Der 4Train brachte mich midtown.

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Ich hätte freilich auch ein Stückchen zurückgehen und die direkten Linien nehmen können. Aber nun hatte es dermaßen zu schütten begonnen, daß ein Spaziergang keine Freude mehr war. Außerdem täte mir, dachte ich, eine heiße Dusche ganz gut. In der Subway der Einfall, mich für den festlichen Anlaß gebührend herzurichten, also in Abendanzug Weste und Fliege zu kommen. So etwas hatte ich nicht mit. Das mußte ich erst kaufen. Scheiß auf das Wetter. Und ich blieb, statt umzusteigen, bis Fulton St sitzen. Neben mir stand, in ausgesprochen wichtiger Haltung, ein Cop, die rechte Hand auf der Waffe, kein Lächeln. Und doch, als Mensch südamerikanischer Herkunft, heidnisch verspielt: Er nimmt die Mütze vom Kopf, und ich kann sehen, in die Schweißseide sind kleine Fotografien gepinnt: Bilder seiner Frau, seiner Kinder und Opferbilder von Heiligen. So etwas versöhnt.
Ich nahm mal wieder den falschen Aufgang; wer die Systeme der SubwayStationen nicht täglich begeht, kann ziemlich durcheinanderkommen. Zumal die Brooklyn Bridge allen Verkehr von hier hochsaugt. Die Häuser Richtung Wall St und White Hall, also Richtung Lagune, dunkel im Regenlicht, Festungen aus fantastischen Filmen: Die Wolken rieben ihre finsteren Ballen an den Türmen des World Trade Centers, Fetzen rissen zerrten an ihm. Nur wenige Hochhausspitzen schnitten das feste Wolkenfleisch auf. Dort vernarbten die breiten Wunden in Sekunden zu Tüllen für Regenfälle: Füllhörner, denen sich Stromschwälle entgossen, die wie geschichtete Wasserflächen tief in den künstlichen Cañons aufschlugen. Ich war davon bereits bis aufs Unterhemd naß. Sturmböen jagten um die Ecken, die dichten Schluchten beschleunigten den Wind: wo er abbremsen wollte, da glitschte er weiter, so daß ihm der halbe oder viertel Aufprall erst recht ein Tempo gab, das jeden Mantel einfach durchfuhr. Ganz sinnlose Wogen aus Regenschirmdächern. Sie wurden umgerissen weggerissen hochgerissen aufgerissen. Und von den Autoreifen spritzte nicht, sondern gischtete Wasser. Aber da bog ich endlich in die Fußgängerzone der Nassau Street mit ihren kleinen preiswerten Klamotten- und Elektronikläden, hielt mich dicht an den Wänden der hier nicht sehr hohen Häuser aus Backstein nur selten Beton mit Markisen und freundlichen, Hoffnung versprechenden Scheiben. Der Ägypter, bei dem ich meinen Abenddress erstand, erzählte mir lange von einem Heiligen Mann, einem Propheten, den er verehre… und holte einen arabisch geschriebenen Band hervor. Wie alle Bücher in geheimnisvoller Sprache leuchtete auch aus diesem ein Versprechen. Ich konnte es tasten, als ich die flache Hand auf den Einband legte. Der Ägypter lächelte, als ich das tat. Dann verkaufte er mir den Anzug und verzichtete (glaub ich) darauf, mich gänzlich übers Ohr zu hauen. Ein bißchen tat er’s schon, das war er seiner Ehre schuldig. Und der meinen auch.

Es war Martha, die von hinten herankam. Aber sie war kaum wiederzuerkennen im afrikanischen Kleid, bunt und herrlich von den Schultern hinab zu den Waden, verschlungen hinaufgetürmt das Tuch auf dem Kopf. Mit Abstand folgte ihr Gardist. Hier war sie Fürstin. Den Stolz von Generationen in ein Antlitz aus Speckstein geschnitzt, so hatte sie, trotz des Regens gestreckt, das elende Viertel durchschritten, sie kam von des erschossenen Dembangs Mutter und hatte nicht Trost gegeben, sondern Vergeltung versprochen. Nun wisperte man, wenn sie kam, die die Hoffnung der schwarzen Völker trug und Gerechtigkeit einfordern wollte. Anders als Olsen, der sie oft beobachtet hatte (und sie ihn!), war sie zur Gänze diesseits, hatte zwei Kinder geboren, putzte die Babies, schnitt Gemüse, verstand sogar, Muscheln zu ernten. Sie lag bei Männern und konnte wunderbar singen, man fiel in Ohnmacht sonntags von ihren Gospels. Sie wußte ein Gewehr zu halten. Er war schon geschossen, ihr Mensch: to kill one’s man sagt das englische Idiom. Das hielt sie nicht ab, sich einem Weißen zu verdingen und ihm das Etablissement zu leiten; sie leitete von da aus die Frauen.
Gestern abend hatte sie Talisker nicht gesehen. Und die schöne Joanne, überführt, hatte nicht verraten, daß er im Showroom gesessen und sich mit Clarissa zurückgezogen hatte. So konnte ihn Martha nicht erkennen. Verdacht schöpfte sie erst, als sie die Tür klaffen sah. Der Maestro schloß seine Räume. Nur in Konzerten floß, was sie füllte, hinaus. Auch wenn Martha skeptisch war, was Revolutionen durch Kunst anbelangte, achtete sie die Idee. Auch liebte sie Olsens Lebensfremdheit, die ihn hatte überleben lassen, und daß ihm Dünkel so fern lag. Sie liebte seine Vergeblichkeiten. Wenn es nicht solche wie ihn gab, wofür hätte eine wie sie noch zu kämpfen?
Sie hob das Kinn, ihr BodyGardist kam hergelaufen. Sie schritt die Treppen hinter ihm hoch. Olsen im falben Licht zusammengesunken. Er stöhnte leicht in seinem Sessel. Nicht zu sagen, ob er einfach weiterträumte. Man fand die Einschußstelle im Dämmern nicht gleich. Martha, stumm, wies auf Decken. Dann nahm sie Anlauf und trat die Bretter aus dem Fenster. Sie pfiff. Den Schuß hatte keiner gehört, doch nun rannte die halbe Straße zusammen. Im Nu war der Maestro, er atmete noch, in die Decken eingeschlagen und vorsichtig, achtzehn Hände faßten ihn, die Stufen hinab- und auf die Straße getragen, straßweiter wieder paar Stufen hinauf, dreiviermal um die Ecken geguckt, dann schnell die Tür verschlossen und alle Vorhänge zu.Als ich die engen Stufen des Star Hotels raufstieg, ahnte ich noch nichts. Oben standen Lachen im Flur. Das Büro war mittlerweile geräumt, nicht mal abgeschlossen, wozu auch? Über alles Plastikplanen gelegt, die waren, ebenfalls naß, pechverschmiert und voller Schamott. Denn es gab kein Dach mehr über den Tischen. Man hatte die Teerpappen weggerissen und den festen Mörtel durchgehackt. Das hatte man vielleicht auch oben getan, denn die Treppe hinab zum zweiten Stock sinterte eine Art Bach. Traurig schaute ich Richtung Bad; nun war zu duschen bestimmt kein Vergnügen. Aus dem Nachbarzimmer drang Radiomusik; wenigstens wohnte die Schlampe noch hier. Dann sah ich meine aufgebrochene Tür. Jemand hatte meinen Rucksack durchwühlt. Man hatte sich gar keine Mühe gemacht, das zu kaschieren. Die Sachen großzügig übers Bett verteilt. Aber weder Walkman noch Wertsachen fehlten. Der Aktenkoffer, natürlich..! Ich öffnete ihn. Nur die beiden Fotografien fehlten. Und der Umschlag, worin die Pistole gewesen, war leer. Ob vom Geld was genommen worden war, war auf Anhieb nicht festzustellen. Doch waren die Packen aus dem Umschlag genommen, lagen immerhin noch da. Ich sofort zur Nachbarstür rüber und gegengedonnert. „Mann! Mann! Is ja gut!“ Sie schlurfte schlunz Geschleife träge knarrte die Tür auf. Die Schlampe schob sich achtels raus, Nylons zum Knöchel runtergerollt, porösweißes Fleisch über den Puschen. Sie rülpste, wie ich sowas noch niemals gehört hatte. Mir stieg sofort der Magen. „War hier vorhin jemand im Haus?“ Und der Geruch! „Kannst mich mal am Arsch lecken, Mann.“ Ich preßte die Tür in ihre Massen; weichgummiartig dellten sie sich. „He, du Typ, was soll das denn?“ Ich zwang sie, den Besucher zu beschreiben. So reimte ich mir alles zurecht.
Es ist ein Wunder, wie, sich zu pflegen, beruhigt. Ich konnte ja sowieso nichts anderes tun, als mich zum Konzert einfinden und den Dirigenten so gut wie möglich vor Talisker schützen. Mit ganz weiten Schritten zur Dusche, bloß die Ballen unter den Litzen der Straßenschuhe, ließ ich minutenlang heißestes Wasser über mich laufen. Dick stand der Dampf in dem Bad. Handtuch um die Lenden, Frösteln im Nacken, unterm linken Arm das Necessaire, so schlupfte ich in mein Zimmer zurück. Zog mich an. Das Hemd von gestern, am Fenster gelüftet überm Drahtbügel, ich schnupperte, ja, ging noch mal. Ich band die Krawatte. Sah über die Avenue rüber. Moment mal… Ich stutzte, hielt die Luft an: T a l i s k e r!

Er betrat den Moley Wee Pub neben dem Gardenia Deli. Drei Typen in Lederklamotten begleiteten ihn. Wiewohl vom Unwetter erwischt, war er glänzendster Laune. Die drei Rabauken hatten sich vor Regen und Sturm in die B-Ebene der Penn Station zurückgezogen, wo sie, als Talisker von der Subway kam, vor einer Bakery herumlungerten. Er sah sie und winkte sie her. „Wenn ihr euch was verdienen wollt…“ Gab jedem 20 $. Verblüfft starrten sie auf die Scheine. Sie folgten ihm, wobei sie kettenklirrten. Selbst in den Pfützen knallten die Metallbeschläge ihrer Springerstiefel. „Was ein Mistwetter!“ fluchte Talisker, als er den Pub betrat, simulierte leichten irischen Zungenschlag.
Freilich ‘ne hübsche Moley nicht drin. Der Barkeeper, rothaarig bis in die Ohren, blieb durch idiolektisches Anbiedern unbeeindruckt; zeigte bloß links leichtes Wangenzucken. Doch Talisker bekam das mit. Schon war ausgemacht: Wir sehn uns jetzt öfter. Der Schlägerjugend hingegen entging der seismische Ausschlag. Talisker hatte ihr erzählt, kaum daß das Smithwicks vor ihnen stand, daß Mr. Thimble, die Taschen voll Geld, nachts um halb zwölf vor LEGZ DIAMOND’s aufkreuzen würde. Durch die ständigen Drohgebärden eher belustigt, mit denen die Provos sich permanent ihre Gewalttätigkeit attestierten, nippte Talisker von seinem Stout. Dabei sah er über den Glasrand den Barkeeper an. Der putzte Seidel. Dann ging die Tür auf, und ich stand im Eingang. Talisker begriff. Wir sahen uns in die Augen. Ein Lächeln kroch auf seine Lippen. Ich hatte diese Prügler zwar gesehen, aber sie nicht mit Talisker in Verbindung gebracht. Jetzt reagierte ich nicht schnell genug. Sofort hätt ich mich umdrehen, die Tür hinter mir zuschlagen und davonrennen müssen. Aber blieb stehen. Blieb stehen und starrte. Er beeilte sich nicht. Zog langsam seine Börse aus der Hintertasche. Der Barkeeper beugte sich vor, polierte nicht mehr, hielt aber das Bierglas fest zwischen Händen und Handtuch, stützte die Ellbogen auf die Theke und sah mich ebenfalls an. Auch er lächelte. „Noch eins?“ fragte er Talisker, womit er den Grundstein ihrer lebenslangen Freundschaft legte. Der legte nicht sowas, sondern auf den Tresen drei Hunderter. Die hatte er vorhin aus dem Koffer genommen. „Verdient sie euch, Jungs“ sagte er.


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ANH, In New York, Romananfang <<<<
Alban Nikolai Herbst, In New York, Manhattan Roman.]

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