unfähigkeit, auf dem rücken von kindern ausgetragen…

…. meine schwester hatte vor 3 monaten die kita gewechselt. bis zu dem zeitpunkt arbeitete sie in einer integrativen kita, übernahm neben der leitung auch die integrative gruppe. integrative gruppe heißt: kinder aus schwierigen sozialen verhältnissen mit bereits erkennbaren schädigungen des sich noch bildenden ich. 80 % der kinder waren entweder im land im land geboren, oder anderer nationalität, die mütter sprachen in der regel kaum deutsch, obwohl sie mit ihrem mann, dem vater, der familie schon vor jahren nach deutschland kamen. sie übernahm jedes jahr die patenschaft für ein besonders schwieriges kind, weil sie auch ergotherapeutin ist, die stadt, diese therapie aber in den kitas nicht bezahlt, diese sich aber trotzdem als für diese kinder wichtig erwies. nun war es seit jahren so, daß die kommune diesen kindergarten aushungerte…. meine schwester erkannte irgendwann auf grund sich in ihrer art wiederholden vorkommnisse für sich, daß die stadt einen solchen brennpunkt eigentlich garnicht in ihrer stadt haben will. was ihr in dieser kita das genick brach, war die tatsache, daß sie den mut hatte, einen jungen, der über monate morgens mit anzeichen schwerster körperlicher mißhandlung in den kindergarten gebracht wurde, die mit den unterschiedlichsten aussagen begründet wurden, nach einer erneut an einem morgen festgestellten sehr schweren verletzung (schwerste verbrennungen in der rechten inneren handfläche) direkt ins krankenhaus brachte, sich an allen fronten durchsetzte, dafür sorgte, daß dieser junge aus dem krankenhaus direkt in eine pflegefamilie kam, was sie fast ihren job kostete. „was meinst du, warum die vom jugendamt fünf bis 12 mal in die familien gehen, mit der aussage wiederkommen, daß alles in ordnung wäre. die halten alle ihren mund, weil sie ihren job behalten wollen.“ zum ende ihrer dortigen laufbahn bewarb sie sich auf eine andere stelle in einer anderen kita, weil sie keine kraft mehr hatte, ständig „aufzubegehren.“ nun ist sie seit gut 11 wochen in der anderen kita, und streckt die flügel, erkennt wie wichtig zum einen ihr diese arbeit in der anderen kita war, zum anderen, daß die kommune auf dem rücken der dortigen kinder ihre machtspiele spielt. sie erkennt, daß man sie einstellte, um die unfähigkeit der dortigen leitung, aber auch die unfähigkeit der entsprechend zuständigen ihres arbeitgebers (der stadt), auszugleichen. „das mache ich nicht mit, weil das von der unfähigkeit inszenierte machtspiele sind, die dem behaupten der eigenen posititon dienen sollen, ich will mit den kindern wirklich arbeiten, ich will arbeiten, und mich nicht zwischen den fronten aufreiben lassen.“ hinzu kommt, ihre einschätzung, der in ihrer arbeit absolut unfähig dort wirkenden erzieherinnen. die kinder werden so gut wie nicht beaufsichtigt, vorletzte woche passierten dort zwei schwere unfälle, die unter den teppich gekehrt wurden, es gibt pingui und milchschnitte zum frühstück, die kinder können weder danke noch bitte sagen, wenn sie essen, landet mehr von dem essen im gesicht des gegenüber und auf dem fußboden, als in den mägen der kinder, die erzieherinnen stehen entweder daneben, sagen nichts, oder sie sind überhaupt nicht da. es gibt sogenannte offene gruppen in dieser kita, die kinder können morgens selbst entscheiden, was sie an diesem tag tun wollen, aber ob sie das auch wirklich tun, überprüft niemand. und…. die kinder nutzen die erzieherinnen als servicepersonal. „sag mal, willst du nicht mal deine ganzen sachen da wegräumen?“ „das macht zu hause immer unsere putzfrau.“ „kannst du dir schon servicepersonal leisten?“ „servicepersonal?…. das ist gut. sie dürfen jetzt gehen.“ der bengel, der das sagte, ist 5 jahre alt. hinter diesem allen stehen die eltern dieser kinder. es sind kinder, die in der sogenannten hoch angesiedelten sozialen schicht aufwachsen. „die kinder sollen englisch-unterricht nehmen, mathematik und musizieren lernen, mindestens vier mal pro woche wird von den eltern ein externer ausflug verlangt… da fährt man mit den kindern zu institutionen, die überhaupt nicht kindgerecht das lernen vermitteln können, sie werden völlig überfordert, vor allen dingen fragt man die kinder nicht, ob sie das überhaupt wollen, kein wunder, daß diese kinder in ihren freien phasen so ausrasten, zeit zum spielen haben die nicht. die eltern der kinder schreiben den erzieherinnen vor, wie sie mit den kindern umzugehen haben, was immer wieder dazu führt, daß die „elternabende“ teilweise bis nachts um 00.00 uhr dauern, nie ohne streit und rumbrüllerei von statten gehen. das ist eine solche lobby, die dahinter steckt… dann die tatsache, daß sich die leitung dieser tatsache nicht erwehren kann, und der arbeitgeber genau um die umstände in dieser kita weiß. bei unserem letzten gespräch packte man dann den wirklichen grund für meine einstellung auf den tisch. ich soll die unfähigkeit aller ausbaden, alle zur räson bringen, ein konzept auf die beine stellen, vor allen dingen wurde ich, die erst seit 11 wochen dort bin, gefragt… wer von den erzieherinnen denn nun rausgeschmissen werden müsse, um diese umstände zu bessern. weißt du, d a s ist nicht meine aufgabe, das ist aufgabe der leitung, der vorgesetzten der leitung, und des personalrates der kommune.“
meine schwester lernte also jetzt die absoluten gegensätze. in der anderen kita die sogenannten schwer erziehbaren kinder, die danke und bitte sagen können, morgens gemeinsam beim frühstück ruhig in der gruppe sitzen, sich an der zubereitung des frühstücks aktiv beteiligen, sich darum streiten, wer den quark anrühren und das obst klein schneiden darf, wurst und käse mit liebe auf die teller legen, sich unter aufsicht daran versuchen, das brot in scheiben zu schneiden, den tisch selbst decken… und die anderen kinder, die unbeaufsichtigt morgens geballt (das sind dann immer um die 40 kinder) durch die cafeteria beim offenen frühstück toben, die milchschnitte nicht nur auf dem teller zermatschen, sondern auch im gesicht des nachbarn, den kakao per becherschuß im gesicht des gegenüber landen lassen. niemand kontrolliert wirklich, ob die kinder tatsächlich etwas essen oder trinken, es wird auch nicht darauf geachtet, welche kinder nun an diesem frühstück teilnehmen, oder nicht. zum mittagessen gibts die drei ppps, pizza, pasta, pommes, auch hier wird nicht darauf geachtet, ob die kinder wirklich etwas essen.
„aber englisch und mathe lernen sollen sie, und die freizeit der kinder wird derart verplant, daß ich das kotzen kriegen könnte. kinder brauchen zeit zum spielen, und… sie müssen, so schwierig das ist, regeln lernen. die eltern erwarten, daß wir die kinder auf den nächsten schritt, nämlich eingeschult zu werden, vorbereiten… aber in form von jetzt schon stattfindendem unterricht, in dem lehrstoff in die kinder geprügelt wird, weil sie so früh wie möglich schon so viel wie möglich können sollen, wenn sie in die schule kommen. das lernen im alter von drei jahren, geht vor allen dingen erst einmal über die haptik, das fühlen und auch sehen, ersehen, staunen. was nutzt es, wenn das kind schon erste englische worte sprechen kann, wenn es noch nicht einmal in mit sand und wasser verschmutzter kleidung nach hause kommen darf. die kinder sollen nachmittags genauso sauber nach hause kommen, wie sie morgens gebracht wurden, wenn das nicht der fall ist, bringen die eltern ihre kinder am nächsten morgen… und lassen die lautesten schimpfkanonaden los.“
ja… nun erkennt meine schwester, wie wichtig ihr die arbeit, auch unter den dort herrschenden umständen, in der anderen kita war, und ist. sie will wieder zurück, hat definitv auch ein recht auf ihre alte stelle, nimmt notfalls erst einmal einen befristeten vertrag in kauf, was natürlich jetzt von ihren vorgesetzten in der hoffnung blockiert wird, daß sie sich das wieder anders überlegt. „ich will und werde so nicht arbeiten, das bin nicht ich….“, sagte sie, stellte auf mein anraten ihren antrag schriftlich. ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickeln wird.
es gibt eine studie mit probanden aus der unteren und oberen sozialen schicht über ihre körpersprache während eines vorstellungsgespräches. die teilnehmer aus den unteren sozialen schichten waren aufmerksam, freundlich, höflich, lächelten auch mal, ihre körpersprache war eine eher ruhige, aber verbindliche, nahmen den gesprächsfaden wirklich auf, gaben dem dialog in form aktiver teilnahme eine chance. die teilnehmer aus der oberen sozialen schicht fassten sich immer wieder mal ans ohr, spielten mit dem kugelschreiber, hatten durch die bank weg eine sehr lässige körperhaltung, waren unaufmerksam, beantworteten fragen mit gegenfragen, nahmen den faden oft nicht auf, waren unkonzentriert, sahen dem gegenüber weniger häufig in die augen, dafür um so mehr aus dem fenster. am abschluß der studie kam man zu dem ergebnis, daß die teilnehmer der oberen sozialen schicht sich als unabhängiger als die teilnehmer aus der unteren sozialen schicht definierten. „unabhängiger?, so was nennt man benehmen und kommunikationsfähigkeit, schließlich will man einen job haben. diese leute sitzen später in den führungspositionen und machen mit ihren untergebenen genau das, was man mit ihnen machte. sie treten sie, und warum?, weil der von oben ankommende druck genauso stark ist, wie der in der kindheit ausgeübte der eltern“, antwortete meine schwester.
generalisieren will ich das nicht, meine schwester auch nicht. es sind die eindrücke der letzten monate unter denen meine schwester arbeiten muß. natürlich gibt es die eltern, die egal, welcher sozialen schicht sie angehören, ihren kindern zuerst die möglichkeit bieten wollen, sich selbst in ihren eigenen prozessen wahrnehmen zu können, auch das recht auf alle zeit der welt dafür zu haben. die eltern, die ihren kindern das recht auf eine eigene persönlichkeit zugestehen, sie in ihrer entwicklung so fördern, das sie sich wirklich selbst entwickeln können, und vor allen dingen wissen, daß sie fragen stellen dürfen. hier ist es die dichte der gegensätzlichkeit der ansätze, der konzepte der beiden kindergärten, aber auch des dahinter stehenden arbeitgebers, welche sich neben dem einfluß der eltern auch noch auf die kinder auswirkt, aber insgesamt meint meine schwester die unfähigkeit von beruflich mit befähigung zum umgang mit kindern ausgestatteten menschen. menschen, die sagen, daß sie kinder etwas lehren wollen, deshalb diesen beruf ergreifen. „ich hatte mal ne leitung, die hüpfte immer von einem bein auf das andere, sang dabei laut vor sich hin, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, die hatte eindeutig ne macke, jeder wußte das, auch ihre vorgesetzten, und so was läßt man auf kinder los.“

nachtrag:
eben rief meine schwester an: „guck mal, was deine nichte mir >>> schickte, „das haus am see“, von peter fox, du mußt es bis zu ende anhören, es kommt auf den letzten satz an, aber >>> das hier „guten morgen berlin“, finde ich viel besser. mein kind und ihre scharfe zunge. sie ist übrigens jetzt in berlin, und sehr glücklich dort.

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.