Tristan und Isolde. Barenboims Wagner an der Staatsoper Berlin Unter den Linden zur Eröffnung der Spielzeit 2009/2010.

Wir sollten uns für manche „Events“ angewöhnen, wieder das schöne Wort vom „Ereignis“ zu verwenden. Ein solches nämlich war >>>> das von heute nachmittag um 17 Uhr bis vorhin, und zwar sowohl in einem machtpolitischen wie dem damit verbunden repräsentativen und zugleich populistischen eines von öffentlicher Alimentation gerade aus Gründen der Qualität höchst abhängigen Kulturlebens. I n der Staatsoper fanden sich Ränge und Namen zusammen, neben mir flüsterte Herr P. seiner Begleiterin zu, da der Bundespräsident soeben seinen Platz eingenommen, müsse man nun doch eigentlich aufstehen, woraufhin aus der ersten Reihe zivilisiert, aber deutlich eingewandt wurde, das sei so schon ganz gut; wir Deutschen hätten mit dem Aufstehen unsere Erfahrungen gemacht. Auf dem Bebelplatz neben der Staatsoper hatte sich unterdessen WSDV (WirSindDasVolk) eingefunden, wirklich quer durch die Schichten; die Aufführung wurde hinaus auf eine Filmleinwand und über Lautsprecher übertragen. Dank einer sicher nicht knausrigen Gabe von BMW war das möglich geworden; es fuhren denn auch nur BMWs vor, durch die lockeren Absperrungen direkt vor dem Haus, besetzt mit Sehr Bedeutenden Personen, was „VIPs“ ja bedeutet, mit denen Kurzinterviews auf der kleinen Freitreppe der Staatsoper geführt und die ebenfalls, vor der Vorstellung, auf die Leinwand übertragen wurden. Es ist sicher Daniel Barenboims so hochpräzisem Machtinstinkt wie seiner praktischen Umsetzung zu verdanken, daß Unter den Linden weitgehend für den Verkehr gesperrt worden war – unabdingbar für eine Freiluftaufführung am Bebelplatz, erst recht dann, wenn es sich um eine live übertragene handelt. In der ersten Pause ging ich ein wenig im WSDV herum und fragte freundlich hie und da, wie denn zu hören sei… Die Qualität muß gut gewesen sein, „nur ein einziges Mal flog ein Hubschrauber hierdrüber, sonst gibt es überhaupt keine Störung“, und obwohl es während des Zweiten Aufzuges ein wenig geregnet haben soll, blieben die Leute; einige trugen jetzt BMW-Käppis, andere hatten stoisch sogar ihr mitgebrachtes Picknick ausgebreitet gelassen; es gab sehr schöne Bilder zu sehen, Charactere, Persönlichkeiten eben auch hier, das braucht ja eigentlich kein VI – Menschen eben. Nur in der zweiten Pause, ich hatte mir – peinlich, das zu gestehen – diesmal nicht den auch für akkreditierte Presse freien Wein und die Häppchen entgehen lassen wollen… außerdem: s o schöne Roben und Rüschen (und sogar zweidreimal Schleppen am Kleid) habe ich lange nicht mehr gesehen; für die Schönheit einiger Frauen, die sie trugen, gibt es keinen Ausdruck, ich bleib deshalb beim Konfektionären. Bei den Herren überwog Schwarz, dafür konnten einen die Reflektionen von ihren Schuhen blenden. Im Ernst: Ich finde, daß Herr P. recht hat und ein wenig Repräsentation nicht schaden kann, vor allem, wenn sie so Hand in Hand mit den Picknickern geht und auch keiner rausgewiesen wird, der Jeans trägt. Solche gab es, selbstverständlich; so störte es mich denn auch nicht, daß – so war, erinner ich mich, mein letzter Satz begonnen worden – in der zweiten Pause vom Bebelplatz bis auf die durchaus nicht protzige Staatsopernempore die Stimme eines Fußballberichterstatters in jedenfalls eines solchen höchst eigener Diktion herüberschallte, als machte der Mann Werbung. Was er ja tat. Selbst das war in Ordnung. Zudem, jedenfalls gemessen am Besuch Netanjahus, kann man nicht einmal von einem besonderen Aufgebot von Staatsschützern sprechen, um Staatsschützer möglichst zu schützen. Völlig unmilitant war alles, völlig locker auf einen Festakt bedacht, auf ein – sic! – Ereignis. Und Joachim Sartorius und ich trafen im Apollosaal wie zwei Tiger aufeinander, die Höflichkeiten auszutauschen gewillt sind und das dann auch tun.Ein Festakt also war >>>> es – für welche Feststellung man freilich von den Grabsteinen absehen muß, die im Hintergrund von Schavernochs Bühnenbild stehen und von den Großbürgern, die Harry Kupfer, wenn König Marke auftritt, vollkommen unauffällig daneben- und dazustellt; ein Großbürgertum, das die Collagen Max Ernsts und später Ror Wolfs bevölkert – sinnvoll, vollkommen sinnvoll; Wagner verwendet als einer der ersten den Begriff des Unbewußten als Triebkraft der Geschehen; es ist die Zeit der endenden Monarchien, des sich loslassenden, durchstartenden Kapitalismus, zugleich des Beginns der Psychoanalyse, des Individuums und der Kunstautonomie, die aber, um autonom sein zu können, der Mäzene bedarf. So hatte das Bühnenbild einen durchaus bitter-dialektischen Witz, zumal es zu drei Vierteln von einem gestürzten Engel eingenommen wird, dessen Figur das eigentliche Bühnenbild, der eigentliche Schauplatz des Geschehens ist. Darüber ist noch nachzudenken. Denn die Handlung selbst spielt ja im Mittelalter; sie ist im eigentlichen Sinn tragisch; das widerstrebt der Idee von Autonomie, ja steht ihr schroff entgegen. Die sozialen Abhängigkeiten, jedenfalls der Oberschicht, sind keine von Tarifverträgen, sondern der Treue und des Lehens, auch: der Freundschaft, selbst Haß – Wagner läßt Tristan das explizit im Dritten Aufzug gegenüber Kurvenal formulieren – ist lehenstreu, also über Zugehörigkeit quasi vererbbar. Doch Kupfer läßt das Geschichtsphilosophische wie die zylindrigen Schwarzmänner im Hintergrund stehen, es ist eine Andeutung, nicht mehr, und konzentriert die Regie auf den Grundkonflikt: Ich habe in meinem Leben viele Tristan-Inszenierungen gesehen; in keiner kam so deutlich heraus, daß Isolde recht hat, wenn sie Tristan zu Anfang vorhält, er scheue sie aus Furcht. Denn der Liebestrank (sie hatte ein Gift gewählt, aber Brangäne nahm ohne ihr Wissen das andre Gebräu) löst die Liebe nicht aus, sondern er unterspült die Hemmungen, sie zu gestehen. Das geht exakt mit dem Unbewußten zusammen, hier: mit der Schwächung der Abwehr und dann ihrem Zusammenbruch. Es wird Wahrheit, nicht etwa wirkt ein Zauber. Insofern hat Marke später nicht recht, wenn er, dank des Irrtums, wenn auch zu spät, verzeihend, den Freund „frei von Schuld“ findet. Tristan ist in der Tat schuldig, der Unklarheit schuldig, die ihn Marke sogar darauf drängen läßt, für ihn als Brautwerber ausgesandt zu werden: genau dafür will Isolde ja die Sühne – und wird für ihr Verlangen nach Gerechtigkeit mit der Wahrheit bestraft. Es ist „einfach“ ein tolles Stück, nach wie vor, diese 1845 uraufgeführte Handlung (!) in drei Akten, und zwar eben nicht „nur“ musikalisch. Ich finde sogar, daß das auch für die so oft geschmähte Sprache Richard Wagners gilt. Wenn man sich auf seinen poetischen Ansatz einläßt, gibt es oft genug Gründe, sehr zu erschauern; das gilt besonders für die Marke-Partien. Abwehr – das zeigt gerade der Tristan aufs Erschütterndste – setzt nur zu oft Fehlhaltungen in Gang, an deren Ende Katastrophen stehen. Man kann dann nur noch, wie René Pape, weinen.
Ja, René Pape. Unantastbar und Publikumsliebling von Markes erster gesungener Note an. Zu Recht. Und dennoch. Neben Waltraud Meier, die ich für die gegenwärtig beste aller Isolden halte, weil sie neben ihrer immer noch enormen Stimme, derart tief in ihre Rollen hineingeht, daß es überhaupt nichts ausmacht, wenn sie eigentlich gar nicht mehr jugendlich ist, selbst >>>> die Marie nimmt man ihr nach wie vor ohne jede szenische, persönliche Einschränkung ab, sie hat sich nicht nur die Stimme bewahrt (ja sie weitergeformt, eine Art weiblicher Fischer-Dieskau könnte das werden), sondern auch den ganzen unmittelbaren Eros, den sie vor zwanzig Jahren hatte, das ist frappierend, es gibt überhaupt keine Einschränkung. Also. Neben Waltraud Meier. Spannend, wirklich spannend ist, welche Entwicklung der für den erkrankten Robert Gambrill eingesprungene Ian Storey, der den Tristan sang, im Laufe des Abends nahm. Er wirkte erst etwas schwach, preßte die Höhen („knödeln“ sagt man dazu); er „sparte auf“, das war zu merken, und doch, gegen Meiers leidenschaftliche Präsenz war da zu bangen, zumal Barenboim gegen die Sänger rücksichtslos ist; er hebt sie nicht, wenn das Orchester tobt. Das kommt der Dramatik zugute, macht die stimmörderischen Partien aber erst richtig mörderisch. Er will nichts harmonisieren, ist mein Eindruck. Wenn dann jemand unsicher ist, kann das furchtbar schiefgehen. Ging es aber nicht. Im Gegenteil. Storey steigerte sich von Szene zu Szene, sang sich geradezu frei, als sänge er den Kloß im Hals Stück für Stück heraus. In der großen, hier auch wirklich leidenschaftlichen Vereinigungsszene Ende Aufzug I fiel in den Umarmungen, die in anderen Tristan-Inszenierungen oft so peinlich wirken, mit dieser ganzen immer nur angedeuteten Falschküsserei – Pustekuchen, diese zwei da waren tatsächlich, hier darf man das mal sagen, geil aufeinander -… in dieser Szene fiel, sozusagen mit der Hemmung, die gehemmte Stimme von ihm ab, was ihm dann in Aufzug III eine hinreißende, herzkrampfende Kraft gab. Wiederum dachte ich erst, als Tristan und Kurvenal zu sehen waren, verdammt, der Kurvenal wäre von seiner maskulinen Erscheinung her der viel bessere Tristan, was kann ein Vollweib wie die Meier denn von dem Storey wollen – blöde Ausgangssituation. Und dann dreht sich das, dann kapiert man, dann wird gerade, d a ß die männlich-schönere, auch irgendwie integrer wirkende Erscheinung Kurvenal ist, zum Garant, der diesen Kupfer-Tristan funktionieren läßt. Stück-Prozesse wie diese führen dazu, daß die knapp viereinhalb Stunden Aufführungszeit vergehen wie zwanzig Minuten, das ist fast nicht zu fassen. Und es gibt dann noch eine zweite solche Entwicklung, nämlich Kurvenals, diesmal weniger stimmlich als in der Spielkraft. Was, glaube ich, Kupfers Inszenierung zu verdanken ist (bei der ich jetzt immer noch über den gefallenen Engel rätsle – ich habe eben zum Programmbuch vom April 2000 gegriffen; ich hab diese Inszenierung nun zum xten Mal gesehen, finde aber auch da drin keine Antwort). „Entwicklung“, „Prozeß“ heißt hier übrigens nicht, daß die handelnden (!) Personen sich tatsächlich entwickelten, aber daß sie zunehmend die Konsequenzen ihrer Nicht-Entwicklung begreifen… wenigstens fühlen. Der einzige, der wirklich ausbricht, ist erstaunlicherweise Marke, der, wenn er keine Schuld mehr sehen kann, nicht nur verzeiht, sondern eine Wendung auf den Weg bringen will, gegen die eigentlich die ganze Definition eines Standes steht, der „von Gottes Gnaden“ Statik braucht. Er ist geradezu anti-kleistisch. Und weint, anstatt zu sterben.
Barenboim dirigiert mitunter ruppig, immer auf Ausdruck aus, nicht analytisch und nicht kompromißbereit; auch dort, wo man schwelgen möchte und es ausgesprochen leicht wäre, das Publikum zu mästen, läßt er Sentimentalität nicht zu; dem großen Nachtstück Aufzug II täte ein wenig Zerfließen gut, wo Barenboim Unumkehrbarkeit betont; dafür gestaltet er die Übergänge geradezu unmerklich, mit einem Akzent auf die Bläser; die Celli brauchten noch etwas mehr Samt, sie müßten sich hingeben; es sind doch grad diese Situationen, in denen sich die Liebenden – traumverfangen, nun wohl, nur so – aus der Statik lösen: todesverfangen, weil der Tod die Erlösung von der Norm wäre, das sehen sie deutlich, das sprechen (singen) sie aus, aber so oft, so betont explizit, so furchtbar redundant (nein, es ist k e i n „Fehler“ des Librettos), daß sie den Weg schließlich nicht gehen, sondern er sie „ereilen“ muß – wiederum als Schicksal, als eines, für das Markes Erkenntnis zu spät kommt. Er ist in dem Stück auch der einzige, der überhaupt Fragen stellt. Tristan, immer wieder, sagt nur: „Und was du frägst, das kann ich dir nicht sagen.“ Und Isolde, imgrunde bis zum Schluß, kommt nicht damit klar, daß sie einen Feind ihres Volkes so unerbittlich lieben kann. Sie kommen beide nicht damit klar, daß der Einbruch von Liebe – für den dann die „Entschuldigung“ des Trankes vorgeschürzt wird – alle, wirklich alle Regeln außer Kraft setzt. Insofern steht des Liebesmythos des Tristans dem von Romeo und Julia aufs schärfste entgegen: nur in den persönlichen Entgrenzungen berühren die Paare einander; Entgrenzung bedeutet aber Auflösung; genau da wird Barenboims Machtbewußtsein spürbar; er ist wie ein genialer Feldherr, der es sich (leider, aber zu recht) nicht leisten kann, großzügig gegens Tempo zu werden.
Dafür ist er stolz. Es i s t schon eine integrierende Qualität, für die Vorhänge das gesamte Orchester auf der Bühne aufstellen zu lassen und als Napoleon vorne zwar, aber dazwischenzustehen, ich habe das immer beeindruckend gefunden, Show-Business, ja, aber auch mehr. Heute abend ging er weiter. Als das Publikum aufstand, um den Applaus in Standing Ovations übergehen zu lassen, blieben die Vorhänge, obwohl man es locker auf zehn/zwanzig hätte bringen können, geschlossen. Fast ein bißchen ratlos standen wir da. Das hat mehr als Stil. Das ist eine Ansage. Und verbeugt hat er sich auch nicht. Mit Recht. Denn e r hat getan. Und seine Künstler haben’s mit ihm.

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10 Antworten zu Tristan und Isolde. Barenboims Wagner an der Staatsoper Berlin Unter den Linden zur Eröffnung der Spielzeit 2009/2010.

  1. montgelas sagt:

    Ihr mitreißender Bericht macht ein wenig neidisch. Wie gern wäre ich dabei gewesen…

  2. agathos sagt:

    Die schnell geschlossenen Vorhänge waren wohl dem Umstand geschuldet, daß alle Künstler gleich nach dem Schluß nach draußen geeilt sind, um auch der durchgeweichten Menschenmenge (Regen!) auf dem Bebelplatz zu danken.

    War ein schönes Erlebnis, da draußen. Wenn auch viele, wie ich, auf dem bloßen Boden saßen. Fröstelnd konnte man sich immerhin vom Erlebnis der Gemeinschaft wärmen lassen — schon erstaunlich, zu sehen, wie viele Leute fähig sind (u. die meisten sicher keine alten Opernhasen), sich von einem ja doch etwas sperrigen Stück fesseln zu lassen — wenn’s als ‚Event‘ daherkommt.

    • @agathos. Sie haben recht; das wurde mir gestern auf dem Bebelplatz klar, als vor der Aufführung der beiden Tschaikowski-Stücke Filmaufnahme vom Vor-Abend gezeigt wurden. Dennoch, mein interpretierter Eindruck hat was.

      Die Erstaunlichkeit wird übrigens noch größer, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der K l a n g des Stücks (sowohl des Tristans wie des gestern gefolgten Sinfonie-Konzertes) eben doch gegenüber dem geschlossenen, auf gute Akustik angelegten Raum letztlich nach Blechdose klingt; wenige Instrumente ausgenommen, deren Herkunft aus dem Freien man plötzlich wieder hört, etwa das Horn und überhaupt Blasinstrumente.

    • agathos sagt:

      Daß für einen empfänglichen Hörer sogar ein Blechdosenklang das Werk nicht zunichte machen muß, spräche dafür, daß die eigentliche Musik im Kopf des Hörenden stattfindet, von diesem mitproduziert wird.

      Wir leben ja in einer Zeit omnipräsenter Musikbeschallung (akustischer Zwangsernährung) auf bestem Niveau. Das stimmt vor allem für Popmusik, aber auch klassische Werke erfahren die meisten Menschen in mehr oder weniger passivem Konsumieren einer Retorte von glatter geschlossener Perfektion.

      Ich denke, daß der so konditionierte Hörer dazu neigt, diese perfekte Form mit dem Werk zu verwechseln; und ich glaube, daß so gehörte Musik ihre Sprachkraft für den Einzelnen nur schwächer vermitteln kann: weil der Hörer als produktiver Mitspieler in diesem (auch theatralen) Prozeß weniger gefordert ist; das Werk hinter der Aufführung nicht mehr in sich fortzeugen muß/kann/darf.
      (Gern höre ich deshalb auch historische Aufnahmen, die in ihrem monoauralen u. meist schadhaften Klang diese Differenz zum letztlich ungreifbaren ‚Werk ‚ offen markieren und vielleicht gerade dadurch den Hörer vom passiven Konsumieren erlösen.)

      Am Samstag hatten die Unzulänglichkeiten der Übertragung u. des Wetters ein unbeirrtes Publikum jedenfalls nicht verscheucht — und vielleicht sogar die Erfahrung befördert. Das hatte mir gefallen.

    • @agathos (2). Damit bin ich im Prinzip ganz einverstanden, nur daß sich der Genuß – oder besser: die ästhetische Erfahrung – d a n n auf die von Ihnen erzählte Weise ergibt, wenn man jeweils das Werk auch anders kennt und eben die Zwischentöne, Modulationen usw. im Kopf mitvollzieht. Dann, tatsächlich, kommt sehr viel anderes hinzu: etwa der Wind, der übern Platz nicht mal jagt, nein, nur geht, oder die Rückprojektion (ein nur kurz verschobenes Echo), das vor allem die Blechbläser von der Humbold-Uni her erhielten – irre kurze Zweideutigkeiten, Zerflatterungen. Beim Tristan mag das noch im besonderen gegolten haben (ich weiß es nicht, ich war ja drinnen, nicht draußen); für Tschaikowski jedenfalls galt das. Übrigens vermag die „so gehörte Musik“, also in ihrer – immer mehr oder minder – technisch perfekt „designten“ Form die von Ihnen sehr zu recht geforderte Erfahrung immer dann d o c h zu vermitteln, wenn man ein Werk nicht nur in einer einzigen Einspielung, sondern in sehr vielen verschiedenen und zudem noch in verschiedenen Aufführungen erlebt hat. Auch dann ist immer wieder Neu-Erfahrung eines und desselben Werkes möglich, ja unumgänglich. Vielleicht erinnern sie sich an den staunenden Schock, den seinerzeit Norringtons Interpretation der Beethoven-Sinfonien ausgelöst hat; oder, ganz spannend, Harnoncourts Bruckner-Auffassung. (Ein gleiches gilt für Neue Musik; es ist definitiv ein Unterschied, ob Bertini Zimmermanns Ekklesiastische Aktion zum Klingen brachte oder ob Gielen das tut.)

  3. ovid sagt:

    was für eine architektur.
    viel moos und laubbeschwingte äste.
    ausuferndes geschwätz über nasse wimpern
    und blutleere gaumen. und schließlich
    die triste leier hinab zum schluß.

    • @ovid. Welche Leier? Und welche Tristesse? Weshalb die Gaumen blutleer (komisches Bild)? Wessen Wimpern waren genäßt? Wovon schreiben Sie, Mann? – Von sich.

    • ovid sagt:

      sprach von ihrem textaufbau.
      lesen sie selbst.
      langatmig der einstieg,
      unausgewogen und schräg.
      der inhalt wortklimpernd
      und trist an erkenntnissen.
      isolde ist halt was fürs ohr und
      am ende lassen sie selbst den armen
      napoleon noch in puschen stehen.
      fazit for you: immer gleichmäßig die kurbel
      des leierkastens drehn.

    • @ovid. Sie schreiben seit fast Jahren zu meinen Texten das immerselbe – ich frage mich, weshalb Sie dann immer wieder herkommen und lesen. Haben Sie eine derart masochistische (vielleicht nicht nur text-) erotische Neigung? Oder möchten Sie einfach schaden? Was ja sein kann, solche Menschen gibt es; sie haben aber kein erfülltes Leben, eher eines, das sie früh altern läßt. Typisch ist für Ihre dauernden und aus meiner Sicht so untalentiert als „kritische“ Semi-Gedichte geschriebenen Beiträge fast immer genau das, was Sie meinen Texten nachsagen möchten. An sich müßte Ihnen deshalb allein bereits die Wahl Ihres Pseudonyms peinlich sein. Aber wie’s aus dem Kopf herauskommt, so geht’s halt hinein. Schon – wie Sie suggestiv, aber kläglich zu unterstellen versuchen: nur -, daß der Tristan „halt was fürs Ohr“ sei, ist eben unrichtig.

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