Ausräum-, Klärungs- und (Wieder-)Aufbaujournal. Donnerstag, der 25. Juni 2009. Mit Hans Pfitzner und Franz Schubert.

5.17 Uhr:
[Arbeitswohnung. Heinichen, O Schmerzenstag (Konzert vom 14.11.08).]
Nein, ist kein Schmerzenstag, eher kosolidier ich mich wohl wieder, weil die angestrebte Wohnraumklarheit sich herstellt, auch wenn noch alles wie drunter und drüber aussieht. Außerdem wird eine Kirchengemeinde die ganzen aussortierten Bücher nächste Woche abholen, ich muß also wirklich nichts wegwerfen (weggeworfen hab ich allerdings Broschüren wie „Blätter zur Berufswahl“, die ich offenbar seit über drei Jahrzehnten mit mir sich herumdösen lasse; es gibt Massen davon; und was, im Ernst, will jemand noch mit „Schriftstellerlexikon 2001“ anfangen?) Latte macchiato. Ich werd auch an die von mir gesammelten >>>> horen-Ausgaben gehen, ebenso an die Ausgaben von „text und kritik“: durchschauen, was noch von Interesse für mich ist, alles andere kommt weg. Das wären dann weitere gewonnene drei bis vier Meter. Oh je, u n d, o Leser!, diese vielen Leitzordner voller Schriftverkehr aus den ZeitenvordemComputer! Werd ich das je wieder lesen? Auch können die Steuerunterlagen von vor 2003 weg; bis dahin hat das Finanzamt ja definitiv alles per Bescheid gefixt. Und die Ausdrucke der ersten und zweiten und dritten Fassungen von >>>> Wolpertinger, >>>> Thetis usw…. brauch ich sicher a u c h nicht mehr. Übern Daumen: was ich seit fünf Jahren nicht mehr angeschaut habe, werde ich nicht mehr anschauen.

Bevor ich mich ans „Werk“ mache, muß ich mich allerdings ans Werk machen: die nächste Tranche von >>>> Pruniers New-York-Übersetzung einstellen. Er hat nun >>>> ein eigenes Weblog begonnen, schrieb er mir gestern. Schön. „Die Franzosen“ unter Ihnen mögen mal hinschauen. Eigner, vorgestern abend, trug mir auf, nichts über ihn und unsere Treffen öffentlich zu machen; literarisch sei es allerdings etwas anderes; also wird er einen nom de guerre bekommen, sagen wir „Kignčrs“. Er war sichtlich bewaffnet unter seinem schweren Flanell-Jackett am Dienstag abend praters, auch wenn er es immer wieder über das Halfter zurechtzog; ich habe einen Blick für Krieger. Einträchtig, im anonymen Belang, saßen sie beisammen, der Profi und er, im aufgefrischten Wind, der in die vielen Köpfe unter den Kastanien fuhr. Wiederum gestern abend ging k e i n Wind, als Αναδυομένη und ich bei ihr vor der kleinen Fensterfront auf einer Bank saßen und die Meeräsche verzehrten, die sie mit Knoblauch und Olivenöl in den Ofen geschoben hatte, als die gegart und mit einem handwarmen Pilzragout angerichtet war; wozu es Weißbrot und Bier gab; wir saßen da wie Brem vor seiner Baracke, wenn er meditierend in die Ostwelt schaut, die d a etwas von frühem Wildem Westen hat, wenn er – allenfalls – an einer seiner schaurigen Holzfiguren schnitzt. >>>> Argo. Es kommt w i e d e r. Vielleicht bereite ich mich auch darauf vor. Αναδυομένη meinte, wenn ich mit meinem Jungen, Zelt und keinen Büchern nach >>>> Solfatara gereist sein werde: es sei vielleicht d a die Zeit für die >>>> Bamberger Elegien, vielleicht d a n n der Abstand, den ich suche; überdies werde ich den Laptop nicht mitnehmen, nur das letzte Handtyposkript, ein paar Stifte und die Manuskriptkladde, die mir >>>> diadorim aus Buenos Aires geschickt hat: deutlicher kann jemand nicht den Finger heben, nicht freundlicher, aber auch nicht bestimmter: kehr mal aus den kybernetischen Welten zum Eingemachten zurück. Als ich heute morgen aufwacht und hochsah, sah ich das geklärte Hauptregal der Bibliothek. Schau ich vom Schreibtisch aus geradeaus, schau ich auf das Lyrikregal und staune leise, wie vieles d a ist…
Gut: >>>> Le Roman de Manhattan appelle.

(Ich muß heute unbedingt ans Cello: am Samstag ist das Konzert, heute abend die letzte Ensemble-Probe.)

6.25 Uhr:
[Hans Pfitzner, Das Herz.]
Plötzlich geht ein schwerer warmer Regen hernieder: Fruchtbarkeits-Versprechen. Ich hoff aber, bis nachmittags klärt sich der Himmel wieder auf, da Du heute Hoffest in Deiner Schule hast. Wieso ich grad auf Pfitzner komme? Keine Ahnung, ich sah die CD-Reihen durch und zog die Aufnahme heraus.

[Unmittelbare Frage, nachdem ich eben ins booklet las: Ist Musik politisch – also unabhängig vom vertonten Text? Das heißt: gibt es moralische, gibt es „unmoralische“ Musik? Die Frage hat ihr Brennendes nie verloren, auch wenn die Glätte des Siegreichen Kapitalismus darüber hinweggeschmiert hat. Wie steht es um Céline? Céline zu lesen, bedeutet gleichermaßen Hochachtung, Begeisterung zu empfinden, aber auch Abscheu, der Rassismus ist de facto unerträglich, auch in der Reise ans Ende der Nacht; ich schrieb ja ein Hörstück darüber. Dieses konkret Widerliche fehlt bei Pfitzner, eher findet man es hie und da bei Wagner. Man hört bei Pfitzner vor allem Melancholie, bisweilen Depression, was zu den Nazihorden, denen er ja zusprach, wenig passen will, es sei denn, man versteht die losgelassene Brandschatzungsmentalität als primitive Verschiebung. Aus der Musik, ihrem Klang, ihrer tonalen, darin aber durchaus gebrochenen Aura, hört sich dergleichen n i c h t. Man muß sich immer wieder mal vorstellen, wie so ein KZ-Kommandant draußen die Leute in den Gastod schickt, und geschunden werden sie ohnedies, und wie er dabei, abends dann, im Keis der lieben Familie, diese melancholischen Musiken hört… nicht nur Pfitzner, eben, Schubert vor allem, immer wieder Franz Schubert. Wenn Leonard Bernstein davon sprach, es sei unmöglich, aus einer Aufführung der Sechsten Mahlers herauszukommen, ohne geläutert zu sein – dann wird einem klar, w i e sehr er geirrt hat. Melancholische Musik als Entlastungsmusik. Schaurig.]

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