicht vögeln kann zur Zeit. Es ist ja auch s o: könnte ich vögeln, wär auch sofort die Arbeitslust wieder da.

Zweiter latte macchiato des Tages. Ich will ein Gedicht zur >>>> IP eines Sinns schreiben.

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5 Kommentare zu Arbeitsjournal. Donnerstag, der 11. Juni 2009. Mit Peter Hacks, Doktor Schnippschnipp, sowie mit Lost and Found my fucking destiny.

  1. diadorim sagt:

    wer mal in bargfeld vor der grauen hütte stand und nicht, da nicht angemeldet, eingelassen wurde, der hält eher die verschlusskünste der schmidtstiftung für vernagelt. und wer dann mal in alice schmidts tagebuch liest (dank an reichenbach und montgelas) der weiß, was an bargfeld tatsächlich fesselte. arno schmidt war arm. im grunde hat er mit bargfeld nicht weniger im sinn gehabt als ppp mit carsarsa, ohne es aber dabei im geringsten zu verklären – die bauern waren ihm nie die besseren menschen – er wollte wohl schlicht in ruhe gelassen werden und sich einen einigermaßen selbstbestimmten tagesablauf einrichten. dass man natürlich einem kleinbürger sein ganz und gar umstürzlerisches denken und schreiben mit kleinbürgervorwürfen in abrede stellt, zeigt ja nicht mehr, als dass man nicht begreifen will, dass eine frau rowling nicht zaubern können muss und ein buster keaton durchaus lachen konnte.

    • ovid sagt:

      nicht daß ich meinen schmidt nicht /
      gekannt hätte /
      immerfort das gemurmle der mäuse auf den /
      maulwurfshügeln /
      und diese weite um nicht zu sagen die /
      endlose

    • Logo sagt:

      Hallo diadorim Ich habe Dir ein Gedicht geschrieben. Es heißt:

      Mut zum Schriftsteller.

      Schriftsteller mit Hand und Fuß
      Hals um Schal besser des Schriftstellers
      mit Hut zum Komma plus Sakko
      Krempe an Mut zum Schriftsteller sakkös
      seriös pustend winklig neben der Pfeife
      nur auch nicht wieder zu sehr
      Rauch am Fuß des Schriftstellers
      gepustet denklich nach schmauchend am Schuh
      eher doch mal Hand baumeln so lose
      lassen in der Schriftsteller rechten
      Naht den Hut oder linken die Pfeife in Hose
      blickend sehr Schriftsteller im Schuh
      aber Schal ohne Füllfederhalter vielleicht
      die Krempe der Hals viel nicht zu sehr irgendwie
      zigarettich trotz Pfeife besser Füllfederhalter
      mit Schal die Pfeife am Hut so lässig
      Hut haltend sakkös die Pfeife in Glut
      oder kalt schmauchend, eher Platz am Bein
      verkreuzt Blick wie Schriftsteller so
      überm Schmauch guckend wissend im Winkel
      sakkös in der linken den Hut seriös im Mund
      vielleicht eher die Pfeife nach rechts
      Mund im Schriftstellerwinkel am Schal
      so aufgelehnt Ellenbogen aber nicht
      verkannt pustend, engagiert, aber Rauch
      schon auch wissend mit Hut in der Hand
      am Schal, Hut mit Kultur ist ja gut die Pfeife
      so Schriftsteller, individual mit Schal überkreuzt
      oder mit Kulturgut in Glut, auch kritisch, ja, gut.
      halb abgelegt aber lässig sakkös mit Mut engagiert
      unangepasst stilös aber passend über der Schulter
      die Beine geworfen das Sakko mit Pfeiffe
      ironisch den Füllfederhalter mit Pfeife am Schal überkreuzt
      den Hut haltend aber zu sehr leicht nicht auch zu sehr
      Schriftsteller mit Hut und Pfeife am Mut zum Winkel
      Ideale mit Schal so Schriftsteller individual
      Krempe an Komma mit Mut zur Pfeife
      nur auch nicht wieder zu sehr ohne Hut.

    • diadorim sagt:

      danke schön.

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